Archiv der Kategorie: Zukunftsverantwortung

Zehn Zukunftsfragen an Andreas Walker

The future is yours!

gestellt von Raffael Schuppisser von der Schweiz am Sonntag am 24. Juli 2016

Wie sieht Ihr Job in zehn Jahren aus?

Wir müssen die knappere Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen, um mit ihnen über Zukunft zu reden. Hoffentlich werden wir dabei in der Schweiz wagemutiger die Zukunft gestalten und nicht nur ängstlich die Gegenwart verteidigen.

Welches Problem werden wir in zehn Jahren gelöst haben?

Dank neuen Automotoren wird der Verkehrslärm massiv zurückgehen. Die nächste Generation wird verkehrsruhige Städte erleben.

Auf welche Erfindung in der Zukunft freuen Sie sich am meisten?

Auf die Erfindung, die weltweit billiges Trinkwasser für alle ermöglichen wird.

Was sollen Ihre Kinder lernen, um für die Zukunft gerüstet zu sein?

Selber denken und Probleme lösen. Sie sollten sowohl mit verschiedensten Menschen als auch souverän mit Maschinen zusammenleben können und die Qualität und Glaubwürdigkeit von Informationsquellen beurteilen können.

Was wird die grösste Herausforderung der kommenden Generation?

Der technische Fortschritt erlaubt uns, die Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine neu zu definieren. In Ethik, Humanwissenschaften und Religion sind wir dringend gefordert, unser Menschen- und Weltbild neu zu diskutieren und die Konsequenzen für Wirtschaft und Politik zu klären.

Wenn Sie eine Zeitreise unternehmen könnten, wohin sollte es gehen?

Ich lebe gerne heute und hier, um Grundlagen für die Zukunft zu legen.

Wie alt möchten Sie werden?

Mindestens so alt, dass ich erleben darf, dass meine Kinder ihr eigenes Leben meistern und selbst gute Eltern geworden sind.

Wann werden Menschen unsterblich werden?

Trotz medizinischem Fortschritt werden die meisten von uns kaum länger als 100 Jahre in diesem Körper auf dieser Erde leben. Aber in Europa werden wir es erleben, dass die meisten rund 100 Jahre alt werden.

Welche Fähigkeit werden Ihre Enkel leider nicht mehr haben, die Sie jetzt noch haben?

Als alter OL-Läufer und Geographiestudent war ich begeisterter Kartenleser – das GPS nimmt uns dies heute schon ab.

Haben Sie mehr Angst vor Robotern oder Ausserirdischen?

Ich habe Angst vor Menschen, die Roboter als Waffen oder als Menschenersatz weiterentwickeln und einsetzen wollen.

Hier geht’s zum definitiven Interview der Zeitung:

Zukunftsfragen an Andreas Walker in der Schweiz am Sonntag vom 24. Juli 2016

 

Und hier geht es weiter mit den ursprünglichen achtzehn Fragen:

Wie sieht Ihr Job in zehn Jahren aus?

Die richtigen Veränderungen noch schneller erkennen, noch mehr Informationen beurteilen und die immer knappere Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen, um mit ihnen über Zukunft zu reden, wird entscheidend sein. Hoffentlich werden wir dabei in der Schweiz wagemutiger die Zukunft gestalten und nicht nur ängstlich die Gegenwart verteidigen.

Welches Problem werden wir in zehn Jahren gelöst haben?

Die neuen Automotoren helfen uns, so dass der Verkehrslärm massiv zurückgehen könnte. Die mittelalterlichen Städte stanken, im 19. und 20. Jahrhundert war Kohlestaub ein Riesenproblem, die nächste Generation wird verkehrsruhige Städte erleben können. Aber dazu braucht es vielleicht auch noch 20 Jahre.

Auf welche Erfindung in der Zukunft freuen Sie sich am meisten?

Auf die Erfindung, die weltweit billiges Trinkwasser für alle ermöglichen wird.

Was sollen Ihre Kinder lernen, um für die Zukunft gerüstet zu sein?

Selber denken und Probleme lösen, sowohl mit verschiedensten Menschen als auch souverän mit Maschinen zusammenleben, die Qualität und Glaubwürdigkeit von Informationsquellen beurteilen können.

Was wird die grösste Herausforderung der kommenden Generation?

Der technische Fortschritt erlaubt uns, die Schnittstelle und Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine neu zu definieren – in Ethik, Humanwissenschaften und Religion sind wir dringend gefordert, unser Menschen- und Weltbild neu zu diskutieren und die Konsequenzen für Wirtschaft und Politik zu klären.

Wenn Sie eine Zeitreise unternehmen könnten, wohin sollte es gehen (und warum)?

Ich würde gerne in die gute alte Zeit reisen – bloss wüsste ich nicht, in welchem Jahr diese stattgefunden hat. Spass beiseite, ich lebe gerne heute und hier, um Grundlagen für die Zukunft zu legen.

Werden Sie in 10 Jahren noch ein Handy haben?

Hier erwarte ich weitere grosse Fortschritte – Tools, die kleiner, vielseitiger, stärker meinen Bedürfnissen und meinem Körper angepasst sein werden.

Wie alt möchten Sie werden?

Mindestens so alt, dass ich erleben darf, dass meine Kinder ihr eigenes Leben meistern und selbst gute Eltern geworden sind.

Wann werden Menschen unsterblich werden?

Die grossen Religionen glauben schon seit langem an die Unsterblichkeit der Seele – aber trotz weiterem medizinischen Fortschritt werden die meisten von uns wohl kaum länger als 100 Jahre in diesem Körper auf dieser Erde leben. Aber in Europa werden wir es erleben, dass die meisten rund 100 Jahre alt werden.

Wann werden Computer intelligenter sein als wir Menschen?

Im Speichern und Abrufen von Informationen sowie im Erkennen und Zuordnen bekannter Muster sind sie das heute schon. Aber die Qualität neue Probleme zu erkennen und sinnvolle neue Lösungen zu erdenken und ethische Entscheide zu fällen sind und bleiben Kernaufgaben des Menschen.

Welche Fähigkeit werden Ihre Enkel leider nicht mehr haben, die Sie jetzt noch haben?

Als alter OL-Läufer und Geographiestudent war ich begeisterter Kartenleser – das GPS nimmt uns dies heute schon ab.

Sollen Primarschüler eine zweite Fremdsprache oder eine Programmiersprache lernen?

Ich wäre schon froh, wenn sie in der Hauptsprache ihres Wohnortes emotional und sozial kompetent wären. In der Zukunft werden wir alle drei brauchen – den kompetenten Umgang mit Menschen in der Nähe und der Ferne und mit Maschinen.

Wenn Sie mal pflegebedürftig sein sollten, würden Sie sich dann von einem Roboter pflegen lassen?

Wo liegt die Grenze zwischen einer medizintechnischen Reparatur und einer Heilung? Für mich ist der Mensch mehr als eine biologische Maschine. Auch wenn Maschinen noch viel präsenter werden als heute, ist und bleibt der Mensch ein soziales und emotionales Wesen. Für ein glückliches und sinnvolles Leben brauchen wird das Miteinander mit anderen Menschen.

Werden wir in 30 Jahren noch Fleisch von Tieren essen?

Ja, aber die Fragen nach gesundem Essen, nach Verwertung von Speiseresten und die Akzeptanz von Insekten werden unseren Alltags-Speiseplan stark beeinflussen. Wir werden stärker unterscheiden zwischen gesunder biologischer Verpflegung, die uns satt und fit macht, und gemeinsamem Essen als sozialem und kulturellem Event.

Wird die Anzahl psychisch Kranker in den nächsten zehn Jahren zunehmen?

Fortschrittsverlierer finden emotional und sozial immer weniger Möglichkeiten, um ihr Leben sinnvoll zu bewältigen und werden deshalb krank. Insbesondere Männer leiden unter dem Zerfall der traditionellen Männerbilder und Männerrollen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Haben Sie mehr Angst vor Robotern oder Ausserirdischen?

Ich glaube nicht an Ausserirdische – aber ich habe Angst vor Menschen, die Roboter als Waffen oder als Menschenersatz weiterentwickeln und einsetzen wollen.

Wann werden in der Schweiz mehr als 50 Prozent Ausländer leben?

Nie – denn dann wird es keine Ausländer mehr geben. Das Konzept des Nationalstaates stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird im 21. Jahrhundert in beide Richtungen stark strapaziert werden. Mich interessiert, was wir zukünftig unter „Heimat“, „Familie“ und „Gesellschaft“ verstehen.

Wird der Mensch in Zukunft eher besser oder schlechter sein?

Der Mensch wird immer weniger Vorwände haben, um sich hinter einem Schicksal, hinter Nichtwissen oder Falschinformationen verstecken zu können. Die Zunahme von Freiheiten, Möglichkeiten und selbst verfügbarer Zeit werden grosse Anforderungen an die persönliche und gesellschaftliche Verantwortung stellen, so dass es immer schwieriger wird, ein sprichwörtlich reines Gewissen zu haben.

Digital Immigrant meets Digital Natives

Mein Referat an der ZKM 2014 ist vollständig online: ab 1:16:40

https://www.youtube.com/watch?v=cyS_f3a9PwU&feature=share

Achtung – Der Bildschirm mit den Powerpoint-Folien ist immer eine Folie voraus 🙂

Noch 5 Tage – The Final Countdown – die Apokalypse scheint unausweichlich

Überraschenderweise existiert in unserer Gesellschaft die weit verbreitete Meinung, dass unsere guten Tage – als die 70 fetten und friedlichen Jahre der Geschichtsschreibung im westlichen Europa und Amerika seit dem 2. Weltkrieg – ein baldiges Ende haben werden. Danach folgen aber nicht in saisonalem Sinne 70 magere Jahre, sondern danach ist aus. Fertig. Schluss. Der Stecker wird gezogen.

Wobei dies bitte die fetten 100 Jahre sein mögen, so dass ich dann das „Danach“ gerade nicht mehr erleben werde.

Oh weh! Weltuntergangsszenarien sind überall zu erkennen, die Zeichen an der Wand sind geschrieben. Propheten sind viele. Der Doom Sayer ist der Vertreter in unserer Zunft der Zukunftsforscher, der die grösste mediale Plattform und die höchsten Honorare als Key Note Speaker erhält. Die Module „Risiko“, „Krise“ und „Katastrophe“ sind entscheidende Module in vielen politischen Programmen und Businessmodellen geworden. Oh Verzeihung, ich meine natürlich die entsprechende Warnung und Vorsorge.

Selten sind Menschen so kreativ und emotional wie in der Beschäftigung mit angsttreibenden Zukünften, die selbstverständlich als sehr vernünftig gelten. Sei es bei der Beschreibung sehr langsamer Prozesse, die über Jahrzehnte hinwegschleichen oder bei einem plötzlichen Tag X:

  • Unser liberales Bildungsbürgertum in Europa pflanzt sich freiwillig nicht mehr fort. Unsere Frauen und Töchter beenden per Fristenlösung ungeborenes Leben in ihrem Mutterleibe, bevor dieses überhaupt erst geboren hat. Und unsere Eltern werden demnächst per „Exit“ frühzeitig den selbstbestimmten Freitod im Alter wählen, sei dies aus Angst vor Altersarmut, vor Alterseinsamkeit, vor Altersverblödung (die neuen Demenz-Prognosen der WHO lassen grüssen) oder vor dem Schmerz und den Leiden von Alterskrankheiten.
  • Stattdessen werden sich fundamentalistische Moslems, orthodoxe Juden, romgetreue Katholiken und freikirchliche Evangelikale ungehindert und schamlos wie die Karnickel vermehren, da sie sich weigern, ihre Kinder in den staatlichen Sexualkundeunterricht zu schicken, und so werden sie die ganzen Errungenschaften von Liberalismus und technischem Fortschritt zu Nichte machen. Das moderne Europa wird den nächsten Kreuzzug also nicht vor Jerusalem sondern in den Gebärkliniken verlieren.
  • Da die Chinesen als einzige Nation wirklich eine langfristige und strategische Zukunftsplanung verfolgen, kaufen sie weltweit die Abbaustätten der knappen Edelmetalle und die privatisierte kritische Infrastruktur auf, so dass die gelbe Gefahr die USA und Europa nach über hundert Jahren doch noch in die Knie zwingen wird. Wie erklärte mir kürzlich ein chinesischer Professor? Der Boxeraufstand und das 20. Jahrhundert seien Anomalien der Geschichte gewesen – in Vergangenheit und Zukunft sei China Weltmacht Nummer 1.
  • Das System der Altersvorsorge und der Sozialversicherungssysteme wird versagen, da unsere Eltern heute überreichlich in Wohlstand und Sicherheit leben, so dass unsere Kinder eine Zukunft in Verschuldung und Armut und neuen Formen der Lohnsklaverei verbringen werden.
  • Finanzmärkte und liberale Wirtschaftsordnung werden versagen. Der Double Dip nach der Börsenkrise 2007/2008 ist immer noch ausstehend.
  • Der Klimawandel wird einem zivilisierten Leben auf Erden definitiv ein Ende setzen. Aufgrund des Temperaturanstieges wird unser Getreide auf den Äckern verdorren. Beziehungsweise die steigenden Meeresspiegel werden uns überfluten. Beziehungsweise eine neue Eiszeit wird uns unter ihren Gletschern bedecken. Oder war die Reihenfolge anders herum?

Übrigens – wenn sie am 22.12.2012 den Weltuntergang gemäss Mayakalender verpasst haben: Hier wären die alternativen Termine. Sowohl die bereits verpassten als auch die noch ausstehenden.

Eine zweite Sintflut scheint für die Menschheit unausweichlich zu sein, aber da im Weltbild unserer aufgeklärten und materialistischen Kultur und Gesellschaft die Rolle eines gnädigen und sich erbarmenden Gottes aus dem Welttheater heraus gestrichen wurde, kann es auch keinen Regenbogen mehr geben.

Und so kann es im modernen Weltbild auch keine „Apokalypse“ mehr geben, denn dies war ursprünglich auch ein religiöser Begriff. Wobei in unserem bildungsbürgerlichen Europa ja keiner mehr humanistisch gebildet ist und deshalb weder altgriechische Begriffe übersetzen kann noch biblische Konzepte kennt. Denn „Apokalypse“ ist nicht etwa das Wort für „Weltuntergang„, sondern für Enthüllung oder Entschleierung, also für „Offenbarung“. Und so übersehen wir auch gerne die Details in den grossen Weltbildern: Heute glauben wir noch so gerne an den Untergang „der“ Welt (aber bitte erst nach unserem eigenen natürlichen Ableben) und somit an das Verschwinden von menschlichem oder zumindest zivilisiertem Leben. Im Konzept der Apokalypse ging es um das Ende „dieser“ Welt, so dass an deren Ende der Schöpfergott dieser Welt eine neue Welt erschaffen wird, um mit den Menschen erneut darin zu wohnen – also eigentlich ein Paradies 2.0.

Wird sich nun in unserem Weltbild zukünftig die Artificial Intelligence ihren Cyber Space alleine erschaffen, um darin zu wohnen ohne störendes menschliches Leben?

Wollen wir einen solchen Countdown wirklich zählen?

Und ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich als pubertierender Jüngling damals mit meinen Eltern geführt habe. Und sie berichteten mir, wie sie 1965 als junge Eltern mit dem Vorwurf konfrontiert worden seien, wie unverantwortlich es sei, angesichts des Kalten Krieges, also unmittelbar vor dem 3. und somit atomaren und somit endgültigen Weltkrieg, überhaupt noch einen Sohn in die Welt zu setzen.

Und so wie damals die Angst vor dem 3. Weltkrieg ein ernst zu nehmendes Thema war, sind auch heute die skizzierten Schreckensszenarien als Ängste in vielen Köpfen präsent und deshalb durchaus ernst zu nehmen.

Ich bin mittlerweile Vater von vier Kindern.

Noch 7 Tage – oder die Grenzen der Abzählbarkeit

Noch 7 Tage – Halt! Wo ist denn der 8. Tag geblieben? Vergessen? Ein Fehler? Eine Lücke? Ein Planungsirrtum? Eine Krise? Eine Katastrophe? Ein Black Swan oder eine Wild Card?

Wie so häufig im menschlichen Leben stehen wir bei diesem Phänomen vor einem der grossen Irrtümer der heutigen Zeit, der grossen Irrtümer des heutigen Geschäftslebens, die ungehindert auch im politischen und gesellschaftlichen Leben Einzug gehalten haben: dem Irrtum, das menschliche Leben, insbesondere das Beziehungsleben zwischen Menschen, lasse sich wie ein industrieller Prozess planen, berechnen und minutiös per Countdown steuern.

Auch wenn Heerscharen von Consultants und Wissenschaftlern vielen Unternehmern, Managern und Politikern in den letzten Jahren dies erfolgreich weisgemacht haben: Organisierbarkeit hat ihre Grenzen. Ja, die Verschwendung von Ressourcen soll verbessert werden und auch Arbeitszeit kann als Ressource verstanden werden. Ja, Abläufe können verbessert werden. Ja, Verantwortungsbewusstsein und Rechenschaft im Umgang mit Ressourcen ist sinnvoll. Ja, Kybernetik hat uns viele wichtige Erkenntnisse und Fähigkeiten geliefert.

Aber einer impliziten Meinung trete ich ganz entschieden entgegen: der Mensch ist nicht einfach eine Art altmodischer Roboter aus Fleisch und Blut. Der Mensch ist etwas anderes. Eine Firma, insbesondere eine Dienstleistungsfirma, ist kein Fliessband, das nach den Prinzipien der industriellen Produktion funktionieren soll. Eine menschliche Gemeinschaft ist keine grosse fleischgewordene Maschine. In der aktuellen Wirtschafts- und Sozialpolitik sprechen alle davon, dass die Wirtschaft familientauglicher werden müsse. Aber stimmt das tatsächlich? Steht nicht eher die Absicht dahinter, dass die Familie endlich wirtschaftstauglich wird?

Stehen wir heute in der Wirtschaft und in der Gesellschaft nicht in einer zu einem komplexen Labyrinth verschlossenen Sackgasse? Stehen wir nicht vor einem grossen Clash of Cultures? Den die Generation Y irgendwie spürt und aufgreift – und damit ihre Eltern und Vorgesetzten herausfordert – unsere Generation herausfordert. Eine Herausforderung taucht auf, die unsere Generation in den letzten 20 Jahren viel zu wenig thematisiert und debattiert hat. Angesichts von Megatrends wie „Transhumanismus“, „Human Enhancement„, „Cyber Space“ oder „Artificial Intelligence“ müssen wir dringend wieder unsere Menschen- und Weltbilder diskutieren. Unsere Generation hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten um diese Diskussion gedrückt. So war es möglich, dass viele Ressourcen frei geworden sind, die wir in technischen Fortschritt und ökonomischen Wohlstand investieren konnten. Aber heute stehen wir wieder einmal an einer Schwelle, an der wir über diese Paradigmen diskutieren müssen.

Wir müssen prinzipiell darüber sprechen, was die grossen Unterschiede zwischen Menschen und Maschinen sind. In den letzten zwei Jahrhunderten haben wir gelernt, wie Maschinen und industrielle Prozesse funktionieren und wie diese massiv verbessert werden konnten. In den letzten beiden Generationen haben wir versucht, den Menschen wie eine Maschine arbeiten zu lassen und ihn in diese Prozesse und Abläufe hineinzuzwängen. Heute sollten wir beginnen, unsere „Brain Power“ zu verwenden, um zu klären, welche Aufgaben und Funktionen zukünftig eben gerade der Mensch als Mensch übernehmen soll – und was Maschinen, Roboter und Computer wirklich besser, schneller und billiger können.

All Ihr Neurologen und Gehirnforscher dieser Welt – eigentlich wollen wir genau das von Euch wissen – wo sind die qualitativen Unterschiede zwischen einem Gehirn und einem Computer? Was unterscheidet einen Menschen von einem Roboter, den Ihr mit Artificial Intelligence ausstattet?

All Ihr Ethiker, Theologen, Religions-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler dieser Welt – genau das wollen wir von Euch wissen – was sind die Technologiefolgenabschätzungen der neuen Cyber und Brain Technologien für den Menschen an und für sich?

Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn ist immer Dialektik. Die MINT Technologien investieren Millionen über Millionen an eigenem Kapital und an öffentlichen Fördermitteln in ihre These – wo ist Eure Antithese? Und welche Synthese soll dann unsere Zukunft ermöglichen?

Angesichts von Kreuzzügen, 30-jährigem Krieg und Sonderbundskrieg haben wir religiöse Diskussionen als Tabu erklärt und nur noch im privaten Kreise toleriert. So haben wir viele gesellschaftliche und politische Probleme in den letzten beiden Generationen ausklammern können. Angesichts der Spannung des Kalten Krieges im letzten Jahrhundert haben wir in den letzten 20 Jahren die grossen kontroversen Block-Diskussionen tabuisiert. Angesichts der laufenden Megatrends stehen wir heute in einer neuen Phase, in der wir grundsätzliche Diskussionen über Welt- und Menschenbilder wieder führen müssen. Öffentlich. Kontrovers. Gerade auch im Umfeld von Wirtschaft und Wissenschaft.

In der Wissenschaft und gerade auch in den Studien für die Politik haben wir systematisch daran glauben wollen, dass diese Studien neutral und objektiv seien, aber die Paradigmen von Materialismus und Industrialismus sowie die Konsequenzen des homo oeconomicus liegen diesen Studien einfach unausgesprochen zu Grunde. Dass es eben Paradigmen sind und nicht die Wahrheit. Dass Paradigmen eben Axiome sind – Grundannahmen. Und dass Erkenntnisse und Schlussfolgerungen in diesen Forschungen und Studien eben nicht neutral und objektiv und absolut sind, sondern abhängig von diesen Paradigmen.

Diese Diskussion findet gegenwärtig nicht statt – weil wir einfach glauben, dass Wissenschaft und Studien unabhängig und neutral und objektiv seien.

Dabei weiss jeder Mensch, insbesondere viele Frauen und viele Kinder, dass viele Aspekte des menschlichen Lebens nicht planbar und vermessbar sind. Oder hat Gender Mainstreaming in diesem Aspekt Frauen bereits mit den Männern gleichgeschaltet, weil nun auch Frauen ihre persönlichen Denkfreiheiten geopfert haben und sich den Sachzwängen von Karriere und wirtschaftlichem Erfolg untergeordnet haben, wie Männer dies seit 200 Jahren seit der Frühindustrialisierung systematisch tun?

Diese Diskussion findet gegenwärtig nicht statt – weil wir akzeptiert haben, dass der Mensch ein homo oeconomicus ist, der primär ökonomische Bedürfnisse hat und sich entsprechend auch ökonomisch sinnvoll verhält. Sogar die Wertediskussion hat uns in die Irre geführt, weil auch „Werte“ letztlich einem ökonomischen Konzept entstammen. Übrigens eine Diskussion, die wir mit dieser Begrifflichkeit in dieser Art vor einer Generation noch gar nicht geführt haben. So sind wir heute selbstverständlich bereit, menschliche und gesellschaftliche Werte volkswirtschaftlich zu berechnen und zu vergleichen – in Franken, Euro und Dollars. Und so werden wir wohl auch zum Schluss kommen, dass Roboter aus betriebswirtschaftlicher Sicht mehr wert sein werden als arbeitende Menschen.

Wo ist denn nun die grosse Wertediskussion geblieben, die unsere Bundesräte, die das World Economic Forum nach der grossen Banken- und Börsenkrise 2007/2008 so dringend gefordert haben?

Wie bemerkte doch mein Futurologen-Kollege Gerd Leonhard im ZeitSicht Talk von heute Morgen in der Stadtbibliothek Basel so treffend? Zwei „Gläubigkeiten“ seien wieder radikal am ansteigen: Die Finanzgläubigkeit und die Technikgläubigkeit.

Angesichts von Cyber Space und Artificial Intelligence müssen wir diese Diskussion von neuem führen: Ist ein Human Engineering des menschlichen Lebens wirklich möglich und gut für die Persönlichkeit des Menschen? Ist ein Social Engineering wirklich möglich und gut für menschliche Gemeinschaften?

Nicht etwa weil wir Angst vor Veränderungen haben, Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Oder wie Peter Zadek zu Recht kritisierte: „Mich nerven Leute, die aus Angst stehengeblieben sind, obwohl sich die Welt um sie herum längst verändert hat.“ Aber weil wir Verantwortung wahrnehmen wollen und weil wir frei entscheiden wollen. Denn Innovation und Veränderungen sind kein Selbstzweck, wir wollen nicht, dass die Zukunft der menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wesens aufgrund technischer und ökonomischer Sachzwänge entschieden wird. Nein, es geht nicht darum, dass hier ein konservativer Zukunftsforscher selbst Angst vor der Zukunft hat, sondern darum, worauf bereits der liberale Aufklärer Jean-Jacques Rousseau hingewiesen hat: „Bevor man daran denkt, einen eingeführten Brauch zu zerstören, muss man ihn wohl abwägen gegen die Bräuche, die an seine Stelle treten werden.“

Noch 9 Tage – Ein konservativer Zukunftsforscher blickt zurück, um in die Zukunft zu schauen

Noch 9 Tage. Es wird etwas kommen. Wird wirklich etwas anders werden oder bleibt eigentlich doch alles beim Alten? Gerade als Zukunftsexperte bemerke ich immer wieder, wie die Diskussion über Veränderungen spekulativ und spektakulär ist. Die Diskussion über das, was eigentlich gleich bleibt und sich nur in Nuancen ändert, ist für den geschäftlichen oder politischen Erfolg aber mindestens so wichtig.

Nun gut, dass Spannung aufgebaut wird, ist ja ganz nett, aber die youtube-Clips von gestern waren doch ganz schön „Retro“. Wozu soll dieser Blick zurück eigentlich gut sein? Wir leben doch in einer Welt, in der ständig alles anders wird und „Innovation“ ist die Tugend, die Wirtschaft und Wirtschaftspolitik aktuell am häufigsten predigen …

Menschen in Schubladen

Aber wozu die Bezeichnung „konservativer Zukunftsforscher“? Um das Denken bequemer zu machen, denken Menschen gerne in Schubladen. Und je einfacher die Menschen denken wollen, desto weniger Schubladen verwenden sie, die zudem möglichst plakativ beschriftet sein sollen. … Leider denkt aber ein „Weiterdenker“ nicht einfach … „weiterdenken“ bedeutet eben „thinking out of the box“…

Offensichtlich gibt es Journalistinnen, die gerne einfach denken und gerne grosse Schubladen verwenden – weil das angeblich das Publikum so will.

Postmoderne Medienkonsumwelt – wo sind bloss die Werte von Aufklärung und Bildungsbürgertum geblieben? Postmoderne Medienkonsumwelt – was ist bloss aus den Megatrends „Individualismus“ und „Wertepluralismus“ geworden, dass grosse Etiketten auf grossen Schubladen anscheinend so wichtig seien? Aber das Thema Qualitätssicherung im Journalismus ist ein anderes Thema, das ich lieber meinem Freund und Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss überlasse.

Nun denn, diese Journalistin, die gemäss Selbstverständnis der Branche zu den „grössten Talenten“ unter den Nachwuchsjournalisten zählt, beförderte mich vor zwei Jahren in ihrer Reportage zum „konservativen Zukunftsforscher“. Aha.

Ein anderer Journalist kürte mich gar zum „wissenschaftlichen Pendant von Mike Shiva„. Aha.

Voller Neugierde erwarte ich die nächste journalistische Etikette, die mir verpasst werden wird.

Aber wozu beantwortete jene Journalistin ihre Frage: „Wer ist Walker, der Zukunftsexperte? “ eigenwillig mit der Etikette „konservativ“?

Bloss um eine einfache und offensichtliche Spannung zwischen „konservativ“ und „Zukunft“ aufzubauen?

Spurensuche

Also mache ich mich auf Spurensuche in ihrem Porträt über mich:

„… Seine Gäste empfängt er zu Hause. Eine strikte Trennung von Berufsleben und Privatem hält Walker nicht für möglich. Im noblen Mietshaus im Gellert gibt es einen roten Teppich, ein grosses Entrée, goldene Spiegel, Landkarten an der Wand. Ordnung herrscht. Andreas Walker lebt zusammen mit seiner Frau und seinen vier Kindern.“ Aha.

Ich bekenne, wenn das einen Konservativen auszeichnet, dann bin ich konservativ.

Bedeutet Vater sein konservativ sein?

Und ich erinnere mich noch gut, dass jene junge Dame im Gespräch grosse Mühe damit hatte, dass ich ein bekennender Vater bin. Der Wert auf ein ausgewogenes Portfolio legt, indem „Mann sein„, „Experte sein“ und „Vater sein“ nebeneinander Platz haben. Und der mit seiner Vaterschaft nicht die Mutterschaft seiner Frau substituieren will, so dass diese nun in meiner Vaterzeit statt meiner dem eigenen Gelderwerb und der eigenen Karriere nachgeht, sondern indem Kinder eben Eltern haben, die aus einem tatsächlich erlebbaren Vater und einer erlebbaren Mutter bestehen. Wenn das einen Konservativen auszeichnet, dann bin ich konservativ.

Und in der Tat prägt mein Vater-Sein mein Denken und Handeln als Zukunftsexperte. Denn schliesslich wird meine Zukunft dereinst die Gegenwart meiner Kinder und Enkelkinder sein. Und ein nachhaltiges Gestalten und Bewirtschaften meiner heutigen Gegenwart hat eben das Ziel, meinen Kindern und Enkelkindern ihre Zukunft nicht zu verunmöglichen. Dieses Denken in Generationen prägt mein Verständnis von Zukunft stark.

Dabei bin ich überzeugt, dass der Oedipus-Komplex eben ein Komplex ist, auch wenn mittlerweile nicht nur Söhne sondern auch Töchter davon betroffen sein mögen – dieser Komplex ist weder gesund noch ist er die Regel.

Es stimmt nicht, dass Väter durch die Hände ihrer Söhne sterben müssen. Und es stimmt auch nicht, dass Väter sich nur schützen können, wenn sie ihre Söhne kastrieren oder gleich selbst umbringen. … Auch wenn meine vier Kinder vielleicht das eine oder andere Drama von griechischer Qualität über mich erzählen könnten.

Wobei ich im Gespräch den Eindruck nicht loswurde, dass jene junge Journalistin eigentlich Probleme mit ihrem eigenen Vater hat und deshalb nun ihre persönlichen Vater-Feindbilder projizierte. … Wobei ich ja eigentlich kein Therapeut bin …

Wissenschaftstheorie ist nicht so einfach

Aber wir landen mit dieser Beobachtung bei einer der grossen Lügen des heutigen Journalismus und der heutigen Wissenschaften: Wissenschaftler und Journalisten erheben den Anspruch, souverän über der „Sache“ stehen zu können, das sie erforschen bzw. über das sie berichten, quasi frei von jeder Interessensbindung und nur der Wahrheit verpflichtet.

Also wenn jene Journalistin mich als konservativ bezeichnet, sagt das vielleicht weniger über mich als viel mehr über sie aus …

Und damit stehen wir mitten in einem der grossen wissenschaftstheoretischen Spannungsfeldern: Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist Wissenschaft immer irgendwie eine Laborsituation: Ein Forscher führt eine Untersuchung bzw. ein Experiment unter eindeutig definierten Umständen in einem klar abgegrenzten Laborsystem mit einer eindeutig definierten Methode durch. Und wenn nun ein anderer Forscher an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit dasselbe Experiment unter denselben Umständen im selben Laborsystem mit derselben Methode erfolgreich reproduzieren kann – dann gilt etwas als wissenschaftlich eindeutig erwiesen.

Versuchen Sie nun mal, dieses Denken auf psychologische, soziologische, kulturelle oder religiöse Fragestellungen anzuwenden, die zudem völlig neutral zu den persönlichen Erfahrungen und Meinungen des Forschenden sind …

Vielleicht besteht ja das Problem darin, dass „Menschen“ und „menschliche Beziehungen“ als Untersuchungsgegenstand eben keine „Sache“ sind … Auch wenn viele Experten aus den MINT-Disziplinen uns genau von dem überzeugen möchten.

Aber damit wären wir wieder bei einem anderen Thema gelandet, nämlich dem Umgang mit offenen oder geschlossenen Systemen, dem Umgang mit einfachen, wohl strukturierten oder komplexen, dynamischen, schlecht strukturierten Problemen.

Der Blick in die Zukunft beginnt häufig mit dem Blick in die Vergangenheit

Doch kehren wir zurück zum „konservativen Zukunftsforscher“ – in der Tat habe ich ein Geschichtsstudium an der Universität Basel abgeschlossen. Und dieses Selbstverständnis als Historiker prägt mein Selbstverständnis als Zukunftsexperte: Ich will Veränderungen erkennen. Ich will Veränderungen beschreiben. Ich will Veränderungen erklären. Ich will aufzeigen, wer ein Interesse an Veränderungen hat. Ich will aufzeigen, ob und wie Veränderungen beeinflusst werden können. Sei das in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder eben sogar in der Zukunft.

Oder wie der grosse sozialistische Dramatiker Bertolt Brecht sagte: „Man muss vom Alten lernen, um Neues zu machen.“

Und dabei halte ich es ganz mit Winston Churchill: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen können.“

Der Behauptung „Der Mensch lernt nichts aus der Geschichte“ trete ich ganz entschieden entgegen. Diese Behauptung ist schlichtweg Quatsch. Die ganzen Erkenntnisse und Fortschritte in Medizin, Naturwissenschaften und Technik bauen auf Erkenntnissen und Entdeckungen von gestern auf, auf diesen Grundlagen wird heute gearbeitet und morgen soll diese aneinander anschliessende Kette von Erkenntnissen weitergeführt werden. Oder wie Roger Taylor definierte: „Die Tradition ist die Kette, die unsere wechselhafte Gegenwart an den soliden Anker der Vergangenheit bindet.“

Traditionell oder konservativ?

Ja was nun – bin ich ein konservativer oder ein traditioneller Zukunftsforscher? Hm. Können Sie mir den Unterschied erklären? Ich nicht. Im Alltagsgebrauch und insbesondere im schweizerdeutschen Sprachumfeld werden die beiden Begriffe „konservativ“ und „traditionell“ synonym gebraucht, und deshalb will ich diese hier auch synonym verwenden.

Konservativ oder persistent?

Aber vielleicht besteht das Problem darin, dass der Unterschied zwischen „persistent“ und „konservativ“ viel zu wenig geklärt wird. Denn Persistenz meint das beharrliche und ausdauernde Festhalten – was unter widrigen Umständen durchaus Sinn machen kann, wenn ein Ziel vor Augen liegt und der Weg definiert ist.

Hoffentlich sind Marathonläufer persistent, damit sie nicht bereits bei Kilometer 25 abbrechen oder bei Kilometer 35 eine andere Route suchen. Hoffentlich sind Häuser und Brücken persistent gebaut, damit sie Wind und Wetter Stand halten.

Ein Haus ist eben etwas anderes als ein Schiff. Und ein Marathonlauf etwas anderes als eine Segelregatta. Ich persönlich war übrigens in jungen Jahren Wald- und Orientierungsläufer.

Doch wenn wir uns auf die wilde See begeben, dann stellen wir fest, dass Wasser keine Bretter hat.

Konservativ – ein Kampfbegriff?

Offensichtlich ist „konservativ“ in Medien und Social Media und im akademischen Umfeld ein Kampfbegriff, der in etwa einem Bannfluch gleich kommt, gerade im akademischen Umfeld. Und so lassen sich unzählige Zitate und Verse finden, die Konservative mit Spott und Häme zudecken. Und auf die Etikette „konservativ“ wird auch sogleich noch die Etikette „reaktionär“ oben drauf geklebt. Was bin ich froh, dass der Bildungsstand damit schon erschöpft ist und nicht auch noch der Begriff „ultramontan“ folgt.

Wobei manche dieser Zitate für einen selbstkritischen konservativen Geist durchaus ernst zu nehmen ist, etwa: „Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich jetzt nicht mit Tatsachen.“ Aber wie bemerkte bereits Ludwig Wittgenstein treffend: „Im Hinblick auf seine eigenen Ansichten ist jedermann konservativ.“ Insofern gibt es wohl auch konservative Progressive und konservative Liberale.

Aus meiner Sicht hat „konservativ“ meistens etwas mit Position, Besitztum und Macht zu tun. Oder wie Thomas Niederreuther bemerkte: Seltsam, wie konservativ die Menschen werden, wenn sie das Geringste zu verlieren haben.“ Haben Sie schon einmal beobachtet, wie sich „Linke“ oder „Liberale“ verhalten, wenn sie selbst an die Macht gelangt sind und nun ihre Macht gegen andere Strömungen verteidigen müssen? Ich persönlich denke, dass Liberalismus, Sozialismus und auch Christentum Konzepte sind, die aus einer Minderheitenposition heraus im Kampf für Minderheiten sehr wertvoll sein können. Aber wenn deren Vertreter plötzlich eigene Machtpositionen und eigene Besitzansprüche sicherstellen wollen, wird im Sinne einer Güterabwägung manch altruistischer Idealismus schnell gegen pragmatischen Utilitarismus eingetauscht.

Dabei scheint mir auffällig, dass es ausgerechnet Friedrich Engels war, der sagte: „Die Tradition ist eine große hemmende Kraft, sie ist die Trägheitskraft der Geschichte.“

Ein Konservativer muss sich immer selbstkritisch hinterfragen, ob er mit seinen Äusserungen und Positionen nicht einfach die bestehenden Macht- und Besitzstrukturen festigt – also eigentlich zur gesellschaftlichen Persistenz beiträgt. Und welches denn die Benachteiligten und Leidtragenden dieser Situation sind.

Die Gretchenfrage – bin ich jetzt konservativ?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es mir in der Schweiz ein Anachronismus zu sein, ernsthaft auf eine „Konservativismus-Debatte“ einsteigen zu wollen, denn diese gibt es in der Schweiz nicht.

Wir Schweizer sind viel zu realpolitisch, pragmatisch und konsensorientiert, als dass wir wirklich ernsthaft an derartigen Grundsatz- und Prinzipiendiskussionen interessiert wären, wie dies in den USA, Grossbritanien, Frankreich oder Deutschland üblich war. Angesichts unserer traditionellen grossen Koalition und unserer ausgebildeten politischen Partizipationsverfahren diskutieren und politisieren wir seit Jahrzehnten stark sachpolitisch und konkret lösungsorientiert und eben nicht im Sinne der grossen politischen Blöcke.

Aber dafür der Versuch einer eigenen Definition, was ich persönlich unter „konservativ“ verstehe? Ist diese heute wirklich zielführend? Bin ich denn ein Professor, der nun die hundertundeinte Definition liefern muss? Will ich mir wirklich meine eigene Schublade zimmern, in die ich dann gesteckt werde?

Keine Definition – aber Zitate, Sprichwörter, Redensarten:

Aber ich oute mich, dass mir einige Zitate ausnehmend gut gefallen:

  • Fritz P. Rinnhofer: Ein Konservativer ist eigentlich ein Progressiver. Er verteidigt Werke, die noch in hundert Jahren Bestand haben werden.“
  • Moeller van den Brucks: „Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt.“
  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner: „Konservativismus ist die Haltung jener, die durch allen Wandel hindurch bestimmte Dinge bewahren wollen, aber auch darum wissen, dass es darauf ankommt, Dinge zu vollbringen, die es wert sind, bewahrt zu werden.“
  • Antoine Comte de Rivaról: „Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.“
  • Abraham Lincoln: Was ist Konservatismus? Ist es nicht das Festhalten am Alten und Erprobten gegenüber dem Neuen und Unerprobten?“
  • Norbert Blüm: Konservativ ist eine Vorfahrtsregel für das Bestehende, das sich nicht gegen das Neue absperrt, ihm aber die Beweislast überträgt, dass es besser ist als das Alte.“
  • Thomas Holtbernd: „Wer konservativ denkt, muss nicht altmodisch sein, er will nur das bewahren, was er braucht, um progressiv sein zu können.“

Gerne reihe ich mich auch ein mit Thomas Morus, Benjamin Franklin, Jean Jaurès, Gustav Mahler, Ricarda Huch und Papst Johannes XXIII – denn jedem von diesen wird in Varianten das folgende Zitat zugesprochen. Ich erdreiste mich nun, es eigenwillig zu zitieren: „Tradition darf nicht zur unkritischen Verehrung erkalteter Asche werden, Tradition soll das Weiterreichen von alter, bewährter Glut sein, die morgen zu neuem Lebensfeuer entfacht werden kann.“

Doch am besten gefällt mir immer noch diese Erklärung: „Stellen Sie sich vor, eine Schweineherde lagert auf einem Hügel am Rande eines Sees. Da zieht ein Gewitter auf mit Blitz und Donner, worauf die Schweine in Panik geraten, kopflos den Hügel herunterrennen und ertrinken. Bis auf eines. Ein Schwein ist nämlich liegengeblieben. Das überlebte. Sehen Sie: Das war ein konservatives Schwein!“

Mehr davon morgen auf diesem Kanal 🙂

Noch 10 Tage – der Countdown

25. September – Habe ich etwas verpasst?

Noch zehn Tage? Ein Countdown? Ein neuer Mondflug? Ein neuer Maja-Kalender mit einem neuen Weltuntergang?

Eine neue Firma? Ein neuer Brand? Ein neues Projekt? Ein neuer Werbegag?

Etwa …

oder …

oder doch lieber …

aber nicht etwa gar …

oder wird da jemand schon wieder Vater und Mutter …

… ?

Mehr davon morgen auf diesem Kanal 🙂