Noch 9 Tage – Ein konservativer Zukunftsforscher blickt zurück, um in die Zukunft zu schauen

Noch 9 Tage. Es wird etwas kommen. Wird wirklich etwas anders werden oder bleibt eigentlich doch alles beim Alten? Gerade als Zukunftsexperte bemerke ich immer wieder, wie die Diskussion über Veränderungen spekulativ und spektakulär ist. Die Diskussion über das, was eigentlich gleich bleibt und sich nur in Nuancen ändert, ist für den geschäftlichen oder politischen Erfolg aber mindestens so wichtig.

Nun gut, dass Spannung aufgebaut wird, ist ja ganz nett, aber die youtube-Clips von gestern waren doch ganz schön „Retro“. Wozu soll dieser Blick zurück eigentlich gut sein? Wir leben doch in einer Welt, in der ständig alles anders wird und „Innovation“ ist die Tugend, die Wirtschaft und Wirtschaftspolitik aktuell am häufigsten predigen …

Menschen in Schubladen

Aber wozu die Bezeichnung „konservativer Zukunftsforscher“? Um das Denken bequemer zu machen, denken Menschen gerne in Schubladen. Und je einfacher die Menschen denken wollen, desto weniger Schubladen verwenden sie, die zudem möglichst plakativ beschriftet sein sollen. … Leider denkt aber ein „Weiterdenker“ nicht einfach … „weiterdenken“ bedeutet eben „thinking out of the box“…

Offensichtlich gibt es Journalistinnen, die gerne einfach denken und gerne grosse Schubladen verwenden – weil das angeblich das Publikum so will.

Postmoderne Medienkonsumwelt – wo sind bloss die Werte von Aufklärung und Bildungsbürgertum geblieben? Postmoderne Medienkonsumwelt – was ist bloss aus den Megatrends „Individualismus“ und „Wertepluralismus“ geworden, dass grosse Etiketten auf grossen Schubladen anscheinend so wichtig seien? Aber das Thema Qualitätssicherung im Journalismus ist ein anderes Thema, das ich lieber meinem Freund und Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss überlasse.

Nun denn, diese Journalistin, die gemäss Selbstverständnis der Branche zu den „grössten Talenten“ unter den Nachwuchsjournalisten zählt, beförderte mich vor zwei Jahren in ihrer Reportage zum „konservativen Zukunftsforscher“. Aha.

Ein anderer Journalist kürte mich gar zum „wissenschaftlichen Pendant von Mike Shiva„. Aha.

Voller Neugierde erwarte ich die nächste journalistische Etikette, die mir verpasst werden wird.

Aber wozu beantwortete jene Journalistin ihre Frage: „Wer ist Walker, der Zukunftsexperte? “ eigenwillig mit der Etikette „konservativ“?

Bloss um eine einfache und offensichtliche Spannung zwischen „konservativ“ und „Zukunft“ aufzubauen?

Spurensuche

Also mache ich mich auf Spurensuche in ihrem Porträt über mich:

„… Seine Gäste empfängt er zu Hause. Eine strikte Trennung von Berufsleben und Privatem hält Walker nicht für möglich. Im noblen Mietshaus im Gellert gibt es einen roten Teppich, ein grosses Entrée, goldene Spiegel, Landkarten an der Wand. Ordnung herrscht. Andreas Walker lebt zusammen mit seiner Frau und seinen vier Kindern.“ Aha.

Ich bekenne, wenn das einen Konservativen auszeichnet, dann bin ich konservativ.

Bedeutet Vater sein konservativ sein?

Und ich erinnere mich noch gut, dass jene junge Dame im Gespräch grosse Mühe damit hatte, dass ich ein bekennender Vater bin. Der Wert auf ein ausgewogenes Portfolio legt, indem „Mann sein„, „Experte sein“ und „Vater sein“ nebeneinander Platz haben. Und der mit seiner Vaterschaft nicht die Mutterschaft seiner Frau substituieren will, so dass diese nun in meiner Vaterzeit statt meiner dem eigenen Gelderwerb und der eigenen Karriere nachgeht, sondern indem Kinder eben Eltern haben, die aus einem tatsächlich erlebbaren Vater und einer erlebbaren Mutter bestehen. Wenn das einen Konservativen auszeichnet, dann bin ich konservativ.

Und in der Tat prägt mein Vater-Sein mein Denken und Handeln als Zukunftsexperte. Denn schliesslich wird meine Zukunft dereinst die Gegenwart meiner Kinder und Enkelkinder sein. Und ein nachhaltiges Gestalten und Bewirtschaften meiner heutigen Gegenwart hat eben das Ziel, meinen Kindern und Enkelkindern ihre Zukunft nicht zu verunmöglichen. Dieses Denken in Generationen prägt mein Verständnis von Zukunft stark.

Dabei bin ich überzeugt, dass der Oedipus-Komplex eben ein Komplex ist, auch wenn mittlerweile nicht nur Söhne sondern auch Töchter davon betroffen sein mögen – dieser Komplex ist weder gesund noch ist er die Regel.

Es stimmt nicht, dass Väter durch die Hände ihrer Söhne sterben müssen. Und es stimmt auch nicht, dass Väter sich nur schützen können, wenn sie ihre Söhne kastrieren oder gleich selbst umbringen. … Auch wenn meine vier Kinder vielleicht das eine oder andere Drama von griechischer Qualität über mich erzählen könnten.

Wobei ich im Gespräch den Eindruck nicht loswurde, dass jene junge Journalistin eigentlich Probleme mit ihrem eigenen Vater hat und deshalb nun ihre persönlichen Vater-Feindbilder projizierte. … Wobei ich ja eigentlich kein Therapeut bin …

Wissenschaftstheorie ist nicht so einfach

Aber wir landen mit dieser Beobachtung bei einer der grossen Lügen des heutigen Journalismus und der heutigen Wissenschaften: Wissenschaftler und Journalisten erheben den Anspruch, souverän über der „Sache“ stehen zu können, das sie erforschen bzw. über das sie berichten, quasi frei von jeder Interessensbindung und nur der Wahrheit verpflichtet.

Also wenn jene Journalistin mich als konservativ bezeichnet, sagt das vielleicht weniger über mich als viel mehr über sie aus …

Und damit stehen wir mitten in einem der grossen wissenschaftstheoretischen Spannungsfeldern: Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist Wissenschaft immer irgendwie eine Laborsituation: Ein Forscher führt eine Untersuchung bzw. ein Experiment unter eindeutig definierten Umständen in einem klar abgegrenzten Laborsystem mit einer eindeutig definierten Methode durch. Und wenn nun ein anderer Forscher an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit dasselbe Experiment unter denselben Umständen im selben Laborsystem mit derselben Methode erfolgreich reproduzieren kann – dann gilt etwas als wissenschaftlich eindeutig erwiesen.

Versuchen Sie nun mal, dieses Denken auf psychologische, soziologische, kulturelle oder religiöse Fragestellungen anzuwenden, die zudem völlig neutral zu den persönlichen Erfahrungen und Meinungen des Forschenden sind …

Vielleicht besteht ja das Problem darin, dass „Menschen“ und „menschliche Beziehungen“ als Untersuchungsgegenstand eben keine „Sache“ sind … Auch wenn viele Experten aus den MINT-Disziplinen uns genau von dem überzeugen möchten.

Aber damit wären wir wieder bei einem anderen Thema gelandet, nämlich dem Umgang mit offenen oder geschlossenen Systemen, dem Umgang mit einfachen, wohl strukturierten oder komplexen, dynamischen, schlecht strukturierten Problemen.

Der Blick in die Zukunft beginnt häufig mit dem Blick in die Vergangenheit

Doch kehren wir zurück zum „konservativen Zukunftsforscher“ – in der Tat habe ich ein Geschichtsstudium an der Universität Basel abgeschlossen. Und dieses Selbstverständnis als Historiker prägt mein Selbstverständnis als Zukunftsexperte: Ich will Veränderungen erkennen. Ich will Veränderungen beschreiben. Ich will Veränderungen erklären. Ich will aufzeigen, wer ein Interesse an Veränderungen hat. Ich will aufzeigen, ob und wie Veränderungen beeinflusst werden können. Sei das in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder eben sogar in der Zukunft.

Oder wie der grosse sozialistische Dramatiker Bertolt Brecht sagte: „Man muss vom Alten lernen, um Neues zu machen.“

Und dabei halte ich es ganz mit Winston Churchill: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen können.“

Der Behauptung „Der Mensch lernt nichts aus der Geschichte“ trete ich ganz entschieden entgegen. Diese Behauptung ist schlichtweg Quatsch. Die ganzen Erkenntnisse und Fortschritte in Medizin, Naturwissenschaften und Technik bauen auf Erkenntnissen und Entdeckungen von gestern auf, auf diesen Grundlagen wird heute gearbeitet und morgen soll diese aneinander anschliessende Kette von Erkenntnissen weitergeführt werden. Oder wie Roger Taylor definierte: „Die Tradition ist die Kette, die unsere wechselhafte Gegenwart an den soliden Anker der Vergangenheit bindet.“

Traditionell oder konservativ?

Ja was nun – bin ich ein konservativer oder ein traditioneller Zukunftsforscher? Hm. Können Sie mir den Unterschied erklären? Ich nicht. Im Alltagsgebrauch und insbesondere im schweizerdeutschen Sprachumfeld werden die beiden Begriffe „konservativ“ und „traditionell“ synonym gebraucht, und deshalb will ich diese hier auch synonym verwenden.

Konservativ oder persistent?

Aber vielleicht besteht das Problem darin, dass der Unterschied zwischen „persistent“ und „konservativ“ viel zu wenig geklärt wird. Denn Persistenz meint das beharrliche und ausdauernde Festhalten – was unter widrigen Umständen durchaus Sinn machen kann, wenn ein Ziel vor Augen liegt und der Weg definiert ist.

Hoffentlich sind Marathonläufer persistent, damit sie nicht bereits bei Kilometer 25 abbrechen oder bei Kilometer 35 eine andere Route suchen. Hoffentlich sind Häuser und Brücken persistent gebaut, damit sie Wind und Wetter Stand halten.

Ein Haus ist eben etwas anderes als ein Schiff. Und ein Marathonlauf etwas anderes als eine Segelregatta. Ich persönlich war übrigens in jungen Jahren Wald- und Orientierungsläufer.

Doch wenn wir uns auf die wilde See begeben, dann stellen wir fest, dass Wasser keine Bretter hat.

Konservativ – ein Kampfbegriff?

Offensichtlich ist „konservativ“ in Medien und Social Media und im akademischen Umfeld ein Kampfbegriff, der in etwa einem Bannfluch gleich kommt, gerade im akademischen Umfeld. Und so lassen sich unzählige Zitate und Verse finden, die Konservative mit Spott und Häme zudecken. Und auf die Etikette „konservativ“ wird auch sogleich noch die Etikette „reaktionär“ oben drauf geklebt. Was bin ich froh, dass der Bildungsstand damit schon erschöpft ist und nicht auch noch der Begriff „ultramontan“ folgt.

Wobei manche dieser Zitate für einen selbstkritischen konservativen Geist durchaus ernst zu nehmen ist, etwa: „Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich jetzt nicht mit Tatsachen.“ Aber wie bemerkte bereits Ludwig Wittgenstein treffend: „Im Hinblick auf seine eigenen Ansichten ist jedermann konservativ.“ Insofern gibt es wohl auch konservative Progressive und konservative Liberale.

Aus meiner Sicht hat „konservativ“ meistens etwas mit Position, Besitztum und Macht zu tun. Oder wie Thomas Niederreuther bemerkte: Seltsam, wie konservativ die Menschen werden, wenn sie das Geringste zu verlieren haben.“ Haben Sie schon einmal beobachtet, wie sich „Linke“ oder „Liberale“ verhalten, wenn sie selbst an die Macht gelangt sind und nun ihre Macht gegen andere Strömungen verteidigen müssen? Ich persönlich denke, dass Liberalismus, Sozialismus und auch Christentum Konzepte sind, die aus einer Minderheitenposition heraus im Kampf für Minderheiten sehr wertvoll sein können. Aber wenn deren Vertreter plötzlich eigene Machtpositionen und eigene Besitzansprüche sicherstellen wollen, wird im Sinne einer Güterabwägung manch altruistischer Idealismus schnell gegen pragmatischen Utilitarismus eingetauscht.

Dabei scheint mir auffällig, dass es ausgerechnet Friedrich Engels war, der sagte: „Die Tradition ist eine große hemmende Kraft, sie ist die Trägheitskraft der Geschichte.“

Ein Konservativer muss sich immer selbstkritisch hinterfragen, ob er mit seinen Äusserungen und Positionen nicht einfach die bestehenden Macht- und Besitzstrukturen festigt – also eigentlich zur gesellschaftlichen Persistenz beiträgt. Und welches denn die Benachteiligten und Leidtragenden dieser Situation sind.

Die Gretchenfrage – bin ich jetzt konservativ?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es mir in der Schweiz ein Anachronismus zu sein, ernsthaft auf eine „Konservativismus-Debatte“ einsteigen zu wollen, denn diese gibt es in der Schweiz nicht.

Wir Schweizer sind viel zu realpolitisch, pragmatisch und konsensorientiert, als dass wir wirklich ernsthaft an derartigen Grundsatz- und Prinzipiendiskussionen interessiert wären, wie dies in den USA, Grossbritanien, Frankreich oder Deutschland üblich war. Angesichts unserer traditionellen grossen Koalition und unserer ausgebildeten politischen Partizipationsverfahren diskutieren und politisieren wir seit Jahrzehnten stark sachpolitisch und konkret lösungsorientiert und eben nicht im Sinne der grossen politischen Blöcke.

Aber dafür der Versuch einer eigenen Definition, was ich persönlich unter „konservativ“ verstehe? Ist diese heute wirklich zielführend? Bin ich denn ein Professor, der nun die hundertundeinte Definition liefern muss? Will ich mir wirklich meine eigene Schublade zimmern, in die ich dann gesteckt werde?

Keine Definition – aber Zitate, Sprichwörter, Redensarten:

Aber ich oute mich, dass mir einige Zitate ausnehmend gut gefallen:

  • Fritz P. Rinnhofer: Ein Konservativer ist eigentlich ein Progressiver. Er verteidigt Werke, die noch in hundert Jahren Bestand haben werden.“
  • Moeller van den Brucks: „Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt.“
  • Gerd-Klaus Kaltenbrunner: „Konservativismus ist die Haltung jener, die durch allen Wandel hindurch bestimmte Dinge bewahren wollen, aber auch darum wissen, dass es darauf ankommt, Dinge zu vollbringen, die es wert sind, bewahrt zu werden.“
  • Antoine Comte de Rivaról: „Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.“
  • Abraham Lincoln: Was ist Konservatismus? Ist es nicht das Festhalten am Alten und Erprobten gegenüber dem Neuen und Unerprobten?“
  • Norbert Blüm: Konservativ ist eine Vorfahrtsregel für das Bestehende, das sich nicht gegen das Neue absperrt, ihm aber die Beweislast überträgt, dass es besser ist als das Alte.“
  • Thomas Holtbernd: „Wer konservativ denkt, muss nicht altmodisch sein, er will nur das bewahren, was er braucht, um progressiv sein zu können.“

Gerne reihe ich mich auch ein mit Thomas Morus, Benjamin Franklin, Jean Jaurès, Gustav Mahler, Ricarda Huch und Papst Johannes XXIII – denn jedem von diesen wird in Varianten das folgende Zitat zugesprochen. Ich erdreiste mich nun, es eigenwillig zu zitieren: „Tradition darf nicht zur unkritischen Verehrung erkalteter Asche werden, Tradition soll das Weiterreichen von alter, bewährter Glut sein, die morgen zu neuem Lebensfeuer entfacht werden kann.“

Doch am besten gefällt mir immer noch diese Erklärung: „Stellen Sie sich vor, eine Schweineherde lagert auf einem Hügel am Rande eines Sees. Da zieht ein Gewitter auf mit Blitz und Donner, worauf die Schweine in Panik geraten, kopflos den Hügel herunterrennen und ertrinken. Bis auf eines. Ein Schwein ist nämlich liegengeblieben. Das überlebte. Sehen Sie: Das war ein konservatives Schwein!“

Mehr davon morgen auf diesem Kanal 🙂

4 Gedanken zu „Noch 9 Tage – Ein konservativer Zukunftsforscher blickt zurück, um in die Zukunft zu schauen

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