Welche besondere Verantwortung könnte auf die Kirchen zukommen?

Für die Kirchen und Gemeinden ist entscheidend, dass sie sich aktiv mit Fragen der Zukunft beschäftigen. Allzu viele religiöse Kreise schwanken irgendwo zwischen einer romantischen Verherrlichung von alten Zeiten, in denen die Kirche noch im Dorf war und Moral und Ethik angeblich noch in Ordnung gewesen seien, und einer Zukunft von apokalyptischem Ausmaß – seien dies nun konkrete biblizistische Endzeitfahrpläne oder ein unkritisches Einstimmen in Weltuntergangs- oder Weltverschwörungsszenarien. Beim Blick in die Bibel fällt aber auf, dass der Appell „Fürchtet Euch nicht!“ und „Habt keine Angst“ ein wichtiges Leitmotiv ist. Nicht etwa Angst, sondern Hoffnung und Ausdauer sind die christlichen Tugenden. Wie werden die Kirchen wieder zu Hoffnungsstifterinnen? Viele Aspekte unseres Lebens, die gerade in Veränderung stehen, sind zentrale christliche Anliegen. Werden wir mitdiskutieren? Werden wir gute Vorschläge unterbreiten? Oder werden wir erst nachher jammern, weil es anders gelaufen ist? Anstehende Aspekte, die uns interessieren sollten, sind beispielsweise: Wie soll zukünftig die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen aussehen? Was wird in einer virtuellen Welt die menschliche Identität ausmachen? Wo ist in einer globalisierten Welt unsere Heimat? Wie gehen wir in einer globalisierten Welt mit „Fremden“ und mit „Feinden“ um?

2 Gedanken zu „Welche besondere Verantwortung könnte auf die Kirchen zukommen?

  1. Sigi

    «Wie werden die Kirchen wieder zu Hoffnungsstifterinnen?»

    Wirkliche Hoffnung stiften kann nur, wer selbst hofft – sonst ‹stiftet› er nur billigen Trost, der nicht tragfähig ist («Es wird ja alles wieder gut.»).
    Echte Hoffnung ist eine Lebensgrundlage. Erst Hoffnung ermöglicht zuversichtliches Leben. Das bedeutet auch, dass der Grund der Hoffnung tragfähig sein muss. Ist der Grund meiner Hoffnung tatsächlich tragfähig, dann werde ich nachhaltig Hoffnung stiften können.
    Hoffnungsstifter und -stifterinnen sind also die, deren Existenz auf einer tragfähigen Hoffnung gründet.
    Die Frage ist also nicht unbedingt «Wie wird man?», sondern vielmehr «Worauf gründet man?». Ob Kirche oder oder nicht, Einzelperson oder Gemeinschaft: Es kommt auf die Tragfähigkeit der Grundlage an, auf der man baut und lebt, ob man Hoffnung stiftet oder nicht.

    Antwort
  2. Stefan Schwarz

    Wenn die Kirche keine Hoffnung mehr verbreitet, hat dies auch aus psychohygienischer Sicht fatale folgen.

    Die Fragen: Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? sind immer brennender. Ernst Bloch stellt dabei fest: „Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst …“ Sinn- und Hoffnungslosigkeitsgefühle werden verstärkt.

    Ralph Lutz hat in seinem Artikel „Hoffnung und Sinn – Hoffnung auf Sinn“ (Existenz und Logos; Zeitschrift für sinnzentrierte Therapie, Beratung, Bildung. Heft 14/2007) folgendes festgehalten:

    Die Logotherapie als Psychotherapie der Zukunft, wie die Amerikaner sagen, ist wesentlich eine Psychotherapie der Hoffnung und möchte eine notwendige Ergänzung im bestehenden Therapieangebot auf allen Gebieten sein. Schon über Jahrzehnte hat sie sich als fähig erwiesen, oft gerade da die Not zu wenden, wo man schon in Hoffnungslosigkeit zu versinken drohte. Es ist ihr eigentliches Anliegen, das „Prinzip Hoffnung“ in ihrem Vorgehen erkennen und spüren zu lassen.

    In der Spannung menschlichen Daseins ist es nach Ernst Bloch wichtig, das „Hoffen zu lernen“. Doch nach logotherapeutischer Ansicht ist Hoffen weder intendier- noch erlernbar, sowenig Glück, Freude, Lachen und andere psychischen Zustände dies sind. Sie sind immer Ergebnisse, Nebenwirkung, aus der Entdeckung ihrer Begründung. Hoffnung ist daher Resultat, Geschenk. Sie ist jene Haltung, in gewissen Kreisen nennt man sie „Tugend“, der Lateiner spricht von „virtus“, von Kraft, Stärke, Mut, Entschlossenheit, mit dem daraus resultierenden positiven Gefühl, das die Lebensspannung erträglicher und lösbar macht. Für den Menschen ohne Hoffnung hat das Leben seine Dynamik verloren, die Zukunft ist ein leerer Raum und ein Ort, in dem Langeweile und Sinnlosigkeitsgefühle herrschen. Um Frankls Bild vom Flugzeug zu verwenden, das zwar sich auch am Boden bewegen kann, aber erst in der Luft als Flugzeug sich erweist, ist der Mensch ohne Hoffnung, wie ein Flugzeug mit blockiertem Motor und defekten Flügeln. Er kann nur noch auf dem Boden des Psychophysischen hin und hergeschoben werden. Er kommt nie hoch. Über die Wirkung der Hoffnung schrieb Bloch: „Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen“.

    Die Kirche kann mit der guten Hoffnung, der guten Botschaft eine begründete Hoffung für die Suchenden Menschen bieten!

    Nach logotherapeutischer Aufassung ist Hoffnung einmal im Glauben an einen unbedingten Sinn des noch tatsächlich Unverfügbaren begründet. Sie läßt uns aufbrechen, den verborgenen Sinn zu entdecken. Eng damit verbunden ist dann für den Hoffenden das Erahnen des Übersinns, eben des „grundsätzlich Unverfügbaren“, in dem letztlich menschliches Urvertrauen gründet. Dabei geht es da wohl um die letzte Verankerung des Seienden im Sein. Bezug zur Studie (Transzendenz, Gebet,…)

    Viele Menschen unseres modernen und technisierten Zeitalters verlassen sich einzig auf ihre Berechnungen bezüglich des Verfügbaren und erachten daher das Hoffen bezüglich des noch oder für immer Unverfügbaren als trügerische Illusion. Sinn kann aber niemals kalkuliert, sondern nur geglaubt und entdeckt werden. Wie viele Erfahrungen zeigen, läßt er überleben. Auch der große deutschamerikanische Physiker und Begründer der Relativitätstheorie, Albert Einstein bestätigt mit seiner Überzeugung die Auffassung der Logotherapie, wenn er sagt: „Wer sein Leben als sinnlos empfindet, der ist nicht nur unglücklich, sondern auch kaum lebensfähig“. Unsere Hoffnung gründet im Glauben an den unbedingten Sinn des Seienden, des Lebens, und die Chance besteht, daß der Mensch von daher fortschreitet zum Glauben an den Übersinn.

    Wir Menschen sind antizipierende, die Zukunft geistig vorwegnehmende Wesen, wir sind in ständiger Erwartung und – außer in Krisenphasen oder in seelisch-geistiger Abstumpfung – in ständiger positiver Erwartung. Der sinn-verschüttete und gegenwartsreduzierte Mensch der „no future- Mentalität“ muß erstens wieder lernen, etwas zu erwarten, und er muß zweitens lernen, etwas Positives zu erwarten. Logotherapie heißt daher einerseits die Antizipationsfähigkeit wieder zu erwecken und andererseits die optimistische Haltung des Selbstentwurf es wieder zu entwickeln. Und drittens bedeutet der eigentliche Sinn von „gegen alle Hoffnung hoffen“, auch dann zu hoffen, wenn alle Erwartungen dagegen zu sprechen scheinen.

    Zitat Vaclav Havel
    „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“

    „Das wahre Leben ist ein Gegenstand der Hoffnung und das gegenwärtige Leben gleichsam ein Same des zukünftigen.“

    Gregor von Nyssa (334-394), Trostrede auf Pulcheria

    Klaus Grawe hat den Versuch unternommen, auf der Basis umfänglicher empirischer Untersuchungen zur Effektivität unterschiedlichster psychotherapeutischer Interventionen allgemeine Wirkfaktoren jeglicher Psychotherapie abzuleiten, die schulenübergreifende Bedeutung beanspruchen sollen. Einer der zentralsten Faktoren, die demnach für eine erfolgreiche Psychotherapie verantwortlich sein soll, ist die Veränderung von Erwartungen aufseiten der Klientinnen und Kienten, näherhin die „Induktion von Besserungserwartungen“. Mit anderen Worten: „Entscheidend für die Wirkung der Therapie ist die Glaubwürdigkeit, mit der hoffnungsinduzierende Bedingungen geschaffen werden.“

    Entscheidend ist nicht, dass der Mensch etwas hoffend erwartet, sondern das Was dieser Erwartungen, entscheidend ist, was er erhofft. Frankl würde antworten: auf die Realisierung sinnvoller Existenz.

    Der Neurobiologe Gerald Hüther kann aus einem völlig anderen Forschungskontext heraus weitere Belege für die anvisierte These von der sinnorientierten Hoffnungsbasis menschlicher Handlungswirklichkeit und deren vitalisierender Funktion beisteuern. Er spricht von positiven inneren Bildern, die unser Gehirn benötigt und buchstäblich heraus-be-bildert, um unserem Handlungsaufbau als eine Art von neuronaler Bahnung zu dienen, quasi als eine handlungsmäßige Vorbereitung.
    Wenn wir uns also stets den ängstlichen Themen zuwenden, kommen wir kaum auf ein hoffnungsvoll be-bilderte Strasse im Hirn.

    Menschen ohne Orientierung bietende innere Leitbilder sind verloren. Es ist mithin notwendige Voraussetzung für unser Gehirn, das jetzt immer wieder bestimmen zu lassen durch Bilder eines möglichen Morgen, wobei auch hier zu fragen bleibt, woraus sich die Inhalte dieser Bilder letztlich speisen.

    Wenn nun die bisherigen Ausführungen Gültigkeit für sich beanspruchen können, dann kann im beraterisch-therapeutischen Kontext mitunter als mangelnde (Veränderungs- oder Akzeptanz-) Motivation erscheinen, was bei näherer Betrachtung als fehlende Hoffnung auf (sinnvolle) Lebensbewältigung und in deren Folge (sinnvoller) Lebensgestaltung zu verstehen ist, denn nicht allein der Gesunde sucht einen (sinnvollen) Grund zum Leben, sondern nicht weniger, vielleicht sogar noch drängender der seelisch wie körperlich Versehrte, der sich mit seinem bisherigen Lebensentwurf zutiefst infrage gestellt erlebt. Was der Kranke mithin zuvorderst benötigt, ist ein Grund zum Gesundwerden, der ihm vor Augen führt bzw. den er sich hoffend vor Augen stellt, warum es sich lohnen könnte, eine Krise zu bewältigen, warum es sich lohnen könnte, die Gestaltungsfähigkeit, Erfahrungen im Sinne seiner Ziele zu machen, wieder (zurück) zu erlangen. Dieser Grund, der als zutiefst sinnvoller imaginiert wird, wird im Medium der Hoffnung vergegenwärtigt.

    Antwort

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