Erwartungen an die Energie der Zukunft

Eine der Methoden der Zukunftsforschung ist die Analyse von Megatrends: Wo haben wir Entwicklungen, die über Jahrzehnte unser Leben, unsere Werte und unser Verhalten verändern? Globalisierung, technischer Fortschritt, Langlebigkeit und die Präsenz der elektronischen Medien rund um die Uhr und rund um den Globus sind prägende Megatrends unserer Tage.

Jeder dieser Megatrends setzt voraus, dass Energie verfügbar, preiswert und sicher ist.

Doch diese Megatrends stellen auch unseren Umgang mit Energie in Frage: Aufgrund der Globalisierung können Westeuropa und Nordamerika kein Vorrecht mehr auf die Verfügbarkeit von billiger Energie fordern – zunehmend stehen wir in Konkurrenz zu den wachsenden Emerging Markets. Dabei zeigt sich, dass die Verfügbarkeit von Energie nicht nur eine Frage des Marktpreises sondern auch der Machtpolitik ist – und die energieliefernden Länder sind zu einem doppelten Spiel bereit. Der Fortschritt hat unser Leben vereinfacht. Harte körperliche Arbeit oder das Leben mit saisonalen Schwankungen kennen wir nur noch aus Erzählungen unserer Eltern oder aus dem Freizeitbereich. Als Ersatz für den Einsatz eigener körperlicher Energie haben wir uns daran gewöhnt, dass Fremdenergie rund um die Uhr zur Verfügung steht: Ein Leben mit weniger Licht, weniger Wärme und weniger Mobilität ist in unserer postmodernen Gesellschaft undenkbar. Seit über hundert Jahren nimmt unsere Lebenserwartung kontinuierlich zu: wir dürfen erwarten, dass wir 80 Jahre alt werden. Dank medizinischem Fortschritt, grossen Anstrengungen in der Unfallverhütung und dem Ausbleiben von Kriegen haben wir viele Todesgefahren eindämmen können – doch gerade im Alter setzen wir diese Annehmlichkeiten als selbstverständlich voraus: Licht, Wärme, Kommunikationsmittel, Fremdkraft für die Unterstützung der Mobilität.

Verbunden mit der Klimadebatte der letzten Jahre tauchte die Kernenergie als White Knight auf, nachdem sie bereits Mitte des 20. Jahrhunderts als Zukunftsenergie betrachtet wurde – regional produzierbar, unabhängig von fossilen Brennstoffen, CO2-neutral und mittlerweile sicherheitstechnisch gereift und in der Gewissheit, dass sich die Abfallprobleme für Jahrtausende wegsperren lassen.

Eine andere Methode der Zukunftsforschung ist das Arbeiten mit Black Swans: Was geschieht, wenn das Unmögliche doch geschieht? Wenn Jahrtausendereignisse doch eintreten? Durch TV und Internet finden global verteilte Katastrophen plötzlich live in unseren Wohnzimmern statt: 9/11, Tsunami 2004, Hurrican Catrina, asiatische Vogelgrippe, chinesisches Erdbeben, mexikanische Schweinegrippe, Erdbeben Haiti – und diesen März die Mehrfachkatastrophe in Japan. Sind Black Swans gar nicht so selten? Dabei wird die Unterscheidung immer schwieriger: Welches ist der Anteil einer unabwendbaren Naturkatastrophe und welches sind menschengeschaffene Umstände, die Folgeschäden provozieren? Aufgrund unserer medialen Wahrnehmung sind global verstreute Katastrophen mental bei uns omipräsent. Aufgrund der globalen Finanzmärkte sind diese Ereignisse in unseren Portemonnaies noch viel präsenter.

Und die Frage taucht auf, ob angesichts der technischen Restrisiken, der medialen Verbreitung von Katastrophenmeldungen und der globalen Verknüpfung unserer Wirtschaft die Kernenergie wirklich als White Knight für die Energiebedürfnisse der Zukunft taugt? So verschieden unsere Vorstellungen über unsere Zukunft auch sein mögen – sie gehen alle davon aus, dass Energie verfügbar, preiswert und sicher ist. Wie muss ein zukunftsfähiges Energieportfolio aussehen, das diesen Bedürfnissen gerecht wird?

(Dieser Blog entspricht dem Editorial, das ich für „Energie mit Zukunft“ – Smart Media Themenzeitung im Tages Anzeiger vom 29. März geschrieben habe.)

Ein Gedanke zu „Erwartungen an die Energie der Zukunft

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