Noch 5 Tage – The Final Countdown – die Apokalypse scheint unausweichlich

Überraschenderweise existiert in unserer Gesellschaft die weit verbreitete Meinung, dass unsere guten Tage – als die 70 fetten und friedlichen Jahre der Geschichtsschreibung im westlichen Europa und Amerika seit dem 2. Weltkrieg – ein baldiges Ende haben werden. Danach folgen aber nicht in saisonalem Sinne 70 magere Jahre, sondern danach ist aus. Fertig. Schluss. Der Stecker wird gezogen.

Wobei dies bitte die fetten 100 Jahre sein mögen, so dass ich dann das „Danach“ gerade nicht mehr erleben werde.

Oh weh! Weltuntergangsszenarien sind überall zu erkennen, die Zeichen an der Wand sind geschrieben. Propheten sind viele. Der Doom Sayer ist der Vertreter in unserer Zunft der Zukunftsforscher, der die grösste mediale Plattform und die höchsten Honorare als Key Note Speaker erhält. Die Module „Risiko“, „Krise“ und „Katastrophe“ sind entscheidende Module in vielen politischen Programmen und Businessmodellen geworden. Oh Verzeihung, ich meine natürlich die entsprechende Warnung und Vorsorge.

Selten sind Menschen so kreativ und emotional wie in der Beschäftigung mit angsttreibenden Zukünften, die selbstverständlich als sehr vernünftig gelten. Sei es bei der Beschreibung sehr langsamer Prozesse, die über Jahrzehnte hinwegschleichen oder bei einem plötzlichen Tag X:

  • Unser liberales Bildungsbürgertum in Europa pflanzt sich freiwillig nicht mehr fort. Unsere Frauen und Töchter beenden per Fristenlösung ungeborenes Leben in ihrem Mutterleibe, bevor dieses überhaupt erst geboren hat. Und unsere Eltern werden demnächst per „Exit“ frühzeitig den selbstbestimmten Freitod im Alter wählen, sei dies aus Angst vor Altersarmut, vor Alterseinsamkeit, vor Altersverblödung (die neuen Demenz-Prognosen der WHO lassen grüssen) oder vor dem Schmerz und den Leiden von Alterskrankheiten.
  • Stattdessen werden sich fundamentalistische Moslems, orthodoxe Juden, romgetreue Katholiken und freikirchliche Evangelikale ungehindert und schamlos wie die Karnickel vermehren, da sie sich weigern, ihre Kinder in den staatlichen Sexualkundeunterricht zu schicken, und so werden sie die ganzen Errungenschaften von Liberalismus und technischem Fortschritt zu Nichte machen. Das moderne Europa wird den nächsten Kreuzzug also nicht vor Jerusalem sondern in den Gebärkliniken verlieren.
  • Da die Chinesen als einzige Nation wirklich eine langfristige und strategische Zukunftsplanung verfolgen, kaufen sie weltweit die Abbaustätten der knappen Edelmetalle und die privatisierte kritische Infrastruktur auf, so dass die gelbe Gefahr die USA und Europa nach über hundert Jahren doch noch in die Knie zwingen wird. Wie erklärte mir kürzlich ein chinesischer Professor? Der Boxeraufstand und das 20. Jahrhundert seien Anomalien der Geschichte gewesen – in Vergangenheit und Zukunft sei China Weltmacht Nummer 1.
  • Das System der Altersvorsorge und der Sozialversicherungssysteme wird versagen, da unsere Eltern heute überreichlich in Wohlstand und Sicherheit leben, so dass unsere Kinder eine Zukunft in Verschuldung und Armut und neuen Formen der Lohnsklaverei verbringen werden.
  • Finanzmärkte und liberale Wirtschaftsordnung werden versagen. Der Double Dip nach der Börsenkrise 2007/2008 ist immer noch ausstehend.
  • Der Klimawandel wird einem zivilisierten Leben auf Erden definitiv ein Ende setzen. Aufgrund des Temperaturanstieges wird unser Getreide auf den Äckern verdorren. Beziehungsweise die steigenden Meeresspiegel werden uns überfluten. Beziehungsweise eine neue Eiszeit wird uns unter ihren Gletschern bedecken. Oder war die Reihenfolge anders herum?

Übrigens – wenn sie am 22.12.2012 den Weltuntergang gemäss Mayakalender verpasst haben: Hier wären die alternativen Termine. Sowohl die bereits verpassten als auch die noch ausstehenden.

Eine zweite Sintflut scheint für die Menschheit unausweichlich zu sein, aber da im Weltbild unserer aufgeklärten und materialistischen Kultur und Gesellschaft die Rolle eines gnädigen und sich erbarmenden Gottes aus dem Welttheater heraus gestrichen wurde, kann es auch keinen Regenbogen mehr geben.

Und so kann es im modernen Weltbild auch keine „Apokalypse“ mehr geben, denn dies war ursprünglich auch ein religiöser Begriff. Wobei in unserem bildungsbürgerlichen Europa ja keiner mehr humanistisch gebildet ist und deshalb weder altgriechische Begriffe übersetzen kann noch biblische Konzepte kennt. Denn „Apokalypse“ ist nicht etwa das Wort für „Weltuntergang„, sondern für Enthüllung oder Entschleierung, also für „Offenbarung“. Und so übersehen wir auch gerne die Details in den grossen Weltbildern: Heute glauben wir noch so gerne an den Untergang „der“ Welt (aber bitte erst nach unserem eigenen natürlichen Ableben) und somit an das Verschwinden von menschlichem oder zumindest zivilisiertem Leben. Im Konzept der Apokalypse ging es um das Ende „dieser“ Welt, so dass an deren Ende der Schöpfergott dieser Welt eine neue Welt erschaffen wird, um mit den Menschen erneut darin zu wohnen – also eigentlich ein Paradies 2.0.

Wird sich nun in unserem Weltbild zukünftig die Artificial Intelligence ihren Cyber Space alleine erschaffen, um darin zu wohnen ohne störendes menschliches Leben?

Wollen wir einen solchen Countdown wirklich zählen?

Und ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich als pubertierender Jüngling damals mit meinen Eltern geführt habe. Und sie berichteten mir, wie sie 1965 als junge Eltern mit dem Vorwurf konfrontiert worden seien, wie unverantwortlich es sei, angesichts des Kalten Krieges, also unmittelbar vor dem 3. und somit atomaren und somit endgültigen Weltkrieg, überhaupt noch einen Sohn in die Welt zu setzen.

Und so wie damals die Angst vor dem 3. Weltkrieg ein ernst zu nehmendes Thema war, sind auch heute die skizzierten Schreckensszenarien als Ängste in vielen Köpfen präsent und deshalb durchaus ernst zu nehmen.

Ich bin mittlerweile Vater von vier Kindern.

Noch 7 Tage – oder die Grenzen der Abzählbarkeit

Noch 7 Tage – Halt! Wo ist denn der 8. Tag geblieben? Vergessen? Ein Fehler? Eine Lücke? Ein Planungsirrtum? Eine Krise? Eine Katastrophe? Ein Black Swan oder eine Wild Card?

Wie so häufig im menschlichen Leben stehen wir bei diesem Phänomen vor einem der grossen Irrtümer der heutigen Zeit, der grossen Irrtümer des heutigen Geschäftslebens, die ungehindert auch im politischen und gesellschaftlichen Leben Einzug gehalten haben: dem Irrtum, das menschliche Leben, insbesondere das Beziehungsleben zwischen Menschen, lasse sich wie ein industrieller Prozess planen, berechnen und minutiös per Countdown steuern.

Auch wenn Heerscharen von Consultants und Wissenschaftlern vielen Unternehmern, Managern und Politikern in den letzten Jahren dies erfolgreich weisgemacht haben: Organisierbarkeit hat ihre Grenzen. Ja, die Verschwendung von Ressourcen soll verbessert werden und auch Arbeitszeit kann als Ressource verstanden werden. Ja, Abläufe können verbessert werden. Ja, Verantwortungsbewusstsein und Rechenschaft im Umgang mit Ressourcen ist sinnvoll. Ja, Kybernetik hat uns viele wichtige Erkenntnisse und Fähigkeiten geliefert.

Aber einer impliziten Meinung trete ich ganz entschieden entgegen: der Mensch ist nicht einfach eine Art altmodischer Roboter aus Fleisch und Blut. Der Mensch ist etwas anderes. Eine Firma, insbesondere eine Dienstleistungsfirma, ist kein Fliessband, das nach den Prinzipien der industriellen Produktion funktionieren soll. Eine menschliche Gemeinschaft ist keine grosse fleischgewordene Maschine. In der aktuellen Wirtschafts- und Sozialpolitik sprechen alle davon, dass die Wirtschaft familientauglicher werden müsse. Aber stimmt das tatsächlich? Steht nicht eher die Absicht dahinter, dass die Familie endlich wirtschaftstauglich wird?

Stehen wir heute in der Wirtschaft und in der Gesellschaft nicht in einer zu einem komplexen Labyrinth verschlossenen Sackgasse? Stehen wir nicht vor einem grossen Clash of Cultures? Den die Generation Y irgendwie spürt und aufgreift – und damit ihre Eltern und Vorgesetzten herausfordert – unsere Generation herausfordert. Eine Herausforderung taucht auf, die unsere Generation in den letzten 20 Jahren viel zu wenig thematisiert und debattiert hat. Angesichts von Megatrends wie „Transhumanismus“, „Human Enhancement„, „Cyber Space“ oder „Artificial Intelligence“ müssen wir dringend wieder unsere Menschen- und Weltbilder diskutieren. Unsere Generation hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten um diese Diskussion gedrückt. So war es möglich, dass viele Ressourcen frei geworden sind, die wir in technischen Fortschritt und ökonomischen Wohlstand investieren konnten. Aber heute stehen wir wieder einmal an einer Schwelle, an der wir über diese Paradigmen diskutieren müssen.

Wir müssen prinzipiell darüber sprechen, was die grossen Unterschiede zwischen Menschen und Maschinen sind. In den letzten zwei Jahrhunderten haben wir gelernt, wie Maschinen und industrielle Prozesse funktionieren und wie diese massiv verbessert werden konnten. In den letzten beiden Generationen haben wir versucht, den Menschen wie eine Maschine arbeiten zu lassen und ihn in diese Prozesse und Abläufe hineinzuzwängen. Heute sollten wir beginnen, unsere „Brain Power“ zu verwenden, um zu klären, welche Aufgaben und Funktionen zukünftig eben gerade der Mensch als Mensch übernehmen soll – und was Maschinen, Roboter und Computer wirklich besser, schneller und billiger können.

All Ihr Neurologen und Gehirnforscher dieser Welt – eigentlich wollen wir genau das von Euch wissen – wo sind die qualitativen Unterschiede zwischen einem Gehirn und einem Computer? Was unterscheidet einen Menschen von einem Roboter, den Ihr mit Artificial Intelligence ausstattet?

All Ihr Ethiker, Theologen, Religions-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler dieser Welt – genau das wollen wir von Euch wissen – was sind die Technologiefolgenabschätzungen der neuen Cyber und Brain Technologien für den Menschen an und für sich?

Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn ist immer Dialektik. Die MINT Technologien investieren Millionen über Millionen an eigenem Kapital und an öffentlichen Fördermitteln in ihre These – wo ist Eure Antithese? Und welche Synthese soll dann unsere Zukunft ermöglichen?

Angesichts von Kreuzzügen, 30-jährigem Krieg und Sonderbundskrieg haben wir religiöse Diskussionen als Tabu erklärt und nur noch im privaten Kreise toleriert. So haben wir viele gesellschaftliche und politische Probleme in den letzten beiden Generationen ausklammern können. Angesichts der Spannung des Kalten Krieges im letzten Jahrhundert haben wir in den letzten 20 Jahren die grossen kontroversen Block-Diskussionen tabuisiert. Angesichts der laufenden Megatrends stehen wir heute in einer neuen Phase, in der wir grundsätzliche Diskussionen über Welt- und Menschenbilder wieder führen müssen. Öffentlich. Kontrovers. Gerade auch im Umfeld von Wirtschaft und Wissenschaft.

In der Wissenschaft und gerade auch in den Studien für die Politik haben wir systematisch daran glauben wollen, dass diese Studien neutral und objektiv seien, aber die Paradigmen von Materialismus und Industrialismus sowie die Konsequenzen des homo oeconomicus liegen diesen Studien einfach unausgesprochen zu Grunde. Dass es eben Paradigmen sind und nicht die Wahrheit. Dass Paradigmen eben Axiome sind – Grundannahmen. Und dass Erkenntnisse und Schlussfolgerungen in diesen Forschungen und Studien eben nicht neutral und objektiv und absolut sind, sondern abhängig von diesen Paradigmen.

Diese Diskussion findet gegenwärtig nicht statt – weil wir einfach glauben, dass Wissenschaft und Studien unabhängig und neutral und objektiv seien.

Dabei weiss jeder Mensch, insbesondere viele Frauen und viele Kinder, dass viele Aspekte des menschlichen Lebens nicht planbar und vermessbar sind. Oder hat Gender Mainstreaming in diesem Aspekt Frauen bereits mit den Männern gleichgeschaltet, weil nun auch Frauen ihre persönlichen Denkfreiheiten geopfert haben und sich den Sachzwängen von Karriere und wirtschaftlichem Erfolg untergeordnet haben, wie Männer dies seit 200 Jahren seit der Frühindustrialisierung systematisch tun?

Diese Diskussion findet gegenwärtig nicht statt – weil wir akzeptiert haben, dass der Mensch ein homo oeconomicus ist, der primär ökonomische Bedürfnisse hat und sich entsprechend auch ökonomisch sinnvoll verhält. Sogar die Wertediskussion hat uns in die Irre geführt, weil auch „Werte“ letztlich einem ökonomischen Konzept entstammen. Übrigens eine Diskussion, die wir mit dieser Begrifflichkeit in dieser Art vor einer Generation noch gar nicht geführt haben. So sind wir heute selbstverständlich bereit, menschliche und gesellschaftliche Werte volkswirtschaftlich zu berechnen und zu vergleichen – in Franken, Euro und Dollars. Und so werden wir wohl auch zum Schluss kommen, dass Roboter aus betriebswirtschaftlicher Sicht mehr wert sein werden als arbeitende Menschen.

Wo ist denn nun die grosse Wertediskussion geblieben, die unsere Bundesräte, die das World Economic Forum nach der grossen Banken- und Börsenkrise 2007/2008 so dringend gefordert haben?

Wie bemerkte doch mein Futurologen-Kollege Gerd Leonhard im ZeitSicht Talk von heute Morgen in der Stadtbibliothek Basel so treffend? Zwei „Gläubigkeiten“ seien wieder radikal am ansteigen: Die Finanzgläubigkeit und die Technikgläubigkeit.

Angesichts von Cyber Space und Artificial Intelligence müssen wir diese Diskussion von neuem führen: Ist ein Human Engineering des menschlichen Lebens wirklich möglich und gut für die Persönlichkeit des Menschen? Ist ein Social Engineering wirklich möglich und gut für menschliche Gemeinschaften?

Nicht etwa weil wir Angst vor Veränderungen haben, Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Oder wie Peter Zadek zu Recht kritisierte: „Mich nerven Leute, die aus Angst stehengeblieben sind, obwohl sich die Welt um sie herum längst verändert hat.“ Aber weil wir Verantwortung wahrnehmen wollen und weil wir frei entscheiden wollen. Denn Innovation und Veränderungen sind kein Selbstzweck, wir wollen nicht, dass die Zukunft der menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Wesens aufgrund technischer und ökonomischer Sachzwänge entschieden wird. Nein, es geht nicht darum, dass hier ein konservativer Zukunftsforscher selbst Angst vor der Zukunft hat, sondern darum, worauf bereits der liberale Aufklärer Jean-Jacques Rousseau hingewiesen hat: „Bevor man daran denkt, einen eingeführten Brauch zu zerstören, muss man ihn wohl abwägen gegen die Bräuche, die an seine Stelle treten werden.“

W wie Wild Card

Nicht alles kann abgesichert werden – das Leben und insbesondere die Zukunft bergen Überraschungen.

Im Monopoly kennen wir zweierlei Wild Cards (seltene, unerwartete Ereignisse): «Direkt zum Start – doppelter Bonus» und «Ab ins Gefängnis».

Welche Veränderungen wollen und können wir erkennen und beeinflussen? Und wo leiden wir an einem blinden Fleck? Trotz aller Planungen und Absicherungsinstrumente müssen unser Denken und Handeln beweglich bleiben, wenn es tatsächlich «anders» kommt.

Und wir müssen wissen, wen wir dann um Hilfe fragen können.

V wie Verzicht

X wie der Tag X

Hier geht’s zum Überblick

Hier geht’s zum Originalartikel im UBS Magazin

Historische Wild Cards und Black Swans

Beim Blick zurück – sowohl in historische Vorzeiten wie auch in die letzten Jahre und Jahrzehnte fällt auf, dass manche Entwicklung und Wendung überraschend auftrat. Der Gewinn von Schlachten, Entdeckungen aber auch Erfindungen waren zwar häufig professionell geplant, verliefen aber immer wieder überraschend und führten zu weitreichenden unerwarteten Folgen.

 

Die Entdeckung Amerikas oder der Erfolg des deutschen Reformators Martin Luther waren für die Zeitzeugen nicht absehbar.

 

Verlorenes Wissen um Naturkatastrophen

 

Insbesondere Naturkatastrophen, wie Vulkanausbrüche und Erdbeben, und Epidemien, wie die Pest oder die Grippe, trafen bis vor wenigen Jahrzehnten die Bevölkerung unerwartet und unvorbereitet. Da die notwendigen naturwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnisse zum Verständnis dieser Phänomene fehlten, wurden diese Ereignisse immer wieder in vereinfachender Weise als Strafe Gottes gedeutet.

 

Bemerkenswerterweise finden sich in vielen Mythen und Legenden Hinweise auf ein naturwissenschaftliches Wissen im Volk: Die einheimische Bergbevölkerung in den Alpen wusste sehr wohl, welches Lawinenhänge waren und wo Bäche über die Ufer traten.  Über die Gegend von New Orleans wird berichtet, dass Indianer sie traditionell gemieden haben, da sie aus ihren Überlieferungen über das Hurrican-Risiko wussten.

 

Erst seit den Fortschritten der Bauingenieurstechnik und Geologie und der Fokussierung auf naturwissenschaftliche Statistiken seit den 60er Jahren ging solch traditionelles Wissen verloren – denn häufig waren solche Naturkatastrophen eben Jahrhundertereignisse, die dann aber in der Vergangenheit 60er bis 90er Jahren umso dramatischere Folgen zeigten, da Menschen in historischen Risikogebieten bauten.

 

Überraschungen der letzten Generation

 

Seit den grossen naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritten des 19. und 20. Jahrhunderts, die als Grundlage der Paradigmen der Planbarkeit und Machbarkeit des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens dienen, und seit religiöse Modelle zur Erklärung von Natur und Schickals als altmodisch und überholt gelten, wirken Schicksalsschläge und Überraschungen sowohl unsere Gesellschaft wie auch unsere einzelnen Leben umso schwerwiegender.

 

Beim Blick zurück kommen mir dabei sehr unterschiedliche unerwartete Ereignisse in persönliche Erinnerung, die grosse Wirkung zeigten:

 

Die olympische Idee, dass gemeinsame Sportanlässe Kriege und Gewalt zwischen Völkern verhindern könnte, wurde mit dem Massaker von München während den Olympischen Spielen am 5. September 1972 massiv in Frage gestellt. Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ nahmen innerhalb des Olympischen Dorfes elf israelische Delegationsmitglieder als Geiseln. Alle israelische Geiseln, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist wurden schliesslich getötet. Dies löste diverse israelische Vergeltungsmassnahmen nach den Spielen aus, die sich über einen Zeitraum von 20 Jahren erstreckten.

 

Die Ölkrise im Herbst 1973, die im Zusammenhang mit dem Jom Kippur Krieg durch die OPEC provoziert wurde, als die OPEC bewusst die Erdölfördermenge drosselte, um die westlichen Länder politisch unter Druck zu setzen. Innerhalb eines Monates stieg der Erdölpreis um 70%, innerhalb eines Jahres sogar um 400%. Diese Ölkrise demonstrierte erstmals die Abhängigkeit der westlichen Industrie und Gesellschaft von fossilen Brennstoffen. Die Endlichkeit der Verfügbarkeit von Energieressourcen wurde erstmals ein Thema und ist nun seit 40 Jahren ein immer wiederkehrendes Thema.

 

Das Jahr 1986 kann als das Geburtsjahr der „Risikogesellschaft“ bezeichnet werden. Dieses vom deutschen Soziologieprofessor Ulrich Beck geprägte Schlagwort war der Titel eines seiner 1986 erschienenen Bücher[1], das auch auf dem allgemeinen Buchmarkt sehr erfolgreich war. Besondere Beachtung fand dieses Thema, weil es im Jahr 1986 zu einer Häufung technischer Unfälle kam, die auch mir noch in lebendiger Erinnerung sind. An einige Beispiele sei hier erinnert: Am 28. Januar brach die US-Raumfähre Challenger auf ihrer Mission kurz nach dem Start auseinander. Alle sieben Astronauten starben dabei. Am 31. März prallte eine Boeing 727 in der Nähe von Mexiko-Stadt gegen einen Berg. Alle 166 Passagiere starben. Am 26. April kam es zur Reaktorkatastrophe in Tschernoby, einer der bisher schwersten Nuklear- und Umweltkatastrophen der Geschichte. Die Wolken mit dem radioaktiven Fallout verteilten sich über weite Teile Europas und über die gesamte nördliche Erdhalbkugel. Das Bedürfnis nach Information in der Bevölkerung war riesig. Die naturwissenschaftlichen und technischen Experten der Universitäten und der Behörden schafften es in den meisten Fällen nicht, sich in der Krisenkommunikation für die Bevölkerung verständlich auszudrücken. Am 31. August kollidierte im Schwarzen Meer ein sowjetisches Kreuzfahrtschiff mit einem Frachter, mehrere Hundert Passagiere und Besatzungsmitglieder starben innert weniger Minuten. Und schliesslich kam es am 1. November in lokaler Nähe zu meinem Heimat- und Wohnort Basel in der Schweiz zum Grossbrand beim Chemiekonzern Sandoz in Schweizerhalle, bei dem verseuchtes Löschwasser in den Rhein gelangte und ein grosses Fischsterben verursachte.

 

Obwohl Jahrzehnte lang erhofft, kam es schliesslich im Jahr 1989 überraschend schnell und plötzlich zum Zusammenbruch des kommunistischen Ostblock-Regimes in Europa. Am 6. Februar kam es zum ersten Treffen am Runden Tisch in Warschau, infolgedessen die Kommunisten in Polen ihre Macht abgaben. Am 15. Februar schlossen die sowjetischen Truppen ihren Rückzug aus Afghanistan ab. Am 26. März durften die Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion erstmal ihre Vertretungen im Volksdeputiertenkongress frei wählen. Am 2. Mai begann Ungarn mit dem Abbau seiner Grenzsperren nach Österreich. Am 4. Juni wurde bei den ersten demokratischen Parlamentswahlen in Polen ein nicht-kommunistischer Ministerpräsident gewählt.  Am 19. August wurde bei Sopron an der ungarischen Grenze zu Österreich kurzzeitig ein Grenztor geöffnet, so dass etwa 700 DDR-Bürger fliehen konnten. Am 11. September öffnete Ungarn schliesslich seine Grenzen zu Österreich. Ab dem 2. Oktober kam es in Leipzig zu den Montagsdemonstration, an denen zuerst Zehntausende und schliesslich Hunderttausende in Leipzig, Dresden und Berlin teilnahmen. Am 9. November kam es zur Öffnung der Berliner Mauer und zur Öffnung der innerdeutschen Grenze.

 

Der politische, militärische und wirtschaftliche Machtkampf zwischen Ost und West fand überraschend schnell ein Ende, das Zeitalter der neoliberalen Marktwirtschaft begann und die Megatrends „Globalisierung“ und „Mobilität“ konnten weltweit wirksam werden, da entscheidende Grenzen wegfielen.

 

In den späten 90er Jahre trat die „New Economy“ ihren Siegeszug an, eine Wirtschaftsform, die den Megatrend der Virtualisierung vorwegnahm. Hochangesehene Universitäten stellten die klassischen Wirtschaftstheorien in Frage und viele Jungunternehmer wurden an Technologie- und  Nebenbörsen sehr schnell sehr reich. Infolgedessen versuchten auch viele Sparer und Kleinanleger mit spekulativen Geschäften an der Börse Geld zu verdienen. Dieser Traum des kapitalistischen Schlaraffenlandes platze aber sehr schnell und plötzlich, als im März 2000 diese unter dem Namen „dotcom-Blase“ bekannte Spekulationsblase unerwartet platzte – der Markt brach beinahe vollends in sich zusammen. Der zuvor noch grenzenlos boomende IT-Markt, der durch die Jahrtausendwende und die Angst vor dem „Milleniums-Bug“ noch zusätzlich angeheizt wurde, musste sich binnen eines Jahres mit Arbeitslosigkeit vertraut machen. Viele Jungunternehmer und Kleinanleger verloren ihr ganzes Vermögen.

 

Der damalige Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Grossbank UBS, Marcel Ospel, meinte zurückblickend am 24. Juni 2003 in einem Gespräch mit dem früheren Züricher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber in der schweizerischen Wirtschaftszeitung „Bilanz“ in lapidarer Weise: „So unangenehm es ist: Zyklen sind Teil des Geschäfts, Punkt.“

 

Umso mehr überrascht es, dass scheinbar kaum jemand Mitte 2007 auf ein Platzen der US-Real Estate Bubble vorbereitet war, die vor Augen führte, wie sehr der Megatrend „Globalisierung“ bereits Realität war, weil diese in den USA verursachte Krise die ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen konnte.

 

Welches sind die relevanten Wild Cards?

 

Spannend sind letztlich die Aufgaben, die Wild Cards zu bestimmen, die uns Informationen darüber liefern, welches die negierten Risiken und die verdrängten Tabus unserer Gesellschaft sind und welche Ereignisse die Werteordnung und das Verhalten unserer Gesellschaft wirklich verändert haben.

 

Eben nicht als allmähliche und schleichende Veränderung wie ein Megatrend, der sich über Jahre aufbaut und jahrzehntelang wirkt, sondern als überraschendes und zuvor unterschätztes Ereignis.

 

Welches waren „Black Swans“ und „Wild Cards“ unserer Generation, an die Du Dich noch erinnern kannst?


[1] BECK ULRICH (196) Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M., ISBN 3-518-13326-8

Wild Cards und Black Swans

Dieser Blog thematisiert zwei Begriffe, die in den letzten Jahren sehr populär geworden sind, dabei wissen nur wenige, woher diese Begriffe stammen, was sie bedeuten und ob sie etwas unterscheidet.

Jenseits des Pareto-Prinzips

Auf Grund der Ökonomisierung unseres ganzen Weltbildes und des Verständnisses von Wirtschaft und Gesellschaft in den letzten 20 Jahren wurde in vielen Lebensbereichen das Pareto-Prinzip als Paradigma des Denkens und Handelns eingeführt. Das „Pareto-Prinzip“, auch „80-20-Regel“ genannt, besagt, dass 80% des Ergebnisses bereits mit 20% des Aufwandes erreicht werden kann. Für die letzten 20% der Zielerreichung wären die restlichen 80% des Aufwandes nötig. Da das Prinzip der Gewinnmaximierung in unserer Gesellschaft mittlerweile als Grundsatz weit verbreitet ist, werden häufig nur noch wahrscheinliche und unmittelbare Bedrohungen und Entwicklungen in der Planung und Risikovorsorge bedacht.

Die Methode des Arbeitens mit den eingangs erwähnten Wild Cards und Black Swans will demgegenüber Ereignisse thematisieren, die aufgrund von Wahrscheinlichkeitsüberlegungen eigentlich erst in den letzten 5% der Planungsarbeit berücksichtigt würden. Da sie aber unverhältnismässig grosse, ja katastrophale Auswirkungen zeigen können, geniessen sie in der Risikoplanung und Zukunftsforschung eine ausserordentliche Bedeutung.

Wild Cards

Der Begriff „Wild Card“ stammt aus dem englischsprachigen Umfeld von Gesellschafts- und Glücksspielen. Er wird für den Joker in Kartenspielen verwendet, er entspricht im Tarot-Spiel, das im Bereich der Wahrsagerei eine grosse Bedeutung hat, dem „Narren“, und im Monopoly den „Ereigniskarten“, die als Zufallselemente angenehme und unangenehme Überraschungen bieten können.

In der Früherkennung, in der Risikovorsorge und in Krisen- und Katastrophenübungen wird der Begriff gebraucht, um überraschende und meist plötzliche Ereignisse zu bezeichnen.

Dabei hat diese Denk- und Planungsmethode einen mehrfachen Wert:

Da gerade auch Experten und Entscheidungsträger immer wieder in Denkgewohnheiten verfallen, soll mit dieser Methode provoziert werden, dass die Welt und die Menschheit keine Maschinen sind und dass die Entwicklung auch einen ganz anderen, überraschenden Weg nehmen könnte.

In Planspielen und Übungen soll mit Wild Cards zusätzlicher Stress durch überraschende Ereignisse geschaffen werden.

In der systemanalytischen Früherkennung wird bewusst untersucht, welche wenig beachteten und unterschätzen Schwächen und Verwundbarkeiten eine wirtschaftliche oder staatliche Einheit haben könnte. Wild Cards sind diejenigen Ereignisse, die einerseits möglich und plausibel sein sollen, andererseits aber sehr selten sind und im Allgemeinen unterschätzt werden. Diese Wild Cards sollen an den unterschätzten Verwundbarkeiten des Systems ansetzen und testen, ob das System ein derartiges Ereignis überlebt bzw. wie sich das System ändern würde.

Black Swans

Black Swans – Schwarze Schwäne – ist ein Begriff, der vom US-amerikanischen Professor Taleb 2007 eingeführt wurde.

Der schwarze Schwan, Cygnus atratus, ist das Wappentier Westaustraliens. In Europa und US-Amerika ist er nur vereinzelt anzutreffen. Selbsttragende Populationen sind in Europa nur in den Niederlanden und in Nordrheinwestfalen bekannt. Der „Schwarze Schwan“ ist somit ein Symbol für einen seltenen Vogel, der in der öffentlichen Wahrnehmung als Ausnahme oder sogar als Fehlentwicklung des weitverbreiteten weissen Schwans verstanden wird. Der weisse Schwan ist allgemein bekannt und wird auch in Mythen und Märchen seit alters her thematisiert.

Nassim Nicholas Taleb analysierte in seiner Schwarze-Schwäne-Theorie Ereignisse, die eine unverhältnismässig grosse Rolle spielen können. Sie sind schwer voraussagbar und derart selten, dass die Öffentlichkeit solche Ereignisse eigentlich als unwahrscheinlich oder sogar unmöglich einstuft. Mit technischen und naturwissenschaftlichen Methoden kann die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses nicht berechnet werden. Falls ein solches Ereignis eintritt, kann es sich zu einem unerwarteten Grossereignis entwickeln, dessen Folgen sehr weit reichen können.

Synonyme Verwendung

In der Praxis der Früherkennung und des Risk Managements werden die Begriffe „Wild Cards“ und „Black Swans“ meistens synonym verwenden. Unterschiede sind akademischer Art bzw. erklären sich aus der persönlichen Lektüre und dem Ausbildungshintergrund der jeweiligen Fachleute. Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass aufgrund der Popularität von Professor Taleb in den US-orientierten Medien und in der Finanzbranche in den letzten Jahren der Begriff des „Black Swans“ sehr populär geworden ist, Fachleute aus Früherkennung und Zukunftsforschung verwendeten aber bereits Jahre früher für ähnliche Ereignisse den Begriff „Wild Card“.

Entscheidend bei der Verwendung in der Früherkennung und Zukunftsforschung ist

–         dass es sich um sehr seltene Ereignisse handelt, die auch Jahrhundert- oder Jahrtausendereignisse genannt werden, dabei kann es sich auch um erstmalige Ereignisse handeln,

–         dass diese Ereignisse von der Öffentlichkeit, von Entscheidungsträgern und auch von Experten nicht rechtzeitig als relevantes Risiko erkannt werden und sie in Planung und Vorsorge unterschätzt worden sind,

–         dass diese Ereignisse weitreichende Folgen provozieren können und insbesondere auch deshalb verheerend wirken können, weil diese Folgen unerwartet sind.

Welche Wild Cards und Black Swans in den letzten Jahren unerwartet Realität geworden sind und welche entsprechenden Phänomene in den nächsten Jahren auftreten könnten, soll uns in den nächsten Blogs beschäftigen.