C wie Chaos

Zukunft ist Leben und somit dynamisch. In einer individualistischen und wertepluralistischen Schweiz hat jeder das Recht darauf, seinen eigenen Zukunftswünschen nachzugehen. In einer toleranten und liberalen Kultur sind rigide Grenzen und Gesetze verpönt. Wie schaffen wir nun den Weg in eine gemeinsame Zukunft – denn aktuell steht uns nur diese eine Erde dafür zur Verfügung –, sodass wir weder in einem anarchistischen Chaos noch in einer neuen Form von überregulierter Diktatur landen? Zukunft planen bedeutet immer auch Ordnung schaffen – in einem Umfeld konkurrierender Wünsche. Und Strukturen ermöglichen, mit denen eine zukünftige Gesellschaft den Wert der Freiheit leben kann, ohne in Willkür abzugleiten. Alte religiöse Schriften aus dem Orient berichten, dass vor Beginn der Erde ein grosses Tohuwabohu bestand. Chaos kann nie das Ziel der Entwicklung einer bildungsbürgerlichen Gesellschaft sein. Mithilfe der Kybernetik versuchen wir deshalb, unsere Welt zu modellieren und gezielt zu steuern.

B wie Building

D wie Doom Saying

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Das ABC der Zukunft

Dr. Andreas M. Walker, Zukunftsforscher und Co-Präsident von swissfuture, erklärt teilweise todernste Zukunftsprognosen von A (wie Artificial Intelligence) bis Z (wie Zuversicht) mit einer Prise Humor – und dem nötigen Tiefsinn.

Überblick:

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Zukunft ist nicht einfach Schicksal

Wo gehts zum nächsten Trend? Und warum ist das von Belang? Andreas M. Walker, Co-Präsident von swissfuture, erklärt, wie Zukunftsforscher arbeiten – und welche Vorteile uns das bringt.

Quelle: Original-Interview mit Stephan Lehmann-Maldonado im UBS Magazin

Herr Walker, freuen Sie sich auf die Zukunft?
Ja. Die Zukunft ist ein Abenteuer. Ich bin dankbar dafür, heute leben zu dürfen. Unsere Vorfahren hatten viel weniger Möglichkeiten, den Lauf ihres Lebens zu bestimmen, als wir.

Was erwartet uns denn in zehn Jahren?
Erstens steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung in unserem Land weiter. Darum sollten wir die Vorsorge an die Hand nehmen. Ebenso wichtig ist die Anpassung des öffentlichen Raums, denn der Bedarf an bequemer Infrastruktur wächst. Ein Schritt in die richtige Richtung sind Niederflurtrams. Zweitens werden Informationen rasch und günstig verfügbar sein. Massgeblich wird künftig nicht mehr das Sammeln der Daten. Vielmehr werden deren Beurteilung und Analyse entscheidend. Von wem stammen die Informationen wirklich? Was ist relevant für mich? Firmen nutzen die Informationsmengen, um uns «massgeschneiderte » Angebote zu unterbreiten.

Dann bestimmen Computer, was uns gefallen soll …
Die spannende Frage lautet: Inwieweit wollen wir das? Nur weil die meistgelesenen Artikel auf den Zeitungsportalen prominent erscheinen, sind sie nicht unbedingt die besten – unser Leseverhalten wird durch ihre Platzierung beeinflusst. Seit 30 Jahren spricht man von Kühlschränken, die autonom Bestellungen auslösen. Aber wir kaufen weiterhin selbst ein. Und wir könnten uns längst von Astronautennahrung in Tablettenform ernähren. Doch Kochen erfreut sich zunehmender Beliebtheit!

Was unterscheidet Zukunftsforscher von Kaffeesatzlesern?
Im Gegensatz zu Kaffeesatzlesern, Wahrsagern oder Propheten arbeiten wir nicht mit übernatürlichem, sondern mit menschlichem Wissen. Unser Verein swissfuture gehört zur Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW. Wie andere Wissenschaftler entwickeln wir Modelle, die auf nachvollziehbaren Annahmen basieren. In den USA und an der Freien Universität Berlin kann man Zukunftsforschung – Strategic Foresight genannt – studieren. Der Schriftsteller William Gibson sagte vor 30  Jahren: «Die Zukunft ist bereits da. Sie ist nur nicht gleichmässig verteilt. » Wir erachten es als essenziell, schon erste schwache Signale zu erkennen und daraus Trends abzuleiten.

Was nützen uns solche Prognosen?
Zukunft ist nicht einfach Schicksal. Sie ist die Konsequenz unserer Entscheidungen, unserer Taten und Untaten. Wir zeigen auf, welche Veränderungen sich in unserer Umwelt abspielen – und wo man reagieren kann und soll. Gibt es Trends, die mir helfen? Oder Entwicklungen, die wir nicht wünschen? Ein Beispiel: Vor rund zehn Jahren beauftragte mich der Bund mit einem Projekt. Grippe gehöre als Krankheit der Vergangenheit an, dachte man damals. Doch wir erkannten, dass die Gefahr von Infektionskrankheiten mit der Globalisierung und der Mobilität zurückkehren wird. Dies half, sich frühzeitig mit Präventionsmassnahmen auseinanderzusetzen.

Immer schneller scheint ein Trend den anderen abzulösen.
Viele kurzfristige Trends kann man genauso wenig exakt berechnen wie Ausschläge an der Börse. Wir schätzen die langfristigen Folgen von Entwicklungen ab. Müssen wir beispielsweise noch Landkarten lesen können? Es gibt Smartphone-Apps, welche diese Leistung übernehmen. Derzeit debattiert man, wie die Digitalisierung unsere Kinder beeinflusst. Früher legte man Wert auf das Auswendiglernen von Fakten. Heute sind Fakten per Fingerbewegung verfügbar. Aber was bedeutet es fürs menschliche Hirn, wenn es nichts mehr auswendig lernt? Die neurologische Forschung steckt da noch in den Kinderschuhen.

Kritiker befürchten eine Volksverdummung…
Die meisten von uns konsumieren die Fortschritte in Medizin, Mobilität und Elektronik unkritisch. Zugleich gibt es in Mitteleuropa schon lange Vorbehalte gegen technische Neuerungen und eine Glorifizierung der guten alten Zeit. Die Literaturepochen der Romantik und des Naturalismus belegen das schon fürs 19. Jahrhundert. Daneben findet sich eine technikfreundliche Elite, die Innovation als Motor des Wohlstands predigt. Egal, welcher Gruppe wir angehören: Technische Veränderungen werden kommen. Darum müssen wir lernen, vernünftig damit umzugehen.

Wie wirken sich die Veränderungen auf Bankgeschäfte aus?
Der Informationsvorsprung von Banken zu Kunden schmilzt. Finanzielles Halbwissen kann man sich via Internet rasch beschaffen. Und die Produkte der Banken ähneln einander. Den Unterschied macht das Vertrauen: Habe ich einen Berater auf Augenhöhe, der über eine ähnliche Lebenserfahrung verfügt wie ich und mich versteht? Bei alltäglichen Geldgeschäften ist zudem die Verfügbarkeit wichtig. Kaum jemand mag sich an die Schalteröffnungszeiten  halten. Mobiles Banking via Smartphone, E-Banking und 24-Stunden-Erreichbarkeit gewinnen weiter an Bedeutung.

Gibt es Trends, die wir unterschätzen?
O ja. Was bedeutet es, wenn erste Schweizer Grosskonzerne in asiatische Hände gelangen? Wir zelebrieren den Individualismus, Asiaten orientieren sich am Kollektivismus. Wenn wir Randständige schützen, gründet dies immer noch auf jüdisch-christlichen und bildungsbürgerlichen Werten. Andere Kulturen haben Probleme, dies nachzuvollziehen. Auch die 24-Stunden-Gesellschaft unterschätzen wir. Während der eine Ruhe will, feiert der andere eine Party. Und wir sind pausenlos multimedialen Reizen ausgesetzt. So müssen wir neu lernen, was Erholung bedeutet. Schliesslich stösst die Individualisierung an Grenzen: Viele fühlen sich überfordert, weil sie ständig Entscheidungen treffen müssen. Ihre Reaktion: «Ich kann mir gar nicht so viele Meinungen bilden. Der Staat soll mir helfen! » Das gilt selbst für private Angelegenheiten wie Kindererziehung.

Was bleibt unabhängig vom Zeitgeist gleich?
Wir bleiben Menschen – mit denselben körperlichen, sozialen und geistigen Bedürfnissen wie eh und je. Wir werden einfach andere Lösungen für unsere Bedürfnisse suchen. Heute nutzen Jugendliche Facebook, vor 30 Jahren telefonierten sie. Doch etwas mit Freunden zu unternehmen ist immer noch mehr wert.

Quelle: Original-Interview mit Stephan Lehmann-Maldonado im UBS Magazin

Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?

Was macht einen Mann aus? Welche Tugenden zeichnen ihn aus? Und welchen Normierungsversuchen ist er ausgesetzt? Zukunftsforscher Andreas M. Walker setzt sich mit diesen Fragen auseinander, blickt zurück und schaut nach vorne. Nachdem er mit alten Klischees aufräumt, zeichnet er das Bild eines emanzipierten Mannes. Seine positive Prognose: Der Mann findet dank vielfältigen Lebensentwürfen in einer erfüllten Rolle als Familienvater und Ehemann zu sich selbst – auch im Berufsleben.

Keywords: Tugend, Normierung, Gender Mainstreaming, Lebensentwürfe, Geschlechterrollen, Familie

Mehr dazu hier in meinem aktuellen Aufsatz für swissfuture, magazin für zukunftsmonitoring 2014/1 „Die Zukunft des Mannes“, hier als pdf für meine Leserinnen und Leser gratis verfügbar:

PDF: ganzer Artikel: Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?
PDF: ganzer Artikel: Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?

Sehnsucht nach mehr Ruhe und Ordnung in der Schweiz?

Die Hoffnungen auf intakte und harmonische Beziehungen im nahen sozialen Umfeld, nach persönlicher Gesundheit und nach einer sinnvollen Aufgabe belegen auch im Hoffnungsbarometer 2014 Schweiz die Spitzenpositionen. Auffällig ist aber, dass gegenüber dem Vorjahr die Bereiche „Ordnung“ / „Sicherheit“, zugleich aber auch „Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“ wie auch „Freizeit“ / „Zeit zur Entspannung“ einen Bedeutungszuwachs erfahren. Scheinbar ein Widerspruch, den gemeinhin werden diese Begriffe eigentlich den unterschiedlichen Sozialmilieus „Neo-Konservativ“, „Liberal“ und „Hedonistisch“ zugeordnet.

0 = nicht wichtig ; 1 = teils teils ; 2 = sehr wichtig

Bei der Detailanalyse zeigen sich einige interessanten Aspekte:

Effektiv lassen sich anhand der Beantwortung der persönlichen Hoffnungen vier Milieus definieren, die in sich eine relativ hohe Korrelation aufweisen:

  • Milieu „Hoffnung auf ein geruhsames Leben“, mit starken Korrelationen für „Persönliche Gesundheit“ + „Mehr Sicherheit im persönlichen Umfeld“ + „Harmonie im Leben“ + „Ordnung in meinem Leben“
  • Milieu „Beziehungsorientiert“, geprägt durch „Gute und vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen“ + „Sinnvolle und zufriedenstellende Aufgabe“ + „Anderen Menschen helfen können“
  • Milieu „Hedonismus“ mit den korrelierenden Hoffnungen „Mehr Freizeit“ + „Mehr Zeit zur Entspannung“ + „Mehr Spass mit Freunden“ + „Mehr Sex“
  • Milieu „Beruf“, bestimmt durch „Erfolg am Arbeitsplatz (Bonus, Beförderung)“ + „Mehr Geld“ + „Sicherer Arbeitsplatz“

Die Hoffnung auf „Ordnung in meinem Leben“ zeigt eine auffällige Altersverteilung: So weisen einerseits Jugendliche einen erstaunlich hohen Wert auf, andererseits ist diese Hoffnung bei den über 50 Jährigen wieder stark vertreten. Gesellschaftlich bedeutend wird dieses Phänomen, da die grösste Alterskohorte, die sogenannten „Babyboomer“ nun genau in dieses Alter hineinwachsen. So ist anzunehmen, dass dieses Bedürfnis in den kommenden Jahren weiter zunehmen und politische und wirtschaftliche Effekte zeigen wird.

0 = nicht wichtig ; 1 = teils teils ; 2 = sehr wichtig

Die vorschnelle politische Prognose, dass diese Generation nun zukünftig aufgrund ihrer Alterung in typische „law and order“ Muster fallen könnte, ist aber nicht zulässig. Denn für die Hoffnung auf „mehr Sicherheit im persönlichen Umfeld“ lässt sich keine Abhängigkeit vom Alter erkennen. Und zugleich misst dieselbe Alterskohorte der liberalen Hoffnung auf „persönliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“ eine hohe Bedeutung zu – wesentlich höher als bei den unter 50 Jährigen. Wobei hier anzunehmen ist, dass dabei die finanzielle Absicherung, die körperliche Mobilität und die körperliche Gesundheit im Fokus stehen.

0 = nicht wichtig ; 1 = teils teils ; 2 = sehr wichtig

Auffällig ist auch die unterschiedliche Gewichtung der Hoffnungen auf „Mehr Freizeit“ und auf „Mehr Zeit zur Entspannung“. So nimmt die in jungen Jahren wichtige Hoffnung auf „Mehr Freizeit“ mit dem Alter schrittweise ab, wird aber wohl durch das Bedürfnis nach mehr Entspannung ersetzt.

Hoffnungsbarometer 2014: Schweizer wollen sinnvolle Arbeit

Allgemeine Info

Bereits zum fünften Mal erhoben Dr. Andreas M. Walker und Dr. Andreas Krafft von swissfuture.ch im November 2013 das Hoffnungsbarometer für das kommende Jahr mit einer grossen Internet-Umfrage in deutscher, französischer, englischer und erstmals auch in tschechischer Sprache. 21’812 Personen aus der Schweiz, Deutschland, Tschechien, Frankreich und weiteren Ländern nahmen dieses Jahr an der Umfrage teil. Für die Schweiz wurden 2’936 vollständige und korrekte Fragebogen ausgewertet. Für das schweizerische Sample betrug der statistische Stichprobenfehler ±1.8 Prozentpunkte. Dies ist ein sehr guter Wert, so dass von einer breit abgestützten Umfrage gesprochen werden kann.

swissfuture ist die Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung und wurde 1970 gegründet. Co-Präsidenten von swissfuture sind Dr. Andreas M. Walker und Cla Semadeni. swissfuture fördert als parteipolitisch und religiös neutraler Verein und Mitglied der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW die Zukunftsforschung und -gestaltung in der Schweiz und macht deren Ergebnisse der Bevölkerung zugänglich. swissfuture führt Tagungen, Seminare und Studien durch und äusserst sich in den Medien zu Zukunftsfragen. Vgl. www.swissfuture.ch

Dr. Andreas M. Walker ist seit 2009 Initiator und Gesamtverantwortlicher des Hoffnungsbarometers. Er ist Co-Präsident von swissfuture und Leiter des Think Tanks „weiterdenken.ch – your partner for future, hope & responsibility„. Vgl. www.weiterdenken.ch . Dr. oec. HSG Andreas Krafft ist seit 2012 der akademische Leiter des Hoffnungsbarometers. Er ist designiertes Vorstandsmitglied von swissfuture, Strategieberater und Dozent an der Universität St. Gallen. Stefan Schwarz begleitet das Projekt als Psychotherapeut.

Die Studie wurde international begleitet: Frau Prof. Dr. Tatjana Schnell, Universität Innsbruck, die führende Sinn-Forscherin Österreichs, Frau Prof. Dr. Alena Slezáčková, Masaryk University, Brno, führende Spezialistin für positive Psychologie der Tschechischen Republik, Prof. Dr. Charles Martin-Krumm, Maître de Conférences à l’Institut Universitaire de Formation des Maîtres de Rennes.

Erwartungshaltung für das kommende Jahr 2014

1 = sehr pessimistisch; 2 = eher pessimistisch; 3 = ausgewogen; 4 = eher optimistisch; 5 = sehr optimistisch

Entwicklung über die letzten Jahre

Die Erwartungshaltung für das private Leben bewegt sich seit Jahren auf der optimistischen Seite.

Für die wirtschaftlichen Erwartungen zeigt sich nach einem Tiefpunkt für Jahr 2012 nun bereits das zweite Mal eine steigende Erwartungshaltung für das kommende Jahr und tendiert nun nicht mehr auf die pessimistische Seite. Damit hat auch bereits das zweite Mal die Erwartungshaltung an die Wirtschaft jene an die Politik deutlich überholt.

Für 2011 Für 2012 Für 2013 Für 2014
Für mein privates Leben 3.6 3.96 3.93 3.88
  +10% -1% -1%
    -2%
Für die nationale Politik 2.49 2.76 2.73 2.68
  +11% -1% -2%
    -3%
Für die nationale Wirtschaft 2.93 2.6 2.83 3.02
  -11% +9% +7%
    +16%

Bei grossen persönlichen Hoffnungen für 2014 sind enge soziale Beziehungen und eine sinnvolle Arbeit wichtiger als Geld oder Karriere

Zum wiederholten Mal ist die „glückliche Ehe, Familie, Partnerschaft“ die grösste persönliche Hoffnung, noch vor der „persönlichen Gesundheit“. Spitzenpositionen belegen Hoffnungen für das enge soziale Umfeld, berufliche Anliegen rangieren deutlich weiter hinten.

Sinnvolle Arbeit wichtiger als Karriere

Die Hoffnung auf eine „sinnvolle Aufgabe“ ist grösser als auf einen sicheren Arbeitsplatz bzw. auf Erfolg am Arbeitsplatz. Im Sinne der Maslow’schen Bedürfnispyramide ist in der Schweiz anscheinend die Furcht vor einem Arbeitsplatz oder das existentielle Bedürfnis nach Einkommen relativ gering:

Hoffnung2010 Hoffnung2011 Hoffnung2012 Hoffnung2013 Hoffnung2014
Erfolg am Arbeitsplatz Erfolg am Arbeitsplatz Sinnvolle Arbeit Sinnvolle Arbeit Sinnvolle Arbeit
Sicherer Arbeitsplatz Sinnvolle Arbeit Erfolg am Arbeitsplatz Sicherer Arbeitsplatz Sicherer Arbeitsplatz
Sicherer Arbeitsplatz Sicherer Arbeitsplatz Erfolg am Arbeitsplatz Erfolg am Arbeitsplatz

Bei Berufsgruppen spielen Wirtschaftsgrössen nur eine kleine Rolle als Hoffnungsträger

Personen aus dem unmittelbaren familiären oder sozialen Umfeld sind wichtiger für die Hoffnung als Wirtschaftsgrössen.

0 = nicht wichtig ; 1 = teils teils ; 2 = sehr wichtig

Was ist die „evangelische Familie“ der Zukunft (nicht)?

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat im Juni 2013 definiert, was er unter einer Familie versteht – und hat rund 160 Seiten dazu benötigt – als Orientierungshilfe wohl verstanden.

Dabei wird nicht ganz klar, wer sich denn nun mit Hilfe dieses Papieres orientieren soll. Die evangelischen Christen als Mitglieder dieser Kirche, die selbst Familie leben bzw. fördern wollen? Die Mitglieder der anderen christlichen Kirchen und weiterer Religionsgemeinschaften, die wissen wollen, ob sie gemeinsame Leitbilder leben oder ob sie sich distanzieren sollen? Die zahlreichen Mitmenschen, Institutionen und Bewegungen, die sich als religionsneutral oder gar religionslos neben der Kirche befinden, und die Gründe und Anlässe suchen, um die Kirche zu meiden oder gar zu verspotten und zu bekämpfen? Der Staat, der Steuergelder einsetzt, um Lebensformen gezielt zu fördern? Die Gesellschaft im Allgemeinen – wer immer das auch sei?

Konservative evangelische Kreise, die katholische Kirche und zahlreiche Freikirchen sind empört. Empört wohl weniger darüber, was der Rat der EKD auf 160 Seiten schreibt, denn viele Gedankengänge, historische und soziologische Herleitungen gesellschaftlicher Realitäten sind aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive gut nachvollziehbar und vernünftig, ausgesprochen angenehm zu lesen im Sinne des aktuellen Mainstreams. Zahlreiche sonst sehr lautstarke Interessensgruppen, denen gegenwärtig in der politischen, behördlichen, medialen und akademischen Diskussion eine breite Plattform eingeräumt und eine wohlwollende Popularität zugestanden wird, werden sich durch dieses Papier nicht provoziert fühlen und nicht zum Kreuzzug gegen die EKD aufrufen müssen, da diese sich offensichtlich ganz gezielt im Rahmen der aktuellen political correctness bewegt.

Vielmehr entsteht die Empörung wohl darüber, was der Rat der EKD eben gerade nicht schreibt, um Orientierung im individualistischen, pluralistischen und relativistischen Zeitgeist zu geben. So findet sich im Opus der 160 Seiten der Orientierungshilfe kein Stellungsbezug für eine profilierte Definition einer Familie – weder für eine evangelische oder christliche Familie noch eine Familie im Allgemeinen:

  • weder für das Verständnis, dass Ehe und Familie göttliche Stiftungen bzw. Sakramente seien, und dass sie sich deshalb an gottgegebenen Offenbarungen jenseits von Zeitgeist, Gesellschaft und Kultur orientieren,
  • noch für ein normatives Verständnis von Ehe und Geschlechterrollen, die entsprechend aus der Bibel hergeleitet würden,
  • noch für eine Definition, dass eine Familie primär auf einer Kernfamilie aufbaue, die primär aus Eltern und Kind(ern) bestehe,
  • noch dass mit „Eltern“ ein Vater (sowohl Sex als auch Gender männlich) und eine Mutter (sowohl Sex als auch Gender weiblich) gemeint seien,
  • noch für ein Primat irgendwelcher Art eben dieser Lebensform von Vater – Mutter – Kind gegenüber Alleinerziehenden, Patchworkfamilien und gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften,
  • noch für das Primat der Erziehungsberechtigung bei den Eltern gegenüber dem Staat oder sonstigen Institutionen.

 Der Rat der Evangelischen Kirchen Deutschlands schlägt nicht den Weg der Profilierung, sondern den der Political Correctness und des Pluralismus ein, um die Zukunft der Familie zu sichern – was immer auch Familien sein werden unter den Prämissen von „Verbindlichkeit, lebenslange Verlässlichkeit, Verantwortung und Sorge füreinander, Geschlechtergerechtigkeit“. Was das wohl an Novellierungen in Gesetzestexten, behördlichen Weisungen und Stiftungszwecken nach sich ziehen wird? Ein Schalk, wer böses dabei denkt … hier geht es nicht einfach um Privatleben und Moral, sondern um sehr viel „öffentliches“ Geld, das (um)verteilt wird unter dem Titel der Familie, die eigentlich mal als Kernzelle der Eigenverantwortung galt …

Wer für sein persönliches Leben oder für sein gesellschaftliches Verständnis an einen der oben erwähnten definitorischen Ansätze glauben möchte, wird wohl nicht auf die Evangelische Kirche in Deutschland als Verbündeten zählen können.

Welchen Weg die reformierten Kirchen und Theologen der Schweiz einschlagen werden? Ob auch wir als Synode der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt über unser Ehe- und Familienverständnis diskutieren werden?

Literatur:

Im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegeben vom Kirchenamt der EKD (2013) Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken – Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-05972-3, oder via Internet

Päpstlicher Rat für die Familie (2000) Ehe, Familie und die „faktischen Lebensgemeinschaften“, via Internet

Herbsttagung 2012: Ein Blick auf 2050

SGVW-Herbsttagung 2012 in Kooperation mit swissfuture

Freitag, 23. November 2012, 09.00 – 16.00 Uhr, Universität Bern, von Roll-Areal, Hörsaal 104, Fabrikstarsse 6, 3012 Bern

Ein Blick auf 2050: Zukünftige Herausforderungen des Staates angehen und gestalten

„Gouverner c’est prévoir“ – Dieser Leitsatz staatlichen Handelns stellt Politik und Verwaltung in einer zunehmend vernetzten und komplexen Welt, die einem ständigen Wandel ausgesetzt ist, vor steigende Anforderungen. Verlässliche Prognosen über mittel- bis langfristige Entwicklungen werden durch wachsende Unsicherheit erschwert. Trotzdem ist die Politik für Planungs- und Investitionsentscheide auf verlässliche Zukunftsannahmen angewiesen. Die Tagung befasst sich mit einzelnen Treibern des Wandels, die unsere Gesellschaft und den Staat in den nächsten Jahrzenten prägen werden und zeigt auf, wie mittels Szenarien die Entscheidungsträger von heute bei der Erfüllung ihrer Aufgaben unterstützt werden können.

Unter der Moderation von Dr. Katja Gentinetta, Gesprächsleiterin beim Schweizer Fernsehen, sprechen und diskutieren folgende Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft:

  • Dr. Guy Morin, Regierungspräsident Kanton Basel-Stadt
  • Markus Notter, ehem. Regierungsrat Kanton Zürich
  • Heinz Karrer, CEO Axpo Holding AG
  • Dr. Hans Werder, Verwaltungsrat Swisscom
  • Dr. Lorenzo Cascioni, Leiter Sektion Planung & Strategie Bundeskanzlei
  • Dr. Peter Grünenfelder, Staatsschreiber Kanton Aargau
  • Yves Rossier, Staatssekretär im Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA)
  • Dr. Andreas Schächtele, Generalsekretär Departement Bildung, Kultur und Sport, Kanton Aargau
  • Prof. Dr. Daniel Wachter, Leiter Nachhaltige Entwicklung, Bundesamt für Raumentwicklung
  • Georges T. Roos, Vorstand swissfuture
  • Dr. Daniel Müller-Jentsch, Avenir Suisse
  • Dr. Andreas M. Walker, Co-Präsident swissfuture
  • Prof. Dr. Torsten Wulf, Philipps-Universität Marburg

Die Tagung richtet sich an ein politisch interessiertes Publikum, an Mitglieder der politischen Exekutive und Legislative, Führungskräfte der Verwaltung in Städten und Gemeinden, in den Kantonen und im Bund, an die Vertreter der Wissenschaft und an ein interessiertes Fachpublikum.

Weitere Informationen und Anmeldung hier.

Megatrends mit spezifischer Relevanz für die Zukunft der Sicherheit

Im Rahmen der swissfuture-Studie „Wertewandel Schweiz 2030 – der künftige Wert der Sicherheit“ hat eine Expertengruppe evaluiert, welche Megatrends von besonderer Bedeutung für die Sicherheitsfrage der nächsten Jahre sein werden. Der folgende Text ist aus dieser Studie entnommen, die ich gemeinsam mit Georges T. Roos und Francis Müller im Auftrag von swissfuture und Dank freundlicher Unterstützung des Bereiches Sicherheitspolitik des VBS und des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz verfasst habe:

 

Megatrends mit Sicherheitsrelevanz

Wir gehen in dieser Studie aus methodischen Gründen von der Annahme aus, dass in den nächsten zwanzig Jahren keine „Wild Cards“ eintreffen werden. Der Einfluss potentiell möglicher Wild Cards würde die Szenarien einseitig und sehr spekulativ machen. Wir nehmen also beispielsweise an, dass in Mitteleuropa kein Krieg ausbrechen wird, dass die europäische Gesellschaft nicht durch eine Seuche oder Katastrophe dezimiert wird und dass die EU nicht in nationalistische Einzelstaaten auseinandergebrochen ist. Wir gehen vielmehr davon aus, dass bestimmte Einflussfaktoren den zukünftigen Wertewandel vorantreiben und entwickeln die folgenden sicherheitsrelevanten Megatrends, die in allen vier Szenarien wirksam sein werden – und die wir entsprechend nicht variieren:

Machtverschiebung zu einer multipolaren Weltordnung

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sprach der Soziologe Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ und dem definitiven Siegeszug des euro-amerikanischen Demokratieverständnisses. Wegen des Zerfalls der Blöcke und der aufstrebenden Länder ist die Welt jedoch multipolarer geworden. In Mittelosteuropa sind neue „alte“ souveräne Staaten entstanden, die in ihrer frisch gewonnen Unabhängigkeit gegenüber der EU hadern. Und spätestens mit 09/11 ist die angeblich tot gesagte Geschichte der konfrontativen und gewaltbereiten Machtpolitik zurückgekehrt. Die ökonomische und militärische Vormachtstellung der transatlantischen Staaten wird von Indien, China und Brasilien und anderen „Emerging Markets“ zunehmend in Frage gestellt. Die „E7“ (Indien, Brasilien, Türkei, Mexiko, China, Russland und Indonesien) werden zu den „G7“ aufschliessen. China und Indien – so Pricewaterhouse-Coopers im Bericht „The World in 2050“ – werden den USA den Spitzenrang als wirtschaftlicher Grossmacht streitig machen. Dem ökonomischen Machtkampf folgt der politische und der militärische. Noch fällt ungefähr die Hälfte der globalen Rüstungsausgaben auf die USA. China erhöhte jedoch seine Militärausgaben gemäss dem „Yearbook 2010 Military Expenditure “ des Stockholm International Peace Research Institute im Jahr 2009 um 15%, Indien um 13% und Brasilien um 24%. Die Wachstumsraten sind hoch, der Anteil gegenüber den USA allerdings immer noch moderat. Eine neue Weltordnung wird entstehen.

Zunehmende Bedeutung von Non-State-Actors

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Blütezeit der Nationalstaaten. Heute sind zunehmend nichtstaatliche Akteure im globalpolitischen Geschehen aktiv. Zu den Non-State-Actors gehören beispielsweise globale Unternehmen, Hedge Fonds Managers, nichtstaatliche Organisationen (NGO), Terror-Organisationen, Warlords, Organisationen der organisierten Kriminalität, zivile und kommerziell motivierte Sicherheitsfirmen der inneren und äusseren Sicherheit und Religionsgemeinschaften. Viele möchten ihre Werte globalisieren – seien dies ökonomische Paradigmen oder ideologische Überzeugungen. Non-State-Actors sind nicht an Territorien gebunden und entziehen sich häufig gezielt den nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Zahlreiche dieser Non-State-Actors sind nicht als hierarchische, klar strukturierte Organisationen aufgebaut, sondern funktionieren als Netzwerke, deren Zellen autonom Kompetenzen entwickeln. Neue Kommunikationsmedien verbreiten Inhalte schneller und erhöhen die Anzahl der Empfänger. Non-State-Actors gehen sehr kompetent mit diesen Medien um, dabei sind sie häufiger agiler und effektiver als staatliche Organisationen. Sie gewinnen so breitere Aufmerksamkeit – und je nachdem mehr Unterstützung oder auch Ablehnung.

Wechsel der machtpolitischen Instrumente

Zwischen Nationalstaaten wird immer weniger der klassisch-konventionelle Krieg erklärt, dessen Ziel es ist, Territorien und Hauptstädte zu erobern. Stattdessen kommt es zu erpressungsähnlichen Drohungen von Staaten und grossen Institutionen – auch von Non-State-Actors wie zum Beispiel NGO, die zunehmend den medialen Pranger einsetzen, um eine (sich empörende) Öffentlichkeit zu mobilisieren. Es gibt einen Krieg der Bilder und der Symbole. Viele Konflikte werden ökonomisch ausgetragen. Als Machtmittel dienen Industriespionage, Rechtsauffassungen, Embargos, Rohstoffe, böswillige Transaktionen an den Börsen um dem Wert von Landeswährungen oder Aktien zu schaden und natürlich die Aufmerksamkeitsökonomie. Die Komplexität ökonomischer Systeme und die Abhängigkeit von kritischen Infrastrukturen ist am steigen, wobei gleichzeitig die Vernetzung der kritischen Infrastrukturen zunimmt –und so deren Verletzlichkeit.

Verschärfter globaler Wettbewerb um Ressourcen

Der wirtschaftliche Aufstieg von Schwellenländern und die globale Zunahme an Wohlstand erhöhen den Rohstoff-Bedarf. Der technologische Fortschritt und die zunehmende Substitution von Erdöl als Energieträger durch Elektrizität verlangt nach neuen Rohstoffen, deren Primärproduktion und Lagerstätten geographisch ungleichmässig verteilt sind. Im Jahr 2008 stammten beispielsweise 95% der weltweit hergestellten seltenen Erden, die vor allem in der Hightech-Industrie eine zentrale Rolle spielen, aus China. Der Westen verliert zunehmend seinen Einfluss auf rohstoffreiche Länder. Er steht als ehemaliger Kolonialist in keiner guten Verhandlungsbasis, zumal er im internationalen Handel immer weniger Fragen der Menschenrechte und der Demokratie ausklammern kann. Und wie schon häufig in der Geschichte kommt den ressourcenreichen Staaten ökonomisch und machtpolitisch eine Schlüsselrolle zu (siehe oben: Machtverschiebung).

Wachsende Verletzbarkeit kritischer Infrastrukturen

Moderne Gesellschaften sind auf hochkomplexe, technische Infrastrukturen angewiesen, damit sie funktionieren. Diese Infrastrukturen – etwa Transportsysteme, Pipelines, Elektrizitätsinfrastrukturen und Alarmierungssysteme – sind abhängig von Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Abhängigkeit macht diese Infrastrukturen zu „kritischen“. Die bestehenden Infrastrukturen müssen in Stand gehalten werden, neue müssen gebaut werden. Beides erfordert hohe Investitionen. Durch ihre Komplexität sind sie verletzlich und können durch verschiedene Gefährdungen aus den Bereichen Natur, Technik und Gesellschaft beeinträchtigt werden. Sie können auch durch einen virtuellen Anschlag sehr real gefährdet werden. Innerhalb der vier Szenarien wird die Frage variiert, wer diese Infrastrukturen schützen soll.

Information wird schneller verbreitet und verfügbarer

Die Geschwindigkeit der Verbreitung von Information und der einfache Zugang zu ihr haben nie dagewesene Dimensionen angenommen. Bibliotheken sind Online. Internetplattformen wie Wikileaks veröffentlichen Staats- und Betriebsgeheimnisse. Der Begriff des Privaten und des Öffentlichen werden neu definiert – die Kontrolle der Öffentlichkeit durch staatliche Organe wird erschwert. Das Aufrechterhalten von Privatsphäre und Datenschutz wird zunehmend schwierig. Jeder kann Informationen – und insbesondere auch Gerüchte, gezielte Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über politische oder ökonomische Sachverhalte – in kurzer Zeit weltweit verbreiten und so Börsen oder politische Stimmungen manipulieren. Vieles wird transparent – und bleibt zugleich aufgrund der steigenden Komplexität und Informationsflut intransparent. Dies fördert ein neues Informationsverhalten und neue Partizipationsbedürfnisse der Menschen. Die Informationshoheit gewinnt, wer Informationen rasch analysiert, aufbereitet und breit zugänglich macht. Dank Social Media können sich Smartmobs sehr schnell formieren und politische Machtverhältnisse verändern, was die Ereignisse in der arabischen Welt anfangs 2011 gezeigt haben. Da elektronische Dokumente sehr schnell in unerwünschte Hände gelangen können und sowohl in Text- wie auch in Bildform zunehmend einfach gefälscht werden können, kommt es zu einer Aufwertung persönlicher Beziehungen, um die Glaubwürdigkeit der Absender und der Dokumente tatsächlich verifizieren zu können.

Cyberspace als neuer Tatort und neues Schlachtfeld

Die Internetkriminalität nimmt dramatisch zu – und sie entzieht sich aufgrund ihres virtuellen und extra-territorialen Charakters der nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Raubzüge finden innerhalb virtueller Welten statt – durchgeführt von realen Tätern, die sich im virtuellen Raum verstecken. Gerade weil „nur“ der virtuelle Raum zum Schlachtfeld wird, entsteht gelegentlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Die Wirtschaft wird virtuell angreifbar – und sie muss hohe Beträge tätigen, um die Sicherheit ihrer Produktion, ihrer Mitarbeitenden und ihrer Kunden zu gewährleisten. Insbesondere Kundeninformationen werden zu einer wertvollen Ressource. Die Vernetzung kann systemtheoretisch eine höhere Stabilität bedeuten, aber zugleich auch eine höhere Verletzlichkeit, da sich mehr Angriffspunkte ergeben. Durch hochpräzise und technologisch komplexe Waffensysteme und Wirkmittel, die über Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen untereinander und mit den Führungszentren vernetzt sind, können militärische Streitkräfte agiler und wirkungsvoller geplant werden. Trotzdem benötigt die Mediation von zukünftigen Konflikten immer noch grosse Mannschaftsbestände.

Sex Box 2011 – zwei Ideologien im Widerstreit und die Kompetenz bleibt auf der Strecke

Seit einigen Wochen sind die Schulkind-Eltern im Schweizerland – insbesondere im Kanton Basel-Stadt – verwirrt, verunsichert und brüskiert. TeleBasel berichtet, Tausende von Eltern hätten sich empört an den Regierungsrat in Basel-Stadt gewandt, ein Petitionskomitee mit Nationalräten aus FDP, CVP, SVP und EDU und zahlreichen Eltern- und Familienschutzorganisationen sammelt Unterschriften.

Ein Streit um Kompetenzen

Für mich als betroffener Vater von vier Kindern ist dabei die Frage nach den Kompetenzen zentral, denn am Anfang steht ja in den Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung der Konflikt, dass ich als Vater angeblich nicht in der Lage oder nicht Willens sei, meine eigenen vier Kinder auf eine mündige und reife Sexualität hin zu erziehen. Deshalb sollen nun meine vier Kinder zukünftig behördlich verordnet und ohne Dispensationsmöglichkeit zwangsweise in der Schule durch die Lehrpersonen aufgeklärt werden.

Zwar formuliert das im Auftrag des Bundes neu aufgebaute Kompetenzzentrum „Sexualpädagodik und Schule“ das Ziel, die Familie bei der Sexualerziehung zu unterstützen, bei den zahlreichen adressierten Zielgruppen sind aber interessanterweise die betroffenen Eltern und Familien NICHT aufgeführt. Wenn ich die mediale und politische Diskussion verfolge, frage ich mich, wo der in der Schweiz hoch gehaltene Wert der Partizipation der Betroffenen – eben der Eltern – und der Minoritätenschutz – in diesem Falle insbesondere sexualmoralisch sensible Kreise mit wertekonservativem und religiösem Hintergrund – in diesem Problemlösungsansatz und der Entscheidfindung geblieben sind?

Und dicht darauf folgt für mich die Kompetenzfrage, was denn nun tatsächlich das kompetente Wissen im Umgang mit Sexualität ist, oder ob sich im aktuellen Streit um die Frühsexualaufklärung nicht einfach zwei Lager gegenüber stehen, die im Grunde zwei ideologische Wertemodelle vertreten, und deshalb beide eigentlich befangen sind und keine der beiden Seiten mir als Vater meiner Kinder tatsächlich qualifizierte und neutrale Grundlagen liefert.

Die Gegner der Frühaufklärung aus kirchlichem und konservativem Lager

Die Motivation der Gegner der Frühsexualaufklärung ist offensichtlich und leicht erkennbar: Wertekonservative Kreise aus dem Umfeld der katholischen Kirche und der evangelischen Kirchen und Gemeinschaften (wo stehen eigentlich die Moslems?) sowie Nationalräte aus FDP, CVP, SVP und EDU kämpfen für ihre Werte und für ihr Verständnis von menschlicher Würde, Elternschaft und intim-sexueller Partnerschaft. Dabei geht es letztlich um Aspekte wie:

  • Unterscheidung von Bildung und Erziehung, Zuständigkeit für die Erziehung bei den Eltern
  • Freiheit der Eltern, sensible Erziehungsinhalte wie beispielsweise Fragen um die Sexualität im Einklang mit eigenen moralischen und religiösen Mitteln gestalten zu können – übrigens im Einklang mit Artikel 14 der Kinderrechte der UNICEF.
  • Wer entwickelt, definiert und vermittelt die Werte, aufgrund derer partnerschaftliche und familiäre Beziehungen gestaltet werden? Ist die Vermittlung dieser Lebensgrundlagen Teil der familiären Erziehung oder der staatlichen Bildung? (Oder wie sehr sollen und dürfen sie durch Medien, Wirtschaft und Religion geprägt werden?) Ab welchem Alter und in welchem Masse können und sollen heranwachsende junge Menschen ihre Werte selbstverantwortlich wählen und leben können – und wer darf vorher in welcher Weise, mit welcher Motivation und mit welcher Priorität prägend wirken?
  • Insbesondere geht es im konkreten Falle ja um die Vermittlung des Wertes, dass die Intimität der Sexualität durch eine verbindliche, exklusive partnerschaftliche Beziehung geschützt werden soll, dass also humane Sexualität nicht einfach ein animalischer Trieb ist, der zügellos ausgelebt werden soll oder kommerziell ausgebeutet werden soll, sondern dass er in Kombination mit der nötigen Verantwortlichkeit kultiviert werden soll – insbesondere unter Wahrung der menschlichen Würde und in Verantwortlichkeit gegenüber der Persönlichkeit des intimen Sexualpartners und gegenüber etwaigen Folgen des Sexualkontaktes – nämlich der Zeugung einer neuen menschlichen Persönlichkeit.

Leider bleibt die entsprechende Argumentation der konservativen und kirchlichen Kreise meistens im vagen moralischen oder religiösen Bereich hängen. Viel zu wenig werden soziologische Realitäten, Grundlagen und Wirksamkeiten der eigenen Werte erforscht, viel zu wenig können die eigenen Vorstellungen rational nachvollziehbar und argumentativ sauber begründet werden. Viel zu wenig kann nachgewiesen werden, wie viel denn nun die eigenen Werte effektiv wert sind – gerade auch in einem beziehungsökonomischen und gesellschaftsökonomischen Sinne.

Dabei könnte wissenschaftliches – insbesondere auch sozialempirisches, neurologisches und ökonomisches wissenschaftliches Arbeiten im Bereich der Beziehungs-, Erziehungs- und Sexualforschung zu Überraschungen führen: nämlich dass manche dieser konservativen Werte eigentlich überraschend sinnvoll und wertvoll sein könnten.

Nur schon eine kurze spontane Internet-Recherche führte mich zu folgenden überraschenden Fakten aus dem Bereich der Sexualität und Beziehung, die ich hier beispielhaft auflisten möchte. Den oben genannten wertkonservativen Kreisen sollte es eigentlich der Wert sein, diese Fakten zu verifizieren und vertieft wissenschaftlich zu untersuchen:

  • Sex wird zu 95% in festen Beziehungen gelebt (Prof. Volkmar Sigusch).
  • Verheiratete haben am meisten Sex. (London School of Hygiene & Tropical Medicine)
  • Singles sind nur zu 27% mit ihrem Sex zufrieden, Verheiratete immerhin zu 42%. (Durex)
  • Nur 22% der weiblichen Singles bekommen bei ihren Dates regelmäßig einen Orgasmus aber jede dritte Frau in einer festen Beziehung. (Durex)
  • Die Orgasmushäufigkeit steigt tendenziell mit fortdauernder Beziehung. (Durex)
  • Bei Frauen steigt die sexuelle Zufriedenheit nach 15 Jahren Beziehung deutlich an. (Kinsey Institute)
  • Männer brauchen mehr Zärtlichkeit (Kinsey Institute)
  • Sex verkauft nicht mehr – erotische Reklame verfehlt ihr Ziel. (Medical Research Council UK).

Fachkompetenzen und aktuelle wissenschaftliche Studien

Beim Blick auf die treibende Seite der Frühsexualaufklärung an den Schulen wird die Offenlegung eigener persönlicher ideologischer, religiöser oder weltanschaulicher Grundlagen und Motive tunlichst vermieden – schliesslich geht es darum, fachlich korrekte Grundlagen für staatliche Programme zu liefern – hoffentlich parteipolitisch, religiös und weltanschaulich neutral und unabhängig.

Und offensichtlich immer noch im Zeitalter des veralteten Paradigmas, dass der wissenschaftliche Experte tatsächlich in der Lage sein könnte, sein Forschungsthema objektiv und unabhängig von seiner persönlichen Position zu untersuchen.

Schliesslich geht es darum, im Auftrage eines Bundesamtes ein mit Steuergeldern finanziertes Kompetenzzentrum aufzubauen. (Vielleicht liegt ja das Problem darin begründet, dass das Bundesamt für Gesundheit federführend ist und dass wir in der Schweiz weder ein Bundesamt für Familie noch ein Bundesamt für Kindheit noch ein Bundesamt für Elternschaft kennen?)

Gegenüber einem mit Bundesgeldern finanzierten Kompetenzzentrum an einer Fachhochschule kann ich in Fragen der Sexualpädagogik natürlich kaum mehr Kompetenzen als meine persönliche Kompetenz als Vater reklamieren.

Da uns der Cyberspace aber eine allgemeine und demokratische Verfügbarkeit des publizierten akademischen Wissens ermöglicht hat, führt mich eine kurze Recherche doch zu einigen interessanten Studien und Aussagen – wissenschaftlich gestützte Aussagen, die mich als betroffenen Vater prinzipiell stutzig machen und mich die Grundlagen der behördlichen Konzepte und Gutachten und die Zielsetzung des Kompetenzzentrums: „Sexualerziehung soll schweizweit in den Lehrplänen der gesamten Volksschule verankert werden“ anzweifeln lassen.

Ich muss mich sogar fragen, ob es nicht dringend nötig ist, gewissen Meinungen, die heute allgemein verbreitet sind, dringend zu überprüfen – oder andernfalls unbedingt die entsprechenden Falsifikationen offenzulegen und die entsprechenden Meinungen in den Bereich der modernen Mythen zu verbannen (oder vielleicht sogar in den Bereich der ideologischen Propaganda?)

Hätten Sie es gewusst? Für mich ist es überraschend, was aktuelle wissenschaftliche Studien aufzeigen, die damals breit in den deutschen Medien aufgegriffen worden sind:

  • Gemäss einer globalen Studie der London School of Hygiene & Tropical Medicine kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden, dass Jugendliche in den letzten Jahrzehnten immer früher sexuell aktiv werden. Gemäss dieser Studie erleben die Jugendlichen in fast allen Ländern der Welt ihren ersten Geschlechtsverkehr zwischen 15 bis 19 Jahren. In der Schweiz geschieht dies gemäss Studie im Schnitt im Alter von 18,5 Jahren. Der Anteil der Jugendlichen, die vor ihrem 15. Altersjahr sexuelle Erfahrungen sammeln, ist in Europa in den letzten Jahrzehnten nahezu stabil geblieben – und liegt in der Schweiz bei etwa 5%.
    Aufgrund dieser empirischen Fakten über das tatsächliche Altersverhältnis frage ich mich als Vater, weshalb dann meine Söhne dringend und proaktiv im Kindergarten und in der Primarschule durch Lehrpersonen aufgeklärt werden müssen? (Nur zur Klarstellung: Da meine Frau und ich vier gemeinsame Kinder haben, habe ich die Frage „Woher kommen die Babys“ schon mehrmals aus aktuellem Anlass mit meinen Buben diskutiert …)
  • Übrigens – eine gross angelegte wissenschaftliche Studie in UK konnte keinen Erfolgsnachweis des modernen staatlich verordneten Sexualkundeunterrichtes in der Schule bezüglich der Prävention von Teenager-Schwangerschaften und Teenager-Abtreibungen erbringen. (Medical Research Council UK)
  • Erstaunlich ist für mich auch, dass der Behördenvertreter Basel-Stadt im TeleBasel-Interview kritisiert, dass rund die Hälfte aller Jugendlichen während der ganzen Schulzeit nichts über Homosexualität hören. Eine im Auftrag von EUROGAY durchgeführte repräsentative Umfrage ergab, dass sich nur 4,1 Prozent der Männer und 3,1 Prozent der Frauen als homo- oder bisexuell bezeichnen. Und bei mir taucht die Frage nach der Verhältnismässigkeit und den wissenschaftlich gestützten Grundlagen auf, weshalb es denn so wichtig ist, dass alle Kinder in der Schule durch ihre Lehrpersonen proaktiv über Homo- und Bisexualität aktiv aufgeklärt werden müssen? (Und auch hier zur Klarstellung: der Präsident von network GAY LEADERSHIP war mein bester Schulfreund.)

Doch wie gesagt – als Vater bin ich ja aus Behörden- und Expertensicht keine sexualpädagogische Fach- und Kompetenzperson und bin deshalb wohl einfach zu blöd, um zu begreifen, weshalb diese aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse so wenig in unsere Meinungen und in unsere Diskussionen einfliessen.

Doch als Bürger und Steuerzahler frage ich mich, ob wir nicht zuerst wissenschaftliche Grundlagen klären sollten – bzw. eben aktuelle Erkenntnisse verwenden sollten – bevor wir als Eltern akzeptieren, dass die Behörden derart einschneidende Massnahmen gegenüber unserer elterlichen Kompetenz durchsetzen.

Aber vielleicht tauchen ja hier noch zwei ganz andere prinzipielle Probleme auf

Wenn ich nun intrigieren möchte, dann würde ich mich jetzt fragen, ob ein Fachhochschulinstitut überhaupt qualifiziert ist, Forschung und Argumentation auf akademischem Niveau zu betreiben und Expertisen und Konzepte wissenschaftlicher Güte zu erstellen, die dann verbindliche Grundlage staatlicher Regelungen sind? Im Rahmen der Internet-Recherchemöglichkeiten ist es für mich auf alle Fälle nicht möglich, die spezifischen fachlichen Kompetenzen und nötigen akademischen Qualifikationen des „Kompetenzzentrums Sexualpädagogik und Schule“ und des Leiters des Kompetenzzentrums zu verifizieren. Dies obwohl gerade im „akademischen Markt“ immer sehr grosser Wert auf den formellen Qualifikationsnachweis und auf Leistungsnachweise durch hochwertige Publikationen und eigene Forschungsprojekte gelegt wird.

Und ich würde mich fragen, ob es wirklich zielführend ist, wenn Fachhochschulen zunehmend Auftragsgutachten für behördliche Auftraggeber erstellen – die nötige akademische Freiheit und Unabhängigkeit wird auf diesem Wege wohl kaum sichergestellt, da auf diesem Wege ja wohl keine billige Alternative zur universitären Forschung entsteht sondern eine marktverzerrende Konkurrenz zum professionellen Consulting. Und eben gerade diesem Consulting wird ja üblicherweise vorgeworfen, dass es aufgrund der finanziellen Abhängigkeit vom Auftraggeber kaum in der Lage ist, unabhängige Analysen und Gutachten in wissenschaftlicher Freiheit zu erstellen.

Zehn Thesen zu aktuellen Unklarheiten bei den betroffenen Familien

Für mich als betroffener Vater sind die tatsächliche Situation und entscheidende Aspekte diffus, Klärung und Positionsbezug sind nötig – auf Eltern- und auf Behördenseite:

  • Es ist unklarer denn je, ob und in welcher Form nun eine obligatorische Frühaufklärung unserer Kindergarten- und Schulkinder kommen wird oder nicht.
    Denn der Basler Erziehungsdirektor (Minute 00:48-01:36) und die Deutschschweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz (Minute 01:53-02:51) bekräftigen, dass es gar nie geplant gewesen sei, mit Aufklärung im Kindergarten anzufangen. Wobei es spannend werden dürfte, was diese Aussage bedeutet, wenn in ein paar Jahren in Basel der Kindergarten abgeschafft und durch die Primar-Unterstufe ersetzt werden wird.
  • Es ist nach wie vor nicht klar, mit welchen konkreten Materialien unsere Kinder in den Kindergärten und Schulen in Basel konfrontiert werden und ob die Altersgerechtheit sichergestellt ist.
    Oder ist es aufgrund dieses Schreibens an die Basler Lehrpersonen für Sie ersichtlich, welches Material nun für welche Altersstufe verwendet werden soll? Oder weshalb der Basler Behördenvertreter gegenüber TeleBasel eine Sex Box für den Kindergarten zeigt – mit Büchern für 8-Jährige und für 9-Jährige obendrauf (Minute 01:09-01:45)?
  • Wie der Basler Erziehungsdirektor bekräftigt, darf es sich nur um ein ergänzendes Programm zur passiven und situativen Unterstützung der Eltern handeln, die sich gemäss zahlreicher Meinungen angeblich mit dieser intimen Aufgabe selbst überfordert fühlen und keinesfalls um einen obligatorischen Übergriff in die Verantwortlichkeit der Eltern. Und auch das Kompetenzzentrum formuliert als Ziel die Unterstützung der Familien in der Sexualerziehung. Und genau dieser unterstützende Charakter zu gunsten der Familien muss gewährleistet werden – und nicht etwa die zwangsweise Delegation auf behördliche Anweisung hin!
  • So muss dringend empirisch und repräsentativ abgeklärt werden, ob sich tatsächlich so viele Eltern von einer angemessenen und rechtzeitigen Sexualaufklärung ihrer eigenen Kinder überfordert fühlen.
    Oder handelt es sich hier auch wieder um einen der oben erwähnten Mythen? Denn schliesslich sprechen wir hier von uns – von der Spätbabyboomer- und Pillenknick-Generation und nicht von unseren Urgrosseltern. Wir – die heutige Elterngeneration – sind mit Bravo und Tutti Frutti aufgewachsen. Wird hier immer noch mit einem Klischee prüder und sexuell inkompetenter Eltern operiert, das mit Blick auf die Geschichte der Sexualaufklärung im 20. Jahrhundert eigentlich seit Jahrzehnten überholt sein sollte? Und falls die heutige Elterngeneration tatsächlich immer noch so inkompetent im Umgang mit der eigenen Sexualität und der Sexualaufklärung sein sollte wie unsere eigenen Urgrosseltern vor dem zweiten Weltkrieg – was haben dann die öffentlichen und schulischen Massnahmen der letzten Jahrzehnte genau in diesem Bereich gebracht – denn dieses Thema ist in den Schulen ja nicht erst seit 2011 aktuell. Immerhin stammt der umstrittene Film „Sex – eine Gebrauchsanweisung für Jugendliche„, der zu den Bestandteilen der Sexbox für die Orientierungsschulen Basel-Stadt, d.h. für die 12-13 jährigen vorpubertierenden Schülerinnen und Schüler zählt, aus dem Jahre 1988! Wer also jünger als 40 Jahre ist, hat mit grosser Wahrscheinlichkeit diesen Film selbst schon in der Schule gesehen. Ist dann eben gerade diese verordnete schulische Sexualaufklärung tatsächlich ein effektives Mittel, damit unsere Kinder eine selbstbestimmte, verantwortungsbewusste und angstfreie Sexualität entwickeln können?
  • Das publizierte Ziel der behördlichen Massnahmen besteht in der Unterstützung der Familien in der Sexualerziehung . Das heisst für mich, dass zwingend geklärt werden muss, welche Massnahmen ergriffen und wie staatlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden können, damit eben Eltern ermutigt und gefördert werden, um genau diese Verantwortlichkeit und Kompetenz und die entsprechende erzieherische Aufgabe wahrzunehmen.
    Weshalb werden stattdessen auf behördlichem Wege Kompetenzen auf staatlicher Seite statt in den Familien aufgebaut und weshalb werden zusätzliche Anforderungen an Lehrpersonen geschaffen, die sich bei anderer Gelegenheit beschweren, dass neben dem ursprünglichen Bildungsauftrag immer mehr erzieherische Aufgaben durch die Schule erfüllt werden müssen und das Leistungsportfolio der Lehrpersonen übermässig strapaziert sei?
  • Aus gesellschaftlichem Interesse heraus müssen wir dringend über ein nachhaltiges und breit abgestütztes „Eltern-Kompetenzsteigerungs-Programm“ sprechen.
    Lehrpersonen sind keine Ersatz-Eltern, Lehrpersonen sind professionell gebildete und tätige Bildungsfachleute. Die Erziehungskompetenz liegt üblicherweise bei den Eltern, diese Kompetenz soll gezielt und nachhaltig bei den Eltern gefördert werden.
  • In dieser ganzen Thematik muss der Minoritätenschutz berücksichtigt und die Religionsfreiheit für konservative Christen und Muslims und Angehörige weiterer sensibler Religionen gewährleistet sein, denn Aspekte der Sexualität, der partnerschaftlichen Beziehungen und der Familie haben bei diesen eine wichtige integrale religiöse Bedeutung.
    Ob wohl der Riehener Unternehmensberater Johannes Czwalina zukünftig wieder Bussgelder für Muslimfamilien bezahlen wird? Dieses Mal nicht nur, weil diese sich weigern, ihre Töchter in den Schwimmunterricht zu schicken, sondern weil sie sich weigern werden, ihre Töchter in den Frühaufklärungsunterricht zu schicken? Und wird er dieses Mal auch für fromme Christen bezahlen?
  • Es ist wissenschaftlich und ideologisch neutral abzuklären, was Frühsexualaufklärung bewirkt bzw. was die tatsächlichen Folgen der Unterlassung sein würden.
    Welches sind denn nun die wissenschaftlich und empirisch erhärteten Fakten zur Einführung dieser Massnahmen und zur Wirksamkeit dieser Massnahmen? Die eingangs formulierten Diskrepanzen zwischen weit verbreiteten Meinungen und empirisch nachweisbaren Fakten zeigen erheblichen Zweifeln an beiden Lagern auf – und lassen den Verdacht aufkommen, dass in beiden Lagern Meinungen und Ideologien eine zu grosse Rolle spielen anstelle tatsächlicher Fakten.
    Sexualerziehung soll schweizweit in den Lehrplänen der gesamten Volksschule verankert werden“ ist kein erzieherisches und werteorientiertes Ziel sondern nur eine Massnahme! Deshalb ist es nötig, effektive und nachhaltige Ziele konkret zu definieren, diese nachprüfbar und messbar zu formulieren und entsprechende Zielerreichungskontrollen regelmässig durchzuführen.
  • Die Qualität, Wirksamkeit und Zielerreichung von schulischen und anderen staatlichen Massnahmen muss von unabhängiger Seite wissenschaftlich korrekt überwacht und sichergestellt werden.
    Insbesondere nachdem die aktuelle Studie des Medical Research Council UK derart ernüchternde Resultate zur Wirksamkeit des schulischen Sexualkundeunterrichts aufgezeigt hat, müssen derartige kostenintensive Massnahmen mit einem Übergriff in unsere elterliche Kompetenzen ihre Wirksamkeit und Zielerreichung sicherstellen und nachweisen.
  • Eine klare, direkte und frühzeitige Kommunikation zwischen Eltern und Behörden und Lehrpersonen ist dringend nötig, um das Vertrauen zwischen Eltern, Behörden und Lehrpersonen in Basel wieder herzustellen.
    Es braucht für Eltern gegenwärtig viel Akribie und Recherchierfähigkeit, nachdem sie durch den Sonntagsblick aufgescheucht worden sind, um sich eine Übersicht über die verschiedenen Papiere und Stellungnahmen zu verschaffen. Bei der Analyse der verschiedenen Behördenpapiere und Behördeninterviews gegenüber den Medien entsteht der Eindruck, dass die verschiedenen Behördenstellen und Politiker auf Bundes- und Kantonsebene, aus dem Gesundheits- und Erziehungsbereich, selbst keinen Überblick haben und kein gemeinsames Konzept verfolgen. Dies schafft in mir als betroffenem Vater kein Vertrauen in die Kompetenz beanspruchenden Behörden.

Denn eine Grundanforderung an öffentliche und professionelle Kompetenzträger wäre ja, dass sie sich durch eine einfache und klare Kommunikation ausdrücken können und Angst, Vorurteile und Mythen durch nachgewiesene Fakten abbauen können.

Dr. Andreas M. Walker
Vater von vier Kindern im Alter von 6 bis 16 Jahre
Ehemaliger mehrjähriger Präsident des Elternrates eines Schulhauses in Basel