Die Zukunft der akustischen Landschaft Schweiz – eine Analyse von langfristigen Megatrends

Unsere Studie für das Bundesamt für Umwelt ist heute publiziert worden, sie ist via Internet als pdf in Deutsch, Französisch und Englisch verfügbar.

Auftrag

Um Impulse zur Entwicklung der zukünftigen Strategie der Lärmbekämpfung zu liefern, sollen lärmrelevante Zukunftstrends erkannt, beschrieben und mit Hilfe der DPSIR-Methode analysiert werden. Dabei soll einerseits ein langfristiger Zeithorizont gewählt werden, andererseits soll auf die bekannten und in der Fachwelt als wahrscheinlich angenommenen Trends fokussiert werden. (Kapitel 2)

Methodik

Um diese Trends beschreiben und analysieren zu können, soll mit sogenannten Megatrends gearbeitet werden. Megatrends sind langfristige soziale, ökonomische, politische oder technische Veränderungen, die Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Technologie über mehrere Jahrzehnte hinweg strukturell beeinflussen. Dabei gibt es keine verbindliche Definition und keinen abschliessenden Katalog, was Megatrends sind, vielmehr sollen diese aus relevanten Zukunftsstudien abgeleitet werden. (Kapitel 3.5.)

Um bewusst langfristig analysieren zu können, soll der Zeithorizont „2050“ verwendet werden, wobei dies nicht im kalendarischen Sinne gemeint ist. Vielmehr geht es darum, bewusst mit einem Zeithorizont zu arbeiten, der die üblichen politischen und behördlichen Planungs- und Entscheidungs-Zyklen übersteigt. Das Jahr 2050, also ein Zeithorizont von rund 40 Jahren, steht also als symbolischer Zeithorizont für nachhaltiges Planen. Die Chance einer derartig langfristigen Betrachtungsweise besteht darin, dass im Sinne der Früherkennung Veränderungen aufgespürt werden, die heute erst als schwache Signale eingestuft werden. Sie erscheinen somit heute gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich vielleicht noch nicht als relevant, könnten aber zukünftig sehr wohl eine grosse Bedeutung haben – sowohl als Risiko aber auch als Chance. (Kapitel 3.3, 5)

Zur Analyse der langfristigen Megatrends soll das DPSIR-Modell der Europäischen Umweltagentur als eine wichtige Methode zur Arbeit mit Umweltinformationen angewendet werden. Dabei zeigt die vorliegende Studie, dass die vorgegebene DPSIR-Methode an ihre Grenzen stösst, da Megatrends nicht einfach isolierbare „Driver“ mit eindeutiger Wirkungsweise sind, sondern ein komplexes Konglomerat von Treibern, Belastungen, neuen Zuständen, Wirkungen, Nebenwirkungen und Rückkopplungen darstellen, die aufgrund der Randbedingungen dieser Studie nicht tiefer behandelt werden konnten. (Kapitel 3.7, Anhang 1 Kapitel 8.2)

Weitere Methoden zur vertieften Beschäftigung mit möglichen zukünftigen akustischen Landschaften in der Schweiz sind das Arbeiten mit Zukunftsszenarien, das Arbeiten mit Wild Cards bzw. Black Swans, sowie die Modellierung von qualitativen oder quantitativen Prognosemodellen. Auf diese Methoden wurde aufgrund der Randbedingungen dieser Studie verzichtet. Die vorliegenden Erkenntnisse, Beschreibungen der Megatrends sowie Detailanalysen im Anhang stellen aber eine geeignete Grundlage für eine entsprechende Weiterarbeit dar. (Kapitel 3.6)

Megatrends

Aufgrund der Literaturrecherche wurden folgende acht Megatrends ausgewählt (Kapitel 3.5 und 6):

Tabelle 1: Kurze Beschreibung der acht Megatrends

Demografische Entwicklung Bevölkerungswachstum global und in der Schweiz, Migration in die Schweiz hinein, Strukturwandel in der Bevölkerung durch Langlebigkeit und niedrige Geburtenziffer
Technischer Fortschritt Fortschrittsglaube, Technikakzeptanz, Informations- und Kommunikationstechnologie, Digitalisierung, Cyber Space, Miniaturisierung, Datenschutz, Human Enhancement, Nebenwirkungen, Umweltbelastungen, Systemrisiken, Ethik
Globalisierung globale Vernetzung und Mobilität, Migrationsströme, Internationalisierung von Wirtschaft und Politik, Bedeutungszuwachs der supranationalen Organisationen
Verschärfung der ökologischen Situation Verknappung natürlicher Ressourcen, insbesondere fossile Energiequellen, Klima und Witterung, Ökosysteme, Biodiversität, Abfall
Urbanisierung Megacities, Verstädterung, verdichtetes Bauen, Nutzungsdurchmischung, globale Durchmischung der städtischen Kulturen und 24-h-Gesellschaft
Wirtschaftlicher Strukturwandel zur Informationsgesellschaft Weiterentwicklung von III. zum IV. Sektor und Dominanz des quartären Sektors in der Schweiz, Cyber Space, New Work
Komplexitäts-, Vernetzungs- und Mobilitätszunahme inkl. zunehmender Interaktionen und Kommunikation
Wachsende Bedeutung des Lifestyle of Health and Sustainability LOHAS als neuer Leitkultur Langlebigkeit, Wohlstand in der zweiten Lebenshälfte, hohe Sensibilität für persönliche Gesundheitsfragen, für ökologische und sozialethische Anliegen, persönliche Bereitschaft in technische und medizinische Innovationen zu investieren

Thesen als Fazit

Als Fazit der auf den Megatrends aufbauenden DPSI(R) Methode werden elf Thesen formuliert (Kapitel 7 und Anhang 1 Kapitel 8.2 bis 8.5):

T1 „Ruhe“ ist auch zukünftig ein wichtiger Standortfaktor für Wohnen, Wirtschaft und Erholung, aber durch zahlreiche Entwicklungen ist dieser Standortfaktor in unterschiedlicher Weise gefährdet.
T2 „Durch die Zunahme von Interaktion und Mobilität bleibt die Eindämmung und Lenkung von „Mobilitätslärm“ eine zentrale Aufgabe der Lärmpolitik.“
T3 „Der technische Fortschritt wird grosse Erfolge an technischen Lärmquellen ermöglichen – wenn dieser Fortschritt entsprechend gefordert und gefördert wird.“
T4 „Technische Standards werden globalisiert werden.“
T5 „Der gesellschaftliche Konsens über Tageszeiten geht verloren, insbesondere über Mittags- und Nachtruhe sowie Feiertagsruhe.“
T6 „Der gesellschaftliche Konsens über das Verständnis von Lärm und Ruhe geht verloren.“
T7 „Nachbarschaftliche Konflikte aufgrund störender Geräusche werden zunehmen und aggressiver ausgetragen.“
T8 „Der Umgang mit Alltags- und Freizeitlärm wird an Bedeutung für die Lärmpolitik gewinnen. Diese Problematik kann nicht mit den bisherigen, quantitativ orientierten Ansätzen bewältigt werden.“
T9 „Im urbanen Raum wird das Bedürfnis nach Ruhe-Inseln in Fussdistanz zum Arbeitsplatz und zur Wohnung stark ansteigen.“
T10 „Die Akzeptanz von künstlichen Indoor-Lösungen als Erholungs- und Ruheräume wird steigen“
T11 „Umgang mit Lärm wird Bestandteil eines umfassenden Gesundheitsverständnisses werden.“

 

Herbsttagung 2012: Ein Blick auf 2050

SGVW-Herbsttagung 2012 in Kooperation mit swissfuture

Freitag, 23. November 2012, 09.00 – 16.00 Uhr, Universität Bern, von Roll-Areal, Hörsaal 104, Fabrikstarsse 6, 3012 Bern

Ein Blick auf 2050: Zukünftige Herausforderungen des Staates angehen und gestalten

„Gouverner c’est prévoir“ – Dieser Leitsatz staatlichen Handelns stellt Politik und Verwaltung in einer zunehmend vernetzten und komplexen Welt, die einem ständigen Wandel ausgesetzt ist, vor steigende Anforderungen. Verlässliche Prognosen über mittel- bis langfristige Entwicklungen werden durch wachsende Unsicherheit erschwert. Trotzdem ist die Politik für Planungs- und Investitionsentscheide auf verlässliche Zukunftsannahmen angewiesen. Die Tagung befasst sich mit einzelnen Treibern des Wandels, die unsere Gesellschaft und den Staat in den nächsten Jahrzenten prägen werden und zeigt auf, wie mittels Szenarien die Entscheidungsträger von heute bei der Erfüllung ihrer Aufgaben unterstützt werden können.

Unter der Moderation von Dr. Katja Gentinetta, Gesprächsleiterin beim Schweizer Fernsehen, sprechen und diskutieren folgende Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft:

  • Dr. Guy Morin, Regierungspräsident Kanton Basel-Stadt
  • Markus Notter, ehem. Regierungsrat Kanton Zürich
  • Heinz Karrer, CEO Axpo Holding AG
  • Dr. Hans Werder, Verwaltungsrat Swisscom
  • Dr. Lorenzo Cascioni, Leiter Sektion Planung & Strategie Bundeskanzlei
  • Dr. Peter Grünenfelder, Staatsschreiber Kanton Aargau
  • Yves Rossier, Staatssekretär im Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA)
  • Dr. Andreas Schächtele, Generalsekretär Departement Bildung, Kultur und Sport, Kanton Aargau
  • Prof. Dr. Daniel Wachter, Leiter Nachhaltige Entwicklung, Bundesamt für Raumentwicklung
  • Georges T. Roos, Vorstand swissfuture
  • Dr. Daniel Müller-Jentsch, Avenir Suisse
  • Dr. Andreas M. Walker, Co-Präsident swissfuture
  • Prof. Dr. Torsten Wulf, Philipps-Universität Marburg

Die Tagung richtet sich an ein politisch interessiertes Publikum, an Mitglieder der politischen Exekutive und Legislative, Führungskräfte der Verwaltung in Städten und Gemeinden, in den Kantonen und im Bund, an die Vertreter der Wissenschaft und an ein interessiertes Fachpublikum.

Weitere Informationen und Anmeldung hier.

Megatrends mit spezifischer Relevanz für die Zukunft der Sicherheit

Im Rahmen der swissfuture-Studie „Wertewandel Schweiz 2030 – der künftige Wert der Sicherheit“ hat eine Expertengruppe evaluiert, welche Megatrends von besonderer Bedeutung für die Sicherheitsfrage der nächsten Jahre sein werden. Der folgende Text ist aus dieser Studie entnommen, die ich gemeinsam mit Georges T. Roos und Francis Müller im Auftrag von swissfuture und Dank freundlicher Unterstützung des Bereiches Sicherheitspolitik des VBS und des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz verfasst habe:

 

Megatrends mit Sicherheitsrelevanz

Wir gehen in dieser Studie aus methodischen Gründen von der Annahme aus, dass in den nächsten zwanzig Jahren keine „Wild Cards“ eintreffen werden. Der Einfluss potentiell möglicher Wild Cards würde die Szenarien einseitig und sehr spekulativ machen. Wir nehmen also beispielsweise an, dass in Mitteleuropa kein Krieg ausbrechen wird, dass die europäische Gesellschaft nicht durch eine Seuche oder Katastrophe dezimiert wird und dass die EU nicht in nationalistische Einzelstaaten auseinandergebrochen ist. Wir gehen vielmehr davon aus, dass bestimmte Einflussfaktoren den zukünftigen Wertewandel vorantreiben und entwickeln die folgenden sicherheitsrelevanten Megatrends, die in allen vier Szenarien wirksam sein werden – und die wir entsprechend nicht variieren:

Machtverschiebung zu einer multipolaren Weltordnung

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sprach der Soziologe Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ und dem definitiven Siegeszug des euro-amerikanischen Demokratieverständnisses. Wegen des Zerfalls der Blöcke und der aufstrebenden Länder ist die Welt jedoch multipolarer geworden. In Mittelosteuropa sind neue „alte“ souveräne Staaten entstanden, die in ihrer frisch gewonnen Unabhängigkeit gegenüber der EU hadern. Und spätestens mit 09/11 ist die angeblich tot gesagte Geschichte der konfrontativen und gewaltbereiten Machtpolitik zurückgekehrt. Die ökonomische und militärische Vormachtstellung der transatlantischen Staaten wird von Indien, China und Brasilien und anderen „Emerging Markets“ zunehmend in Frage gestellt. Die „E7“ (Indien, Brasilien, Türkei, Mexiko, China, Russland und Indonesien) werden zu den „G7“ aufschliessen. China und Indien – so Pricewaterhouse-Coopers im Bericht „The World in 2050“ – werden den USA den Spitzenrang als wirtschaftlicher Grossmacht streitig machen. Dem ökonomischen Machtkampf folgt der politische und der militärische. Noch fällt ungefähr die Hälfte der globalen Rüstungsausgaben auf die USA. China erhöhte jedoch seine Militärausgaben gemäss dem „Yearbook 2010 Military Expenditure “ des Stockholm International Peace Research Institute im Jahr 2009 um 15%, Indien um 13% und Brasilien um 24%. Die Wachstumsraten sind hoch, der Anteil gegenüber den USA allerdings immer noch moderat. Eine neue Weltordnung wird entstehen.

Zunehmende Bedeutung von Non-State-Actors

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Blütezeit der Nationalstaaten. Heute sind zunehmend nichtstaatliche Akteure im globalpolitischen Geschehen aktiv. Zu den Non-State-Actors gehören beispielsweise globale Unternehmen, Hedge Fonds Managers, nichtstaatliche Organisationen (NGO), Terror-Organisationen, Warlords, Organisationen der organisierten Kriminalität, zivile und kommerziell motivierte Sicherheitsfirmen der inneren und äusseren Sicherheit und Religionsgemeinschaften. Viele möchten ihre Werte globalisieren – seien dies ökonomische Paradigmen oder ideologische Überzeugungen. Non-State-Actors sind nicht an Territorien gebunden und entziehen sich häufig gezielt den nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Zahlreiche dieser Non-State-Actors sind nicht als hierarchische, klar strukturierte Organisationen aufgebaut, sondern funktionieren als Netzwerke, deren Zellen autonom Kompetenzen entwickeln. Neue Kommunikationsmedien verbreiten Inhalte schneller und erhöhen die Anzahl der Empfänger. Non-State-Actors gehen sehr kompetent mit diesen Medien um, dabei sind sie häufiger agiler und effektiver als staatliche Organisationen. Sie gewinnen so breitere Aufmerksamkeit – und je nachdem mehr Unterstützung oder auch Ablehnung.

Wechsel der machtpolitischen Instrumente

Zwischen Nationalstaaten wird immer weniger der klassisch-konventionelle Krieg erklärt, dessen Ziel es ist, Territorien und Hauptstädte zu erobern. Stattdessen kommt es zu erpressungsähnlichen Drohungen von Staaten und grossen Institutionen – auch von Non-State-Actors wie zum Beispiel NGO, die zunehmend den medialen Pranger einsetzen, um eine (sich empörende) Öffentlichkeit zu mobilisieren. Es gibt einen Krieg der Bilder und der Symbole. Viele Konflikte werden ökonomisch ausgetragen. Als Machtmittel dienen Industriespionage, Rechtsauffassungen, Embargos, Rohstoffe, böswillige Transaktionen an den Börsen um dem Wert von Landeswährungen oder Aktien zu schaden und natürlich die Aufmerksamkeitsökonomie. Die Komplexität ökonomischer Systeme und die Abhängigkeit von kritischen Infrastrukturen ist am steigen, wobei gleichzeitig die Vernetzung der kritischen Infrastrukturen zunimmt –und so deren Verletzlichkeit.

Verschärfter globaler Wettbewerb um Ressourcen

Der wirtschaftliche Aufstieg von Schwellenländern und die globale Zunahme an Wohlstand erhöhen den Rohstoff-Bedarf. Der technologische Fortschritt und die zunehmende Substitution von Erdöl als Energieträger durch Elektrizität verlangt nach neuen Rohstoffen, deren Primärproduktion und Lagerstätten geographisch ungleichmässig verteilt sind. Im Jahr 2008 stammten beispielsweise 95% der weltweit hergestellten seltenen Erden, die vor allem in der Hightech-Industrie eine zentrale Rolle spielen, aus China. Der Westen verliert zunehmend seinen Einfluss auf rohstoffreiche Länder. Er steht als ehemaliger Kolonialist in keiner guten Verhandlungsbasis, zumal er im internationalen Handel immer weniger Fragen der Menschenrechte und der Demokratie ausklammern kann. Und wie schon häufig in der Geschichte kommt den ressourcenreichen Staaten ökonomisch und machtpolitisch eine Schlüsselrolle zu (siehe oben: Machtverschiebung).

Wachsende Verletzbarkeit kritischer Infrastrukturen

Moderne Gesellschaften sind auf hochkomplexe, technische Infrastrukturen angewiesen, damit sie funktionieren. Diese Infrastrukturen – etwa Transportsysteme, Pipelines, Elektrizitätsinfrastrukturen und Alarmierungssysteme – sind abhängig von Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Abhängigkeit macht diese Infrastrukturen zu „kritischen“. Die bestehenden Infrastrukturen müssen in Stand gehalten werden, neue müssen gebaut werden. Beides erfordert hohe Investitionen. Durch ihre Komplexität sind sie verletzlich und können durch verschiedene Gefährdungen aus den Bereichen Natur, Technik und Gesellschaft beeinträchtigt werden. Sie können auch durch einen virtuellen Anschlag sehr real gefährdet werden. Innerhalb der vier Szenarien wird die Frage variiert, wer diese Infrastrukturen schützen soll.

Information wird schneller verbreitet und verfügbarer

Die Geschwindigkeit der Verbreitung von Information und der einfache Zugang zu ihr haben nie dagewesene Dimensionen angenommen. Bibliotheken sind Online. Internetplattformen wie Wikileaks veröffentlichen Staats- und Betriebsgeheimnisse. Der Begriff des Privaten und des Öffentlichen werden neu definiert – die Kontrolle der Öffentlichkeit durch staatliche Organe wird erschwert. Das Aufrechterhalten von Privatsphäre und Datenschutz wird zunehmend schwierig. Jeder kann Informationen – und insbesondere auch Gerüchte, gezielte Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über politische oder ökonomische Sachverhalte – in kurzer Zeit weltweit verbreiten und so Börsen oder politische Stimmungen manipulieren. Vieles wird transparent – und bleibt zugleich aufgrund der steigenden Komplexität und Informationsflut intransparent. Dies fördert ein neues Informationsverhalten und neue Partizipationsbedürfnisse der Menschen. Die Informationshoheit gewinnt, wer Informationen rasch analysiert, aufbereitet und breit zugänglich macht. Dank Social Media können sich Smartmobs sehr schnell formieren und politische Machtverhältnisse verändern, was die Ereignisse in der arabischen Welt anfangs 2011 gezeigt haben. Da elektronische Dokumente sehr schnell in unerwünschte Hände gelangen können und sowohl in Text- wie auch in Bildform zunehmend einfach gefälscht werden können, kommt es zu einer Aufwertung persönlicher Beziehungen, um die Glaubwürdigkeit der Absender und der Dokumente tatsächlich verifizieren zu können.

Cyberspace als neuer Tatort und neues Schlachtfeld

Die Internetkriminalität nimmt dramatisch zu – und sie entzieht sich aufgrund ihres virtuellen und extra-territorialen Charakters der nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Raubzüge finden innerhalb virtueller Welten statt – durchgeführt von realen Tätern, die sich im virtuellen Raum verstecken. Gerade weil „nur“ der virtuelle Raum zum Schlachtfeld wird, entsteht gelegentlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Die Wirtschaft wird virtuell angreifbar – und sie muss hohe Beträge tätigen, um die Sicherheit ihrer Produktion, ihrer Mitarbeitenden und ihrer Kunden zu gewährleisten. Insbesondere Kundeninformationen werden zu einer wertvollen Ressource. Die Vernetzung kann systemtheoretisch eine höhere Stabilität bedeuten, aber zugleich auch eine höhere Verletzlichkeit, da sich mehr Angriffspunkte ergeben. Durch hochpräzise und technologisch komplexe Waffensysteme und Wirkmittel, die über Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen untereinander und mit den Führungszentren vernetzt sind, können militärische Streitkräfte agiler und wirkungsvoller geplant werden. Trotzdem benötigt die Mediation von zukünftigen Konflikten immer noch grosse Mannschaftsbestände.

Erwartungen an die Energie der Zukunft

Eine der Methoden der Zukunftsforschung ist die Analyse von Megatrends: Wo haben wir Entwicklungen, die über Jahrzehnte unser Leben, unsere Werte und unser Verhalten verändern? Globalisierung, technischer Fortschritt, Langlebigkeit und die Präsenz der elektronischen Medien rund um die Uhr und rund um den Globus sind prägende Megatrends unserer Tage.

Jeder dieser Megatrends setzt voraus, dass Energie verfügbar, preiswert und sicher ist.

Doch diese Megatrends stellen auch unseren Umgang mit Energie in Frage: Aufgrund der Globalisierung können Westeuropa und Nordamerika kein Vorrecht mehr auf die Verfügbarkeit von billiger Energie fordern – zunehmend stehen wir in Konkurrenz zu den wachsenden Emerging Markets. Dabei zeigt sich, dass die Verfügbarkeit von Energie nicht nur eine Frage des Marktpreises sondern auch der Machtpolitik ist – und die energieliefernden Länder sind zu einem doppelten Spiel bereit. Der Fortschritt hat unser Leben vereinfacht. Harte körperliche Arbeit oder das Leben mit saisonalen Schwankungen kennen wir nur noch aus Erzählungen unserer Eltern oder aus dem Freizeitbereich. Als Ersatz für den Einsatz eigener körperlicher Energie haben wir uns daran gewöhnt, dass Fremdenergie rund um die Uhr zur Verfügung steht: Ein Leben mit weniger Licht, weniger Wärme und weniger Mobilität ist in unserer postmodernen Gesellschaft undenkbar. Seit über hundert Jahren nimmt unsere Lebenserwartung kontinuierlich zu: wir dürfen erwarten, dass wir 80 Jahre alt werden. Dank medizinischem Fortschritt, grossen Anstrengungen in der Unfallverhütung und dem Ausbleiben von Kriegen haben wir viele Todesgefahren eindämmen können – doch gerade im Alter setzen wir diese Annehmlichkeiten als selbstverständlich voraus: Licht, Wärme, Kommunikationsmittel, Fremdkraft für die Unterstützung der Mobilität.

Verbunden mit der Klimadebatte der letzten Jahre tauchte die Kernenergie als White Knight auf, nachdem sie bereits Mitte des 20. Jahrhunderts als Zukunftsenergie betrachtet wurde – regional produzierbar, unabhängig von fossilen Brennstoffen, CO2-neutral und mittlerweile sicherheitstechnisch gereift und in der Gewissheit, dass sich die Abfallprobleme für Jahrtausende wegsperren lassen.

Eine andere Methode der Zukunftsforschung ist das Arbeiten mit Black Swans: Was geschieht, wenn das Unmögliche doch geschieht? Wenn Jahrtausendereignisse doch eintreten? Durch TV und Internet finden global verteilte Katastrophen plötzlich live in unseren Wohnzimmern statt: 9/11, Tsunami 2004, Hurrican Catrina, asiatische Vogelgrippe, chinesisches Erdbeben, mexikanische Schweinegrippe, Erdbeben Haiti – und diesen März die Mehrfachkatastrophe in Japan. Sind Black Swans gar nicht so selten? Dabei wird die Unterscheidung immer schwieriger: Welches ist der Anteil einer unabwendbaren Naturkatastrophe und welches sind menschengeschaffene Umstände, die Folgeschäden provozieren? Aufgrund unserer medialen Wahrnehmung sind global verstreute Katastrophen mental bei uns omipräsent. Aufgrund der globalen Finanzmärkte sind diese Ereignisse in unseren Portemonnaies noch viel präsenter.

Und die Frage taucht auf, ob angesichts der technischen Restrisiken, der medialen Verbreitung von Katastrophenmeldungen und der globalen Verknüpfung unserer Wirtschaft die Kernenergie wirklich als White Knight für die Energiebedürfnisse der Zukunft taugt? So verschieden unsere Vorstellungen über unsere Zukunft auch sein mögen – sie gehen alle davon aus, dass Energie verfügbar, preiswert und sicher ist. Wie muss ein zukunftsfähiges Energieportfolio aussehen, das diesen Bedürfnissen gerecht wird?

(Dieser Blog entspricht dem Editorial, das ich für „Energie mit Zukunft“ – Smart Media Themenzeitung im Tages Anzeiger vom 29. März geschrieben habe.)

Was ist ein Szenario?

Der Begriff „Szenario“ wird einerseits in der Zukunftsforschung als Methode der Früherkennung, der (politischen) Planung und (politischen) Diskussion und andererseits in der Sicherheitsbranche für Einsatz-, Krisen- und Katastrophenübungen verwendet. Dieser Blog beschäftigt sich mit den „Zukunfts-Szenarien“

Nachdem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das Weltbild der Planung auch im gesellschafts- und politikwissenschaftlichen Bereich noch stark von mechanistischen Vorstellungen aus den Naturwissenschaften und den Ingenieurtechniken geprägt waren, und die Prognose durch Experten das übliche Tool war, änderte sich dies in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend.

Die Gefahr von Fehleinschätzungen seitens der Prognostik vergrössert sich in einer Zeit zunehmender Dynamik und Komplexität seit der Mitte des 20. Jahrhunderts erheblich. So traten seit den späten 60er Jahren lineare Methoden wie Zeitreihenanalysen, Trendextrapolationen und Modelle, die ihre Aussagen hauptsächlich aus der Statistik ableiteten, immer mehr in den Hintergrund. Als Beispiel sei etwa an die Fehlaussagen der Bevölkerungshochrechnungen aus den 60er Jahren erinnert.

Seit den 80er Jahren gelten die wissenschaftlichen Bemühungen aber auch die Anwenderpraxis immer häufiger dem Einsatz der Szenario-Technik. Dabei haben sich verschiedene Schulen herausgebildet, wie Szenarien entwickelt und dargestellt werden. Insbesondere in politisch relevanten Bereichen, in denen keine Einheit in der Problemanalyse und der Zielformulierung besteht, wird häufig mit Szenarien gearbeitet.

Die Szenario-Technik wird für die Erarbeitung und Beschreibung künftiger wahrscheinlicher oder möglicher Entwicklungen bzw. zukünftiger Situationen verwendet. Mit dieser Technik der primär qualitativen Simulationen können insbesondere Faktoren einbezogen werden, die datenmässig noch wenig belegbar und quantitativ kaum messbar sind. Sie ist eine Prognosetechnik, die auf der Ebene der langfristigen, strategischen Planung angewendet wird. Entscheidend ist, daß keine Prognose für die  Entwicklung berechnet oder formuliert wird. An ihre Stelle tritt die Beschäftigung mit verschiedenen  alternativen Zukünften – diese sollen verschieden, aber alle aufgrund der aktuellen Erkenntnisse realistisch sein.

Dabei soll es sich beim Szenario nicht um ein Analysesystem handeln, das mögliche Entwicklungen und Einwirkungen auf einen einzigen Entwicklungs- bzw. Handlungsstrang einengt. Die Szenario-Technik wird vielmehr bewusst dafür eingesetzt, ein Denken in Alternativen zu fördern. Unsicherheit wird bewältigt oder unter Kontrolle gehalten, indem mögliche Verhaltens- und Strukturmuster erarbeitet und vorausdenkend simuliert werden. Statt von prognostizierten zukünftigen Zuständen gehen systemische Manager von wahrscheinlichen, überraschungsarmen und/oder überraschungsreichen Szenarien aus. Diese erlauben es, strategische Entscheidungen zu fällen und zu überprüfen. Sie erlauben auch, Eventualhandlungen zu durchdenken und zu planen.

Der Begriff des „Szenarios“ ist dabei aus der Dramaturgie entliehen: Möglichst konkret und vorstellbar soll vergleichbare Szenen verschiedener möglicher Zukünfte parallel beschrieben werden, damit Entscheidungsträger und Stakeholders gemeinsam darüber diskutieren können, ob diese Art von Zukunft gewollt ist  bzw. welche Massnahmen zur Förderung oder Eindämmung von Auswirkungen ergriffen werden müssen.

Beim Arbeiten mit Szenarien wird – im Gegensatz zur herkömmlichen Prognose – von vornherein darauf verzichtet, die Genauigkeit in der mathematischen Beschreibung zu suchen. Es handelt sich um ein argumentatives Verfahren zur Ermittlung künftig möglicher oder wahrscheinlicher Situationen und Entwicklungen. An die Stelle rechnerischer Genauigkeit tritt die grösstmögliche Differenziertheit der Zukunftsbeschreibung.

Die Szenario-Technik schliesst – wie allerdings auch die herkömmliche Prognose – subjektive oder vorwissenschaftliche Einflüsse nicht aus. Sie sind beim argumentativen Szenario aber leichter festzustellen und einzuschätzen als bei Modellrechnungen, die eine Scheingenauigkeit suggerieren, die für Aussenstehende, Medien und Bevölkerung ohne spezifische Fach- und Modellkenntnisse nicht nachvollziehbar sind.

Mit der Szenario-Methode wird die Hoffnung verbunden, dass im Planungs- und Entscheidungsprozess künftige Wirkungsverläufe samt ihrer Konsequenzen bildhafter dargestellt und damit vom Anwender oder Leser wesentlich besser verstanden und beurteilt werden können. Szenarien sollen deshalb künftige Situationen und Handlungsmöglichkeiten in einer Art beschreiben, die den Umgang mit Veränderungen schult und die Verhaltensänderungen ermöglicht

Szenarien haben daher die Aufgabe, Verständnis für Zusammenhänge, Prozesse und entscheidungsrelevante Momente zu schaffen und damit die Befähigung zu zukunftsgerechten Handlungen zu vermitteln und nicht primär die Richtigkeit im Sinne von Eintreffwahrscheinlichkeit anzustreben. Um das Denken in Alternativen und Varianten zu ermöglichen und zu fördern, sind Szenarien keine Aussagesysteme, die die künftige Wirklichkeit auf einen einzigen Handlungsstrang einengen. Szenarien sollen abzubildende Komplexität nicht reduzieren, sondern sich dieser möglichst weit annähern.

Szenarien vereinigen die tabellarische und grafische Darstellungen, um die Vergleichbarkeit zu ermöglichen, mit ausformulierten verbalen Situations- und Entwicklungsbeschreibungen, die einfach vorstellbar sein sollen.

Pandemie und Börsenkrise haben eine Gemeinsamkeit gehabt – sie sind Indikatoren des Megatrends „Globalisierung“

Die Globalisierung ist Realität geworden: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität. Gehen wir der globalen Risikogesellschaft entgegen?

Das Phantom der Schweinegrippe geht um. Es gibt Ängste, Medienrummel, Klarstellungen. Wird in dieser Woche die Schweinegrippe zu einer globalen Pandemie anwachsen, die auch uns in der Schweiz bedrohen wird? In direkter Weise für unsere eigene Gesundheit und in nachhaltiger Weise für unser gesellschaftliches Leben?

Im Jahr 2009 leben wir 90 Jahre nach der Spanischen Grippe, die 1918 bis 1920 wütete – wird die «Mexikanische Grippe» 2009 ebenso als globale Tragödie in die Geschichte eingehen? Oder werden wir bereits im Juni lästern über den Planungs- und Schutzaufwand und ihn nachträglich als unverhältnismässig abqualifizieren?

Im Jahr 2009 leben wir 20 Jahre nach dem Berliner Mauerfall 1989. Damals wussten wir nicht, dass das Ende des Kalten Krieges der Anpfiff zum Siegeszug der Globalisierung und der grenzenlosen Mobilität werden sollte. Das jahrzehntelange Ausbalancieren zwischen Kapitalismus und Kommunismus fand ein Ende. Die neoliberale Marktwirtschaft trat ihren globalen Siegeszug an. Ungebremste Börsengewinne und andauerndes Wirtschaftswachstum waren die Paradigmen. Die Regeln der sozialen Verantwortung der wirtschaftlich Starken für die Schwachen, der Bildung von Reserven als Vorsorge für schlechte Zeiten oder der Schaffung von Redundanzen als Sicherheit für Zeiten der Belastung gerieten vergessen. Im Rausch der neuen Freiheit ahnten wir nicht, dass diese Vergesslichkeit ein neuer Megatrend werden könnte. Erstaunlich, denn 1989 war es erst drei Jahre her seit den Katastrophen von 1986: dem Absturz der US-Raumfähre «Challenger», der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, dem Grossbrand bei Sandoz in Schweizerhalle – die Risikogesellschaft war geboren.

Im Jahr 2009 leben wir zehn Jahre nach 1999, dem Höhepunkt der New Economy – die Regeln der alten Ökonomie waren zu vergessen! Wer damals als Unternehmer seinen Gewinn im Kerngeschäft und nicht an der Börse erzielen wollte, galt als dumm. No risk and a lot of fun war das neue Lebensgefühl. Damals wussten wir nicht, dass bereits im März 2000 die Dotcom-Bubble platzen sollte. Plötzlich zogen Schatten auf, die New Economy entpuppte sich als Irrglaube. 2001 wurden wir als Risikogesellschaft wieder aufgeschreckt: 9/11 in New York, Amoklauf im Parlamentssaal von Zug, Swissair-Grounding, der Grossunfall im Gotthard-Strassentunnel zeigten unsere Verwundbarkeit auch in der Schweiz. Und die Ängstlichkeit der Amerikaner bewirkte in einer Zeit der Globalisierung rigide Kontrollen an den Flughäfen.

Im Jahr 2009 leben wir fünf Jahre nach 2004 – die Wirtschaft erholte sich, die Börsen wurden wieder bullish, die Welle der Globalisierung gewann die Oberhand, nicht mehr Geiz, sondern Konsum war wieder geil.

 

Zwar merkten kritische Geister auf: 2004 der Tsunami im Indischen Ozean, 2005 der Hurrikan «Katrina», seit 2005/06 Meldungen über die asiatische Vogelgrippe, der Uno-Klimabericht 2006 und die explodierenden Ölpreise. Neue Krisen tauchten am Horizont auf, die nur global und gemeinsam gelöst werden konnten – Krisen, die konkrete Vorsorge und Verhaltensänderungen erforderten.

 

Als im Frühsommer 2007 die US-Immobilienkrise ausbrach und schliesslich weltweit die Börsen mitriss, gerieten die Ideale von Globalisierung und Wachstum ins Wanken.

Und spätestens Anfang 2009 wurde klar, dass die Globalisierung zur Falle der modernen Portfolio-Theorie geworden war, eine Diversifikation der finanziellen Risiken war nicht mehr möglich, da alle am selben globalen Markt partizipierten; der Glaube an die selbstheilenden Kräfte der Finanzmärkte entpuppte sich als Irrglaube. Und als überall Staaten einspringen mussten, um die Global Players der Finanzmärkte zu retten, wurde der Ruf nach dem Primat der nationalen Interessen vor dem Gespenst der Globalisierung laut.

 

Doch die Globalisierung ist Realität geworden – für Börsenkurse und für Viren. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus H1N1 durch den Flugverkehr ist ein Musterstück: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität – sie lassen sich in einer freien Welt kaum stoppen.

Dass die WHO so schnell die Warnphasen auf 4 und auf 5 anhob und nun bereits die Deklaration von Phase 6 als Pandemie in wenigen Tagen plant, hat nichts mit der Situation in unseren Schweizer Wohnzimmern zu tun. Aber damit, dass die Globalisierung Realität geworden ist und dass eine Pandemie nur in gemeinsamer globaler Verantwortung bekämpft werden kann.

Unsere nationalen und kantonalen Pandemieplanungen mögen Detailfehler haben, die durch die reale Pandemie korrigiert werden. Doch: Hat unsere Wirtschaft wenigstens für diese Krise vorgesorgt? Oder wird sie übertölpelt wie durch die Börsenkrise? Werden wir nun in dieser Pandemie erleben, dass sich das Paradigma der Maximierung der Rendite durch Verzicht auf Reservebildung und Redundanzen für den Notfall als Irrglaube entpuppen wird? Haben wir etwa wieder etwas vergessen – die Eigenverantwortung für unsere eigene Krisenvorsorge? Ob wir wohl eines Tages nach dem Trend der Vergesslichkeit die Renaissance des Trends der Verantwortlichkeit noch erleben werden?

Gibt es sie nun, die Renaissance der Religion, oder nicht?

Die Zeit der Sechziger bis Neunziger Jahre war geprägt vom Glauben an die Moderne, an die Wissenschaft und an die Machbarkeit technischer Lösungen.

 

In unserer globalen und dynamischen Welt des 21. Jahrhunderts stoßen wir nun zunehmend auf neue Herausforderungen, die wir nicht einfach so bewältigen können. Eine Welt, die zunehmend schnell und komplex ist, überfordert viele von uns. Volkswirtschaftliche, politische und technische Entwicklungen erscheinen undurchsichtig und willkürlich. In unserem Alltagsleben fühlen wir uns häufig ohnmächtig, wenn wir die Medien oder das Verhalten unserer politischen und wirtschaftlichen Führungskräfte beobachten. Wem sollen wir heute vertrauen?

 

Deshalb suchen viele von uns möglichst einfache Erklärungen und einfache Weltbilder. Sie finden diese in der rechtspopulistischen Politik, in der Unterhaltungsindustrie oder in einfachen religiösen Systemen. Die Unterhaltungsindustrie hat zudem wieder die Tore zu Fantasy und Aberglaube geöffnet, die Ideale der Aufklärung sind vergessen.

 

Gleichzeitig ist das Misstrauen in traditionelle Institutionen, wie zum Beispiel den Führungsapparat der katholischen Kirche, groß. Europa hat im letzten Jahrtausend immer wieder unter Religionskriegen gelitten, aber ferne Kulturen wie der Buddhismus oder alte Stammesreligionen werden verherrlicht, ohne dass wir sie wirklich kennen. Viele glauben an transzendente Welten und Wesen – doch sind dies häufig abstruse und selbstgemachte Patchwork-Vorstellungen. Für welche dieser laufenden Entwicklungen erhoffen Sie sich nun eine Renaissance? Die relevante Frage an uns lautet doch, ob nun der christliche Glaube einfach eine Flucht in weltfremde Heilsvorstellungen ist, in denen wir glauben, dass Probleme einfach weggebetet werden können – oder ob das Christentum uns Mut und Hoffnung gibt, dass wir uns als mündige und freie Menschen den Herausforderungen stellen.

Welche besondere Verantwortung könnte auf die Kirchen zukommen?

Für die Kirchen und Gemeinden ist entscheidend, dass sie sich aktiv mit Fragen der Zukunft beschäftigen. Allzu viele religiöse Kreise schwanken irgendwo zwischen einer romantischen Verherrlichung von alten Zeiten, in denen die Kirche noch im Dorf war und Moral und Ethik angeblich noch in Ordnung gewesen seien, und einer Zukunft von apokalyptischem Ausmaß – seien dies nun konkrete biblizistische Endzeitfahrpläne oder ein unkritisches Einstimmen in Weltuntergangs- oder Weltverschwörungsszenarien. Beim Blick in die Bibel fällt aber auf, dass der Appell „Fürchtet Euch nicht!“ und „Habt keine Angst“ ein wichtiges Leitmotiv ist. Nicht etwa Angst, sondern Hoffnung und Ausdauer sind die christlichen Tugenden. Wie werden die Kirchen wieder zu Hoffnungsstifterinnen? Viele Aspekte unseres Lebens, die gerade in Veränderung stehen, sind zentrale christliche Anliegen. Werden wir mitdiskutieren? Werden wir gute Vorschläge unterbreiten? Oder werden wir erst nachher jammern, weil es anders gelaufen ist? Anstehende Aspekte, die uns interessieren sollten, sind beispielsweise: Wie soll zukünftig die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen aussehen? Was wird in einer virtuellen Welt die menschliche Identität ausmachen? Wo ist in einer globalisierten Welt unsere Heimat? Wie gehen wir in einer globalisierten Welt mit „Fremden“ und mit „Feinden“ um?

Mit Blick auf die nächsten zehn Jahre: Wird es ein Jahrzehnt gravierender Veränderungen – oder nur ein Übergangsjahrzehnt?

Sehr viele bereits laufende Veränderungen werden noch deutlicher zu Tage treten, als wir diese heute wahrhaben wollen. Langlebigkeit und demografische Schere werden immer präsenter werden. Die Virtualisierung wird neue Kommunikationsformen, Ersatzrealitäten und Suchtformen schaffen. Die anhaltende Globalisierung und Mobilität wird die Fragen immer schärfer aufwerfen – wo ist eigentlich meine Heimat? Wer ist eigentlich meine Familie? Die Vormachtstellung der USA seit dem zweiten Weltkrieg wird immer stärker in Frage gestellt werden und die BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) werden wirtschaftlich, politisch und militärisch um die Macht buhlen. Und trotzdem lebe ich lieber heute als vor 500 Jahren! Noch nie waren meine Freiheiten und Möglichkeiten so groß, Verantwortung zu übernehmen und mein Umfeld bewusst zu prägen. Veränderungen sind immer schwierige emotionale Herausforderungen und werden uns neue Verlierer bescheren. Doch es ist mein freier Entscheid: Lasse ich mich nun fatalistisch von Angst treiben oder hoffe ich darauf, mit Lösungen zu finden?

Verändert sich heute nicht viel mehr in einem Monat als vor 500 Jahren in einem Jahrzehnt?

Vor einem halben Jahrtausend fand die Reformation statt, Amerika wurde entdeckt, die Buchdruckerei wurde erfunden. Die Pest tobte immer wieder in Europa, es war selbstverständlich Juden zu verfolgen und Hexen zu verbrennen, Kriege und Söldnerbanden verwüsteten ganze Landstriche, ein Unwetter konnte Ihre Existenz als Bauer vernichten und die meisten Unfälle verliefen tödlich. Wenn Sie damals im falschen Jahr am falschen Ort lebten, konnte ihr ganzes Leben und ihr ganzes Weltbild plötzlich auf den Kopf gestellt werden, während wir heute sehr viel Sicherheit und Planbarkeit haben. Vor 500 Jahren hätte niemand ein Jahr im Voraus seinen Urlaub gebucht oder den Stellenwechsel geplant oder für die Finanzierung seines beruflichen Ruhestandes gespart.