Archiv der Kategorie: Megatrends

Die Zukunft der akustischen Landschaft Schweiz – eine Analyse von langfristigen Megatrends

Unsere Studie für das Bundesamt für Umwelt ist heute publiziert worden, sie ist via Internet als pdf in Deutsch, Französisch und Englisch verfügbar.

Auftrag

Um Impulse zur Entwicklung der zukünftigen Strategie der Lärmbekämpfung zu liefern, sollen lärmrelevante Zukunftstrends erkannt, beschrieben und mit Hilfe der DPSIR-Methode analysiert werden. Dabei soll einerseits ein langfristiger Zeithorizont gewählt werden, andererseits soll auf die bekannten und in der Fachwelt als wahrscheinlich angenommenen Trends fokussiert werden. (Kapitel 2)

Methodik

Um diese Trends beschreiben und analysieren zu können, soll mit sogenannten Megatrends gearbeitet werden. Megatrends sind langfristige soziale, ökonomische, politische oder technische Veränderungen, die Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Technologie über mehrere Jahrzehnte hinweg strukturell beeinflussen. Dabei gibt es keine verbindliche Definition und keinen abschliessenden Katalog, was Megatrends sind, vielmehr sollen diese aus relevanten Zukunftsstudien abgeleitet werden. (Kapitel 3.5.)

Um bewusst langfristig analysieren zu können, soll der Zeithorizont „2050“ verwendet werden, wobei dies nicht im kalendarischen Sinne gemeint ist. Vielmehr geht es darum, bewusst mit einem Zeithorizont zu arbeiten, der die üblichen politischen und behördlichen Planungs- und Entscheidungs-Zyklen übersteigt. Das Jahr 2050, also ein Zeithorizont von rund 40 Jahren, steht also als symbolischer Zeithorizont für nachhaltiges Planen. Die Chance einer derartig langfristigen Betrachtungsweise besteht darin, dass im Sinne der Früherkennung Veränderungen aufgespürt werden, die heute erst als schwache Signale eingestuft werden. Sie erscheinen somit heute gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich vielleicht noch nicht als relevant, könnten aber zukünftig sehr wohl eine grosse Bedeutung haben – sowohl als Risiko aber auch als Chance. (Kapitel 3.3, 5)

Zur Analyse der langfristigen Megatrends soll das DPSIR-Modell der Europäischen Umweltagentur als eine wichtige Methode zur Arbeit mit Umweltinformationen angewendet werden. Dabei zeigt die vorliegende Studie, dass die vorgegebene DPSIR-Methode an ihre Grenzen stösst, da Megatrends nicht einfach isolierbare „Driver“ mit eindeutiger Wirkungsweise sind, sondern ein komplexes Konglomerat von Treibern, Belastungen, neuen Zuständen, Wirkungen, Nebenwirkungen und Rückkopplungen darstellen, die aufgrund der Randbedingungen dieser Studie nicht tiefer behandelt werden konnten. (Kapitel 3.7, Anhang 1 Kapitel 8.2)

Weitere Methoden zur vertieften Beschäftigung mit möglichen zukünftigen akustischen Landschaften in der Schweiz sind das Arbeiten mit Zukunftsszenarien, das Arbeiten mit Wild Cards bzw. Black Swans, sowie die Modellierung von qualitativen oder quantitativen Prognosemodellen. Auf diese Methoden wurde aufgrund der Randbedingungen dieser Studie verzichtet. Die vorliegenden Erkenntnisse, Beschreibungen der Megatrends sowie Detailanalysen im Anhang stellen aber eine geeignete Grundlage für eine entsprechende Weiterarbeit dar. (Kapitel 3.6)

Megatrends

Aufgrund der Literaturrecherche wurden folgende acht Megatrends ausgewählt (Kapitel 3.5 und 6):

Tabelle 1: Kurze Beschreibung der acht Megatrends

Demografische Entwicklung Bevölkerungswachstum global und in der Schweiz, Migration in die Schweiz hinein, Strukturwandel in der Bevölkerung durch Langlebigkeit und niedrige Geburtenziffer
Technischer Fortschritt Fortschrittsglaube, Technikakzeptanz, Informations- und Kommunikationstechnologie, Digitalisierung, Cyber Space, Miniaturisierung, Datenschutz, Human Enhancement, Nebenwirkungen, Umweltbelastungen, Systemrisiken, Ethik
Globalisierung globale Vernetzung und Mobilität, Migrationsströme, Internationalisierung von Wirtschaft und Politik, Bedeutungszuwachs der supranationalen Organisationen
Verschärfung der ökologischen Situation Verknappung natürlicher Ressourcen, insbesondere fossile Energiequellen, Klima und Witterung, Ökosysteme, Biodiversität, Abfall
Urbanisierung Megacities, Verstädterung, verdichtetes Bauen, Nutzungsdurchmischung, globale Durchmischung der städtischen Kulturen und 24-h-Gesellschaft
Wirtschaftlicher Strukturwandel zur Informationsgesellschaft Weiterentwicklung von III. zum IV. Sektor und Dominanz des quartären Sektors in der Schweiz, Cyber Space, New Work
Komplexitäts-, Vernetzungs- und Mobilitätszunahme inkl. zunehmender Interaktionen und Kommunikation
Wachsende Bedeutung des Lifestyle of Health and Sustainability LOHAS als neuer Leitkultur Langlebigkeit, Wohlstand in der zweiten Lebenshälfte, hohe Sensibilität für persönliche Gesundheitsfragen, für ökologische und sozialethische Anliegen, persönliche Bereitschaft in technische und medizinische Innovationen zu investieren

Thesen als Fazit

Als Fazit der auf den Megatrends aufbauenden DPSI(R) Methode werden elf Thesen formuliert (Kapitel 7 und Anhang 1 Kapitel 8.2 bis 8.5):

T1 „Ruhe“ ist auch zukünftig ein wichtiger Standortfaktor für Wohnen, Wirtschaft und Erholung, aber durch zahlreiche Entwicklungen ist dieser Standortfaktor in unterschiedlicher Weise gefährdet.
T2 „Durch die Zunahme von Interaktion und Mobilität bleibt die Eindämmung und Lenkung von „Mobilitätslärm“ eine zentrale Aufgabe der Lärmpolitik.“
T3 „Der technische Fortschritt wird grosse Erfolge an technischen Lärmquellen ermöglichen – wenn dieser Fortschritt entsprechend gefordert und gefördert wird.“
T4 „Technische Standards werden globalisiert werden.“
T5 „Der gesellschaftliche Konsens über Tageszeiten geht verloren, insbesondere über Mittags- und Nachtruhe sowie Feiertagsruhe.“
T6 „Der gesellschaftliche Konsens über das Verständnis von Lärm und Ruhe geht verloren.“
T7 „Nachbarschaftliche Konflikte aufgrund störender Geräusche werden zunehmen und aggressiver ausgetragen.“
T8 „Der Umgang mit Alltags- und Freizeitlärm wird an Bedeutung für die Lärmpolitik gewinnen. Diese Problematik kann nicht mit den bisherigen, quantitativ orientierten Ansätzen bewältigt werden.“
T9 „Im urbanen Raum wird das Bedürfnis nach Ruhe-Inseln in Fussdistanz zum Arbeitsplatz und zur Wohnung stark ansteigen.“
T10 „Die Akzeptanz von künstlichen Indoor-Lösungen als Erholungs- und Ruheräume wird steigen“
T11 „Umgang mit Lärm wird Bestandteil eines umfassenden Gesundheitsverständnisses werden.“

 

Megatrends mit spezifischer Relevanz für die Zukunft der Sicherheit

Im Rahmen der swissfuture-Studie „Wertewandel Schweiz 2030 – der künftige Wert der Sicherheit“ hat eine Expertengruppe evaluiert, welche Megatrends von besonderer Bedeutung für die Sicherheitsfrage der nächsten Jahre sein werden. Der folgende Text ist aus dieser Studie entnommen, die ich gemeinsam mit Georges T. Roos und Francis Müller im Auftrag von swissfuture und Dank freundlicher Unterstützung des Bereiches Sicherheitspolitik des VBS und des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz verfasst habe:

 

Megatrends mit Sicherheitsrelevanz

Wir gehen in dieser Studie aus methodischen Gründen von der Annahme aus, dass in den nächsten zwanzig Jahren keine „Wild Cards“ eintreffen werden. Der Einfluss potentiell möglicher Wild Cards würde die Szenarien einseitig und sehr spekulativ machen. Wir nehmen also beispielsweise an, dass in Mitteleuropa kein Krieg ausbrechen wird, dass die europäische Gesellschaft nicht durch eine Seuche oder Katastrophe dezimiert wird und dass die EU nicht in nationalistische Einzelstaaten auseinandergebrochen ist. Wir gehen vielmehr davon aus, dass bestimmte Einflussfaktoren den zukünftigen Wertewandel vorantreiben und entwickeln die folgenden sicherheitsrelevanten Megatrends, die in allen vier Szenarien wirksam sein werden – und die wir entsprechend nicht variieren:

Machtverschiebung zu einer multipolaren Weltordnung

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sprach der Soziologe Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ und dem definitiven Siegeszug des euro-amerikanischen Demokratieverständnisses. Wegen des Zerfalls der Blöcke und der aufstrebenden Länder ist die Welt jedoch multipolarer geworden. In Mittelosteuropa sind neue „alte“ souveräne Staaten entstanden, die in ihrer frisch gewonnen Unabhängigkeit gegenüber der EU hadern. Und spätestens mit 09/11 ist die angeblich tot gesagte Geschichte der konfrontativen und gewaltbereiten Machtpolitik zurückgekehrt. Die ökonomische und militärische Vormachtstellung der transatlantischen Staaten wird von Indien, China und Brasilien und anderen „Emerging Markets“ zunehmend in Frage gestellt. Die „E7“ (Indien, Brasilien, Türkei, Mexiko, China, Russland und Indonesien) werden zu den „G7“ aufschliessen. China und Indien – so Pricewaterhouse-Coopers im Bericht „The World in 2050“ – werden den USA den Spitzenrang als wirtschaftlicher Grossmacht streitig machen. Dem ökonomischen Machtkampf folgt der politische und der militärische. Noch fällt ungefähr die Hälfte der globalen Rüstungsausgaben auf die USA. China erhöhte jedoch seine Militärausgaben gemäss dem „Yearbook 2010 Military Expenditure “ des Stockholm International Peace Research Institute im Jahr 2009 um 15%, Indien um 13% und Brasilien um 24%. Die Wachstumsraten sind hoch, der Anteil gegenüber den USA allerdings immer noch moderat. Eine neue Weltordnung wird entstehen.

Zunehmende Bedeutung von Non-State-Actors

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Blütezeit der Nationalstaaten. Heute sind zunehmend nichtstaatliche Akteure im globalpolitischen Geschehen aktiv. Zu den Non-State-Actors gehören beispielsweise globale Unternehmen, Hedge Fonds Managers, nichtstaatliche Organisationen (NGO), Terror-Organisationen, Warlords, Organisationen der organisierten Kriminalität, zivile und kommerziell motivierte Sicherheitsfirmen der inneren und äusseren Sicherheit und Religionsgemeinschaften. Viele möchten ihre Werte globalisieren – seien dies ökonomische Paradigmen oder ideologische Überzeugungen. Non-State-Actors sind nicht an Territorien gebunden und entziehen sich häufig gezielt den nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Zahlreiche dieser Non-State-Actors sind nicht als hierarchische, klar strukturierte Organisationen aufgebaut, sondern funktionieren als Netzwerke, deren Zellen autonom Kompetenzen entwickeln. Neue Kommunikationsmedien verbreiten Inhalte schneller und erhöhen die Anzahl der Empfänger. Non-State-Actors gehen sehr kompetent mit diesen Medien um, dabei sind sie häufiger agiler und effektiver als staatliche Organisationen. Sie gewinnen so breitere Aufmerksamkeit – und je nachdem mehr Unterstützung oder auch Ablehnung.

Wechsel der machtpolitischen Instrumente

Zwischen Nationalstaaten wird immer weniger der klassisch-konventionelle Krieg erklärt, dessen Ziel es ist, Territorien und Hauptstädte zu erobern. Stattdessen kommt es zu erpressungsähnlichen Drohungen von Staaten und grossen Institutionen – auch von Non-State-Actors wie zum Beispiel NGO, die zunehmend den medialen Pranger einsetzen, um eine (sich empörende) Öffentlichkeit zu mobilisieren. Es gibt einen Krieg der Bilder und der Symbole. Viele Konflikte werden ökonomisch ausgetragen. Als Machtmittel dienen Industriespionage, Rechtsauffassungen, Embargos, Rohstoffe, böswillige Transaktionen an den Börsen um dem Wert von Landeswährungen oder Aktien zu schaden und natürlich die Aufmerksamkeitsökonomie. Die Komplexität ökonomischer Systeme und die Abhängigkeit von kritischen Infrastrukturen ist am steigen, wobei gleichzeitig die Vernetzung der kritischen Infrastrukturen zunimmt –und so deren Verletzlichkeit.

Verschärfter globaler Wettbewerb um Ressourcen

Der wirtschaftliche Aufstieg von Schwellenländern und die globale Zunahme an Wohlstand erhöhen den Rohstoff-Bedarf. Der technologische Fortschritt und die zunehmende Substitution von Erdöl als Energieträger durch Elektrizität verlangt nach neuen Rohstoffen, deren Primärproduktion und Lagerstätten geographisch ungleichmässig verteilt sind. Im Jahr 2008 stammten beispielsweise 95% der weltweit hergestellten seltenen Erden, die vor allem in der Hightech-Industrie eine zentrale Rolle spielen, aus China. Der Westen verliert zunehmend seinen Einfluss auf rohstoffreiche Länder. Er steht als ehemaliger Kolonialist in keiner guten Verhandlungsbasis, zumal er im internationalen Handel immer weniger Fragen der Menschenrechte und der Demokratie ausklammern kann. Und wie schon häufig in der Geschichte kommt den ressourcenreichen Staaten ökonomisch und machtpolitisch eine Schlüsselrolle zu (siehe oben: Machtverschiebung).

Wachsende Verletzbarkeit kritischer Infrastrukturen

Moderne Gesellschaften sind auf hochkomplexe, technische Infrastrukturen angewiesen, damit sie funktionieren. Diese Infrastrukturen – etwa Transportsysteme, Pipelines, Elektrizitätsinfrastrukturen und Alarmierungssysteme – sind abhängig von Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Abhängigkeit macht diese Infrastrukturen zu „kritischen“. Die bestehenden Infrastrukturen müssen in Stand gehalten werden, neue müssen gebaut werden. Beides erfordert hohe Investitionen. Durch ihre Komplexität sind sie verletzlich und können durch verschiedene Gefährdungen aus den Bereichen Natur, Technik und Gesellschaft beeinträchtigt werden. Sie können auch durch einen virtuellen Anschlag sehr real gefährdet werden. Innerhalb der vier Szenarien wird die Frage variiert, wer diese Infrastrukturen schützen soll.

Information wird schneller verbreitet und verfügbarer

Die Geschwindigkeit der Verbreitung von Information und der einfache Zugang zu ihr haben nie dagewesene Dimensionen angenommen. Bibliotheken sind Online. Internetplattformen wie Wikileaks veröffentlichen Staats- und Betriebsgeheimnisse. Der Begriff des Privaten und des Öffentlichen werden neu definiert – die Kontrolle der Öffentlichkeit durch staatliche Organe wird erschwert. Das Aufrechterhalten von Privatsphäre und Datenschutz wird zunehmend schwierig. Jeder kann Informationen – und insbesondere auch Gerüchte, gezielte Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über politische oder ökonomische Sachverhalte – in kurzer Zeit weltweit verbreiten und so Börsen oder politische Stimmungen manipulieren. Vieles wird transparent – und bleibt zugleich aufgrund der steigenden Komplexität und Informationsflut intransparent. Dies fördert ein neues Informationsverhalten und neue Partizipationsbedürfnisse der Menschen. Die Informationshoheit gewinnt, wer Informationen rasch analysiert, aufbereitet und breit zugänglich macht. Dank Social Media können sich Smartmobs sehr schnell formieren und politische Machtverhältnisse verändern, was die Ereignisse in der arabischen Welt anfangs 2011 gezeigt haben. Da elektronische Dokumente sehr schnell in unerwünschte Hände gelangen können und sowohl in Text- wie auch in Bildform zunehmend einfach gefälscht werden können, kommt es zu einer Aufwertung persönlicher Beziehungen, um die Glaubwürdigkeit der Absender und der Dokumente tatsächlich verifizieren zu können.

Cyberspace als neuer Tatort und neues Schlachtfeld

Die Internetkriminalität nimmt dramatisch zu – und sie entzieht sich aufgrund ihres virtuellen und extra-territorialen Charakters der nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Raubzüge finden innerhalb virtueller Welten statt – durchgeführt von realen Tätern, die sich im virtuellen Raum verstecken. Gerade weil „nur“ der virtuelle Raum zum Schlachtfeld wird, entsteht gelegentlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Die Wirtschaft wird virtuell angreifbar – und sie muss hohe Beträge tätigen, um die Sicherheit ihrer Produktion, ihrer Mitarbeitenden und ihrer Kunden zu gewährleisten. Insbesondere Kundeninformationen werden zu einer wertvollen Ressource. Die Vernetzung kann systemtheoretisch eine höhere Stabilität bedeuten, aber zugleich auch eine höhere Verletzlichkeit, da sich mehr Angriffspunkte ergeben. Durch hochpräzise und technologisch komplexe Waffensysteme und Wirkmittel, die über Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen untereinander und mit den Führungszentren vernetzt sind, können militärische Streitkräfte agiler und wirkungsvoller geplant werden. Trotzdem benötigt die Mediation von zukünftigen Konflikten immer noch grosse Mannschaftsbestände.

Pandemie und Börsenkrise haben eine Gemeinsamkeit gehabt – sie sind Indikatoren des Megatrends „Globalisierung“

Die Globalisierung ist Realität geworden: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität. Gehen wir der globalen Risikogesellschaft entgegen?

Das Phantom der Schweinegrippe geht um. Es gibt Ängste, Medienrummel, Klarstellungen. Wird in dieser Woche die Schweinegrippe zu einer globalen Pandemie anwachsen, die auch uns in der Schweiz bedrohen wird? In direkter Weise für unsere eigene Gesundheit und in nachhaltiger Weise für unser gesellschaftliches Leben?

Im Jahr 2009 leben wir 90 Jahre nach der Spanischen Grippe, die 1918 bis 1920 wütete – wird die «Mexikanische Grippe» 2009 ebenso als globale Tragödie in die Geschichte eingehen? Oder werden wir bereits im Juni lästern über den Planungs- und Schutzaufwand und ihn nachträglich als unverhältnismässig abqualifizieren?

Im Jahr 2009 leben wir 20 Jahre nach dem Berliner Mauerfall 1989. Damals wussten wir nicht, dass das Ende des Kalten Krieges der Anpfiff zum Siegeszug der Globalisierung und der grenzenlosen Mobilität werden sollte. Das jahrzehntelange Ausbalancieren zwischen Kapitalismus und Kommunismus fand ein Ende. Die neoliberale Marktwirtschaft trat ihren globalen Siegeszug an. Ungebremste Börsengewinne und andauerndes Wirtschaftswachstum waren die Paradigmen. Die Regeln der sozialen Verantwortung der wirtschaftlich Starken für die Schwachen, der Bildung von Reserven als Vorsorge für schlechte Zeiten oder der Schaffung von Redundanzen als Sicherheit für Zeiten der Belastung gerieten vergessen. Im Rausch der neuen Freiheit ahnten wir nicht, dass diese Vergesslichkeit ein neuer Megatrend werden könnte. Erstaunlich, denn 1989 war es erst drei Jahre her seit den Katastrophen von 1986: dem Absturz der US-Raumfähre «Challenger», der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, dem Grossbrand bei Sandoz in Schweizerhalle – die Risikogesellschaft war geboren.

Im Jahr 2009 leben wir zehn Jahre nach 1999, dem Höhepunkt der New Economy – die Regeln der alten Ökonomie waren zu vergessen! Wer damals als Unternehmer seinen Gewinn im Kerngeschäft und nicht an der Börse erzielen wollte, galt als dumm. No risk and a lot of fun war das neue Lebensgefühl. Damals wussten wir nicht, dass bereits im März 2000 die Dotcom-Bubble platzen sollte. Plötzlich zogen Schatten auf, die New Economy entpuppte sich als Irrglaube. 2001 wurden wir als Risikogesellschaft wieder aufgeschreckt: 9/11 in New York, Amoklauf im Parlamentssaal von Zug, Swissair-Grounding, der Grossunfall im Gotthard-Strassentunnel zeigten unsere Verwundbarkeit auch in der Schweiz. Und die Ängstlichkeit der Amerikaner bewirkte in einer Zeit der Globalisierung rigide Kontrollen an den Flughäfen.

Im Jahr 2009 leben wir fünf Jahre nach 2004 – die Wirtschaft erholte sich, die Börsen wurden wieder bullish, die Welle der Globalisierung gewann die Oberhand, nicht mehr Geiz, sondern Konsum war wieder geil.

 

Zwar merkten kritische Geister auf: 2004 der Tsunami im Indischen Ozean, 2005 der Hurrikan «Katrina», seit 2005/06 Meldungen über die asiatische Vogelgrippe, der Uno-Klimabericht 2006 und die explodierenden Ölpreise. Neue Krisen tauchten am Horizont auf, die nur global und gemeinsam gelöst werden konnten – Krisen, die konkrete Vorsorge und Verhaltensänderungen erforderten.

 

Als im Frühsommer 2007 die US-Immobilienkrise ausbrach und schliesslich weltweit die Börsen mitriss, gerieten die Ideale von Globalisierung und Wachstum ins Wanken.

Und spätestens Anfang 2009 wurde klar, dass die Globalisierung zur Falle der modernen Portfolio-Theorie geworden war, eine Diversifikation der finanziellen Risiken war nicht mehr möglich, da alle am selben globalen Markt partizipierten; der Glaube an die selbstheilenden Kräfte der Finanzmärkte entpuppte sich als Irrglaube. Und als überall Staaten einspringen mussten, um die Global Players der Finanzmärkte zu retten, wurde der Ruf nach dem Primat der nationalen Interessen vor dem Gespenst der Globalisierung laut.

 

Doch die Globalisierung ist Realität geworden – für Börsenkurse und für Viren. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus H1N1 durch den Flugverkehr ist ein Musterstück: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität – sie lassen sich in einer freien Welt kaum stoppen.

Dass die WHO so schnell die Warnphasen auf 4 und auf 5 anhob und nun bereits die Deklaration von Phase 6 als Pandemie in wenigen Tagen plant, hat nichts mit der Situation in unseren Schweizer Wohnzimmern zu tun. Aber damit, dass die Globalisierung Realität geworden ist und dass eine Pandemie nur in gemeinsamer globaler Verantwortung bekämpft werden kann.

Unsere nationalen und kantonalen Pandemieplanungen mögen Detailfehler haben, die durch die reale Pandemie korrigiert werden. Doch: Hat unsere Wirtschaft wenigstens für diese Krise vorgesorgt? Oder wird sie übertölpelt wie durch die Börsenkrise? Werden wir nun in dieser Pandemie erleben, dass sich das Paradigma der Maximierung der Rendite durch Verzicht auf Reservebildung und Redundanzen für den Notfall als Irrglaube entpuppen wird? Haben wir etwa wieder etwas vergessen – die Eigenverantwortung für unsere eigene Krisenvorsorge? Ob wir wohl eines Tages nach dem Trend der Vergesslichkeit die Renaissance des Trends der Verantwortlichkeit noch erleben werden?

Sind sich die Zukunftsforscher in der Analyse der Megatrends einig?

Zukunft passiert nicht einfach so – Zukunft ist immer das Resultat menschlicher Entscheidungen und Handlungen. Die Kunst besteht darin zu erkennen, wo die politische und die wirtschaftliche Macht sein wird, welche Hoffnungen und Ängste bestehen. Nicht zuletzt spielt dann noch eine entscheidende Rolle, ob genügend Ressourcen und Ausdauer da sind, Zukunftspläne auch tatsächlich umzusetzen. Die Beschäftigung mit Zukunft ist immer auch eine Willenskundgebung – welche Zukunft wollen wir? Sind wir bereit, unser Verhalten so auszurichten, dass wir tatsächlich in jener Zukunft ankommen oder ignorieren wir einfach die Entwicklungen bis es zu spät ist?

Was ist eigentlich ein Megatrend?

Was ist ein Megatrend?

10304965_916153878399062_4528198907780522501_n1982 wurde der Begriff „Megatrend“ vom US-amerikanischen Futurologen John Naisbitt geprägt.[1] Der studierte Politologe und gebürtige Mormone[2] John Naisbitt, der auch den Begriff „Globalisierung“ bekannt machte, ist einer der bekanntesten Trend- und Zukunftsforscher, beriet die US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, ist Professor an diversen Universitäten und lebt heute in Wien. Er wurde in Mitteleuropa durch seine Bücher Megatrends (1982), Megatrends 2000 (1990) und Megatrend Asia (1996) bekannt.

John Naisbitt definierte ursprünglich: „Megatrends (…are) large social, economic, political, and technological changes (…), they influence us for some time – between seven and ten years, or longer.“

Der Begriff „Megatrend“ ist heute bei Fachleuten, Politikern und in den Medien weit verbreitet.

Megatrends sind langfristig, sie sind nicht schon nach zwei Jahren beendet, sondern sie können über Jahrzehnte Einfluss nehmen. Ein Megatrend beeinflusst unser gesellschaftliches Weltbild, er beeinflusst unsere Werte und unser Denken. Dabei ist es eine spannende und nicht endgültig diskutierte Fragestellung, ob ein Megatrend einen Wert verändern kann oder ob ein Wertewandel einen Megatrend initiiert. Ein Megatrend kann fundamental und grundlegend das Angebot und die Nachfrage einer Ware oder Dienstleistung beeinflussen. Meistens beeinflusst er die politische und wirtschaftliche Stellung ganzer Branchen, Organisationen und Länder. Früher wäre wohl der Begriff einer „Epoche“ verwendet worden, heute zeigt sich aber, dass sich unterschiedliche, teils sogar widersprüchliche Megatrends überlagern können und dass sie in verschiedenen Regionen der Welt und in verschiedenen sozialen Milieus unterschiedlich wirken können.

big modern family

Der Begriff des „Megatrends“ soll sich insbesondere von Modetrends abheben, die keinen tiefergehenden gesellschaftlichen Einfluss haben. Primär im Kleidungs-, Konsum-, Musik- und Freizeitbereich sind sie eigentlich Produkt- oder Branchentrends, die häufig bereits wieder in der nächsten Saison verschwinden und vergessen werden.

 

Beispiele von häufig thematisierten Megatrends

In der Fachwelt und in den Medien werden im Allgemeinen die folgenden Megatrends aufgegriffen:

  • Bildungs-, Informations- und Wissensgesellschaft statt der produzierenden Industriegesellschaft
  • Die BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) gewinnen auf globalem Niveau an politischer und wirtschaftlicher Macht, insbesondere gegenüber den USA und Europa
  • Female shift – Frauen finden eine neue Identität und gewinnen an Bedeutung in der öffentlichen Politik und Wirtschaft
  • Demografische Schere – durch Geburtenkontrolle und aufgrund des steigenden Wohlstandes fällt die Geburtenrate
  • Langlebigkeit und Überalterung
  • Geschwindigkeit in allen Bereichen des Lebens – vom Verkehr über die technische Innovation bis hin zum Kommunikationsverhalten in den Social Networks
  • 24-h-Tag und 7-Tage-Woche, Ruhelosigkeit, dauernde Erreichbarkeit
  • Generationen Y und Z
  • Gesundheit wird insbesondere in Mitteleuropa zum höchsten gesellschaftlichen Wert
  • Globalisierung
  • Neue weltweite Migration ausgelöst durch regionale Krieg aber auch durch die Transparenz der weltweiten sozialen Ungerechtigkeit, für die Bevölkerung Afrikas wird im 21. Jahrhundert eine Vervierfachung erwartet, in gewissen Regionen Chinas und Indiens haben wir einen Männerüberhang von über 20%
  • Digitale Transformation, Digitalisierung, Informationstechnologie, Cyber, Internet
  • Künstliche Intelligenz, Artificial Intelligence, Robotik – smartness
  • 3-D-Printing
  • Klimawandel und Zunahme von extremen Witterungsphänomenen
  • Langlebigkeit: als Silver Ager werden Rentner eine wichtige politische Kraft und ein wichtiges Zielpublikum für die Wirtschaft, gerade auch für die Gesundheits-, Sicherheits-, Konsumgüter- und Freizeitbranche
  • Medialisierung
  • Mobilität
  • Ökologisches Umweltbewusstsein
  • Ressourcenverknappung, insbesondere im Bereich fossiler Brennstoffe, zunehmend aber auch im Bereich der Edelmetalle
  • Shareconomy
  • Vernetzung
  • Verstädterung des Lebensraumes bis hin zu Megacities
  • Virtualisierung durch die Verfügbarkeit und den günstigen Preis des Internets
  • Wertepluralismus und Individualisierung

Mit einigen dieser Megatrends will ich mich in weiteren Blogs vertieft beschäftigen.

Wenig thematisierte Megatrends

Demgegenüber werden wichtige gesellschaftliche Entwicklungen gegenwärtig nur wenig thematisiert, beispielsweise

  • Über 60 Jahre Friede und keine militärische Aggression in Mitteleuropa
  • Zunehmende Komplexität des Lebens, der Bildungsanforderungen und des Weltbildes
  • Ökonomisierung des ganzen Lebens durch den Ansatz des „Homo oeconomicus“
  • Risikogesellschaft, insbesondere seit den Nuklear- und Chemiekatastrophen der 80er Jahre
  • Zunehmender Ruf nach innerer Sicherheit
  • Trennung von Erziehung und Bildung
  • Trennung von Leben und Arbeiten, von Wohnort und Arbeitsort
  • Zunehmender materieller Wohlstand in Mitteleuropa bei einer hohen Verfügbarkeit von Konsumgütern und einer grossen Bedeutung der Freizeit- und Unterhaltungsbranche.

Andere wichtige Veränderungen

Interessanterweise gibt es ebenfalls eine Reihe weiterer Veränderungen, die in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit nur wenig thematisiert werden:

  • Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die bereits als selbstverständlich aufgefasst werden, die aber historisch betrachtet noch sehr jung sind.
  • Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die zwar bereits Fuss gefasst haben, aber in unseren Werten und in unseren Mensch-, Welt- und Gottesbildern noch immer nicht angemessen berücksichtigt werden. Obwohl sie in Wirtschaft und Politik Realität geworden sind, werden sie häufig noch verdrängt.
  • Aktuelle Gegentrends zu Megatrends, bei denen lange nicht klar ist, ob es sich um das erfolgreiche Abwehren eines neuen Trends und das Beibehalten einer alten Ordnung handelt, ob es sich um eine Antwort auf einen Trend und die synthetische Weiterentwicklung zu einem neuen Megatrend oder nur um das kurzfristige Aufbäumen gegen eine Neuerung handelt.
  • Veränderungen, die sich erst andeuten. Die Fachwelt spricht hier von den Methoden des „Horizon Scannings“ und von der Früherkennung bzw. dem „Strategic Foresight“. Wo sind bereits heute erste Anzeichen von neuen Entwicklungen, zu erkennen, häufig noch schwach, erst in einzelnen Regionen oder spezifischen sozialen Milieus, die das Potential haben, die zukünftige Gesellschaft nachhaltig zu prägen?

Doch davon mehr in meinen nächsten Blocks.


[1] NAISBITT JOHN (1982) Megatrends: Ten New Directions Transforming Our Lives, s.a. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,477472,00.html und http://de.wikipedia.org/wiki/John_Naisbitt

[2] NAISBITT JOHN (2006) Mind Set! S.XIII