Zukunftsfähige Schulkonzepte entwickeln

Boy spending time with notebook

Hans Lenzi interviewt Andreas M. Walker

Dass im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung auch die Schullandschaft Veränderungen braucht, ist Gemeinplatz. In welche Richtung aber soll Schule neu gedacht und angepasst werden? Es ist hohe Zeit, die Diskussion darüber zu führen.

Andreas M. Walker, Zukunftsentdecker und Weiterdenker, wird im 2016 Rahmen des ZLV-Jubiläums darüber referieren. Vorgängig stellt er provozierende Thesen zur Debatte und fordert uns heraus, klassische Tugenden und Konventionen des Bildungsbürgertums neu zu denken. „Können wir mit dem Wissen von gestern die Probleme von morgen meistern?“ fragt er. „Wir haben keine fertigen Lösungen und Konzepte für Schule und Gesellschaft der Zukunft, aber es ist an der Zeit, nicht nur nach-, sondern quer-, vorwärts- und weiterzudenken.“ Walker fordert bewusst heraus, nicht nur über die Umsetzung des „Lehrplan 2021“ zu debattieren, sondern weiterzudenken: über „Schule und Gesellschaft 2041“. Dabei scheut er auch nicht, quer zu gedanklichen Tabus nachzusinnen. „Wenn wir uns gedanklich dauernd an Vergangenheit und Gegenwart orientieren, werden nicht wir die Zukunft, sondern eine ungewollte, überraschende Zukunft wird unsere Kinder prägen.“ Damit erhält das Gegenüber viele Anregungen, denen es nach freiem Gusto nachsteigen kann.

Lesen Sie mehr … hier geht’s zum pdf zum Lesen oder Ausdrucken … ZLV-Magazin – Andreas M. Walker

Digital Immigrant meets Digital Natives

Mein Referat an der ZKM 2014 ist vollständig online: ab 1:16:40

https://www.youtube.com/watch?v=cyS_f3a9PwU&feature=share

Achtung – Der Bildschirm mit den Powerpoint-Folien ist immer eine Folie voraus 🙂

Tag 0 verpasst – und nichts ist passiert?

Halt, war nicht gestern dieser Tag, dieser Tag, auf den die weiterdenkerin und der weiterdenker ihren Countdown (mit einigen Aussetzern) runter gezählt haben.

Hat am Schluss etwa auch noch der grosse Start, der grosse Neuanfang, ausgesetzt. Was war denn jetzt nur los am 5. Oktober 2014?

 

 

Also, lassen wir die Katze aus dem Sack – bei uns beiden ist nichts passiert, weder geplant noch ungeplant, weder beruflich noch privat, weder eine neue Firma noch ein fünftes Kind.

Enttäuscht? Falsche Erwartungen gehegt? Falsche Erwartungen aufgebauscht?

 

 

Aber irgendetwas muss doch gewesen sein?

Oh ja, am 5. Oktober 2014 ist sehr wohl etwas passiert, das relevant ist, das möglicherweise sogar sehr relevant werden wird. Aber was bloss? Tageszeitung aufschlagen, im gestrigen Internet surfen (ach, das geht ja so schlecht) … was war es denn bloss?

Ganz ehrlich, ich musste gestern auch lange suchen, bis ich aktuelle deutschsprachige Medienberichte darüber gefunden habe. Etwas, was direkt 1,1 Milliarden Menschen bewegt, und 1 weitere Milliarden Menschen wohl indirekt. Und die Medien schreiben nicht darüber? So viel zum Thema Meinungsbildung durch die Medien.

Am 5. Oktober 2014 hat in Rom eine ausserordentliche Generalversammlung der Bischofssynode begonnen.

Und das soll wichtig sein? Nun ja, 1,1 Milliarden Katholiken sind direkt betroffen, denn noch immer ist der Vatikan einer der grössten und einflussreichsten Think Tanks der Welt.

Auch wenn wir Mitteleuropäer das aus unserer Nabelschau heraus nicht wahrnehmen wollen. Auch wenn die katholische Kirche gerade in der Schweiz (in den letzten 100 Jahren von 43% auf 38% der Wohnbevölkerung gefallen), gerade in Basel (in den letzten 30 Jahren von 29% auf 15% der kantonalen Wohnbevölkerung gefallen), an Bedeutung verlieren.

Wie heissen doch gleich wieder diese Megatrends? „Globalisierung“? Und „Cyber Space“? Aha, unsere regionale Nabelschau und unsere regionale kirchenpolitische Agenda sind vielleicht gar nicht so wichtig, weil es da draussen noch eine andere Welt gibt?

Und was ist wieder das Thema dieser Bischofskonferenz? Die Familie.

Aha, jetzt kommen wir der Sache näher, weshalb das uns sehr wohl etwas angeht.

Denn immerhin werden der weiterdenker und die weiterdenkerin nächstes Jahr ein Vierteljahrhundert verheiratet sein und haben dabei Höhen und Tiefen erlebt und überlebt.

Und wir sind in dieser Zeit vierfache Eltern geworden und wollen diese Kinder bewusst erziehen und auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben schrittweise begleiten.

Und die Wahl zukünftiger Partnerinnen und Partner und die Wahl der Beziehungsform und des Zivilstandes werden dabei sehr konkret werden.

Übrigens hat sich die katholische Kirche hat relativ breit auf diese Synode vorbereitet und eine breite Umfrage durchgeführt.

Und die deutschsprachigen Medien haben gestern sehr wohl darüber berichtet, auch wenn ich gezielt suchen musste, beispielsweise:

Und in der Schweiz? Nun ja, hier wurde ich im schweizerischen Medienwald jenseits der katholischen Pfarrblätter nur einmal fündig:

Aus medialer Sicht scheint also „Familie“ primär etwas mit „Sex“ zu tun zu haben?

Andere Kirchen haben sich vor kurzem ebenfalls platziert – die eine wollte zeigen, wie modern sie ist und was sie unter Kirche im 21. Jahrhundert versteht – die Evangelische Kirche in Deutschland – und hat damit innerkirchlich sehr viel Opposition ausgelöst.

Wie auch unser Hoffnungsbarometer zeigt, sind Themen um Ehe und Familie hochaktuell.

Und die Fragen um die Rechtsform und den Zivilstand gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sind politisch hochaktuell. Und im direkten Zusammenhang damit das Verständnis, was eigentlich Eltern sind und wer unter welchen Umständen Eltern werden darf und wer nicht.

Und mit diesem Themenbereich wollen sich der weiterdenker und die weiterdenkerin zukünftig auf ihrem gemeinsamen Blog auseinandersetzen. Denn diese Themen will ich nicht einfach den staatlichen Experten und den Kirchen überlassen – diese Themen gehen uns alle etwas an.

Wie werden denn nun Beziehungsformen der Zukunft aussehen? Eheliche und andere? Und wie wird die Familie der Zukunft aussehen? Und was bedeutet das für den Mann der Zukunft und für die Frau und die Kinder?

Ist es denn für einen Zukunftsforscher nicht rufschädigend, wenn er sich aktiv und öffentlich mit so konservativen Themen wie der katholischen Kirche und dem christlichen Ehe- und Eltern- und Familienverständnis auseinandersetzt? Diese Frage wurde mir allen Ernstes mehrfach gestellt.

Doch, wir sind zutiefst von der Wichtigkeit dieser Themen überzeugt, denn die meisten von uns sind ganz konkret und hoch emotionell davon betroffen. Auch wenn diese Themen in dieser Form in meiner Berufsbranche kaum diskutiert werden. Denn die Zukunftsforschung beschäftigt sich meistens mit „wichtigen“ Themen aus der Wirtschaft, oder aus den Bereichen Energie, Umwelt, Klima. Oder aus dem Cyber Space.

Aber wie werden nun die Zukunft von Ehe und Familie aussehen? Das überlassen wir nicht nur der Ausserordentlichen Bischofssynode in Rom.

Damit beschäftigen auch wir uns zukünftig auf unserem gemeinsamen Blog, der hiermit einen Neustart erfährt.

So wie auch eine Ehe wieder und wieder Neustarts erfahren muss.

Denn schliesslich soll unserer Lebensabschnitt der gemeinsamen Ehe lange dauern, so Gott will sehr lange. In einer Welt, die sich ändert und die unsere Bedürfnisse und unsere Wahrnehmung und unsere Werte beeinflusst. Und die auch Formen und Inhalte von Ehe und Familie beeinflusst.

Noch 2 Tage – aller guter Dinge sind zwei

Zahlen, Zahlen, Zahlen.

Möglichst viel, möglichst gross, möglichst unzählbar. Wertepluralismus. Biodiversifikation. Bad in der Menge. Möglichst viele Besuche auf meiner Internet Site. Möglichst viele Facebook Friends. Die Soziologen predigen die Theorie der Weak Tails. So steigt in einem quantitativ orientierten Weltbild die Chance, dass mindestens einer mein Kunde wird. Dass mindestens einer mir helfen kommt.

Halt, Stopp! Doch alles anders. Alleinstellungsmerkmal. USP. Individualismus. Selbstbestimmung. Nur ich bin ich und ich erfinde mich täglich neu. Innovativ. Kreativ. Einzigartig. Jeder ist sich selbst der nächste. Und mich versteht ja sowieso keiner richtig ausser ich selbst.

Wie häufig sind wir hin und her gerissen, unseren Platz zu finden. Mitten in der unzählbaren Masse und doch schrecklich alleine.

Mann UND Frau. Trotz Gefasel von Polyamorie, Haremsträumen und der Skurrilität eines asiatischen Hirtenstammes, in dem es zwei Männer braucht, um eine Frau zu ernähren. Und über 50 verschiedenen Facebook Genders. Ein Mann und eine Frau, die sich als Gegenüber begegnen. Quer durch Jahrtausende hindurch immer wieder. Quer durch Kulturen und durch Religionen hindurch. Ein Mann und eine Frau ergeben eine Zweisamkeit, die gemeinsam die Grundlage für die Elternschaft einer Familie legen.

Zwei Geschlechter: und die politische Gender-Diskussion tobt. Konservativ. Fundamentalistisch. Altmodisch. Wir leben doch im 21. Jahrhundert.

Aha, und was hat das damit zu tun? Auch im 21. Jahrhundert bestätigen die grossen Jugendumfragen immer wieder, was uns die Lyrik seit Jahrhunderten sagt: Mädchen sind auf der Suche nach ihrer einen grossen Liebe, nach ihrem Traumprinzen. Eine junge Frau und ein junger Mann. Empirisch erhoben und wieder und wieder empirisch bestätigt, gerade auch im 21. Jahrhundert.

Aber das gilt nicht für alle? Da gibt es Ausnahmen, da gibt es Menschen, die anders sind. Nun ja, möglich, wir sind ja auch individuelle Menschen und nicht nach Schablone am Band gefertigte Roboter. Da mag es Varianten, Ausnahmen und Skurrilitäten geben. Auch wenn Industrie und Staat seit zwei Jahrhunderten immer wieder versuchen, uns zu normieren.

Eine Zweisamkeit aus einem Mann und einer Frau, die zusammen findet, um Leben zu ermöglicht. Ausnahmen mag es geben, aber wie lautete doch das alte Sprichwort: Ausnahmen bestätigen die Regel. Aller guten Dinge sind zwei: ein Mann und eine Frau.

Noch 3 Tage – Papa, wann sind wir endlich da?

Welcher Familienvater am Steuer auf der Reise in den Urlaub kennt nicht das ungeduldige Drängeln seiner Kinder: Papa, sind wir endlich da? Papa, ist es noch weit? Papa, ist hier schon Urlaub?

Und wir erkennen, wie subjektiv das Verständnis von Zeit ist. Wie unmenschlich die Erfindung von Uhr und Kalender jenseits von Tageszeit und Jahreszeit war. Uhren sind Maschinen. Menschen unterwerfen ihr Leben den Uhren. Ergo sind auch Menschen Maschinen. Werden von Artificial Intelligence beseelte Roboter eigentlich zukünftig ihr Leben auch nach ihrer Uhr richten? Und wann wird die Uhr der Roboter abgelaufen sein?

Und wehmütig denken wir Väter zurück an unsere Schulsommerferien als Buben, als drei Wochen im Sommer ewig dauerten. Insbesondere, wenn wir alleine waren. Insbesondere, wenn alle Schulfreunde anderswo im Urlaub waren und wir niemanden zum Spielen gefunden haben. Insbesondere, wenn wir nach dem Mittagessen noch drei Stunden lang warten mussten, bis um 17 Uhr endlich das Kinderprogramm im TV begann. Und wir dann wieder eine Woche warten mussten, bis die Fortsetzung der Serie ausgestrahlt wurde.

„Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme“ erkannte schon Charles Chaplin.

Und heute? Wie häufig ärgern wir uns, wenn wir drei Stunden lang nichts geleistet haben, nichts Sinnvolles unternommen, nichts Produktives vollbracht haben. Sogar im Urlaub – wie können wir uns über drei verschwendete Stunden ärgern. Oder über unsere Frauen, wenn wir ihretwegen erst 30 Minuten zu spät losfahren können. Oder wegen unserer Kinder, wenn sie 30 Minuten zu spät vom Fussballspielen zum Essen auftauchen. Oder wegen des Trams, das schon wieder drei Minuten Verspätung hat. Ausser – wir haben wieder drei Stunden an unserem Computer im Cyber Space verbracht. Das ist natürlich etwas ganz anderes.

Pünktlichkeit scheint eine der wichtigsten menschlichen Tugenden in der zivilisierten Welt zu sein. Wehe, wenn unsere Kinder unentschuldigte Verspätungen in ihrem Schulzeugnis ausweisen, weil sie 3 Minuten zu spät im Klassenzimmer auftauchten – welcher Lehrbetrieb wird nicht sofort unverzeihend die Stirne runzeln, wenn er das Zeugnis unserer Kinder prüfend in der Hand halten wird …

Schon Seneca warnte: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Und der grosse Denker und Präger der europäischen Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing lehrte: „Bester Beweis einer guten Erziehung ist die Pünktlichkeit.“ Wer hatte eigentlich damals im 18. Jahrhundert schon eine eigene und exakte Uhr?

Schliesslich ist Zeit ja Geld. Und gesparte Zeit ist gespartes Geld. Die wir auf unserem Zeitsparkonto ansparen können. Und dann mit Zinsen und Zinseszinsen wieder beziehen können, wenn wir sie brauchten. Für unsere Frauen. Oder für unsere Kinder. Oder für unsere Freunde. Oder wie ging schon wieder Michael Endes Geschichte über Momo, die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte?

Wissen Sie, was sterbende Männer auf dem Sterbebett am meisten bereuen? «Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet». … Und dafür mehr Zeit für meine Frau gehabt … Und dafür mehr Zeit für meine Kinder gehabt … Und dafür mehr Zeit für meine Freunde gehabt … Was wohl zukünftig sterbende berufstätige Frauen und Mütter sagen werden, wenn sie zukünftig endlich die gleichen Chancen auf Karriere in Politik und Beruf erhalten werden, die sie angeblich so dringlich fordern?

Und plötzlich sind die drei Tage eines langen Wochenendes vorbei. Aber erholt haben wir uns nicht. Vor lauter Sorge um unsere Zeit.

 

Alles hat seine Zeit. Jedes Ding hat seine Stunde unter dem Himmel.

Das Geborenwerden hat seine Zeit,
und das Sterben hat seine Zeit.
Das Pflanzen hat seine Zeit,
und das Ausroden der Pflanzung hat seine Zeit.
Das Töten hat seine Zeit, und das Heilen hat seine Zeit.
Das Niederreißen hat seine Zeit,
und das Aufbauen hat seine Zeit.
Das Weinen hat seine Zeit, und das Lachen hat seine Zeit.
Das Trauern hat seine Zeit, und das Tanzen hat seine Zeit.
Das Steine werfen hat seine Zeit, und das Steine sammeln hat seine Zeit.
Das Umarmen hat seine Zeit, und das Sich-meiden hat seine Zeit.
Das Suchen hat seine Zeit, und das Verlieren hat seine Zeit.
Das Aufbewahren hat seine Zeit, und das Wegwerfen hat seine Zeit.
Das Zerreißen hat seine Zeit, und das Zusammennähen hat seine Zeit.
Das Schweigen hat seine Zeit, und das Reden hat seine Zeit.
Das Lieben hat seine Zeit, und das Hassen hat seine Zeit.
Der Krieg hat seine Zeit, und der Friede hat seine Zeit.

Noch 10 Tage – der Countdown

25. September – Habe ich etwas verpasst?

Noch zehn Tage? Ein Countdown? Ein neuer Mondflug? Ein neuer Maja-Kalender mit einem neuen Weltuntergang?

Eine neue Firma? Ein neuer Brand? Ein neues Projekt? Ein neuer Werbegag?

Etwa …

oder …

oder doch lieber …

aber nicht etwa gar …

oder wird da jemand schon wieder Vater und Mutter …

… ?

Mehr davon morgen auf diesem Kanal 🙂

G wie Gender Mainstreaming

«Wann ist ein Mann ein Mann?», sang einst Herbert Grönemeyer. Wenn wir gewissen Strömungen glauben wollen, ist diese Frage politisch nicht mehr korrekt. Und für die Zukunft auch gar nicht mehr relevant. Obwohl jeder Vater weiss, wie wichtig diese Frage für seine Söhne ist. Gender Mainstreaming ist ein politisches Konzept mit mehreren, teilweise widersprüchlichen Stossrichtungen. Es versucht, das Menschen- und Gesellschaftsbild entscheidend zu verändern. Aufgrund von medizinischen, ethischen und kulturellen Entwicklungen sind Frauen heute nicht mehr auf eine biologisch determinierte Mutter- und Ehefraurolle festgelegt (biologisch vorgegebenes «Sex»-Geschlecht), sondern haben vielfältige Möglichkeiten, ihre gesellschaftliche und partnerschaftliche Rolle selbst zu wählen und zu entwickeln (kulturell verhandelbares «Gender»-Geschlecht). Der «Female Shift» wird in unserem Jahrhundert weitere grosse Veränderungen vorantreiben. Die umstrittene Frage besteht darin, ob und welche Rolle biologische Vorgaben des eigenen Körpers überhaupt spielen sollen – in einer Zeit von Freiheit, Wertepluralismus und beinahe grenzenloser medizinischer Machbarkeiten. Und auch falls archaische körperliche Relikte nie überwunden werden können: Darf das zukünftig in gesellschaftlichen Fragestellungen noch einen Unterschied machen? Gibt es «die» Frau und «den» Mann oder soll es eigentlich nur noch «das» Mensch geben? Das ist wissenschaftlich und kulturell nach wie vor umstritten, denn neben den Fragen nach Körperbau und äusseren Geschlechtsmerkmalen stehen komplexe Debatten bezüglich Hormonhaushalt, Neurowissenschaften, Fortpflanzung und Religion.

F wie Female Shift

H wie Human Enhancement (folgt demnächst)

Hier geht’s zum Überblick

Hier geht’s zum Originalartikel im UBS Magazin

E wie Evaluation

Wir leben in einer freiheitlichen Multioptionsgesellschaft. Freiheitsgrade schaffen und Freiheitsgrade bewahren sind gesellschaftlich hoch angesehene Tugenden. Doch Leben bedeutet Entscheiden. Investieren bedeutet Entscheiden. Führen bedeutet Entscheiden. Und Entscheidungen müssen bewertet werden: vorher, ob sie wirklich Potenzial haben, das definierte Ziel zu erreichen, und nachher, ob das Ziel tatsächlich erreicht wurde. Entscheiden bedeutet also auch, Verantwortung zu übernehmen. Falls bekannt ist, wem Rechenschaft geschuldet wird. Zum Beispiel den Kunden gegenüber. Den Geschäftspartnern gegenüber. Der Gesellschaft gegenüber. Oder vielleicht auch gegenüber unseren Kindern als zukünftiger Generation. Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur über «Umweltverträglichkeitsprüfungen», sondern auch über eine «Enkelverträglichkeitsprüfung» diskutieren. Dienen unsere Entscheidungen nur dem Zweck, unsere Gegenwart zu maximieren? Oder ermöglichen unsere Entscheide auch noch eine freiheitliche Zukunft für unsere Enkel?

D wie Doom Saying

F wie Female Shift

geht’s zum Überblick

Hier geht’s zum Originalartikel im UBS Magazin

 

Was ist die „evangelische Familie“ der Zukunft (nicht)?

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat im Juni 2013 definiert, was er unter einer Familie versteht – und hat rund 160 Seiten dazu benötigt – als Orientierungshilfe wohl verstanden.

Dabei wird nicht ganz klar, wer sich denn nun mit Hilfe dieses Papieres orientieren soll. Die evangelischen Christen als Mitglieder dieser Kirche, die selbst Familie leben bzw. fördern wollen? Die Mitglieder der anderen christlichen Kirchen und weiterer Religionsgemeinschaften, die wissen wollen, ob sie gemeinsame Leitbilder leben oder ob sie sich distanzieren sollen? Die zahlreichen Mitmenschen, Institutionen und Bewegungen, die sich als religionsneutral oder gar religionslos neben der Kirche befinden, und die Gründe und Anlässe suchen, um die Kirche zu meiden oder gar zu verspotten und zu bekämpfen? Der Staat, der Steuergelder einsetzt, um Lebensformen gezielt zu fördern? Die Gesellschaft im Allgemeinen – wer immer das auch sei?

Konservative evangelische Kreise, die katholische Kirche und zahlreiche Freikirchen sind empört. Empört wohl weniger darüber, was der Rat der EKD auf 160 Seiten schreibt, denn viele Gedankengänge, historische und soziologische Herleitungen gesellschaftlicher Realitäten sind aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive gut nachvollziehbar und vernünftig, ausgesprochen angenehm zu lesen im Sinne des aktuellen Mainstreams. Zahlreiche sonst sehr lautstarke Interessensgruppen, denen gegenwärtig in der politischen, behördlichen, medialen und akademischen Diskussion eine breite Plattform eingeräumt und eine wohlwollende Popularität zugestanden wird, werden sich durch dieses Papier nicht provoziert fühlen und nicht zum Kreuzzug gegen die EKD aufrufen müssen, da diese sich offensichtlich ganz gezielt im Rahmen der aktuellen political correctness bewegt.

Vielmehr entsteht die Empörung wohl darüber, was der Rat der EKD eben gerade nicht schreibt, um Orientierung im individualistischen, pluralistischen und relativistischen Zeitgeist zu geben. So findet sich im Opus der 160 Seiten der Orientierungshilfe kein Stellungsbezug für eine profilierte Definition einer Familie – weder für eine evangelische oder christliche Familie noch eine Familie im Allgemeinen:

  • weder für das Verständnis, dass Ehe und Familie göttliche Stiftungen bzw. Sakramente seien, und dass sie sich deshalb an gottgegebenen Offenbarungen jenseits von Zeitgeist, Gesellschaft und Kultur orientieren,
  • noch für ein normatives Verständnis von Ehe und Geschlechterrollen, die entsprechend aus der Bibel hergeleitet würden,
  • noch für eine Definition, dass eine Familie primär auf einer Kernfamilie aufbaue, die primär aus Eltern und Kind(ern) bestehe,
  • noch dass mit „Eltern“ ein Vater (sowohl Sex als auch Gender männlich) und eine Mutter (sowohl Sex als auch Gender weiblich) gemeint seien,
  • noch für ein Primat irgendwelcher Art eben dieser Lebensform von Vater – Mutter – Kind gegenüber Alleinerziehenden, Patchworkfamilien und gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften,
  • noch für das Primat der Erziehungsberechtigung bei den Eltern gegenüber dem Staat oder sonstigen Institutionen.

 Der Rat der Evangelischen Kirchen Deutschlands schlägt nicht den Weg der Profilierung, sondern den der Political Correctness und des Pluralismus ein, um die Zukunft der Familie zu sichern – was immer auch Familien sein werden unter den Prämissen von „Verbindlichkeit, lebenslange Verlässlichkeit, Verantwortung und Sorge füreinander, Geschlechtergerechtigkeit“. Was das wohl an Novellierungen in Gesetzestexten, behördlichen Weisungen und Stiftungszwecken nach sich ziehen wird? Ein Schalk, wer böses dabei denkt … hier geht es nicht einfach um Privatleben und Moral, sondern um sehr viel „öffentliches“ Geld, das (um)verteilt wird unter dem Titel der Familie, die eigentlich mal als Kernzelle der Eigenverantwortung galt …

Wer für sein persönliches Leben oder für sein gesellschaftliches Verständnis an einen der oben erwähnten definitorischen Ansätze glauben möchte, wird wohl nicht auf die Evangelische Kirche in Deutschland als Verbündeten zählen können.

Welchen Weg die reformierten Kirchen und Theologen der Schweiz einschlagen werden? Ob auch wir als Synode der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt über unser Ehe- und Familienverständnis diskutieren werden?

Literatur:

Im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegeben vom Kirchenamt der EKD (2013) Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken – Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-05972-3, oder via Internet

Päpstlicher Rat für die Familie (2000) Ehe, Familie und die „faktischen Lebensgemeinschaften“, via Internet

Sex Box 2011 – zwei Ideologien im Widerstreit und die Kompetenz bleibt auf der Strecke

Seit einigen Wochen sind die Schulkind-Eltern im Schweizerland – insbesondere im Kanton Basel-Stadt – verwirrt, verunsichert und brüskiert. TeleBasel berichtet, Tausende von Eltern hätten sich empört an den Regierungsrat in Basel-Stadt gewandt, ein Petitionskomitee mit Nationalräten aus FDP, CVP, SVP und EDU und zahlreichen Eltern- und Familienschutzorganisationen sammelt Unterschriften.

Ein Streit um Kompetenzen

Für mich als betroffener Vater von vier Kindern ist dabei die Frage nach den Kompetenzen zentral, denn am Anfang steht ja in den Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung der Konflikt, dass ich als Vater angeblich nicht in der Lage oder nicht Willens sei, meine eigenen vier Kinder auf eine mündige und reife Sexualität hin zu erziehen. Deshalb sollen nun meine vier Kinder zukünftig behördlich verordnet und ohne Dispensationsmöglichkeit zwangsweise in der Schule durch die Lehrpersonen aufgeklärt werden.

Zwar formuliert das im Auftrag des Bundes neu aufgebaute Kompetenzzentrum „Sexualpädagodik und Schule“ das Ziel, die Familie bei der Sexualerziehung zu unterstützen, bei den zahlreichen adressierten Zielgruppen sind aber interessanterweise die betroffenen Eltern und Familien NICHT aufgeführt. Wenn ich die mediale und politische Diskussion verfolge, frage ich mich, wo der in der Schweiz hoch gehaltene Wert der Partizipation der Betroffenen – eben der Eltern – und der Minoritätenschutz – in diesem Falle insbesondere sexualmoralisch sensible Kreise mit wertekonservativem und religiösem Hintergrund – in diesem Problemlösungsansatz und der Entscheidfindung geblieben sind?

Und dicht darauf folgt für mich die Kompetenzfrage, was denn nun tatsächlich das kompetente Wissen im Umgang mit Sexualität ist, oder ob sich im aktuellen Streit um die Frühsexualaufklärung nicht einfach zwei Lager gegenüber stehen, die im Grunde zwei ideologische Wertemodelle vertreten, und deshalb beide eigentlich befangen sind und keine der beiden Seiten mir als Vater meiner Kinder tatsächlich qualifizierte und neutrale Grundlagen liefert.

Die Gegner der Frühaufklärung aus kirchlichem und konservativem Lager

Die Motivation der Gegner der Frühsexualaufklärung ist offensichtlich und leicht erkennbar: Wertekonservative Kreise aus dem Umfeld der katholischen Kirche und der evangelischen Kirchen und Gemeinschaften (wo stehen eigentlich die Moslems?) sowie Nationalräte aus FDP, CVP, SVP und EDU kämpfen für ihre Werte und für ihr Verständnis von menschlicher Würde, Elternschaft und intim-sexueller Partnerschaft. Dabei geht es letztlich um Aspekte wie:

  • Unterscheidung von Bildung und Erziehung, Zuständigkeit für die Erziehung bei den Eltern
  • Freiheit der Eltern, sensible Erziehungsinhalte wie beispielsweise Fragen um die Sexualität im Einklang mit eigenen moralischen und religiösen Mitteln gestalten zu können – übrigens im Einklang mit Artikel 14 der Kinderrechte der UNICEF.
  • Wer entwickelt, definiert und vermittelt die Werte, aufgrund derer partnerschaftliche und familiäre Beziehungen gestaltet werden? Ist die Vermittlung dieser Lebensgrundlagen Teil der familiären Erziehung oder der staatlichen Bildung? (Oder wie sehr sollen und dürfen sie durch Medien, Wirtschaft und Religion geprägt werden?) Ab welchem Alter und in welchem Masse können und sollen heranwachsende junge Menschen ihre Werte selbstverantwortlich wählen und leben können – und wer darf vorher in welcher Weise, mit welcher Motivation und mit welcher Priorität prägend wirken?
  • Insbesondere geht es im konkreten Falle ja um die Vermittlung des Wertes, dass die Intimität der Sexualität durch eine verbindliche, exklusive partnerschaftliche Beziehung geschützt werden soll, dass also humane Sexualität nicht einfach ein animalischer Trieb ist, der zügellos ausgelebt werden soll oder kommerziell ausgebeutet werden soll, sondern dass er in Kombination mit der nötigen Verantwortlichkeit kultiviert werden soll – insbesondere unter Wahrung der menschlichen Würde und in Verantwortlichkeit gegenüber der Persönlichkeit des intimen Sexualpartners und gegenüber etwaigen Folgen des Sexualkontaktes – nämlich der Zeugung einer neuen menschlichen Persönlichkeit.

Leider bleibt die entsprechende Argumentation der konservativen und kirchlichen Kreise meistens im vagen moralischen oder religiösen Bereich hängen. Viel zu wenig werden soziologische Realitäten, Grundlagen und Wirksamkeiten der eigenen Werte erforscht, viel zu wenig können die eigenen Vorstellungen rational nachvollziehbar und argumentativ sauber begründet werden. Viel zu wenig kann nachgewiesen werden, wie viel denn nun die eigenen Werte effektiv wert sind – gerade auch in einem beziehungsökonomischen und gesellschaftsökonomischen Sinne.

Dabei könnte wissenschaftliches – insbesondere auch sozialempirisches, neurologisches und ökonomisches wissenschaftliches Arbeiten im Bereich der Beziehungs-, Erziehungs- und Sexualforschung zu Überraschungen führen: nämlich dass manche dieser konservativen Werte eigentlich überraschend sinnvoll und wertvoll sein könnten.

Nur schon eine kurze spontane Internet-Recherche führte mich zu folgenden überraschenden Fakten aus dem Bereich der Sexualität und Beziehung, die ich hier beispielhaft auflisten möchte. Den oben genannten wertkonservativen Kreisen sollte es eigentlich der Wert sein, diese Fakten zu verifizieren und vertieft wissenschaftlich zu untersuchen:

  • Sex wird zu 95% in festen Beziehungen gelebt (Prof. Volkmar Sigusch).
  • Verheiratete haben am meisten Sex. (London School of Hygiene & Tropical Medicine)
  • Singles sind nur zu 27% mit ihrem Sex zufrieden, Verheiratete immerhin zu 42%. (Durex)
  • Nur 22% der weiblichen Singles bekommen bei ihren Dates regelmäßig einen Orgasmus aber jede dritte Frau in einer festen Beziehung. (Durex)
  • Die Orgasmushäufigkeit steigt tendenziell mit fortdauernder Beziehung. (Durex)
  • Bei Frauen steigt die sexuelle Zufriedenheit nach 15 Jahren Beziehung deutlich an. (Kinsey Institute)
  • Männer brauchen mehr Zärtlichkeit (Kinsey Institute)
  • Sex verkauft nicht mehr – erotische Reklame verfehlt ihr Ziel. (Medical Research Council UK).

Fachkompetenzen und aktuelle wissenschaftliche Studien

Beim Blick auf die treibende Seite der Frühsexualaufklärung an den Schulen wird die Offenlegung eigener persönlicher ideologischer, religiöser oder weltanschaulicher Grundlagen und Motive tunlichst vermieden – schliesslich geht es darum, fachlich korrekte Grundlagen für staatliche Programme zu liefern – hoffentlich parteipolitisch, religiös und weltanschaulich neutral und unabhängig.

Und offensichtlich immer noch im Zeitalter des veralteten Paradigmas, dass der wissenschaftliche Experte tatsächlich in der Lage sein könnte, sein Forschungsthema objektiv und unabhängig von seiner persönlichen Position zu untersuchen.

Schliesslich geht es darum, im Auftrage eines Bundesamtes ein mit Steuergeldern finanziertes Kompetenzzentrum aufzubauen. (Vielleicht liegt ja das Problem darin begründet, dass das Bundesamt für Gesundheit federführend ist und dass wir in der Schweiz weder ein Bundesamt für Familie noch ein Bundesamt für Kindheit noch ein Bundesamt für Elternschaft kennen?)

Gegenüber einem mit Bundesgeldern finanzierten Kompetenzzentrum an einer Fachhochschule kann ich in Fragen der Sexualpädagogik natürlich kaum mehr Kompetenzen als meine persönliche Kompetenz als Vater reklamieren.

Da uns der Cyberspace aber eine allgemeine und demokratische Verfügbarkeit des publizierten akademischen Wissens ermöglicht hat, führt mich eine kurze Recherche doch zu einigen interessanten Studien und Aussagen – wissenschaftlich gestützte Aussagen, die mich als betroffenen Vater prinzipiell stutzig machen und mich die Grundlagen der behördlichen Konzepte und Gutachten und die Zielsetzung des Kompetenzzentrums: „Sexualerziehung soll schweizweit in den Lehrplänen der gesamten Volksschule verankert werden“ anzweifeln lassen.

Ich muss mich sogar fragen, ob es nicht dringend nötig ist, gewissen Meinungen, die heute allgemein verbreitet sind, dringend zu überprüfen – oder andernfalls unbedingt die entsprechenden Falsifikationen offenzulegen und die entsprechenden Meinungen in den Bereich der modernen Mythen zu verbannen (oder vielleicht sogar in den Bereich der ideologischen Propaganda?)

Hätten Sie es gewusst? Für mich ist es überraschend, was aktuelle wissenschaftliche Studien aufzeigen, die damals breit in den deutschen Medien aufgegriffen worden sind:

  • Gemäss einer globalen Studie der London School of Hygiene & Tropical Medicine kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden, dass Jugendliche in den letzten Jahrzehnten immer früher sexuell aktiv werden. Gemäss dieser Studie erleben die Jugendlichen in fast allen Ländern der Welt ihren ersten Geschlechtsverkehr zwischen 15 bis 19 Jahren. In der Schweiz geschieht dies gemäss Studie im Schnitt im Alter von 18,5 Jahren. Der Anteil der Jugendlichen, die vor ihrem 15. Altersjahr sexuelle Erfahrungen sammeln, ist in Europa in den letzten Jahrzehnten nahezu stabil geblieben – und liegt in der Schweiz bei etwa 5%.
    Aufgrund dieser empirischen Fakten über das tatsächliche Altersverhältnis frage ich mich als Vater, weshalb dann meine Söhne dringend und proaktiv im Kindergarten und in der Primarschule durch Lehrpersonen aufgeklärt werden müssen? (Nur zur Klarstellung: Da meine Frau und ich vier gemeinsame Kinder haben, habe ich die Frage „Woher kommen die Babys“ schon mehrmals aus aktuellem Anlass mit meinen Buben diskutiert …)
  • Übrigens – eine gross angelegte wissenschaftliche Studie in UK konnte keinen Erfolgsnachweis des modernen staatlich verordneten Sexualkundeunterrichtes in der Schule bezüglich der Prävention von Teenager-Schwangerschaften und Teenager-Abtreibungen erbringen. (Medical Research Council UK)
  • Erstaunlich ist für mich auch, dass der Behördenvertreter Basel-Stadt im TeleBasel-Interview kritisiert, dass rund die Hälfte aller Jugendlichen während der ganzen Schulzeit nichts über Homosexualität hören. Eine im Auftrag von EUROGAY durchgeführte repräsentative Umfrage ergab, dass sich nur 4,1 Prozent der Männer und 3,1 Prozent der Frauen als homo- oder bisexuell bezeichnen. Und bei mir taucht die Frage nach der Verhältnismässigkeit und den wissenschaftlich gestützten Grundlagen auf, weshalb es denn so wichtig ist, dass alle Kinder in der Schule durch ihre Lehrpersonen proaktiv über Homo- und Bisexualität aktiv aufgeklärt werden müssen? (Und auch hier zur Klarstellung: der Präsident von network GAY LEADERSHIP war mein bester Schulfreund.)

Doch wie gesagt – als Vater bin ich ja aus Behörden- und Expertensicht keine sexualpädagogische Fach- und Kompetenzperson und bin deshalb wohl einfach zu blöd, um zu begreifen, weshalb diese aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse so wenig in unsere Meinungen und in unsere Diskussionen einfliessen.

Doch als Bürger und Steuerzahler frage ich mich, ob wir nicht zuerst wissenschaftliche Grundlagen klären sollten – bzw. eben aktuelle Erkenntnisse verwenden sollten – bevor wir als Eltern akzeptieren, dass die Behörden derart einschneidende Massnahmen gegenüber unserer elterlichen Kompetenz durchsetzen.

Aber vielleicht tauchen ja hier noch zwei ganz andere prinzipielle Probleme auf

Wenn ich nun intrigieren möchte, dann würde ich mich jetzt fragen, ob ein Fachhochschulinstitut überhaupt qualifiziert ist, Forschung und Argumentation auf akademischem Niveau zu betreiben und Expertisen und Konzepte wissenschaftlicher Güte zu erstellen, die dann verbindliche Grundlage staatlicher Regelungen sind? Im Rahmen der Internet-Recherchemöglichkeiten ist es für mich auf alle Fälle nicht möglich, die spezifischen fachlichen Kompetenzen und nötigen akademischen Qualifikationen des „Kompetenzzentrums Sexualpädagogik und Schule“ und des Leiters des Kompetenzzentrums zu verifizieren. Dies obwohl gerade im „akademischen Markt“ immer sehr grosser Wert auf den formellen Qualifikationsnachweis und auf Leistungsnachweise durch hochwertige Publikationen und eigene Forschungsprojekte gelegt wird.

Und ich würde mich fragen, ob es wirklich zielführend ist, wenn Fachhochschulen zunehmend Auftragsgutachten für behördliche Auftraggeber erstellen – die nötige akademische Freiheit und Unabhängigkeit wird auf diesem Wege wohl kaum sichergestellt, da auf diesem Wege ja wohl keine billige Alternative zur universitären Forschung entsteht sondern eine marktverzerrende Konkurrenz zum professionellen Consulting. Und eben gerade diesem Consulting wird ja üblicherweise vorgeworfen, dass es aufgrund der finanziellen Abhängigkeit vom Auftraggeber kaum in der Lage ist, unabhängige Analysen und Gutachten in wissenschaftlicher Freiheit zu erstellen.

Zehn Thesen zu aktuellen Unklarheiten bei den betroffenen Familien

Für mich als betroffener Vater sind die tatsächliche Situation und entscheidende Aspekte diffus, Klärung und Positionsbezug sind nötig – auf Eltern- und auf Behördenseite:

  • Es ist unklarer denn je, ob und in welcher Form nun eine obligatorische Frühaufklärung unserer Kindergarten- und Schulkinder kommen wird oder nicht.
    Denn der Basler Erziehungsdirektor (Minute 00:48-01:36) und die Deutschschweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz (Minute 01:53-02:51) bekräftigen, dass es gar nie geplant gewesen sei, mit Aufklärung im Kindergarten anzufangen. Wobei es spannend werden dürfte, was diese Aussage bedeutet, wenn in ein paar Jahren in Basel der Kindergarten abgeschafft und durch die Primar-Unterstufe ersetzt werden wird.
  • Es ist nach wie vor nicht klar, mit welchen konkreten Materialien unsere Kinder in den Kindergärten und Schulen in Basel konfrontiert werden und ob die Altersgerechtheit sichergestellt ist.
    Oder ist es aufgrund dieses Schreibens an die Basler Lehrpersonen für Sie ersichtlich, welches Material nun für welche Altersstufe verwendet werden soll? Oder weshalb der Basler Behördenvertreter gegenüber TeleBasel eine Sex Box für den Kindergarten zeigt – mit Büchern für 8-Jährige und für 9-Jährige obendrauf (Minute 01:09-01:45)?
  • Wie der Basler Erziehungsdirektor bekräftigt, darf es sich nur um ein ergänzendes Programm zur passiven und situativen Unterstützung der Eltern handeln, die sich gemäss zahlreicher Meinungen angeblich mit dieser intimen Aufgabe selbst überfordert fühlen und keinesfalls um einen obligatorischen Übergriff in die Verantwortlichkeit der Eltern. Und auch das Kompetenzzentrum formuliert als Ziel die Unterstützung der Familien in der Sexualerziehung. Und genau dieser unterstützende Charakter zu gunsten der Familien muss gewährleistet werden – und nicht etwa die zwangsweise Delegation auf behördliche Anweisung hin!
  • So muss dringend empirisch und repräsentativ abgeklärt werden, ob sich tatsächlich so viele Eltern von einer angemessenen und rechtzeitigen Sexualaufklärung ihrer eigenen Kinder überfordert fühlen.
    Oder handelt es sich hier auch wieder um einen der oben erwähnten Mythen? Denn schliesslich sprechen wir hier von uns – von der Spätbabyboomer- und Pillenknick-Generation und nicht von unseren Urgrosseltern. Wir – die heutige Elterngeneration – sind mit Bravo und Tutti Frutti aufgewachsen. Wird hier immer noch mit einem Klischee prüder und sexuell inkompetenter Eltern operiert, das mit Blick auf die Geschichte der Sexualaufklärung im 20. Jahrhundert eigentlich seit Jahrzehnten überholt sein sollte? Und falls die heutige Elterngeneration tatsächlich immer noch so inkompetent im Umgang mit der eigenen Sexualität und der Sexualaufklärung sein sollte wie unsere eigenen Urgrosseltern vor dem zweiten Weltkrieg – was haben dann die öffentlichen und schulischen Massnahmen der letzten Jahrzehnte genau in diesem Bereich gebracht – denn dieses Thema ist in den Schulen ja nicht erst seit 2011 aktuell. Immerhin stammt der umstrittene Film „Sex – eine Gebrauchsanweisung für Jugendliche„, der zu den Bestandteilen der Sexbox für die Orientierungsschulen Basel-Stadt, d.h. für die 12-13 jährigen vorpubertierenden Schülerinnen und Schüler zählt, aus dem Jahre 1988! Wer also jünger als 40 Jahre ist, hat mit grosser Wahrscheinlichkeit diesen Film selbst schon in der Schule gesehen. Ist dann eben gerade diese verordnete schulische Sexualaufklärung tatsächlich ein effektives Mittel, damit unsere Kinder eine selbstbestimmte, verantwortungsbewusste und angstfreie Sexualität entwickeln können?
  • Das publizierte Ziel der behördlichen Massnahmen besteht in der Unterstützung der Familien in der Sexualerziehung . Das heisst für mich, dass zwingend geklärt werden muss, welche Massnahmen ergriffen und wie staatlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden können, damit eben Eltern ermutigt und gefördert werden, um genau diese Verantwortlichkeit und Kompetenz und die entsprechende erzieherische Aufgabe wahrzunehmen.
    Weshalb werden stattdessen auf behördlichem Wege Kompetenzen auf staatlicher Seite statt in den Familien aufgebaut und weshalb werden zusätzliche Anforderungen an Lehrpersonen geschaffen, die sich bei anderer Gelegenheit beschweren, dass neben dem ursprünglichen Bildungsauftrag immer mehr erzieherische Aufgaben durch die Schule erfüllt werden müssen und das Leistungsportfolio der Lehrpersonen übermässig strapaziert sei?
  • Aus gesellschaftlichem Interesse heraus müssen wir dringend über ein nachhaltiges und breit abgestütztes „Eltern-Kompetenzsteigerungs-Programm“ sprechen.
    Lehrpersonen sind keine Ersatz-Eltern, Lehrpersonen sind professionell gebildete und tätige Bildungsfachleute. Die Erziehungskompetenz liegt üblicherweise bei den Eltern, diese Kompetenz soll gezielt und nachhaltig bei den Eltern gefördert werden.
  • In dieser ganzen Thematik muss der Minoritätenschutz berücksichtigt und die Religionsfreiheit für konservative Christen und Muslims und Angehörige weiterer sensibler Religionen gewährleistet sein, denn Aspekte der Sexualität, der partnerschaftlichen Beziehungen und der Familie haben bei diesen eine wichtige integrale religiöse Bedeutung.
    Ob wohl der Riehener Unternehmensberater Johannes Czwalina zukünftig wieder Bussgelder für Muslimfamilien bezahlen wird? Dieses Mal nicht nur, weil diese sich weigern, ihre Töchter in den Schwimmunterricht zu schicken, sondern weil sie sich weigern werden, ihre Töchter in den Frühaufklärungsunterricht zu schicken? Und wird er dieses Mal auch für fromme Christen bezahlen?
  • Es ist wissenschaftlich und ideologisch neutral abzuklären, was Frühsexualaufklärung bewirkt bzw. was die tatsächlichen Folgen der Unterlassung sein würden.
    Welches sind denn nun die wissenschaftlich und empirisch erhärteten Fakten zur Einführung dieser Massnahmen und zur Wirksamkeit dieser Massnahmen? Die eingangs formulierten Diskrepanzen zwischen weit verbreiteten Meinungen und empirisch nachweisbaren Fakten zeigen erheblichen Zweifeln an beiden Lagern auf – und lassen den Verdacht aufkommen, dass in beiden Lagern Meinungen und Ideologien eine zu grosse Rolle spielen anstelle tatsächlicher Fakten.
    Sexualerziehung soll schweizweit in den Lehrplänen der gesamten Volksschule verankert werden“ ist kein erzieherisches und werteorientiertes Ziel sondern nur eine Massnahme! Deshalb ist es nötig, effektive und nachhaltige Ziele konkret zu definieren, diese nachprüfbar und messbar zu formulieren und entsprechende Zielerreichungskontrollen regelmässig durchzuführen.
  • Die Qualität, Wirksamkeit und Zielerreichung von schulischen und anderen staatlichen Massnahmen muss von unabhängiger Seite wissenschaftlich korrekt überwacht und sichergestellt werden.
    Insbesondere nachdem die aktuelle Studie des Medical Research Council UK derart ernüchternde Resultate zur Wirksamkeit des schulischen Sexualkundeunterrichts aufgezeigt hat, müssen derartige kostenintensive Massnahmen mit einem Übergriff in unsere elterliche Kompetenzen ihre Wirksamkeit und Zielerreichung sicherstellen und nachweisen.
  • Eine klare, direkte und frühzeitige Kommunikation zwischen Eltern und Behörden und Lehrpersonen ist dringend nötig, um das Vertrauen zwischen Eltern, Behörden und Lehrpersonen in Basel wieder herzustellen.
    Es braucht für Eltern gegenwärtig viel Akribie und Recherchierfähigkeit, nachdem sie durch den Sonntagsblick aufgescheucht worden sind, um sich eine Übersicht über die verschiedenen Papiere und Stellungnahmen zu verschaffen. Bei der Analyse der verschiedenen Behördenpapiere und Behördeninterviews gegenüber den Medien entsteht der Eindruck, dass die verschiedenen Behördenstellen und Politiker auf Bundes- und Kantonsebene, aus dem Gesundheits- und Erziehungsbereich, selbst keinen Überblick haben und kein gemeinsames Konzept verfolgen. Dies schafft in mir als betroffenem Vater kein Vertrauen in die Kompetenz beanspruchenden Behörden.

Denn eine Grundanforderung an öffentliche und professionelle Kompetenzträger wäre ja, dass sie sich durch eine einfache und klare Kommunikation ausdrücken können und Angst, Vorurteile und Mythen durch nachgewiesene Fakten abbauen können.

Dr. Andreas M. Walker
Vater von vier Kindern im Alter von 6 bis 16 Jahre
Ehemaliger mehrjähriger Präsident des Elternrates eines Schulhauses in Basel