Archiv der Kategorie: Megatrends

Die Zukunft findet Stadt – Science Fiction oder bald Realität?

Wie werden die Schweizer Städte in der Zukunft aussehen? Entstehen glitzernde Wolkenkratzer und hängende Gärten? Geprägt werden die Städte der Zukunft mit grosser Wahrscheinlichkeit von älteren Menschen und von Frauen. Und es wird sich zeigen, dass die Science-Fiction Filme mit ihren kühnen Visionen nicht immer Unrecht haben.

Landscaper Konrad Tremblay mows the grass during its annual grooming on the roof of the Vancouver Convention Centre in Vancouver

Städte sind seit historischen Zeiten der Brennpunkt menschlichen Zusammenlebens, Wirtschaftens und Politisierens. Dabei gilt das traditionelle bildungsbürgerliche Interesse nicht nur dem Blick zurück auf die grossen Zentren der Antike wie Athen oder Rom, unser christlich-europäischer Kulturraum kennt seit rund 2000 Jahren auch die grosse Sehnsucht nach einer perfekten Zukunftsstadt. Etwa dem himmlischen Jerusalem, das im Gegensatz zu Babylon steht.

Und bereits in diesem alten symbolischen Gegensatzpaar verdeutlicht sich die Spannung zwischen Traum und Alptraum, die sich in den aktuellen Zukunftsbildern in Politik, Fachstudien, Science Fiction, Filmen und Games immer wieder abbildet.

Bereits heute leben in der Schweiz knapp drei Viertel der Bevölkerung in städtischen Gebieten. Weltweit geht die UN davon aus, dass noch in unserer Generation über 70 Prozent der Weltbevölkerung in Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern leben werden. Kein Wunder, dass also gerade die Stadt der Zukunft sowohl fantastische Visionen, wie auch schreckliche Ängste freisetzt. Sie steht als Kombination von menschgeschaffener Infrastruktur und sozialem Zusammenleben für kühne Ideen und grosse Emotionen.

Science Fiction und Zukunftsstudien als Orientierungslinien

Seien es Jules Vernes fantastische Romane aus dem 19. Jahrhundert oder die zahlreichen Science Fiction Filme aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die Stadt der Zukunft wird als Projektionsfläche von Fortschritt verstanden. Dabei wächst sie in alle Richtungen: in die Breite, in die Höhe und in die Tiefe. Die Stadt steht für grossen, menschgewollten Fortschritt. Und mit grossem, technologischem Heilsglauben wird in Science Fiction und Future Studies optimistisch darauf vertraut, dass Fragen von Verkehr, Logistik, Energie und Sicherheit gelöst werden können. Rückblickend ist es in der Tat erstaunlich, wie viele Phänomene und technische Hilfsmittel, die unsere Väter und Grossväter noch in die ferne Zukunft projizierten, nun bereits in unserer Generation Realität geworden sind. Für unsere Kinder werden sie gar eine Selbstverständlichkeit sein. Aktuelle Schlagworte wie digitale Transformation, das Management von Megacities, die Vorstellung einer smart city oder Konzepte wie Industrie 4.0, vertical urban gardening oder urban mining stehen als Codes für diese zweckoptimistische Haltung – kühnste Träume sollen wahr werden, ermöglicht durch innovative Technologien.

Zugleich konkretisieren sich aber auch viele sogenannte «Doom Saying Szenarien», etwa sozial und kulturell bedingte Bürgerkriege innerhalb der Siedlungsräume, Verteilkämpfe um Wasser und Nahrung und neue Umweltkatastrophen. Dies zwar nicht in unseren beschaulichen Schweizer Städten, jedoch aber in asiatischen oder afrikanischen Megacities.

Auch Schweizer Städte denken über die Zukunft nach

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In der Schweiz entwickeln zahlreiche Städte Szenarien und Leitbilder bis ins Jahr 2050, die sich insbesondere um die Herausforderungen Verkehr, Energie und Klimawandel bemühen. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung rief für 2015 das Wissenschaftsjahr zum Thema «Zukunftsstadt» aus. Und auch der Städtetag 2016 des Schweizerischen Städteverbandes fokussiert auf die Zukunft der Stadt und geht dabei Fragen nach, wie die Stadt nicht zum menschenfressenden Moloch wird, sondern weiterhin ein lebenswerter Wohnraum bleibt. Zudem geht es darum zu diskutieren, wie digitale Transformation und künstliche Intelligenz neue Konzepte für das urbane Leben und Arbeiten ermöglichen werden oder wie Innovationen die Mobilität gestalten können.

Verschiedene Aspekte in der städtischen Entwicklung werden noch unterschätzt

Confident driving grandma

Andere Fragen werden dagegen erst zögerlich thematisiert, etwa, was es bedeuten wird, dass angesichts des demografischen Wandels die Stadt der Zukunft keine Stadt der Jungen, sondern eine Stadt der Alten sein könnte. Notabene mit nicht wenigen alleinstehenden Senioren, was auch für die Organisation der Alters-Infrastruktur berücksichtigt werden muss.

Weiter muss politisch berücksichtigt werden, dass Städte als Ballungsräume von Wirtschaft und Bevölkerung politisch wichtiger werden können als ihre territorialen Nationalstaaten. Oder dass Stadtluft nicht mehr frei machen wird, weil aufgrund der wachsenden Angst vor Kriminalität und Unfällen gerade der urbane Raum ein rund um die Uhr überwachter Raum werden könnte. Hierzu tragen nicht zuletzt die grossen technischen Möglichkeiten bei. Last but not least gilt es auch zu diskutieren, wie eine «weibliche Stadt» aussehen wird, denn gerade in den urbanen Generationen Y und Z werden die jungen Frauen und Mädchen ihre männlichen Altersgenossen punkto Bildungsniveau deutlich überrunden.

Die Stadt der Zukunft ist kein zufälliges magisches Schicksal

Auch wenn der alte Traum des himmlischen Jerusalem als perfekte Zukunftsstadt ein religiöses Bild war – Stadtentwickler, Architekten und Zukunftsexperten sind keine Halbgötter, die das optimale Modell der Future City vorgeben werden. Gerade in der Schweiz ist der Gedanke der Partizipation im genetischen Code einer Stadt eingeprägt. Somit wird die Zukunft der Stadt kein vorgegebenes Schicksal, sondern eine Konsequenz von wirtschaftlichen und politischen Entscheiden und den entsprechenden Taten und Untaten der Bevölkerung sein.

Business People Planning Strategy Analysis Office Concept

Ursprünglich publiziert in: http://staedteverband.ch/cmsfiles/focus_4-16_d_1.pdf

Noch 7 Tage – oder die Grenzen der Abzählbarkeit

Noch 7 Tage – Halt! Wo ist denn der 8. Tag geblieben? Vergessen? Ein Fehler? Eine Lücke? Ein Planungsirrtum? Eine Krise? Eine Katastrophe? Ein Black Swan oder eine Wild Card?

Wie so häufig im menschlichen Leben stehen wir bei diesem Phänomen vor einem der grossen Irrtümer der heutigen Zeit, der grossen Irrtümer des heutigen Geschäftslebens, die ungehindert auch im politischen und gesellschaftlichen Leben Einzug gehalten haben: dem Irrtum, das menschliche Leben, insbesondere das Beziehungsleben zwischen Menschen, lasse sich wie ein industrieller Prozess planen, berechnen und minutiös per Countdown steuern.

Auch wenn Heerscharen von Consultants und Wissenschaftlern vielen Unternehmern, Managern und Politikern in den letzten Jahren dies erfolgreich weisgemacht haben: Organisierbarkeit hat ihre Grenzen. Ja, die Verschwendung von Ressourcen soll verbessert werden und auch Arbeitszeit kann als Ressource verstanden werden. Ja, Abläufe können verbessert werden. Ja, Verantwortungsbewusstsein und Rechenschaft im Umgang mit Ressourcen ist sinnvoll. Ja, Kybernetik hat uns viele wichtige Erkenntnisse und Fähigkeiten geliefert.

Aber einer impliziten Meinung trete ich ganz entschieden entgegen: der Mensch ist nicht einfach eine Art altmodischer Roboter aus Fleisch und Blut. Der Mensch ist etwas anderes. Eine Firma, insbesondere eine Dienstleistungsfirma, ist kein Fliessband, das nach den Prinzipien der industriellen Produktion funktionieren soll. Eine menschliche Gemeinschaft ist keine grosse fleischgewordene Maschine. In der aktuellen Wirtschafts- und Sozialpolitik sprechen alle davon, dass die Wirtschaft familientauglicher werden müsse. Aber stimmt das tatsächlich? Steht nicht eher die Absicht dahinter, dass die Familie endlich wirtschaftstauglich wird?

Stehen wir heute in der Wirtschaft und in der Gesellschaft nicht in einer zu einem komplexen Labyrinth verschlossenen Sackgasse? Stehen wir nicht vor einem grossen Clash of Cultures? Den die Generation Y irgendwie spürt und aufgreift – und damit ihre Eltern und Vorgesetzten herausfordert – unsere Generation herausfordert. Eine Herausforderung taucht auf, die unsere Generation in den letzten 20 Jahren viel zu wenig thematisiert und debattiert hat. Angesichts von Megatrends wie „Transhumanismus“, „Human Enhancement„, „Cyber Space“ oder „Artificial Intelligence“ müssen wir dringend wieder unsere Menschen- und Weltbilder diskutieren. Unsere Generation hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten um diese Diskussion gedrückt. So war es möglich, dass viele Ressourcen frei geworden sind, die wir in technischen Fortschritt und ökonomischen Wohlstand investieren konnten. Aber heute stehen wir wieder einmal an einer Schwelle, an der wir über diese Paradigmen diskutieren müssen.

Wir müssen prinzipiell darüber sprechen, was die grossen Unterschiede zwischen Menschen und Maschinen sind. In den letzten zwei Jahrhunderten haben wir gelernt, wie Maschinen und industrielle Prozesse funktionieren und wie diese massiv verbessert werden konnten. In den letzten beiden Generationen haben wir versucht, den Menschen wie eine Maschine arbeiten zu lassen und ihn in diese Prozesse und Abläufe hineinzuzwängen. Heute sollten wir beginnen, unsere „Brain Power“ zu verwenden, um zu klären, welche Aufgaben und Funktionen zukünftig eben gerade der Mensch als Mensch übernehmen soll – und was Maschinen, Roboter und Computer wirklich besser, schneller und billiger können.

All Ihr Neurologen und Gehirnforscher dieser Welt – eigentlich wollen wir genau das von Euch wissen – wo sind die qualitativen Unterschiede zwischen einem Gehirn und einem Computer? Was unterscheidet einen Menschen von einem Roboter, den Ihr mit Artificial Intelligence ausstattet?

All Ihr Ethiker, Theologen, Religions-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler dieser Welt – genau das wollen wir von Euch wissen – was sind die Technologiefolgenabschätzungen der neuen Cyber und Brain Technologien für den Menschen an und für sich?

Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn ist immer Dialektik. Die MINT Technologien investieren Millionen über Millionen an eigenem Kapital und an öffentlichen Fördermitteln in ihre These – wo ist Eure Antithese? Und welche Synthese soll dann unsere Zukunft ermöglichen?

Angesichts von Kreuzzügen, 30-jährigem Krieg und Sonderbundskrieg haben wir religiöse Diskussionen als Tabu erklärt und nur noch im privaten Kreise toleriert. So haben wir viele gesellschaftliche und politische Probleme in den letzten beiden Generationen ausklammern können. Angesichts der Spannung des Kalten Krieges im letzten Jahrhundert haben wir in den letzten 20 Jahren die grossen kontroversen Block-Diskussionen tabuisiert. Angesichts der laufenden Megatrends stehen wir heute in einer neuen Phase, in der wir grundsätzliche Diskussionen über Welt- und Menschenbilder wieder führen müssen. Öffentlich. Kontrovers. Gerade auch im Umfeld von Wirtschaft und Wissenschaft.

In der Wissenschaft und gerade auch in den Studien für die Politik haben wir systematisch daran glauben wollen, dass diese Studien neutral und objektiv seien, aber die Paradigmen von Materialismus und Industrialismus sowie die Konsequenzen des homo oeconomicus liegen diesen Studien einfach unausgesprochen zu Grunde. Dass es eben Paradigmen sind und nicht die Wahrheit. Dass Paradigmen eben Axiome sind – Grundannahmen. Und dass Erkenntnisse und Schlussfolgerungen in diesen Forschungen und Studien eben nicht neutral und objektiv und absolut sind, sondern abhängig von diesen Paradigmen.

Diese Diskussion findet gegenwärtig nicht statt – weil wir einfach glauben, dass Wissenschaft und Studien unabhängig und neutral und objektiv seien.

Dabei weiss jeder Mensch, insbesondere viele Frauen und viele Kinder, dass viele Aspekte des menschlichen Lebens nicht planbar und vermessbar sind. Oder hat Gender Mainstreaming in diesem Aspekt Frauen bereits mit den Männern gleichgeschaltet, weil nun auch Frauen ihre persönlichen Denkfreiheiten geopfert haben und sich den Sachzwängen von Karriere und wirtschaftlichem Erfolg untergeordnet haben, wie Männer dies seit 200 Jahren seit der Frühindustrialisierung systematisch tun?

Diese Diskussion findet gegenwärtig nicht statt – weil wir akzeptiert haben, dass der Mensch ein homo oeconomicus ist, der primär ökonomische Bedürfnisse hat und sich entsprechend auch ökonomisch sinnvoll verhält. Sogar die Wertediskussion hat uns in die Irre geführt, weil auch „Werte“ letztlich einem ökonomischen Konzept entstammen. Übrigens eine Diskussion, die wir mit dieser Begrifflichkeit in dieser Art vor einer Generation noch gar nicht geführt haben. So sind wir heute selbstverständlich bereit, menschliche und gesellschaftliche Werte volkswirtschaftlich zu berechnen und zu vergleichen – in Franken, Euro und Dollars. Und so werden wir wohl auch zum Schluss kommen, dass Roboter aus betriebswirtschaftlicher Sicht mehr wert sein werden als arbeitende Menschen.

Wo ist denn nun die grosse Wertediskussion geblieben, die unsere Bundesräte, die das World Economic Forum nach der grossen Banken- und Börsenkrise 2007/2008 so dringend gefordert haben?

Wie bemerkte doch mein Futurologen-Kollege Gerd Leonhard im ZeitSicht Talk von heute Morgen in der Stadtbibliothek Basel so treffend? Zwei „Gläubigkeiten“ seien wieder radikal am ansteigen: Die Finanzgläubigkeit und die Technikgläubigkeit.

Angesichts von Cyber Space und Artificial Intelligence müssen wir diese Diskussion von neuem führen: Ist ein Human Engineering des menschlichen Lebens wirklich möglich und gut für die Persönlichkeit des Menschen? Ist ein Social Engineering wirklich möglich und gut für menschliche Gemeinschaften?

Nicht etwa weil wir Angst vor Veränderungen haben, Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Oder wie Peter Zadek zu Recht kritisierte: „Mich nerven Leute, die aus Angst stehengeblieben sind, obwohl sich die Welt um sie herum längst verändert hat.“ Aber weil wir Verantwortung wahrnehmen wollen und weil wir frei entscheiden wollen. Denn Innovation und Veränderungen sind kein Selbstzweck, wir wollen nicht, dass die Zukunft der menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wesens aufgrund technischer und ökonomischer Sachzwänge entschieden wird. Nein, es geht nicht darum, dass hier ein konservativer Zukunftsforscher selbst Angst vor der Zukunft hat, sondern darum, worauf bereits der liberale Aufklärer Jean-Jacques Rousseau hingewiesen hat: „Bevor man daran denkt, einen eingeführten Brauch zu zerstören, muss man ihn wohl abwägen gegen die Bräuche, die an seine Stelle treten werden.“

Technologie verändert die Gesellschaft

Technologische Innovationen sind in aller Munde – in jeder Schlagzeile, auf jeder Geschäftsagenda, in jedem Portfolio eines Bankkunden. Innovation scheint das Blut zu sein, das unsere Welt am Leben hält. Die swissfuture Wertewandel-Studie (2004) zeigte, dass es drei Typen von Menschen gibt: 33% zeigen sich ausgesprochen offen für technische Innovationen, 25 % lehnen diese ab – und 42 % haben sich noch nicht entschieden. Erstere sind bereit, sich stetig zu wandeln, und bejahen Veränderungen wie auch Entwicklungen. Das Neue empfinden sie als einen unwiderstehlichen Reiz. Demgegenüber strebt der zwanghafte Mensch das Dauerhafte an. Er möchte sich häuslich niederlassen und die Zukunft verlässlich planen.

Technischer Fortschritt resultierte nicht selten aus der Erfahrung von Knappheit und der Konfrontation mit Begrenztheit. Dabei ist in unserer Gesellschaft im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten die Bereitschaft gross, diese Grenzen nicht einfach mit Verzicht und Selbstbegrenzung zu akzeptieren, sondern sie zu überwinden – mit persönlichem Engagement, mit staatlicher Förderung, mit privaten Investitionen. Die Menschheit ist lernfähig und in der Lage, auf neue Herausforderungen mit neuen Lösungsansätzen zu reagieren. Schon manche Prognose hat sich deshalb nicht bestätigt, weil neue Lösungen gefunden wurden.

So erhoffen wir uns Fortschritte insbesondere im Bereich der Medizin, der Nutzung von Energie und der immer knapper werdenden Ressourcen. Das Haus der Zukunft wird Wärme, Licht und Kommunikation optimieren: Leistung steht zeitlich und räumlich exakt dort zur Verfügung, wo sie konkret benötigt wird. Nur mit der Zukunft der selbstkochenden Küche und des selbsteinkaufenden Kühlschranks ist das so eine Sache, weil beides etwas Emotionales und Persönliches charakterisiert. Und die Zeichnungen von fliegenden Autos gehören wohl auch im 21. Jahrhundert noch in den Bereich Science-Fiction. Jedoch werden der Verkehrsdruck, die steigenden Benzinpreise und das gewandelte Frauenrollenbild dazu führen, dass der Cyber-Home-Arbeiter eine Renaissance erleben wird. Denn die Informations- und Kommunikationstechnologie hat sich de facto zu einer erschwinglichen und greifbaren Grösse entwickelt und die effektive Präsenz des Arbeitnehmers an seinem Platz in der «Fabrik» ist nur noch zu Meetings nötig.

Angst und Sorgen sind grosse Triebfedern der Menschheit auf der Suche nach technischem Fortschritt. Doch das jährliche Hoffnungsbarometer von swissfuture zeigt, dass auch Hoffnung einen wichtigen Aspekt darstellt: Hoffnung, dass Lösungen gefunden werden und Fortschritt möglich ist. Hierbei geht es weder um einen blinden Optimismus im Hinblick auf ein positives Schicksal noch um eine naive Zuversicht, dass übergeordnete Kräfte wie der Staat zu Hilfe eilen. Das Schweizer Verständnis von Hoffnung hängt eng mit Eigenverantwortung und persönlichem Engagement zusammen.

 

Original erschienen in: Deutsche Asset & Wealth Management, 2014/02, S. 9

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R wie Ressourcen

Ressourcen: ein technisch anmutendes Fachwort, doch es steht für die verschiedensten Voraussetzungen zum Leben.

So bezieht sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs auch auf die Erschliessung von Quellen. Und Fortschritt ging immer einher mit der Erschliessung neuer Quellen. Oder mit der effizienteren und effektiveren Nutzung von Quellen.

Technischer Fortschritt resultierte nicht selten aus der Erfahrung von Knappheit und der Konfrontation mit Begrenztheit und der Bereitschaft, diesen Grenzen nicht einfach mit Verzicht und Selbstbegrenzung zu begegnen, sondern diese Grenzen zu überwinden. Denn sowohl die persönliche Biografie eines Menschen als auch die historische Geschichte der menschlichen Gesellschaft bestehen aus Grenzerfahrungen und der Frage, wie der Mensch mit diesen Grenzen umgeht.

Die Menschheit ist lernfähig und in der Lage, auf neue Herausforderungen mit neuen Lösungsansätzen zu reagieren. Darum ist schon manche Prognose nicht eingetroffen, weil neue Lösungen gefunden wurden. Und so wird die kommende Generation Mittel und Wege finden müssen, da noch nie so viele Menschen dieselben Ressourcen begehrt haben.

Noch nie ist eine Gesellschaft so selbstverständlich wie heute davon ausgegangen, rund um die Uhr und billig über Ressourcen verfügen zu können. Verzicht ist aktuell keine gesellschaftlich akzeptierte Option. Deshalb bestehen grosse Anstrengungen, immer neue Mittel und Wege zu suchen, um über knappe Ressourcen zu bestimmen.

Im Laufe der Geschichte kamen und gingen Weltmächte. Auf dem Höhepunkt eines schier grenzenlosen Wohlstands entglitt ihnen meistens die Bereitschaft, sich mit Herausforderungen auseinanderzusetzen. Stattdessen fielen sie in die Dekadenz und wurden von aufstrebenden Mächten überrollt. So thematisiert Europa seit einer Generation die Angst vor dem Islam und vor Asien. Übrigens nicht das erste Mal in der Weltgeschichte.

China bringt sich strategisch in Position, um künftige Ressourcen kontrollieren zu können. Durch direkte Positionierung in afrikanischen Ländern, die über Rohstoffe verfügen, welche Voraussetzungen für Spitzentechnologie sind. Durch die Investition in Verkehrs- und Infrastrukturanlagen, mittlerweile auch schon in Afrika. Durch den systematischen Aufkauf von Patenten aus den Bereichen der Umwelttechniken und Alternativenergien.

In der Schweiz ist uns seit Jahrhunderten bewusst, dass wir über keine Bodenschätze als Ressourcen verfügen. Und dass wir zu wenig militärische Macht haben, um fremde Bodenschätze mit Gewalt zu erobern. Deshalb war es immer typisch schweizerisch und wird es typisch schweizerisch sein, sich in der Schweiz spezifische Kompetenzen zu erwerben: im Umgang mit nachwachsenden Ressourcen der Natur, im Handel und Transport von Ressourcen unter schwierigen Umständen, in der Entwicklung von Beziehungen und von menschlichen Fähigkeiten als humanen Ressourcen.

Q wie Quorn

S wie Sustainability (folgt demnächst)

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Q wie Quorn

Hunger ist seit Menschengedenken eines der grössten Probleme der Menschheit.

Die UNO schätzt, dass heute über 800 Millionen Menschen hungern. Quorn steht stellvertretend für industriell hergestellte Nahrungsmittel. Es ist ein proteinreiches und cholesterinarmes Gemisch aus Schimmelpilzmyzel, das mit Vitaminen und Mineralien angereichert und zu vegetarischem Fleischersatz verarbeitet wird.

Schweizer stellen hohe Ansprüche an Nahrungsmittel. Gesund müssen sie sein, natürlich, ästhetisch gefällig und typisch schweizerisch. Oder vielleicht so exotisch, wie wir uns unseren Urlaub vorstellen.

Offensichtlich ist der Mensch keine biologische Maschine, die Essen rein funktionell als Aufnahme von Treibstoff versteht. Essen besitzt eine wichtige kulturelle und soziale Bedeutung, ja manchmal sogar eine religiöse Komponente. Gemeinsames Jagen oder Ernten, gemeinsames Kochen und Essen haben eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung – und eine nostalgische Note. «Das schmeckt wie beim Grosi» ist wohl eine der höchsten kulinarischen Auszeichnungen in der Schweiz.

Trotzdem hat in unserer Generation Fast Food einen wichtigen Platz in der Ernährung eingenommen, solange es so aussieht, riecht und schmeckt, wie wir uns Essen vorstellen. Astronautennahrung hat einen schwierigen Stand ausserhalb der Raumkapsel und jenseits von Kindergeburtstagsfesten. Doch verschiedene Entwicklungen werden unsere Essgewohnheiten weiter beeinflussen. Zwar legen LOHAS grossen Wert auf natürliches, gesundes und authentisches Essen. Eine klare regionale Identifizierung, die die Exklusivität einer Speise unterstreicht und ihr beinahe kunsthandwerkliche Qualität verleiht, steigert den Liebhaberpreis durchaus.

Doch Nahrung als Ressource ist global zu wichtig, als dass sie sich hinfort an unseren traditionalistischen Vorstellungen orientieren könnte. Oder wenn wir aus Gründen der globalen sozialen Gerechtigkeit beginnen werden, ganzheitliche Verkehrs-, Energie-, CO2- und Ressourcenbilanzen für den Herstellungsprozess unserer Nahrungsmittel auszurechnen – so, wie dies heute in den Schulen bereits thematisiert wird. Demnach ist zu erwarten, dass auch bei der Nahrung die Akzeptanz gegenüber neuen Materialien und Gemischen aufgrund sowohl ethischer Verantwortung als auch finanzieller Knappheit weiter zunehmen wird – gegenüber Fleisch- und Fischresten, die wir heute an Tiere verfüttern, oder gegenüber Insekten, die schon heute in Asien und Afrika gegessen werden. Was durchaus traditionell wäre, denn einst hat in Europa die breite Bevölkerung Brei und Eintopf gegessen. Hauptsache, das Essen wird weiterhin so aussehen, riechen und schmecken, wie wir das heute von Essen erwarten – mindestens als Hamburger, Fischstäbchen oder Dosenravioli.

P wie Patente

R wie Ressourcen

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N wie Nanotechnologie

Nanotechnologie ist eines der Trendworte für Fortschritt. Für technischen Fortschritt. Für kontrovers und emotional diskutierten technischen Fortschritt.

Fortschritte in Materialtechnologie sind einer der grossen Treiber des Fortschritts in unserer Gesellschaft. Sie haben uns entscheidende Vorteile in Sicherheit und Bequemlichkeit gebracht. Doch Fortschritt bedeutet immer auch Veränderung und Konfrontation mit Neuem. Und Fortschritt bedeutet auch weg von der Natur und hin zu einer Kultur.

Ausgehend vom Gedanken, dass in Tat und Wahrheit niemand wirklich «zurück zur Natur» will. Zur Erholung in die ruhige, blühende und schmetterlingsschwangere Umwelt schon – aber wirklich zurück zur Natur? Also quasi in die Steinzeit, als wir noch Kleider aus Pelz trugen, Feuer aus Steinen schlugen und Kannibalismus noch kein Tabu, sondern Ausdruck der damaligen Werthaltung war.

Klar, so extrem denkt das natürlich niemand. Aber im Prinzip geht es eben doch um die Angst vor Neuem, vor Unnatürlichem, vor Menschgemachtem, dessen Risiken und Auswirkungen wir noch nicht aus Jahrzehnten eigener Erfahrung abschätzen können.

Ein wichtiger Aspekt des technischen Fortschritts ist die Verkleinerung – bis hin zur Unsichtbarkeit. Denn «nãnos» steht für «Zwerg». Ein Nanometer entspricht einem Milliardstel Meter und ist folglich ungefähr 2 000-mal dünner als ein Haar. Aufgrund dieser Winzigkeit weisen künstlich hergestellte Nanomaterialien neue Eigenschaften und Funktionen auf. Und da die menschliche Gesellschaft keinerlei Erfahrung mit solchen «Kleinigkeiten» hat, ist das eigentlich unvorstellbar. Kann es wirklich sein, dass diese neuartigen synthetischen Materialien für Mensch und Umwelt unbedenklich sind? Die Fortschritte in der Nanotechnologie eröffnen ungeahnte neue Möglichkeiten, gerade in den Bereichen Medizin, Ernährung, Abfall und Umwelt.

Beinahe zu schön, um wahr zu sein, denn solche risikolosen Wunder erhoffte sich die Generation unserer Grosseltern auch schon von der Nukleartechnologie. Angst vor neuen Technologien, die die Welt und die Gesellschaft verändern könnten, begegnen wir am besten mit öffentlichen Diskussionen zwischen Wissenschaft, Industrie und Gesellschaft.

M wie Migration

O wie Orakel (folgt demnächst)

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