F wie Female Shift

Werden die «Amazoninnen» demnächst das männliche Geschlecht doch noch besiegen, wie es dereinst die griechische Mythologie beschworen hat? Dass Frauen freie, gleichwertige Menschen wie Männer sind, war in Europa nicht immer selbstverständlich – und ist es manchenorts selbst heute noch nicht. Heute besuchen weltweit in über 45 Ländern mehr Mädchen als Knaben weiterführende Schulen. In der Schweiz haben 1980 noch rund 9 Prozent der jungen Frauen und rund 13 Prozent der jungen Männer die Matura erreicht; aktuell sind es knapp 17 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen. Oder anders formuliert: 43 Prozent der Maturazeugnisse gehen an junge Männer, 57 Prozent an junge Frauen. Dies wird eine weitere Stärkung der Frau in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Folge haben. Einerseits ermöglichten die Erfindung der Antibabypille und die breite gesellschaftliche Anerkennung der Fristenlösung, dass Frauen ihren gesellschaftlichen und beruflichen Werdegang frei von einer Fixierung auf die biologische Mutterrolle planen können. Andererseits waren typische Männerrollen von körperlicher Muskelkraft geprägt: als Soldat, als Jäger, als Bauer, als Bauarbeiter. Doch in der Berufswelt wird Körperkraft immer weniger wichtig, da sie bald vollständig an Maschinen und Roboter delegiert wird. Sogar die kriegerische Bewältigung von Konflikten wird immer mehr von Maschinen, vom Cyberspace und vom ökonomischen Schlachtfeld geprägt. In einer zukünftigen politischen und wirtschaftlichen Welt, in der Dienstleistungen, flexible Kundenorientierung, Verhandlungsgeschick und Sprachkompetenz an Bedeutung gewinnen, werden Macht und Aufgaben anders verteilt als in einer historischen Welt, in der die männliche Muskelkraft und Aggression die ausschlaggebenden Erfolgsfaktoren waren.

E wie Evaluation

G wie Gender Mainstreaming

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Das ABC der Zukunft

Dr. Andreas M. Walker, Zukunftsforscher und Co-Präsident von swissfuture, erklärt teilweise todernste Zukunftsprognosen von A (wie Artificial Intelligence) bis Z (wie Zuversicht) mit einer Prise Humor – und dem nötigen Tiefsinn.

Überblick:

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Zukunft ist nicht einfach Schicksal

Wo gehts zum nächsten Trend? Und warum ist das von Belang? Andreas M. Walker, Co-Präsident von swissfuture, erklärt, wie Zukunftsforscher arbeiten – und welche Vorteile uns das bringt.

Quelle: Original-Interview mit Stephan Lehmann-Maldonado im UBS Magazin

Herr Walker, freuen Sie sich auf die Zukunft?
Ja. Die Zukunft ist ein Abenteuer. Ich bin dankbar dafür, heute leben zu dürfen. Unsere Vorfahren hatten viel weniger Möglichkeiten, den Lauf ihres Lebens zu bestimmen, als wir.

Was erwartet uns denn in zehn Jahren?
Erstens steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung in unserem Land weiter. Darum sollten wir die Vorsorge an die Hand nehmen. Ebenso wichtig ist die Anpassung des öffentlichen Raums, denn der Bedarf an bequemer Infrastruktur wächst. Ein Schritt in die richtige Richtung sind Niederflurtrams. Zweitens werden Informationen rasch und günstig verfügbar sein. Massgeblich wird künftig nicht mehr das Sammeln der Daten. Vielmehr werden deren Beurteilung und Analyse entscheidend. Von wem stammen die Informationen wirklich? Was ist relevant für mich? Firmen nutzen die Informationsmengen, um uns «massgeschneiderte » Angebote zu unterbreiten.

Dann bestimmen Computer, was uns gefallen soll …
Die spannende Frage lautet: Inwieweit wollen wir das? Nur weil die meistgelesenen Artikel auf den Zeitungsportalen prominent erscheinen, sind sie nicht unbedingt die besten – unser Leseverhalten wird durch ihre Platzierung beeinflusst. Seit 30 Jahren spricht man von Kühlschränken, die autonom Bestellungen auslösen. Aber wir kaufen weiterhin selbst ein. Und wir könnten uns längst von Astronautennahrung in Tablettenform ernähren. Doch Kochen erfreut sich zunehmender Beliebtheit!

Was unterscheidet Zukunftsforscher von Kaffeesatzlesern?
Im Gegensatz zu Kaffeesatzlesern, Wahrsagern oder Propheten arbeiten wir nicht mit übernatürlichem, sondern mit menschlichem Wissen. Unser Verein swissfuture gehört zur Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW. Wie andere Wissenschaftler entwickeln wir Modelle, die auf nachvollziehbaren Annahmen basieren. In den USA und an der Freien Universität Berlin kann man Zukunftsforschung – Strategic Foresight genannt – studieren. Der Schriftsteller William Gibson sagte vor 30  Jahren: «Die Zukunft ist bereits da. Sie ist nur nicht gleichmässig verteilt. » Wir erachten es als essenziell, schon erste schwache Signale zu erkennen und daraus Trends abzuleiten.

Was nützen uns solche Prognosen?
Zukunft ist nicht einfach Schicksal. Sie ist die Konsequenz unserer Entscheidungen, unserer Taten und Untaten. Wir zeigen auf, welche Veränderungen sich in unserer Umwelt abspielen – und wo man reagieren kann und soll. Gibt es Trends, die mir helfen? Oder Entwicklungen, die wir nicht wünschen? Ein Beispiel: Vor rund zehn Jahren beauftragte mich der Bund mit einem Projekt. Grippe gehöre als Krankheit der Vergangenheit an, dachte man damals. Doch wir erkannten, dass die Gefahr von Infektionskrankheiten mit der Globalisierung und der Mobilität zurückkehren wird. Dies half, sich frühzeitig mit Präventionsmassnahmen auseinanderzusetzen.

Immer schneller scheint ein Trend den anderen abzulösen.
Viele kurzfristige Trends kann man genauso wenig exakt berechnen wie Ausschläge an der Börse. Wir schätzen die langfristigen Folgen von Entwicklungen ab. Müssen wir beispielsweise noch Landkarten lesen können? Es gibt Smartphone-Apps, welche diese Leistung übernehmen. Derzeit debattiert man, wie die Digitalisierung unsere Kinder beeinflusst. Früher legte man Wert auf das Auswendiglernen von Fakten. Heute sind Fakten per Fingerbewegung verfügbar. Aber was bedeutet es fürs menschliche Hirn, wenn es nichts mehr auswendig lernt? Die neurologische Forschung steckt da noch in den Kinderschuhen.

Kritiker befürchten eine Volksverdummung…
Die meisten von uns konsumieren die Fortschritte in Medizin, Mobilität und Elektronik unkritisch. Zugleich gibt es in Mitteleuropa schon lange Vorbehalte gegen technische Neuerungen und eine Glorifizierung der guten alten Zeit. Die Literaturepochen der Romantik und des Naturalismus belegen das schon fürs 19. Jahrhundert. Daneben findet sich eine technikfreundliche Elite, die Innovation als Motor des Wohlstands predigt. Egal, welcher Gruppe wir angehören: Technische Veränderungen werden kommen. Darum müssen wir lernen, vernünftig damit umzugehen.

Wie wirken sich die Veränderungen auf Bankgeschäfte aus?
Der Informationsvorsprung von Banken zu Kunden schmilzt. Finanzielles Halbwissen kann man sich via Internet rasch beschaffen. Und die Produkte der Banken ähneln einander. Den Unterschied macht das Vertrauen: Habe ich einen Berater auf Augenhöhe, der über eine ähnliche Lebenserfahrung verfügt wie ich und mich versteht? Bei alltäglichen Geldgeschäften ist zudem die Verfügbarkeit wichtig. Kaum jemand mag sich an die Schalteröffnungszeiten  halten. Mobiles Banking via Smartphone, E-Banking und 24-Stunden-Erreichbarkeit gewinnen weiter an Bedeutung.

Gibt es Trends, die wir unterschätzen?
O ja. Was bedeutet es, wenn erste Schweizer Grosskonzerne in asiatische Hände gelangen? Wir zelebrieren den Individualismus, Asiaten orientieren sich am Kollektivismus. Wenn wir Randständige schützen, gründet dies immer noch auf jüdisch-christlichen und bildungsbürgerlichen Werten. Andere Kulturen haben Probleme, dies nachzuvollziehen. Auch die 24-Stunden-Gesellschaft unterschätzen wir. Während der eine Ruhe will, feiert der andere eine Party. Und wir sind pausenlos multimedialen Reizen ausgesetzt. So müssen wir neu lernen, was Erholung bedeutet. Schliesslich stösst die Individualisierung an Grenzen: Viele fühlen sich überfordert, weil sie ständig Entscheidungen treffen müssen. Ihre Reaktion: «Ich kann mir gar nicht so viele Meinungen bilden. Der Staat soll mir helfen! » Das gilt selbst für private Angelegenheiten wie Kindererziehung.

Was bleibt unabhängig vom Zeitgeist gleich?
Wir bleiben Menschen – mit denselben körperlichen, sozialen und geistigen Bedürfnissen wie eh und je. Wir werden einfach andere Lösungen für unsere Bedürfnisse suchen. Heute nutzen Jugendliche Facebook, vor 30 Jahren telefonierten sie. Doch etwas mit Freunden zu unternehmen ist immer noch mehr wert.

Quelle: Original-Interview mit Stephan Lehmann-Maldonado im UBS Magazin

Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?

Was macht einen Mann aus? Welche Tugenden zeichnen ihn aus? Und welchen Normierungsversuchen ist er ausgesetzt? Zukunftsforscher Andreas M. Walker setzt sich mit diesen Fragen auseinander, blickt zurück und schaut nach vorne. Nachdem er mit alten Klischees aufräumt, zeichnet er das Bild eines emanzipierten Mannes. Seine positive Prognose: Der Mann findet dank vielfältigen Lebensentwürfen in einer erfüllten Rolle als Familienvater und Ehemann zu sich selbst – auch im Berufsleben.

Keywords: Tugend, Normierung, Gender Mainstreaming, Lebensentwürfe, Geschlechterrollen, Familie

Mehr dazu hier in meinem aktuellen Aufsatz für swissfuture, magazin für zukunftsmonitoring 2014/1 „Die Zukunft des Mannes“, hier als pdf für meine Leserinnen und Leser gratis verfügbar:

PDF: ganzer Artikel: Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?
PDF: ganzer Artikel: Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?

Chancen und Grenzen von Zukunftsgestaltung

«2050» ist ein ferner Horizont – doch weltweite Planungen zeigen, dass eine aktive Beschäftigung mit langfristiger Zukunft sinnvoll ist. Verschiedene Methoden können helfen, die Denkfallen von exakt berechneten Fehlprognosen zu vermeiden.Hier geht’s zu meinem aktuellen Artikel zur metrobasel Vision 2050.
(S.21, S. 22-24 Tagungsbericht)

Die Zukunft der akustischen Landschaft Schweiz – eine Analyse von langfristigen Megatrends

Unsere Studie für das Bundesamt für Umwelt ist heute publiziert worden, sie ist via Internet als pdf in Deutsch, Französisch und Englisch verfügbar.

Auftrag

Um Impulse zur Entwicklung der zukünftigen Strategie der Lärmbekämpfung zu liefern, sollen lärmrelevante Zukunftstrends erkannt, beschrieben und mit Hilfe der DPSIR-Methode analysiert werden. Dabei soll einerseits ein langfristiger Zeithorizont gewählt werden, andererseits soll auf die bekannten und in der Fachwelt als wahrscheinlich angenommenen Trends fokussiert werden. (Kapitel 2)

Methodik

Um diese Trends beschreiben und analysieren zu können, soll mit sogenannten Megatrends gearbeitet werden. Megatrends sind langfristige soziale, ökonomische, politische oder technische Veränderungen, die Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Technologie über mehrere Jahrzehnte hinweg strukturell beeinflussen. Dabei gibt es keine verbindliche Definition und keinen abschliessenden Katalog, was Megatrends sind, vielmehr sollen diese aus relevanten Zukunftsstudien abgeleitet werden. (Kapitel 3.5.)

Um bewusst langfristig analysieren zu können, soll der Zeithorizont „2050“ verwendet werden, wobei dies nicht im kalendarischen Sinne gemeint ist. Vielmehr geht es darum, bewusst mit einem Zeithorizont zu arbeiten, der die üblichen politischen und behördlichen Planungs- und Entscheidungs-Zyklen übersteigt. Das Jahr 2050, also ein Zeithorizont von rund 40 Jahren, steht also als symbolischer Zeithorizont für nachhaltiges Planen. Die Chance einer derartig langfristigen Betrachtungsweise besteht darin, dass im Sinne der Früherkennung Veränderungen aufgespürt werden, die heute erst als schwache Signale eingestuft werden. Sie erscheinen somit heute gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich vielleicht noch nicht als relevant, könnten aber zukünftig sehr wohl eine grosse Bedeutung haben – sowohl als Risiko aber auch als Chance. (Kapitel 3.3, 5)

Zur Analyse der langfristigen Megatrends soll das DPSIR-Modell der Europäischen Umweltagentur als eine wichtige Methode zur Arbeit mit Umweltinformationen angewendet werden. Dabei zeigt die vorliegende Studie, dass die vorgegebene DPSIR-Methode an ihre Grenzen stösst, da Megatrends nicht einfach isolierbare „Driver“ mit eindeutiger Wirkungsweise sind, sondern ein komplexes Konglomerat von Treibern, Belastungen, neuen Zuständen, Wirkungen, Nebenwirkungen und Rückkopplungen darstellen, die aufgrund der Randbedingungen dieser Studie nicht tiefer behandelt werden konnten. (Kapitel 3.7, Anhang 1 Kapitel 8.2)

Weitere Methoden zur vertieften Beschäftigung mit möglichen zukünftigen akustischen Landschaften in der Schweiz sind das Arbeiten mit Zukunftsszenarien, das Arbeiten mit Wild Cards bzw. Black Swans, sowie die Modellierung von qualitativen oder quantitativen Prognosemodellen. Auf diese Methoden wurde aufgrund der Randbedingungen dieser Studie verzichtet. Die vorliegenden Erkenntnisse, Beschreibungen der Megatrends sowie Detailanalysen im Anhang stellen aber eine geeignete Grundlage für eine entsprechende Weiterarbeit dar. (Kapitel 3.6)

Megatrends

Aufgrund der Literaturrecherche wurden folgende acht Megatrends ausgewählt (Kapitel 3.5 und 6):

Tabelle 1: Kurze Beschreibung der acht Megatrends

Demografische Entwicklung Bevölkerungswachstum global und in der Schweiz, Migration in die Schweiz hinein, Strukturwandel in der Bevölkerung durch Langlebigkeit und niedrige Geburtenziffer
Technischer Fortschritt Fortschrittsglaube, Technikakzeptanz, Informations- und Kommunikationstechnologie, Digitalisierung, Cyber Space, Miniaturisierung, Datenschutz, Human Enhancement, Nebenwirkungen, Umweltbelastungen, Systemrisiken, Ethik
Globalisierung globale Vernetzung und Mobilität, Migrationsströme, Internationalisierung von Wirtschaft und Politik, Bedeutungszuwachs der supranationalen Organisationen
Verschärfung der ökologischen Situation Verknappung natürlicher Ressourcen, insbesondere fossile Energiequellen, Klima und Witterung, Ökosysteme, Biodiversität, Abfall
Urbanisierung Megacities, Verstädterung, verdichtetes Bauen, Nutzungsdurchmischung, globale Durchmischung der städtischen Kulturen und 24-h-Gesellschaft
Wirtschaftlicher Strukturwandel zur Informationsgesellschaft Weiterentwicklung von III. zum IV. Sektor und Dominanz des quartären Sektors in der Schweiz, Cyber Space, New Work
Komplexitäts-, Vernetzungs- und Mobilitätszunahme inkl. zunehmender Interaktionen und Kommunikation
Wachsende Bedeutung des Lifestyle of Health and Sustainability LOHAS als neuer Leitkultur Langlebigkeit, Wohlstand in der zweiten Lebenshälfte, hohe Sensibilität für persönliche Gesundheitsfragen, für ökologische und sozialethische Anliegen, persönliche Bereitschaft in technische und medizinische Innovationen zu investieren

Thesen als Fazit

Als Fazit der auf den Megatrends aufbauenden DPSI(R) Methode werden elf Thesen formuliert (Kapitel 7 und Anhang 1 Kapitel 8.2 bis 8.5):

T1 „Ruhe“ ist auch zukünftig ein wichtiger Standortfaktor für Wohnen, Wirtschaft und Erholung, aber durch zahlreiche Entwicklungen ist dieser Standortfaktor in unterschiedlicher Weise gefährdet.
T2 „Durch die Zunahme von Interaktion und Mobilität bleibt die Eindämmung und Lenkung von „Mobilitätslärm“ eine zentrale Aufgabe der Lärmpolitik.“
T3 „Der technische Fortschritt wird grosse Erfolge an technischen Lärmquellen ermöglichen – wenn dieser Fortschritt entsprechend gefordert und gefördert wird.“
T4 „Technische Standards werden globalisiert werden.“
T5 „Der gesellschaftliche Konsens über Tageszeiten geht verloren, insbesondere über Mittags- und Nachtruhe sowie Feiertagsruhe.“
T6 „Der gesellschaftliche Konsens über das Verständnis von Lärm und Ruhe geht verloren.“
T7 „Nachbarschaftliche Konflikte aufgrund störender Geräusche werden zunehmen und aggressiver ausgetragen.“
T8 „Der Umgang mit Alltags- und Freizeitlärm wird an Bedeutung für die Lärmpolitik gewinnen. Diese Problematik kann nicht mit den bisherigen, quantitativ orientierten Ansätzen bewältigt werden.“
T9 „Im urbanen Raum wird das Bedürfnis nach Ruhe-Inseln in Fussdistanz zum Arbeitsplatz und zur Wohnung stark ansteigen.“
T10 „Die Akzeptanz von künstlichen Indoor-Lösungen als Erholungs- und Ruheräume wird steigen“
T11 „Umgang mit Lärm wird Bestandteil eines umfassenden Gesundheitsverständnisses werden.“

 

Megatrends mit spezifischer Relevanz für die Zukunft der Sicherheit

Im Rahmen der swissfuture-Studie „Wertewandel Schweiz 2030 – der künftige Wert der Sicherheit“ hat eine Expertengruppe evaluiert, welche Megatrends von besonderer Bedeutung für die Sicherheitsfrage der nächsten Jahre sein werden. Der folgende Text ist aus dieser Studie entnommen, die ich gemeinsam mit Georges T. Roos und Francis Müller im Auftrag von swissfuture und Dank freundlicher Unterstützung des Bereiches Sicherheitspolitik des VBS und des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz verfasst habe:

 

Megatrends mit Sicherheitsrelevanz

Wir gehen in dieser Studie aus methodischen Gründen von der Annahme aus, dass in den nächsten zwanzig Jahren keine „Wild Cards“ eintreffen werden. Der Einfluss potentiell möglicher Wild Cards würde die Szenarien einseitig und sehr spekulativ machen. Wir nehmen also beispielsweise an, dass in Mitteleuropa kein Krieg ausbrechen wird, dass die europäische Gesellschaft nicht durch eine Seuche oder Katastrophe dezimiert wird und dass die EU nicht in nationalistische Einzelstaaten auseinandergebrochen ist. Wir gehen vielmehr davon aus, dass bestimmte Einflussfaktoren den zukünftigen Wertewandel vorantreiben und entwickeln die folgenden sicherheitsrelevanten Megatrends, die in allen vier Szenarien wirksam sein werden – und die wir entsprechend nicht variieren:

Machtverschiebung zu einer multipolaren Weltordnung

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sprach der Soziologe Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ und dem definitiven Siegeszug des euro-amerikanischen Demokratieverständnisses. Wegen des Zerfalls der Blöcke und der aufstrebenden Länder ist die Welt jedoch multipolarer geworden. In Mittelosteuropa sind neue „alte“ souveräne Staaten entstanden, die in ihrer frisch gewonnen Unabhängigkeit gegenüber der EU hadern. Und spätestens mit 09/11 ist die angeblich tot gesagte Geschichte der konfrontativen und gewaltbereiten Machtpolitik zurückgekehrt. Die ökonomische und militärische Vormachtstellung der transatlantischen Staaten wird von Indien, China und Brasilien und anderen „Emerging Markets“ zunehmend in Frage gestellt. Die „E7“ (Indien, Brasilien, Türkei, Mexiko, China, Russland und Indonesien) werden zu den „G7“ aufschliessen. China und Indien – so Pricewaterhouse-Coopers im Bericht „The World in 2050“ – werden den USA den Spitzenrang als wirtschaftlicher Grossmacht streitig machen. Dem ökonomischen Machtkampf folgt der politische und der militärische. Noch fällt ungefähr die Hälfte der globalen Rüstungsausgaben auf die USA. China erhöhte jedoch seine Militärausgaben gemäss dem „Yearbook 2010 Military Expenditure “ des Stockholm International Peace Research Institute im Jahr 2009 um 15%, Indien um 13% und Brasilien um 24%. Die Wachstumsraten sind hoch, der Anteil gegenüber den USA allerdings immer noch moderat. Eine neue Weltordnung wird entstehen.

Zunehmende Bedeutung von Non-State-Actors

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Blütezeit der Nationalstaaten. Heute sind zunehmend nichtstaatliche Akteure im globalpolitischen Geschehen aktiv. Zu den Non-State-Actors gehören beispielsweise globale Unternehmen, Hedge Fonds Managers, nichtstaatliche Organisationen (NGO), Terror-Organisationen, Warlords, Organisationen der organisierten Kriminalität, zivile und kommerziell motivierte Sicherheitsfirmen der inneren und äusseren Sicherheit und Religionsgemeinschaften. Viele möchten ihre Werte globalisieren – seien dies ökonomische Paradigmen oder ideologische Überzeugungen. Non-State-Actors sind nicht an Territorien gebunden und entziehen sich häufig gezielt den nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Zahlreiche dieser Non-State-Actors sind nicht als hierarchische, klar strukturierte Organisationen aufgebaut, sondern funktionieren als Netzwerke, deren Zellen autonom Kompetenzen entwickeln. Neue Kommunikationsmedien verbreiten Inhalte schneller und erhöhen die Anzahl der Empfänger. Non-State-Actors gehen sehr kompetent mit diesen Medien um, dabei sind sie häufiger agiler und effektiver als staatliche Organisationen. Sie gewinnen so breitere Aufmerksamkeit – und je nachdem mehr Unterstützung oder auch Ablehnung.

Wechsel der machtpolitischen Instrumente

Zwischen Nationalstaaten wird immer weniger der klassisch-konventionelle Krieg erklärt, dessen Ziel es ist, Territorien und Hauptstädte zu erobern. Stattdessen kommt es zu erpressungsähnlichen Drohungen von Staaten und grossen Institutionen – auch von Non-State-Actors wie zum Beispiel NGO, die zunehmend den medialen Pranger einsetzen, um eine (sich empörende) Öffentlichkeit zu mobilisieren. Es gibt einen Krieg der Bilder und der Symbole. Viele Konflikte werden ökonomisch ausgetragen. Als Machtmittel dienen Industriespionage, Rechtsauffassungen, Embargos, Rohstoffe, böswillige Transaktionen an den Börsen um dem Wert von Landeswährungen oder Aktien zu schaden und natürlich die Aufmerksamkeitsökonomie. Die Komplexität ökonomischer Systeme und die Abhängigkeit von kritischen Infrastrukturen ist am steigen, wobei gleichzeitig die Vernetzung der kritischen Infrastrukturen zunimmt –und so deren Verletzlichkeit.

Verschärfter globaler Wettbewerb um Ressourcen

Der wirtschaftliche Aufstieg von Schwellenländern und die globale Zunahme an Wohlstand erhöhen den Rohstoff-Bedarf. Der technologische Fortschritt und die zunehmende Substitution von Erdöl als Energieträger durch Elektrizität verlangt nach neuen Rohstoffen, deren Primärproduktion und Lagerstätten geographisch ungleichmässig verteilt sind. Im Jahr 2008 stammten beispielsweise 95% der weltweit hergestellten seltenen Erden, die vor allem in der Hightech-Industrie eine zentrale Rolle spielen, aus China. Der Westen verliert zunehmend seinen Einfluss auf rohstoffreiche Länder. Er steht als ehemaliger Kolonialist in keiner guten Verhandlungsbasis, zumal er im internationalen Handel immer weniger Fragen der Menschenrechte und der Demokratie ausklammern kann. Und wie schon häufig in der Geschichte kommt den ressourcenreichen Staaten ökonomisch und machtpolitisch eine Schlüsselrolle zu (siehe oben: Machtverschiebung).

Wachsende Verletzbarkeit kritischer Infrastrukturen

Moderne Gesellschaften sind auf hochkomplexe, technische Infrastrukturen angewiesen, damit sie funktionieren. Diese Infrastrukturen – etwa Transportsysteme, Pipelines, Elektrizitätsinfrastrukturen und Alarmierungssysteme – sind abhängig von Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Abhängigkeit macht diese Infrastrukturen zu „kritischen“. Die bestehenden Infrastrukturen müssen in Stand gehalten werden, neue müssen gebaut werden. Beides erfordert hohe Investitionen. Durch ihre Komplexität sind sie verletzlich und können durch verschiedene Gefährdungen aus den Bereichen Natur, Technik und Gesellschaft beeinträchtigt werden. Sie können auch durch einen virtuellen Anschlag sehr real gefährdet werden. Innerhalb der vier Szenarien wird die Frage variiert, wer diese Infrastrukturen schützen soll.

Information wird schneller verbreitet und verfügbarer

Die Geschwindigkeit der Verbreitung von Information und der einfache Zugang zu ihr haben nie dagewesene Dimensionen angenommen. Bibliotheken sind Online. Internetplattformen wie Wikileaks veröffentlichen Staats- und Betriebsgeheimnisse. Der Begriff des Privaten und des Öffentlichen werden neu definiert – die Kontrolle der Öffentlichkeit durch staatliche Organe wird erschwert. Das Aufrechterhalten von Privatsphäre und Datenschutz wird zunehmend schwierig. Jeder kann Informationen – und insbesondere auch Gerüchte, gezielte Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über politische oder ökonomische Sachverhalte – in kurzer Zeit weltweit verbreiten und so Börsen oder politische Stimmungen manipulieren. Vieles wird transparent – und bleibt zugleich aufgrund der steigenden Komplexität und Informationsflut intransparent. Dies fördert ein neues Informationsverhalten und neue Partizipationsbedürfnisse der Menschen. Die Informationshoheit gewinnt, wer Informationen rasch analysiert, aufbereitet und breit zugänglich macht. Dank Social Media können sich Smartmobs sehr schnell formieren und politische Machtverhältnisse verändern, was die Ereignisse in der arabischen Welt anfangs 2011 gezeigt haben. Da elektronische Dokumente sehr schnell in unerwünschte Hände gelangen können und sowohl in Text- wie auch in Bildform zunehmend einfach gefälscht werden können, kommt es zu einer Aufwertung persönlicher Beziehungen, um die Glaubwürdigkeit der Absender und der Dokumente tatsächlich verifizieren zu können.

Cyberspace als neuer Tatort und neues Schlachtfeld

Die Internetkriminalität nimmt dramatisch zu – und sie entzieht sich aufgrund ihres virtuellen und extra-territorialen Charakters der nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Raubzüge finden innerhalb virtueller Welten statt – durchgeführt von realen Tätern, die sich im virtuellen Raum verstecken. Gerade weil „nur“ der virtuelle Raum zum Schlachtfeld wird, entsteht gelegentlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Die Wirtschaft wird virtuell angreifbar – und sie muss hohe Beträge tätigen, um die Sicherheit ihrer Produktion, ihrer Mitarbeitenden und ihrer Kunden zu gewährleisten. Insbesondere Kundeninformationen werden zu einer wertvollen Ressource. Die Vernetzung kann systemtheoretisch eine höhere Stabilität bedeuten, aber zugleich auch eine höhere Verletzlichkeit, da sich mehr Angriffspunkte ergeben. Durch hochpräzise und technologisch komplexe Waffensysteme und Wirkmittel, die über Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen untereinander und mit den Führungszentren vernetzt sind, können militärische Streitkräfte agiler und wirkungsvoller geplant werden. Trotzdem benötigt die Mediation von zukünftigen Konflikten immer noch grosse Mannschaftsbestände.

Erwartungen an die Energie der Zukunft

Eine der Methoden der Zukunftsforschung ist die Analyse von Megatrends: Wo haben wir Entwicklungen, die über Jahrzehnte unser Leben, unsere Werte und unser Verhalten verändern? Globalisierung, technischer Fortschritt, Langlebigkeit und die Präsenz der elektronischen Medien rund um die Uhr und rund um den Globus sind prägende Megatrends unserer Tage.

Jeder dieser Megatrends setzt voraus, dass Energie verfügbar, preiswert und sicher ist.

Doch diese Megatrends stellen auch unseren Umgang mit Energie in Frage: Aufgrund der Globalisierung können Westeuropa und Nordamerika kein Vorrecht mehr auf die Verfügbarkeit von billiger Energie fordern – zunehmend stehen wir in Konkurrenz zu den wachsenden Emerging Markets. Dabei zeigt sich, dass die Verfügbarkeit von Energie nicht nur eine Frage des Marktpreises sondern auch der Machtpolitik ist – und die energieliefernden Länder sind zu einem doppelten Spiel bereit. Der Fortschritt hat unser Leben vereinfacht. Harte körperliche Arbeit oder das Leben mit saisonalen Schwankungen kennen wir nur noch aus Erzählungen unserer Eltern oder aus dem Freizeitbereich. Als Ersatz für den Einsatz eigener körperlicher Energie haben wir uns daran gewöhnt, dass Fremdenergie rund um die Uhr zur Verfügung steht: Ein Leben mit weniger Licht, weniger Wärme und weniger Mobilität ist in unserer postmodernen Gesellschaft undenkbar. Seit über hundert Jahren nimmt unsere Lebenserwartung kontinuierlich zu: wir dürfen erwarten, dass wir 80 Jahre alt werden. Dank medizinischem Fortschritt, grossen Anstrengungen in der Unfallverhütung und dem Ausbleiben von Kriegen haben wir viele Todesgefahren eindämmen können – doch gerade im Alter setzen wir diese Annehmlichkeiten als selbstverständlich voraus: Licht, Wärme, Kommunikationsmittel, Fremdkraft für die Unterstützung der Mobilität.

Verbunden mit der Klimadebatte der letzten Jahre tauchte die Kernenergie als White Knight auf, nachdem sie bereits Mitte des 20. Jahrhunderts als Zukunftsenergie betrachtet wurde – regional produzierbar, unabhängig von fossilen Brennstoffen, CO2-neutral und mittlerweile sicherheitstechnisch gereift und in der Gewissheit, dass sich die Abfallprobleme für Jahrtausende wegsperren lassen.

Eine andere Methode der Zukunftsforschung ist das Arbeiten mit Black Swans: Was geschieht, wenn das Unmögliche doch geschieht? Wenn Jahrtausendereignisse doch eintreten? Durch TV und Internet finden global verteilte Katastrophen plötzlich live in unseren Wohnzimmern statt: 9/11, Tsunami 2004, Hurrican Catrina, asiatische Vogelgrippe, chinesisches Erdbeben, mexikanische Schweinegrippe, Erdbeben Haiti – und diesen März die Mehrfachkatastrophe in Japan. Sind Black Swans gar nicht so selten? Dabei wird die Unterscheidung immer schwieriger: Welches ist der Anteil einer unabwendbaren Naturkatastrophe und welches sind menschengeschaffene Umstände, die Folgeschäden provozieren? Aufgrund unserer medialen Wahrnehmung sind global verstreute Katastrophen mental bei uns omipräsent. Aufgrund der globalen Finanzmärkte sind diese Ereignisse in unseren Portemonnaies noch viel präsenter.

Und die Frage taucht auf, ob angesichts der technischen Restrisiken, der medialen Verbreitung von Katastrophenmeldungen und der globalen Verknüpfung unserer Wirtschaft die Kernenergie wirklich als White Knight für die Energiebedürfnisse der Zukunft taugt? So verschieden unsere Vorstellungen über unsere Zukunft auch sein mögen – sie gehen alle davon aus, dass Energie verfügbar, preiswert und sicher ist. Wie muss ein zukunftsfähiges Energieportfolio aussehen, das diesen Bedürfnissen gerecht wird?

(Dieser Blog entspricht dem Editorial, das ich für „Energie mit Zukunft“ – Smart Media Themenzeitung im Tages Anzeiger vom 29. März geschrieben habe.)

Pandemie und Börsenkrise haben eine Gemeinsamkeit gehabt – sie sind Indikatoren des Megatrends „Globalisierung“

Die Globalisierung ist Realität geworden: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität. Gehen wir der globalen Risikogesellschaft entgegen?

Das Phantom der Schweinegrippe geht um. Es gibt Ängste, Medienrummel, Klarstellungen. Wird in dieser Woche die Schweinegrippe zu einer globalen Pandemie anwachsen, die auch uns in der Schweiz bedrohen wird? In direkter Weise für unsere eigene Gesundheit und in nachhaltiger Weise für unser gesellschaftliches Leben?

Im Jahr 2009 leben wir 90 Jahre nach der Spanischen Grippe, die 1918 bis 1920 wütete – wird die «Mexikanische Grippe» 2009 ebenso als globale Tragödie in die Geschichte eingehen? Oder werden wir bereits im Juni lästern über den Planungs- und Schutzaufwand und ihn nachträglich als unverhältnismässig abqualifizieren?

Im Jahr 2009 leben wir 20 Jahre nach dem Berliner Mauerfall 1989. Damals wussten wir nicht, dass das Ende des Kalten Krieges der Anpfiff zum Siegeszug der Globalisierung und der grenzenlosen Mobilität werden sollte. Das jahrzehntelange Ausbalancieren zwischen Kapitalismus und Kommunismus fand ein Ende. Die neoliberale Marktwirtschaft trat ihren globalen Siegeszug an. Ungebremste Börsengewinne und andauerndes Wirtschaftswachstum waren die Paradigmen. Die Regeln der sozialen Verantwortung der wirtschaftlich Starken für die Schwachen, der Bildung von Reserven als Vorsorge für schlechte Zeiten oder der Schaffung von Redundanzen als Sicherheit für Zeiten der Belastung gerieten vergessen. Im Rausch der neuen Freiheit ahnten wir nicht, dass diese Vergesslichkeit ein neuer Megatrend werden könnte. Erstaunlich, denn 1989 war es erst drei Jahre her seit den Katastrophen von 1986: dem Absturz der US-Raumfähre «Challenger», der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, dem Grossbrand bei Sandoz in Schweizerhalle – die Risikogesellschaft war geboren.

Im Jahr 2009 leben wir zehn Jahre nach 1999, dem Höhepunkt der New Economy – die Regeln der alten Ökonomie waren zu vergessen! Wer damals als Unternehmer seinen Gewinn im Kerngeschäft und nicht an der Börse erzielen wollte, galt als dumm. No risk and a lot of fun war das neue Lebensgefühl. Damals wussten wir nicht, dass bereits im März 2000 die Dotcom-Bubble platzen sollte. Plötzlich zogen Schatten auf, die New Economy entpuppte sich als Irrglaube. 2001 wurden wir als Risikogesellschaft wieder aufgeschreckt: 9/11 in New York, Amoklauf im Parlamentssaal von Zug, Swissair-Grounding, der Grossunfall im Gotthard-Strassentunnel zeigten unsere Verwundbarkeit auch in der Schweiz. Und die Ängstlichkeit der Amerikaner bewirkte in einer Zeit der Globalisierung rigide Kontrollen an den Flughäfen.

Im Jahr 2009 leben wir fünf Jahre nach 2004 – die Wirtschaft erholte sich, die Börsen wurden wieder bullish, die Welle der Globalisierung gewann die Oberhand, nicht mehr Geiz, sondern Konsum war wieder geil.

 

Zwar merkten kritische Geister auf: 2004 der Tsunami im Indischen Ozean, 2005 der Hurrikan «Katrina», seit 2005/06 Meldungen über die asiatische Vogelgrippe, der Uno-Klimabericht 2006 und die explodierenden Ölpreise. Neue Krisen tauchten am Horizont auf, die nur global und gemeinsam gelöst werden konnten – Krisen, die konkrete Vorsorge und Verhaltensänderungen erforderten.

 

Als im Frühsommer 2007 die US-Immobilienkrise ausbrach und schliesslich weltweit die Börsen mitriss, gerieten die Ideale von Globalisierung und Wachstum ins Wanken.

Und spätestens Anfang 2009 wurde klar, dass die Globalisierung zur Falle der modernen Portfolio-Theorie geworden war, eine Diversifikation der finanziellen Risiken war nicht mehr möglich, da alle am selben globalen Markt partizipierten; der Glaube an die selbstheilenden Kräfte der Finanzmärkte entpuppte sich als Irrglaube. Und als überall Staaten einspringen mussten, um die Global Players der Finanzmärkte zu retten, wurde der Ruf nach dem Primat der nationalen Interessen vor dem Gespenst der Globalisierung laut.

 

Doch die Globalisierung ist Realität geworden – für Börsenkurse und für Viren. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus H1N1 durch den Flugverkehr ist ein Musterstück: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität – sie lassen sich in einer freien Welt kaum stoppen.

Dass die WHO so schnell die Warnphasen auf 4 und auf 5 anhob und nun bereits die Deklaration von Phase 6 als Pandemie in wenigen Tagen plant, hat nichts mit der Situation in unseren Schweizer Wohnzimmern zu tun. Aber damit, dass die Globalisierung Realität geworden ist und dass eine Pandemie nur in gemeinsamer globaler Verantwortung bekämpft werden kann.

Unsere nationalen und kantonalen Pandemieplanungen mögen Detailfehler haben, die durch die reale Pandemie korrigiert werden. Doch: Hat unsere Wirtschaft wenigstens für diese Krise vorgesorgt? Oder wird sie übertölpelt wie durch die Börsenkrise? Werden wir nun in dieser Pandemie erleben, dass sich das Paradigma der Maximierung der Rendite durch Verzicht auf Reservebildung und Redundanzen für den Notfall als Irrglaube entpuppen wird? Haben wir etwa wieder etwas vergessen – die Eigenverantwortung für unsere eigene Krisenvorsorge? Ob wir wohl eines Tages nach dem Trend der Vergesslichkeit die Renaissance des Trends der Verantwortlichkeit noch erleben werden?

Was ist eigentlich ein Megatrend?

Was ist ein Megatrend?

10304965_916153878399062_4528198907780522501_n1982 wurde der Begriff „Megatrend“ vom US-amerikanischen Futurologen John Naisbitt geprägt.[1] Der studierte Politologe und gebürtige Mormone[2] John Naisbitt, der auch den Begriff „Globalisierung“ bekannt machte, ist einer der bekanntesten Trend- und Zukunftsforscher, beriet die US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, ist Professor an diversen Universitäten und lebt heute in Wien. Er wurde in Mitteleuropa durch seine Bücher Megatrends (1982), Megatrends 2000 (1990) und Megatrend Asia (1996) bekannt.

John Naisbitt definierte ursprünglich: „Megatrends (…are) large social, economic, political, and technological changes (…), they influence us for some time – between seven and ten years, or longer.“

Der Begriff „Megatrend“ ist heute bei Fachleuten, Politikern und in den Medien weit verbreitet.

Megatrends sind langfristig, sie sind nicht schon nach zwei Jahren beendet, sondern sie können über Jahrzehnte Einfluss nehmen. Ein Megatrend beeinflusst unser gesellschaftliches Weltbild, er beeinflusst unsere Werte und unser Denken. Dabei ist es eine spannende und nicht endgültig diskutierte Fragestellung, ob ein Megatrend einen Wert verändern kann oder ob ein Wertewandel einen Megatrend initiiert. Ein Megatrend kann fundamental und grundlegend das Angebot und die Nachfrage einer Ware oder Dienstleistung beeinflussen. Meistens beeinflusst er die politische und wirtschaftliche Stellung ganzer Branchen, Organisationen und Länder. Früher wäre wohl der Begriff einer „Epoche“ verwendet worden, heute zeigt sich aber, dass sich unterschiedliche, teils sogar widersprüchliche Megatrends überlagern können und dass sie in verschiedenen Regionen der Welt und in verschiedenen sozialen Milieus unterschiedlich wirken können.

big modern family

Der Begriff des „Megatrends“ soll sich insbesondere von Modetrends abheben, die keinen tiefergehenden gesellschaftlichen Einfluss haben. Primär im Kleidungs-, Konsum-, Musik- und Freizeitbereich sind sie eigentlich Produkt- oder Branchentrends, die häufig bereits wieder in der nächsten Saison verschwinden und vergessen werden.

 

Beispiele von häufig thematisierten Megatrends

In der Fachwelt und in den Medien werden im Allgemeinen die folgenden Megatrends aufgegriffen:

  • Bildungs-, Informations- und Wissensgesellschaft statt der produzierenden Industriegesellschaft
  • Die BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) gewinnen auf globalem Niveau an politischer und wirtschaftlicher Macht, insbesondere gegenüber den USA und Europa
  • Female shift – Frauen finden eine neue Identität und gewinnen an Bedeutung in der öffentlichen Politik und Wirtschaft
  • Demografische Schere – durch Geburtenkontrolle und aufgrund des steigenden Wohlstandes fällt die Geburtenrate
  • Langlebigkeit und Überalterung
  • Geschwindigkeit in allen Bereichen des Lebens – vom Verkehr über die technische Innovation bis hin zum Kommunikationsverhalten in den Social Networks
  • 24-h-Tag und 7-Tage-Woche, Ruhelosigkeit, dauernde Erreichbarkeit
  • Generationen Y und Z
  • Gesundheit wird insbesondere in Mitteleuropa zum höchsten gesellschaftlichen Wert
  • Globalisierung
  • Neue weltweite Migration ausgelöst durch regionale Krieg aber auch durch die Transparenz der weltweiten sozialen Ungerechtigkeit, für die Bevölkerung Afrikas wird im 21. Jahrhundert eine Vervierfachung erwartet, in gewissen Regionen Chinas und Indiens haben wir einen Männerüberhang von über 20%
  • Digitale Transformation, Digitalisierung, Informationstechnologie, Cyber, Internet
  • Künstliche Intelligenz, Artificial Intelligence, Robotik – smartness
  • 3-D-Printing
  • Klimawandel und Zunahme von extremen Witterungsphänomenen
  • Langlebigkeit: als Silver Ager werden Rentner eine wichtige politische Kraft und ein wichtiges Zielpublikum für die Wirtschaft, gerade auch für die Gesundheits-, Sicherheits-, Konsumgüter- und Freizeitbranche
  • Medialisierung
  • Mobilität
  • Ökologisches Umweltbewusstsein
  • Ressourcenverknappung, insbesondere im Bereich fossiler Brennstoffe, zunehmend aber auch im Bereich der Edelmetalle
  • Shareconomy
  • Vernetzung
  • Verstädterung des Lebensraumes bis hin zu Megacities
  • Virtualisierung durch die Verfügbarkeit und den günstigen Preis des Internets
  • Wertepluralismus und Individualisierung

Mit einigen dieser Megatrends will ich mich in weiteren Blogs vertieft beschäftigen.

Wenig thematisierte Megatrends

Demgegenüber werden wichtige gesellschaftliche Entwicklungen gegenwärtig nur wenig thematisiert, beispielsweise

  • Über 60 Jahre Friede und keine militärische Aggression in Mitteleuropa
  • Zunehmende Komplexität des Lebens, der Bildungsanforderungen und des Weltbildes
  • Ökonomisierung des ganzen Lebens durch den Ansatz des „Homo oeconomicus“
  • Risikogesellschaft, insbesondere seit den Nuklear- und Chemiekatastrophen der 80er Jahre
  • Zunehmender Ruf nach innerer Sicherheit
  • Trennung von Erziehung und Bildung
  • Trennung von Leben und Arbeiten, von Wohnort und Arbeitsort
  • Zunehmender materieller Wohlstand in Mitteleuropa bei einer hohen Verfügbarkeit von Konsumgütern und einer grossen Bedeutung der Freizeit- und Unterhaltungsbranche.

Andere wichtige Veränderungen

Interessanterweise gibt es ebenfalls eine Reihe weiterer Veränderungen, die in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit nur wenig thematisiert werden:

  • Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die bereits als selbstverständlich aufgefasst werden, die aber historisch betrachtet noch sehr jung sind.
  • Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die zwar bereits Fuss gefasst haben, aber in unseren Werten und in unseren Mensch-, Welt- und Gottesbildern noch immer nicht angemessen berücksichtigt werden. Obwohl sie in Wirtschaft und Politik Realität geworden sind, werden sie häufig noch verdrängt.
  • Aktuelle Gegentrends zu Megatrends, bei denen lange nicht klar ist, ob es sich um das erfolgreiche Abwehren eines neuen Trends und das Beibehalten einer alten Ordnung handelt, ob es sich um eine Antwort auf einen Trend und die synthetische Weiterentwicklung zu einem neuen Megatrend oder nur um das kurzfristige Aufbäumen gegen eine Neuerung handelt.
  • Veränderungen, die sich erst andeuten. Die Fachwelt spricht hier von den Methoden des „Horizon Scannings“ und von der Früherkennung bzw. dem „Strategic Foresight“. Wo sind bereits heute erste Anzeichen von neuen Entwicklungen, zu erkennen, häufig noch schwach, erst in einzelnen Regionen oder spezifischen sozialen Milieus, die das Potential haben, die zukünftige Gesellschaft nachhaltig zu prägen?

Doch davon mehr in meinen nächsten Blocks.


[1] NAISBITT JOHN (1982) Megatrends: Ten New Directions Transforming Our Lives, s.a. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,477472,00.html und http://de.wikipedia.org/wiki/John_Naisbitt

[2] NAISBITT JOHN (2006) Mind Set! S.XIII