Noch 9 Tage – Ein konservativer Zukunftsforscher blickt zurück, um in die Zukunft zu schauen

Noch 9 Tage. Es wird etwas kommen. Wird wirklich etwas anders werden oder bleibt eigentlich doch alles beim Alten? Gerade als Zukunftsexperte bemerke ich immer wieder, wie die Diskussion über Veränderungen spekulativ und spektakulär ist. Die Diskussion über das, was eigentlich gleich bleibt und sich nur in Nuancen ändert, ist für den geschäftlichen oder politischen Erfolg aber mindestens so wichtig.

Nun gut, dass Spannung aufgebaut wird, ist ja ganz nett, aber die youtube-Clips von gestern waren doch ganz schön „Retro“. Wozu soll dieser Blick zurück eigentlich gut sein? Wir leben doch in einer Welt, in der ständig alles anders wird und „Innovation“ ist die Tugend, die Wirtschaft und Wirtschaftspolitik aktuell am häufigsten predigen …

Menschen in Schubladen

Aber wozu die Bezeichnung „konservativer Zukunftsforscher“? Um das Denken bequemer zu machen, denken Menschen gerne in Schubladen. Und je einfacher die Menschen denken wollen, desto weniger Schubladen verwenden sie, die zudem möglichst plakativ beschriftet sein sollen. … Leider denkt aber ein „Weiterdenker“ nicht einfach … „weiterdenken“ bedeutet eben „thinking out of the box“…

Offensichtlich gibt es Journalistinnen, die gerne einfach denken und gerne grosse Schubladen verwenden – weil das angeblich das Publikum so will.

Postmoderne Medienkonsumwelt – wo sind bloss die Werte von Aufklärung und Bildungsbürgertum geblieben? Postmoderne Medienkonsumwelt – was ist bloss aus den Megatrends „Individualismus“ und „Wertepluralismus“ geworden, dass grosse Etiketten auf grossen Schubladen anscheinend so wichtig seien? Aber das Thema Qualitätssicherung im Journalismus ist ein anderes Thema, das ich lieber meinem Freund und Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss überlasse.

Nun denn, diese Journalistin, die gemäss Selbstverständnis der Branche zu den „grössten Talenten“ unter den Nachwuchsjournalisten zählt, beförderte mich vor zwei Jahren in ihrer Reportage zum „konservativen Zukunftsforscher“. Aha.

Ein anderer Journalist kürte mich gar zum „wissenschaftlichen Pendant von Mike Shiva„. Aha.

Voller Neugierde erwarte ich die nächste journalistische Etikette, die mir verpasst werden wird.

Aber wozu beantwortete jene Journalistin ihre Frage: „Wer ist Walker, der Zukunftsexperte? “ eigenwillig mit der Etikette „konservativ“?

Bloss um eine einfache und offensichtliche Spannung zwischen „konservativ“ und „Zukunft“ aufzubauen?

Spurensuche

Also mache ich mich auf Spurensuche in ihrem Porträt über mich:

„… Seine Gäste empfängt er zu Hause. Eine strikte Trennung von Berufsleben und Privatem hält Walker nicht für möglich. Im noblen Mietshaus im Gellert gibt es einen roten Teppich, ein grosses Entrée, goldene Spiegel, Landkarten an der Wand. Ordnung herrscht. Andreas Walker lebt zusammen mit seiner Frau und seinen vier Kindern.“ Aha.

Ich bekenne, wenn das einen Konservativen auszeichnet, dann bin ich konservativ.

Bedeutet Vater sein konservativ sein?

Und ich erinnere mich noch gut, dass jene junge Dame im Gespräch grosse Mühe damit hatte, dass ich ein bekennender Vater bin. Der Wert auf ein ausgewogenes Portfolio legt, indem „Mann sein„, „Experte sein“ und „Vater sein“ nebeneinander Platz haben. Und der mit seiner Vaterschaft nicht die Mutterschaft seiner Frau substituieren will, so dass diese nun in meiner Vaterzeit statt meiner dem eigenen Gelderwerb und der eigenen Karriere nachgeht, sondern indem Kinder eben Eltern haben, die aus einem tatsächlich erlebbaren Vater und einer erlebbaren Mutter bestehen. Wenn das einen Konservativen auszeichnet, dann bin ich konservativ.

Und in der Tat prägt mein Vater-Sein mein Denken und Handeln als Zukunftsexperte. Denn schliesslich wird meine Zukunft dereinst die Gegenwart meiner Kinder und Enkelkinder sein. Und ein nachhaltiges Gestalten und Bewirtschaften meiner heutigen Gegenwart hat eben das Ziel, meinen Kindern und Enkelkindern ihre Zukunft nicht zu verunmöglichen. Dieses Denken in Generationen prägt mein Verständnis von Zukunft stark.

Dabei bin ich überzeugt, dass der Oedipus-Komplex eben ein Komplex ist, auch wenn mittlerweile nicht nur Söhne sondern auch Töchter davon betroffen sein mögen – dieser Komplex ist weder gesund noch ist er die Regel.

Es stimmt nicht, dass Väter durch die Hände ihrer Söhne sterben müssen. Und es stimmt auch nicht, dass Väter sich nur schützen können, wenn sie ihre Söhne kastrieren oder gleich selbst umbringen. … Auch wenn meine vier Kinder vielleicht das eine oder andere Drama von griechischer Qualität über mich erzählen könnten.

Wobei ich im Gespräch den Eindruck nicht loswurde, dass jene junge Journalistin eigentlich Probleme mit ihrem eigenen Vater hat und deshalb nun ihre persönlichen Vater-Feindbilder projizierte. … Wobei ich ja eigentlich kein Therapeut bin …

Wissenschaftstheorie ist nicht so einfach

Aber wir landen mit dieser Beobachtung bei einer der grossen Lügen des heutigen Journalismus und der heutigen Wissenschaften: Wissenschaftler und Journalisten erheben den Anspruch, souverän über der „Sache“ stehen zu können, das sie erforschen bzw. über das sie berichten, quasi frei von jeder Interessensbindung und nur der Wahrheit verpflichtet.

Also wenn jene Journalistin mich als konservativ bezeichnet, sagt das vielleicht weniger über mich als viel mehr über sie aus …

Und damit stehen wir mitten in einem der grossen wissenschaftstheoretischen Spannungsfeldern: Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist Wissenschaft immer irgendwie eine Laborsituation: Ein Forscher führt eine Untersuchung bzw. ein Experiment unter eindeutig definierten Umständen in einem klar abgegrenzten Laborsystem mit einer eindeutig definierten Methode durch. Und wenn nun ein anderer Forscher an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit dasselbe Experiment unter denselben Umständen im selben Laborsystem mit derselben Methode erfolgreich reproduzieren kann – dann gilt etwas als wissenschaftlich eindeutig erwiesen.

Versuchen Sie nun mal, dieses Denken auf psychologische, soziologische, kulturelle oder religiöse Fragestellungen anzuwenden, die zudem völlig neutral zu den persönlichen Erfahrungen und Meinungen des Forschenden sind …

Vielleicht besteht ja das Problem darin, dass „Menschen“ und „menschliche Beziehungen“ als Untersuchungsgegenstand eben keine „Sache“ sind … Auch wenn viele Experten aus den MINT-Disziplinen uns genau von dem überzeugen möchten.

Aber damit wären wir wieder bei einem anderen Thema gelandet, nämlich dem Umgang mit offenen oder geschlossenen Systemen, dem Umgang mit einfachen, wohl strukturierten oder komplexen, dynamischen, schlecht strukturierten Problemen.

Der Blick in die Zukunft beginnt häufig mit dem Blick in die Vergangenheit

Doch kehren wir zurück zum „konservativen Zukunftsforscher“ – in der Tat habe ich ein Geschichtsstudium an der Universität Basel abgeschlossen. Und dieses Selbstverständnis als Historiker prägt mein Selbstverständnis als Zukunftsexperte: Ich will Veränderungen erkennen. Ich will Veränderungen beschreiben. Ich will Veränderungen erklären. Ich will aufzeigen, wer ein Interesse an Veränderungen hat. Ich will aufzeigen, ob und wie Veränderungen beeinflusst werden können. Sei das in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder eben sogar in der Zukunft.

Oder wie der grosse sozialistische Dramatiker Bertolt Brecht sagte: „Man muss vom Alten lernen, um Neues zu machen.“

Und dabei halte ich es ganz mit Winston Churchill: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen können.“

Der Behauptung „Der Mensch lernt nichts aus der Geschichte“ trete ich ganz entschieden entgegen. Diese Behauptung ist schlichtweg Quatsch. Die ganzen Erkenntnisse und Fortschritte in Medizin, Naturwissenschaften und Technik bauen auf Erkenntnissen und Entdeckungen von gestern auf, auf diesen Grundlagen wird heute gearbeitet und morgen soll diese aneinander anschliessende Kette von Erkenntnissen weitergeführt werden. Oder wie Roger Taylor definierte: „Die Tradition ist die Kette, die unsere wechselhafte Gegenwart an den soliden Anker der Vergangenheit bindet.“

Traditionell oder konservativ?

Ja was nun – bin ich ein konservativer oder ein traditioneller Zukunftsforscher? Hm. Können Sie mir den Unterschied erklären? Ich nicht. Im Alltagsgebrauch und insbesondere im schweizerdeutschen Sprachumfeld werden die beiden Begriffe „konservativ“ und „traditionell“ synonym gebraucht, und deshalb will ich diese hier auch synonym verwenden.

Konservativ oder persistent?

Aber vielleicht besteht das Problem darin, dass der Unterschied zwischen „persistent“ und „konservativ“ viel zu wenig geklärt wird. Denn Persistenz meint das beharrliche und ausdauernde Festhalten – was unter widrigen Umständen durchaus Sinn machen kann, wenn ein Ziel vor Augen liegt und der Weg definiert ist.

Hoffentlich sind Marathonläufer persistent, damit sie nicht bereits bei Kilometer 25 abbrechen oder bei Kilometer 35 eine andere Route suchen. Hoffentlich sind Häuser und Brücken persistent gebaut, damit sie Wind und Wetter Stand halten.

Ein Haus ist eben etwas anderes als ein Schiff. Und ein Marathonlauf etwas anderes als eine Segelregatta. Ich persönlich war übrigens in jungen Jahren Wald- und Orientierungsläufer.

Doch wenn wir uns auf die wilde See begeben, dann stellen wir fest, dass Wasser keine Bretter hat.

Konservativ – ein Kampfbegriff?

Offensichtlich ist „konservativ“ in Medien und Social Media und im akademischen Umfeld ein Kampfbegriff, der in etwa einem Bannfluch gleich kommt, gerade im akademischen Umfeld. Und so lassen sich unzählige Zitate und Verse finden, die Konservative mit Spott und Häme zudecken. Und auf die Etikette „konservativ“ wird auch sogleich noch die Etikette „reaktionär“ oben drauf geklebt. Was bin ich froh, dass der Bildungsstand damit schon erschöpft ist und nicht auch noch der Begriff „ultramontan“ folgt.

Wobei manche dieser Zitate für einen selbstkritischen konservativen Geist durchaus ernst zu nehmen ist, etwa: „Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich jetzt nicht mit Tatsachen.“ Aber wie bemerkte bereits Ludwig Wittgenstein treffend: „Im Hinblick auf seine eigenen Ansichten ist jedermann konservativ.“ Insofern gibt es wohl auch konservative Progressive und konservative Liberale.

Aus meiner Sicht hat „konservativ“ meistens etwas mit Position, Besitztum und Macht zu tun. Oder wie Thomas Niederreuther bemerkte: Seltsam, wie konservativ die Menschen werden, wenn sie das Geringste zu verlieren haben.“ Haben Sie schon einmal beobachtet, wie sich „Linke“ oder „Liberale“ verhalten, wenn sie selbst an die Macht gelangt sind und nun ihre Macht gegen andere Strömungen verteidigen müssen? Ich persönlich denke, dass Liberalismus, Sozialismus und auch Christentum Konzepte sind, die aus einer Minderheitenposition heraus im Kampf für Minderheiten sehr wertvoll sein können. Aber wenn deren Vertreter plötzlich eigene Machtpositionen und eigene Besitzansprüche sicherstellen wollen, wird im Sinne einer Güterabwägung manch altruistischer Idealismus schnell gegen pragmatischen Utilitarismus eingetauscht.

Dabei scheint mir auffällig, dass es ausgerechnet Friedrich Engels war, der sagte: „Die Tradition ist eine große hemmende Kraft, sie ist die Trägheitskraft der Geschichte.“

Ein Konservativer muss sich immer selbstkritisch hinterfragen, ob er mit seinen Äusserungen und Positionen nicht einfach die bestehenden Macht- und Besitzstrukturen festigt – also eigentlich zur gesellschaftlichen Persistenz beiträgt. Und welches denn die Benachteiligten und Leidtragenden dieser Situation sind.

Die Gretchenfrage – bin ich jetzt konservativ?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es mir in der Schweiz ein Anachronismus zu sein, ernsthaft auf eine „Konservativismus-Debatte“ einsteigen zu wollen, denn diese gibt es in der Schweiz nicht.

Wir Schweizer sind viel zu realpolitisch, pragmatisch und konsensorientiert, als dass wir wirklich ernsthaft an derartigen Grundsatz- und Prinzipiendiskussionen interessiert wären, wie dies in den USA, Grossbritanien, Frankreich oder Deutschland üblich war. Angesichts unserer traditionellen grossen Koalition und unserer ausgebildeten politischen Partizipationsverfahren diskutieren und politisieren wir seit Jahrzehnten stark sachpolitisch und konkret lösungsorientiert und eben nicht im Sinne der grossen politischen Blöcke.

Aber dafür der Versuch einer eigenen Definition, was ich persönlich unter „konservativ“ verstehe? Ist diese heute wirklich zielführend? Bin ich denn ein Professor, der nun die hundertundeinte Definition liefern muss? Will ich mir wirklich meine eigene Schublade zimmern, in die ich dann gesteckt werde?

Keine Definition – aber Zitate, Sprichwörter, Redensarten:

Aber ich oute mich, dass mir einige Zitate ausnehmend gut gefallen:

  • Fritz P. Rinnhofer: Ein Konservativer ist eigentlich ein Progressiver. Er verteidigt Werke, die noch in hundert Jahren Bestand haben werden.“
  • Moeller van den Brucks: „Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt.“
  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner: „Konservativismus ist die Haltung jener, die durch allen Wandel hindurch bestimmte Dinge bewahren wollen, aber auch darum wissen, dass es darauf ankommt, Dinge zu vollbringen, die es wert sind, bewahrt zu werden.“
  • Antoine Comte de Rivaról: „Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.“
  • Abraham Lincoln: Was ist Konservatismus? Ist es nicht das Festhalten am Alten und Erprobten gegenüber dem Neuen und Unerprobten?“
  • Norbert Blüm: Konservativ ist eine Vorfahrtsregel für das Bestehende, das sich nicht gegen das Neue absperrt, ihm aber die Beweislast überträgt, dass es besser ist als das Alte.“
  • Thomas Holtbernd: „Wer konservativ denkt, muss nicht altmodisch sein, er will nur das bewahren, was er braucht, um progressiv sein zu können.“

Gerne reihe ich mich auch ein mit Thomas Morus, Benjamin Franklin, Jean Jaurès, Gustav Mahler, Ricarda Huch und Papst Johannes XXIII – denn jedem von diesen wird in Varianten das folgende Zitat zugesprochen. Ich erdreiste mich nun, es eigenwillig zu zitieren: „Tradition darf nicht zur unkritischen Verehrung erkalteter Asche werden, Tradition soll das Weiterreichen von alter, bewährter Glut sein, die morgen zu neuem Lebensfeuer entfacht werden kann.“

Doch am besten gefällt mir immer noch diese Erklärung: „Stellen Sie sich vor, eine Schweineherde lagert auf einem Hügel am Rande eines Sees. Da zieht ein Gewitter auf mit Blitz und Donner, worauf die Schweine in Panik geraten, kopflos den Hügel herunterrennen und ertrinken. Bis auf eines. Ein Schwein ist nämlich liegengeblieben. Das überlebte. Sehen Sie: Das war ein konservatives Schwein!“

Mehr davon morgen auf diesem Kanal 🙂

Noch 10 Tage – der Countdown

25. September – Habe ich etwas verpasst?

Noch zehn Tage? Ein Countdown? Ein neuer Mondflug? Ein neuer Maja-Kalender mit einem neuen Weltuntergang?

Eine neue Firma? Ein neuer Brand? Ein neues Projekt? Ein neuer Werbegag?

Etwa …

oder …

oder doch lieber …

aber nicht etwa gar …

oder wird da jemand schon wieder Vater und Mutter …

… ?

Mehr davon morgen auf diesem Kanal 🙂

Technologie verändert die Gesellschaft

Technologische Innovationen sind in aller Munde – in jeder Schlagzeile, auf jeder Geschäftsagenda, in jedem Portfolio eines Bankkunden. Innovation scheint das Blut zu sein, das unsere Welt am Leben hält. Die swissfuture Wertewandel-Studie (2004) zeigte, dass es drei Typen von Menschen gibt: 33% zeigen sich ausgesprochen offen für technische Innovationen, 25 % lehnen diese ab – und 42 % haben sich noch nicht entschieden. Erstere sind bereit, sich stetig zu wandeln, und bejahen Veränderungen wie auch Entwicklungen. Das Neue empfinden sie als einen unwiderstehlichen Reiz. Demgegenüber strebt der zwanghafte Mensch das Dauerhafte an. Er möchte sich häuslich niederlassen und die Zukunft verlässlich planen.

Technischer Fortschritt resultierte nicht selten aus der Erfahrung von Knappheit und der Konfrontation mit Begrenztheit. Dabei ist in unserer Gesellschaft im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten die Bereitschaft gross, diese Grenzen nicht einfach mit Verzicht und Selbstbegrenzung zu akzeptieren, sondern sie zu überwinden – mit persönlichem Engagement, mit staatlicher Förderung, mit privaten Investitionen. Die Menschheit ist lernfähig und in der Lage, auf neue Herausforderungen mit neuen Lösungsansätzen zu reagieren. Schon manche Prognose hat sich deshalb nicht bestätigt, weil neue Lösungen gefunden wurden.

So erhoffen wir uns Fortschritte insbesondere im Bereich der Medizin, der Nutzung von Energie und der immer knapper werdenden Ressourcen. Das Haus der Zukunft wird Wärme, Licht und Kommunikation optimieren: Leistung steht zeitlich und räumlich exakt dort zur Verfügung, wo sie konkret benötigt wird. Nur mit der Zukunft der selbstkochenden Küche und des selbsteinkaufenden Kühlschranks ist das so eine Sache, weil beides etwas Emotionales und Persönliches charakterisiert. Und die Zeichnungen von fliegenden Autos gehören wohl auch im 21. Jahrhundert noch in den Bereich Science-Fiction. Jedoch werden der Verkehrsdruck, die steigenden Benzinpreise und das gewandelte Frauenrollenbild dazu führen, dass der Cyber-Home-Arbeiter eine Renaissance erleben wird. Denn die Informations- und Kommunikationstechnologie hat sich de facto zu einer erschwinglichen und greifbaren Grösse entwickelt und die effektive Präsenz des Arbeitnehmers an seinem Platz in der «Fabrik» ist nur noch zu Meetings nötig.

Angst und Sorgen sind grosse Triebfedern der Menschheit auf der Suche nach technischem Fortschritt. Doch das jährliche Hoffnungsbarometer von swissfuture zeigt, dass auch Hoffnung einen wichtigen Aspekt darstellt: Hoffnung, dass Lösungen gefunden werden und Fortschritt möglich ist. Hierbei geht es weder um einen blinden Optimismus im Hinblick auf ein positives Schicksal noch um eine naive Zuversicht, dass übergeordnete Kräfte wie der Staat zu Hilfe eilen. Das Schweizer Verständnis von Hoffnung hängt eng mit Eigenverantwortung und persönlichem Engagement zusammen.

 

Original erschienen in: Deutsche Asset & Wealth Management, 2014/02, S. 9

Swiss Equity Facts_Ausgabe 2_2014

Z wie Zuversicht

Ein lappländisches Sprichwort sagt: «Wenn der Jäger die Hoffnung verliert, gibt es keine Beute.»

Zuversicht, Optimismus und Hoffnung sind Zukunftseinstellungen, die es in unserem mitteleuropäisch-deutschsprachigen Kulturraum schwer haben. Sie gelten als emotional und wenig seriös.

Lieber schenken wir Instrumenten wie dem Sorgenbarometer oder Angstbarometer breite Beachtung, pflegen Vorsorge und Prophylaxe um jeden Preis als breit abgestützte gesellschaftliche Tugenden. Zwar sprechen amerikanische Soziologen vom weltweit einmaligen Phänomen der «German Angst», doch findet bei uns kaum eine selbstkritische Reflexion über diese Lebenseinstellung und kaum eine Differenzierung zwischen begründeter Furcht, Angst und Ängstlichkeit, zwischen Kummer und Sorge statt. Deutsche Experten können uns sofort wichtige Unterschiede dieser Vielfalt an Begriffen erklären – die wir in unserem Sprach- und Denkraum aber weder wirklich verstehen noch anwenden.

Im Hinblick auf die Erziehung unserer Kinder und die Motivation unserer jungen Berufseinsteiger sollte doch die Frage im Zentrum stehen: Wollen wir die Zukunft überhaupt erleben? Oder wollen wir die Gegenwart festhalten?

Sehen wir Zukunft als Chance für neue Wege? Oder als Risiko für aktuelle Positionen und gegenwärtigen Besitzstand? So erstaunt es auch nicht, dass gemäss dem Hoffnungsbarometer von swissfuture weder Vorgesetzte noch Manager, weder Politiker noch Pfarrer als Partner der Hoffnung betrachtet werden.

Aber wie wollen wir ohne Zuversicht innovativ und dynamisch sein?

Y wie „Generation Y“

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X wie der „Tag X“

Schon die griechische Mythologie kannte drei Konzepte zum Umgang mit Zeit: den Tag als unmittelbare Gegenwart, «Chronos» als langen Zeitabschnitt und «Kairos», den religiös-philosophisch verstandenen günstigen Zeitpunkt für eine Entscheidung, dessen ungenütztes Verstreichen nachteilig sein konnte und den es zu erkennen galt.

Seit der Erfahrung mit Massenvernichtungswaffen und der Konfrontation mit den Folgeschäden von menschlicher Technik ist ein viertes Konzept im Umgang mit Zeit dazugekommen: die Angst vor dem Tag X.

Ein Tag, dessen Datum noch nicht bekannt ist. Und die Doom-Saying-Propheten werden nicht müde, uns zu belehren: Die Zukunft ist ein Risiko. Und Leben ist lebensgefährlich. Wir wissen zwar nicht, wann, aber er wird kommen – der Weltuntergang.

Als aufgeklärte, bildungsbürgerliche Gesellschaft haben wir zwar das Konzept einer konkreten Schöpfung als Weltanfang verworfen, aber die verschiedenen Vorstellungen eines Weltuntergangs sind in ihrer Vielfalt sehr konkret. Oder zumindest die Vorstellung des Aussterbens der Menschheit. Oder die Berechnung von grossen, durch den Menschen verschuldeten Katastrophen, die die Lebensqualität und das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft grundsätzlich zum Schlechten verändern werden. Oder der Tag, an dem die Weltwirtschaft zusammenbrechen wird. Oder der Euro auseinanderbrechen wird. Oder der Islam die Vorherrschaft in Europa übernehmen wird, nachdem die Russen doch nicht gekommen sind.

Die Menschheit weiss, dass Kriege, Pest und Erdbeben überlebt werden können – doch der Tag X wird alles verändern. Der D-Day war sowohl der Tod vieler Soldaten als auch der Anfang der Befreiung von Europa. Das biblische Konzept der Apokalypse war sowohl die Schlacht von Armageddon als auch die anschliessende Befreiung von Sünde, Tod und Teufel.

Warum eigentlich bringen wir den Tag X immer mit einer schlechten Zukunft in Verbindung?

W wie Wild Card

Y wie „Generation Y“

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U wie Urbanisierung

Sodom und Gomorrha oder das himmlische Jerusalem?

Seit Jahrtausenden haben Grossstädte einen zwiespältigen Charakter: Für die einen sind sie eine Ansammlung von Laster und Verbrechen, die anderen hoffen darauf, dass Stadtluft frei macht und Wohlstand ermöglicht, weil sie den Begrenzungen ihres Dorfs entfliehen wollen und auf neue Beziehungen hoffen.

Schon heute leben über 50 Prozent der Weltbevölkerung im städtischen Raum. Die UNO rechnet damit, dass bis 2050 über 70 Prozent der Weltbevölkerung in Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern leben werden. Doch hat schon im 19. Jahrhundert die damalige Industrialisierung in Europa Millionen von Menschen in die städtischen Zentren gelockt.

Wie wir eine menschenfreundliche Grossstadt bauen, wird eines der Topthemen auf der globalen Agenda sein.

T wie Think Tank

V wie Verzicht

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R wie Ressourcen

Ressourcen: ein technisch anmutendes Fachwort, doch es steht für die verschiedensten Voraussetzungen zum Leben.

So bezieht sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs auch auf die Erschliessung von Quellen. Und Fortschritt ging immer einher mit der Erschliessung neuer Quellen. Oder mit der effizienteren und effektiveren Nutzung von Quellen.

Technischer Fortschritt resultierte nicht selten aus der Erfahrung von Knappheit und der Konfrontation mit Begrenztheit und der Bereitschaft, diesen Grenzen nicht einfach mit Verzicht und Selbstbegrenzung zu begegnen, sondern diese Grenzen zu überwinden. Denn sowohl die persönliche Biografie eines Menschen als auch die historische Geschichte der menschlichen Gesellschaft bestehen aus Grenzerfahrungen und der Frage, wie der Mensch mit diesen Grenzen umgeht.

Die Menschheit ist lernfähig und in der Lage, auf neue Herausforderungen mit neuen Lösungsansätzen zu reagieren. Darum ist schon manche Prognose nicht eingetroffen, weil neue Lösungen gefunden wurden. Und so wird die kommende Generation Mittel und Wege finden müssen, da noch nie so viele Menschen dieselben Ressourcen begehrt haben.

Noch nie ist eine Gesellschaft so selbstverständlich wie heute davon ausgegangen, rund um die Uhr und billig über Ressourcen verfügen zu können. Verzicht ist aktuell keine gesellschaftlich akzeptierte Option. Deshalb bestehen grosse Anstrengungen, immer neue Mittel und Wege zu suchen, um über knappe Ressourcen zu bestimmen.

Im Laufe der Geschichte kamen und gingen Weltmächte. Auf dem Höhepunkt eines schier grenzenlosen Wohlstands entglitt ihnen meistens die Bereitschaft, sich mit Herausforderungen auseinanderzusetzen. Stattdessen fielen sie in die Dekadenz und wurden von aufstrebenden Mächten überrollt. So thematisiert Europa seit einer Generation die Angst vor dem Islam und vor Asien. Übrigens nicht das erste Mal in der Weltgeschichte.

China bringt sich strategisch in Position, um künftige Ressourcen kontrollieren zu können. Durch direkte Positionierung in afrikanischen Ländern, die über Rohstoffe verfügen, welche Voraussetzungen für Spitzentechnologie sind. Durch die Investition in Verkehrs- und Infrastrukturanlagen, mittlerweile auch schon in Afrika. Durch den systematischen Aufkauf von Patenten aus den Bereichen der Umwelttechniken und Alternativenergien.

In der Schweiz ist uns seit Jahrhunderten bewusst, dass wir über keine Bodenschätze als Ressourcen verfügen. Und dass wir zu wenig militärische Macht haben, um fremde Bodenschätze mit Gewalt zu erobern. Deshalb war es immer typisch schweizerisch und wird es typisch schweizerisch sein, sich in der Schweiz spezifische Kompetenzen zu erwerben: im Umgang mit nachwachsenden Ressourcen der Natur, im Handel und Transport von Ressourcen unter schwierigen Umständen, in der Entwicklung von Beziehungen und von menschlichen Fähigkeiten als humanen Ressourcen.

Q wie Quorn

S wie Sustainability (folgt demnächst)

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Q wie Quorn

Hunger ist seit Menschengedenken eines der grössten Probleme der Menschheit.

Die UNO schätzt, dass heute über 800 Millionen Menschen hungern. Quorn steht stellvertretend für industriell hergestellte Nahrungsmittel. Es ist ein proteinreiches und cholesterinarmes Gemisch aus Schimmelpilzmyzel, das mit Vitaminen und Mineralien angereichert und zu vegetarischem Fleischersatz verarbeitet wird.

Schweizer stellen hohe Ansprüche an Nahrungsmittel. Gesund müssen sie sein, natürlich, ästhetisch gefällig und typisch schweizerisch. Oder vielleicht so exotisch, wie wir uns unseren Urlaub vorstellen.

Offensichtlich ist der Mensch keine biologische Maschine, die Essen rein funktionell als Aufnahme von Treibstoff versteht. Essen besitzt eine wichtige kulturelle und soziale Bedeutung, ja manchmal sogar eine religiöse Komponente. Gemeinsames Jagen oder Ernten, gemeinsames Kochen und Essen haben eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung – und eine nostalgische Note. «Das schmeckt wie beim Grosi» ist wohl eine der höchsten kulinarischen Auszeichnungen in der Schweiz.

Trotzdem hat in unserer Generation Fast Food einen wichtigen Platz in der Ernährung eingenommen, solange es so aussieht, riecht und schmeckt, wie wir uns Essen vorstellen. Astronautennahrung hat einen schwierigen Stand ausserhalb der Raumkapsel und jenseits von Kindergeburtstagsfesten. Doch verschiedene Entwicklungen werden unsere Essgewohnheiten weiter beeinflussen. Zwar legen LOHAS grossen Wert auf natürliches, gesundes und authentisches Essen. Eine klare regionale Identifizierung, die die Exklusivität einer Speise unterstreicht und ihr beinahe kunsthandwerkliche Qualität verleiht, steigert den Liebhaberpreis durchaus.

Doch Nahrung als Ressource ist global zu wichtig, als dass sie sich hinfort an unseren traditionalistischen Vorstellungen orientieren könnte. Oder wenn wir aus Gründen der globalen sozialen Gerechtigkeit beginnen werden, ganzheitliche Verkehrs-, Energie-, CO2- und Ressourcenbilanzen für den Herstellungsprozess unserer Nahrungsmittel auszurechnen – so, wie dies heute in den Schulen bereits thematisiert wird. Demnach ist zu erwarten, dass auch bei der Nahrung die Akzeptanz gegenüber neuen Materialien und Gemischen aufgrund sowohl ethischer Verantwortung als auch finanzieller Knappheit weiter zunehmen wird – gegenüber Fleisch- und Fischresten, die wir heute an Tiere verfüttern, oder gegenüber Insekten, die schon heute in Asien und Afrika gegessen werden. Was durchaus traditionell wäre, denn einst hat in Europa die breite Bevölkerung Brei und Eintopf gegessen. Hauptsache, das Essen wird weiterhin so aussehen, riechen und schmecken, wie wir das heute von Essen erwarten – mindestens als Hamburger, Fischstäbchen oder Dosenravioli.

P wie Patente

R wie Ressourcen

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P wie Patente

In einer Gesellschaft, die sich an einem wirtschaftlichen Weltbild orientiert, sind Patente existenziell, denn Patente sichern das exklusive Recht, eine Erfindung selbst kommerziell zu verwerten respektive dies anderen zu erlauben oder zu verbieten. In einer Welt, in der das Streben nach Innovationen und Verbesserungen eine der höchsten Tugenden darstellt, sollen Patente die ökonomischen Grundlagen dieses Strebens sichern. Wer die Forschungs- und Entwicklungskosten trägt, hat Anrecht auf eine angemessene Rendite.

Als Bauern würden wir sagen: Nur derjenige darf ernten, der auch gesät hat. Nur derjenige darf Äpfel ernten, der den Baum gepflanzt hat.

Und diese Äpfel zeigen uns, weshalb dieses Prinzip heute gefährdet ist: Viele Bäume wurden nämlich von Vorgängern gepflanzt. Warum soll also nicht die ganze Nachwelt am Nutzen partizipieren dürfen? Und Mundraub ist doch kein Diebstahl, schliesslich bin ich auf meinem Sonntagsspaziergang gerade jetzt so hungrig und die Shops sind alle so weit weg und es hängen noch genug andere Äpfel am Baum. Und der Apfel hängt über dem öffentlichen Weg. Und überhaupt …

So scheint angesichts der Dynamik im virtuellen Raum der Schutz von geistigem Eigentum kaum noch möglich zu sein. Ein Musikstück, ein Film, ein Foto, eine Geschäftsidee, ein Konstruktionsplan – der Cyberspace ist öffentlicher Raum; also bedient sich die weltweite Cybercommunity in selbstverständlicher Weise. Früher nannte man das «volkseigenen Besitz». Der Besitzer des Patents darf das Patent gerne weiterhin besitzen – aber im Cyberspace will ich es selbstverständlich gratis nutzen dürfen. Was dieses Verständnis von Eigentum für zukünftige Generationen heissen könnte, gehört aus Sicht der liberalen Marktwirtschaft in den Bereich des «Doom Saying».

O wie Orakel

Q wie Quorn

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