C wie Chaos

Zukunft ist Leben und somit dynamisch. In einer individualistischen und wertepluralistischen Schweiz hat jeder das Recht darauf, seinen eigenen Zukunftswünschen nachzugehen. In einer toleranten und liberalen Kultur sind rigide Grenzen und Gesetze verpönt. Wie schaffen wir nun den Weg in eine gemeinsame Zukunft – denn aktuell steht uns nur diese eine Erde dafür zur Verfügung –, sodass wir weder in einem anarchistischen Chaos noch in einer neuen Form von überregulierter Diktatur landen? Zukunft planen bedeutet immer auch Ordnung schaffen – in einem Umfeld konkurrierender Wünsche. Und Strukturen ermöglichen, mit denen eine zukünftige Gesellschaft den Wert der Freiheit leben kann, ohne in Willkür abzugleiten. Alte religiöse Schriften aus dem Orient berichten, dass vor Beginn der Erde ein grosses Tohuwabohu bestand. Chaos kann nie das Ziel der Entwicklung einer bildungsbürgerlichen Gesellschaft sein. Mithilfe der Kybernetik versuchen wir deshalb, unsere Welt zu modellieren und gezielt zu steuern.

B wie Building

D wie Doom Saying

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Das ABC der Zukunft

Dr. Andreas M. Walker, Zukunftsforscher und Co-Präsident von swissfuture, erklärt teilweise todernste Zukunftsprognosen von A (wie Artificial Intelligence) bis Z (wie Zuversicht) mit einer Prise Humor – und dem nötigen Tiefsinn.

Überblick:

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Zukunft ist nicht einfach Schicksal

Wo gehts zum nächsten Trend? Und warum ist das von Belang? Andreas M. Walker, Co-Präsident von swissfuture, erklärt, wie Zukunftsforscher arbeiten – und welche Vorteile uns das bringt.

Quelle: Original-Interview mit Stephan Lehmann-Maldonado im UBS Magazin

Herr Walker, freuen Sie sich auf die Zukunft?
Ja. Die Zukunft ist ein Abenteuer. Ich bin dankbar dafür, heute leben zu dürfen. Unsere Vorfahren hatten viel weniger Möglichkeiten, den Lauf ihres Lebens zu bestimmen, als wir.

Was erwartet uns denn in zehn Jahren?
Erstens steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung in unserem Land weiter. Darum sollten wir die Vorsorge an die Hand nehmen. Ebenso wichtig ist die Anpassung des öffentlichen Raums, denn der Bedarf an bequemer Infrastruktur wächst. Ein Schritt in die richtige Richtung sind Niederflurtrams. Zweitens werden Informationen rasch und günstig verfügbar sein. Massgeblich wird künftig nicht mehr das Sammeln der Daten. Vielmehr werden deren Beurteilung und Analyse entscheidend. Von wem stammen die Informationen wirklich? Was ist relevant für mich? Firmen nutzen die Informationsmengen, um uns «massgeschneiderte » Angebote zu unterbreiten.

Dann bestimmen Computer, was uns gefallen soll …
Die spannende Frage lautet: Inwieweit wollen wir das? Nur weil die meistgelesenen Artikel auf den Zeitungsportalen prominent erscheinen, sind sie nicht unbedingt die besten – unser Leseverhalten wird durch ihre Platzierung beeinflusst. Seit 30 Jahren spricht man von Kühlschränken, die autonom Bestellungen auslösen. Aber wir kaufen weiterhin selbst ein. Und wir könnten uns längst von Astronautennahrung in Tablettenform ernähren. Doch Kochen erfreut sich zunehmender Beliebtheit!

Was unterscheidet Zukunftsforscher von Kaffeesatzlesern?
Im Gegensatz zu Kaffeesatzlesern, Wahrsagern oder Propheten arbeiten wir nicht mit übernatürlichem, sondern mit menschlichem Wissen. Unser Verein swissfuture gehört zur Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW. Wie andere Wissenschaftler entwickeln wir Modelle, die auf nachvollziehbaren Annahmen basieren. In den USA und an der Freien Universität Berlin kann man Zukunftsforschung – Strategic Foresight genannt – studieren. Der Schriftsteller William Gibson sagte vor 30  Jahren: «Die Zukunft ist bereits da. Sie ist nur nicht gleichmässig verteilt. » Wir erachten es als essenziell, schon erste schwache Signale zu erkennen und daraus Trends abzuleiten.

Was nützen uns solche Prognosen?
Zukunft ist nicht einfach Schicksal. Sie ist die Konsequenz unserer Entscheidungen, unserer Taten und Untaten. Wir zeigen auf, welche Veränderungen sich in unserer Umwelt abspielen – und wo man reagieren kann und soll. Gibt es Trends, die mir helfen? Oder Entwicklungen, die wir nicht wünschen? Ein Beispiel: Vor rund zehn Jahren beauftragte mich der Bund mit einem Projekt. Grippe gehöre als Krankheit der Vergangenheit an, dachte man damals. Doch wir erkannten, dass die Gefahr von Infektionskrankheiten mit der Globalisierung und der Mobilität zurückkehren wird. Dies half, sich frühzeitig mit Präventionsmassnahmen auseinanderzusetzen.

Immer schneller scheint ein Trend den anderen abzulösen.
Viele kurzfristige Trends kann man genauso wenig exakt berechnen wie Ausschläge an der Börse. Wir schätzen die langfristigen Folgen von Entwicklungen ab. Müssen wir beispielsweise noch Landkarten lesen können? Es gibt Smartphone-Apps, welche diese Leistung übernehmen. Derzeit debattiert man, wie die Digitalisierung unsere Kinder beeinflusst. Früher legte man Wert auf das Auswendiglernen von Fakten. Heute sind Fakten per Fingerbewegung verfügbar. Aber was bedeutet es fürs menschliche Hirn, wenn es nichts mehr auswendig lernt? Die neurologische Forschung steckt da noch in den Kinderschuhen.

Kritiker befürchten eine Volksverdummung…
Die meisten von uns konsumieren die Fortschritte in Medizin, Mobilität und Elektronik unkritisch. Zugleich gibt es in Mitteleuropa schon lange Vorbehalte gegen technische Neuerungen und eine Glorifizierung der guten alten Zeit. Die Literaturepochen der Romantik und des Naturalismus belegen das schon fürs 19. Jahrhundert. Daneben findet sich eine technikfreundliche Elite, die Innovation als Motor des Wohlstands predigt. Egal, welcher Gruppe wir angehören: Technische Veränderungen werden kommen. Darum müssen wir lernen, vernünftig damit umzugehen.

Wie wirken sich die Veränderungen auf Bankgeschäfte aus?
Der Informationsvorsprung von Banken zu Kunden schmilzt. Finanzielles Halbwissen kann man sich via Internet rasch beschaffen. Und die Produkte der Banken ähneln einander. Den Unterschied macht das Vertrauen: Habe ich einen Berater auf Augenhöhe, der über eine ähnliche Lebenserfahrung verfügt wie ich und mich versteht? Bei alltäglichen Geldgeschäften ist zudem die Verfügbarkeit wichtig. Kaum jemand mag sich an die Schalteröffnungszeiten  halten. Mobiles Banking via Smartphone, E-Banking und 24-Stunden-Erreichbarkeit gewinnen weiter an Bedeutung.

Gibt es Trends, die wir unterschätzen?
O ja. Was bedeutet es, wenn erste Schweizer Grosskonzerne in asiatische Hände gelangen? Wir zelebrieren den Individualismus, Asiaten orientieren sich am Kollektivismus. Wenn wir Randständige schützen, gründet dies immer noch auf jüdisch-christlichen und bildungsbürgerlichen Werten. Andere Kulturen haben Probleme, dies nachzuvollziehen. Auch die 24-Stunden-Gesellschaft unterschätzen wir. Während der eine Ruhe will, feiert der andere eine Party. Und wir sind pausenlos multimedialen Reizen ausgesetzt. So müssen wir neu lernen, was Erholung bedeutet. Schliesslich stösst die Individualisierung an Grenzen: Viele fühlen sich überfordert, weil sie ständig Entscheidungen treffen müssen. Ihre Reaktion: «Ich kann mir gar nicht so viele Meinungen bilden. Der Staat soll mir helfen! » Das gilt selbst für private Angelegenheiten wie Kindererziehung.

Was bleibt unabhängig vom Zeitgeist gleich?
Wir bleiben Menschen – mit denselben körperlichen, sozialen und geistigen Bedürfnissen wie eh und je. Wir werden einfach andere Lösungen für unsere Bedürfnisse suchen. Heute nutzen Jugendliche Facebook, vor 30 Jahren telefonierten sie. Doch etwas mit Freunden zu unternehmen ist immer noch mehr wert.

Quelle: Original-Interview mit Stephan Lehmann-Maldonado im UBS Magazin

Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?

Was macht einen Mann aus? Welche Tugenden zeichnen ihn aus? Und welchen Normierungsversuchen ist er ausgesetzt? Zukunftsforscher Andreas M. Walker setzt sich mit diesen Fragen auseinander, blickt zurück und schaut nach vorne. Nachdem er mit alten Klischees aufräumt, zeichnet er das Bild eines emanzipierten Mannes. Seine positive Prognose: Der Mann findet dank vielfältigen Lebensentwürfen in einer erfüllten Rolle als Familienvater und Ehemann zu sich selbst – auch im Berufsleben.

Keywords: Tugend, Normierung, Gender Mainstreaming, Lebensentwürfe, Geschlechterrollen, Familie

Mehr dazu hier in meinem aktuellen Aufsatz für swissfuture, magazin für zukunftsmonitoring 2014/1 „Die Zukunft des Mannes“, hier als pdf für meine Leserinnen und Leser gratis verfügbar:

PDF: ganzer Artikel: Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?
PDF: ganzer Artikel: Wird der Mann in Zukunft noch als richtiger Mann leben können?

Hoffnungsbarometer 2014: Schweizer wollen sinnvolle Arbeit

Allgemeine Info

Bereits zum fünften Mal erhoben Dr. Andreas M. Walker und Dr. Andreas Krafft von swissfuture.ch im November 2013 das Hoffnungsbarometer für das kommende Jahr mit einer grossen Internet-Umfrage in deutscher, französischer, englischer und erstmals auch in tschechischer Sprache. 21’812 Personen aus der Schweiz, Deutschland, Tschechien, Frankreich und weiteren Ländern nahmen dieses Jahr an der Umfrage teil. Für die Schweiz wurden 2’936 vollständige und korrekte Fragebogen ausgewertet. Für das schweizerische Sample betrug der statistische Stichprobenfehler ±1.8 Prozentpunkte. Dies ist ein sehr guter Wert, so dass von einer breit abgestützten Umfrage gesprochen werden kann.

swissfuture ist die Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung und wurde 1970 gegründet. Co-Präsidenten von swissfuture sind Dr. Andreas M. Walker und Cla Semadeni. swissfuture fördert als parteipolitisch und religiös neutraler Verein und Mitglied der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften SAGW die Zukunftsforschung und -gestaltung in der Schweiz und macht deren Ergebnisse der Bevölkerung zugänglich. swissfuture führt Tagungen, Seminare und Studien durch und äusserst sich in den Medien zu Zukunftsfragen. Vgl. www.swissfuture.ch

Dr. Andreas M. Walker ist seit 2009 Initiator und Gesamtverantwortlicher des Hoffnungsbarometers. Er ist Co-Präsident von swissfuture und Leiter des Think Tanks „weiterdenken.ch – your partner for future, hope & responsibility„. Vgl. www.weiterdenken.ch . Dr. oec. HSG Andreas Krafft ist seit 2012 der akademische Leiter des Hoffnungsbarometers. Er ist designiertes Vorstandsmitglied von swissfuture, Strategieberater und Dozent an der Universität St. Gallen. Stefan Schwarz begleitet das Projekt als Psychotherapeut.

Die Studie wurde international begleitet: Frau Prof. Dr. Tatjana Schnell, Universität Innsbruck, die führende Sinn-Forscherin Österreichs, Frau Prof. Dr. Alena Slezáčková, Masaryk University, Brno, führende Spezialistin für positive Psychologie der Tschechischen Republik, Prof. Dr. Charles Martin-Krumm, Maître de Conférences à l’Institut Universitaire de Formation des Maîtres de Rennes.

Erwartungshaltung für das kommende Jahr 2014

1 = sehr pessimistisch; 2 = eher pessimistisch; 3 = ausgewogen; 4 = eher optimistisch; 5 = sehr optimistisch

Entwicklung über die letzten Jahre

Die Erwartungshaltung für das private Leben bewegt sich seit Jahren auf der optimistischen Seite.

Für die wirtschaftlichen Erwartungen zeigt sich nach einem Tiefpunkt für Jahr 2012 nun bereits das zweite Mal eine steigende Erwartungshaltung für das kommende Jahr und tendiert nun nicht mehr auf die pessimistische Seite. Damit hat auch bereits das zweite Mal die Erwartungshaltung an die Wirtschaft jene an die Politik deutlich überholt.

Für 2011 Für 2012 Für 2013 Für 2014
Für mein privates Leben 3.6 3.96 3.93 3.88
  +10% -1% -1%
    -2%
Für die nationale Politik 2.49 2.76 2.73 2.68
  +11% -1% -2%
    -3%
Für die nationale Wirtschaft 2.93 2.6 2.83 3.02
  -11% +9% +7%
    +16%

Bei grossen persönlichen Hoffnungen für 2014 sind enge soziale Beziehungen und eine sinnvolle Arbeit wichtiger als Geld oder Karriere

Zum wiederholten Mal ist die „glückliche Ehe, Familie, Partnerschaft“ die grösste persönliche Hoffnung, noch vor der „persönlichen Gesundheit“. Spitzenpositionen belegen Hoffnungen für das enge soziale Umfeld, berufliche Anliegen rangieren deutlich weiter hinten.

Sinnvolle Arbeit wichtiger als Karriere

Die Hoffnung auf eine „sinnvolle Aufgabe“ ist grösser als auf einen sicheren Arbeitsplatz bzw. auf Erfolg am Arbeitsplatz. Im Sinne der Maslow’schen Bedürfnispyramide ist in der Schweiz anscheinend die Furcht vor einem Arbeitsplatz oder das existentielle Bedürfnis nach Einkommen relativ gering:

Hoffnung2010 Hoffnung2011 Hoffnung2012 Hoffnung2013 Hoffnung2014
Erfolg am Arbeitsplatz Erfolg am Arbeitsplatz Sinnvolle Arbeit Sinnvolle Arbeit Sinnvolle Arbeit
Sicherer Arbeitsplatz Sinnvolle Arbeit Erfolg am Arbeitsplatz Sicherer Arbeitsplatz Sicherer Arbeitsplatz
Sicherer Arbeitsplatz Sicherer Arbeitsplatz Erfolg am Arbeitsplatz Erfolg am Arbeitsplatz

Bei Berufsgruppen spielen Wirtschaftsgrössen nur eine kleine Rolle als Hoffnungsträger

Personen aus dem unmittelbaren familiären oder sozialen Umfeld sind wichtiger für die Hoffnung als Wirtschaftsgrössen.

0 = nicht wichtig ; 1 = teils teils ; 2 = sehr wichtig

Chancen und Grenzen von Zukunftsgestaltung

«2050» ist ein ferner Horizont – doch weltweite Planungen zeigen, dass eine aktive Beschäftigung mit langfristiger Zukunft sinnvoll ist. Verschiedene Methoden können helfen, die Denkfallen von exakt berechneten Fehlprognosen zu vermeiden.Hier geht’s zu meinem aktuellen Artikel zur metrobasel Vision 2050.
(S.21, S. 22-24 Tagungsbericht)

Megatrends mit spezifischer Relevanz für die Zukunft der Sicherheit

Im Rahmen der swissfuture-Studie „Wertewandel Schweiz 2030 – der künftige Wert der Sicherheit“ hat eine Expertengruppe evaluiert, welche Megatrends von besonderer Bedeutung für die Sicherheitsfrage der nächsten Jahre sein werden. Der folgende Text ist aus dieser Studie entnommen, die ich gemeinsam mit Georges T. Roos und Francis Müller im Auftrag von swissfuture und Dank freundlicher Unterstützung des Bereiches Sicherheitspolitik des VBS und des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz verfasst habe:

 

Megatrends mit Sicherheitsrelevanz

Wir gehen in dieser Studie aus methodischen Gründen von der Annahme aus, dass in den nächsten zwanzig Jahren keine „Wild Cards“ eintreffen werden. Der Einfluss potentiell möglicher Wild Cards würde die Szenarien einseitig und sehr spekulativ machen. Wir nehmen also beispielsweise an, dass in Mitteleuropa kein Krieg ausbrechen wird, dass die europäische Gesellschaft nicht durch eine Seuche oder Katastrophe dezimiert wird und dass die EU nicht in nationalistische Einzelstaaten auseinandergebrochen ist. Wir gehen vielmehr davon aus, dass bestimmte Einflussfaktoren den zukünftigen Wertewandel vorantreiben und entwickeln die folgenden sicherheitsrelevanten Megatrends, die in allen vier Szenarien wirksam sein werden – und die wir entsprechend nicht variieren:

Machtverschiebung zu einer multipolaren Weltordnung

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sprach der Soziologe Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ und dem definitiven Siegeszug des euro-amerikanischen Demokratieverständnisses. Wegen des Zerfalls der Blöcke und der aufstrebenden Länder ist die Welt jedoch multipolarer geworden. In Mittelosteuropa sind neue „alte“ souveräne Staaten entstanden, die in ihrer frisch gewonnen Unabhängigkeit gegenüber der EU hadern. Und spätestens mit 09/11 ist die angeblich tot gesagte Geschichte der konfrontativen und gewaltbereiten Machtpolitik zurückgekehrt. Die ökonomische und militärische Vormachtstellung der transatlantischen Staaten wird von Indien, China und Brasilien und anderen „Emerging Markets“ zunehmend in Frage gestellt. Die „E7“ (Indien, Brasilien, Türkei, Mexiko, China, Russland und Indonesien) werden zu den „G7“ aufschliessen. China und Indien – so Pricewaterhouse-Coopers im Bericht „The World in 2050“ – werden den USA den Spitzenrang als wirtschaftlicher Grossmacht streitig machen. Dem ökonomischen Machtkampf folgt der politische und der militärische. Noch fällt ungefähr die Hälfte der globalen Rüstungsausgaben auf die USA. China erhöhte jedoch seine Militärausgaben gemäss dem „Yearbook 2010 Military Expenditure “ des Stockholm International Peace Research Institute im Jahr 2009 um 15%, Indien um 13% und Brasilien um 24%. Die Wachstumsraten sind hoch, der Anteil gegenüber den USA allerdings immer noch moderat. Eine neue Weltordnung wird entstehen.

Zunehmende Bedeutung von Non-State-Actors

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Blütezeit der Nationalstaaten. Heute sind zunehmend nichtstaatliche Akteure im globalpolitischen Geschehen aktiv. Zu den Non-State-Actors gehören beispielsweise globale Unternehmen, Hedge Fonds Managers, nichtstaatliche Organisationen (NGO), Terror-Organisationen, Warlords, Organisationen der organisierten Kriminalität, zivile und kommerziell motivierte Sicherheitsfirmen der inneren und äusseren Sicherheit und Religionsgemeinschaften. Viele möchten ihre Werte globalisieren – seien dies ökonomische Paradigmen oder ideologische Überzeugungen. Non-State-Actors sind nicht an Territorien gebunden und entziehen sich häufig gezielt den nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Zahlreiche dieser Non-State-Actors sind nicht als hierarchische, klar strukturierte Organisationen aufgebaut, sondern funktionieren als Netzwerke, deren Zellen autonom Kompetenzen entwickeln. Neue Kommunikationsmedien verbreiten Inhalte schneller und erhöhen die Anzahl der Empfänger. Non-State-Actors gehen sehr kompetent mit diesen Medien um, dabei sind sie häufiger agiler und effektiver als staatliche Organisationen. Sie gewinnen so breitere Aufmerksamkeit – und je nachdem mehr Unterstützung oder auch Ablehnung.

Wechsel der machtpolitischen Instrumente

Zwischen Nationalstaaten wird immer weniger der klassisch-konventionelle Krieg erklärt, dessen Ziel es ist, Territorien und Hauptstädte zu erobern. Stattdessen kommt es zu erpressungsähnlichen Drohungen von Staaten und grossen Institutionen – auch von Non-State-Actors wie zum Beispiel NGO, die zunehmend den medialen Pranger einsetzen, um eine (sich empörende) Öffentlichkeit zu mobilisieren. Es gibt einen Krieg der Bilder und der Symbole. Viele Konflikte werden ökonomisch ausgetragen. Als Machtmittel dienen Industriespionage, Rechtsauffassungen, Embargos, Rohstoffe, böswillige Transaktionen an den Börsen um dem Wert von Landeswährungen oder Aktien zu schaden und natürlich die Aufmerksamkeitsökonomie. Die Komplexität ökonomischer Systeme und die Abhängigkeit von kritischen Infrastrukturen ist am steigen, wobei gleichzeitig die Vernetzung der kritischen Infrastrukturen zunimmt –und so deren Verletzlichkeit.

Verschärfter globaler Wettbewerb um Ressourcen

Der wirtschaftliche Aufstieg von Schwellenländern und die globale Zunahme an Wohlstand erhöhen den Rohstoff-Bedarf. Der technologische Fortschritt und die zunehmende Substitution von Erdöl als Energieträger durch Elektrizität verlangt nach neuen Rohstoffen, deren Primärproduktion und Lagerstätten geographisch ungleichmässig verteilt sind. Im Jahr 2008 stammten beispielsweise 95% der weltweit hergestellten seltenen Erden, die vor allem in der Hightech-Industrie eine zentrale Rolle spielen, aus China. Der Westen verliert zunehmend seinen Einfluss auf rohstoffreiche Länder. Er steht als ehemaliger Kolonialist in keiner guten Verhandlungsbasis, zumal er im internationalen Handel immer weniger Fragen der Menschenrechte und der Demokratie ausklammern kann. Und wie schon häufig in der Geschichte kommt den ressourcenreichen Staaten ökonomisch und machtpolitisch eine Schlüsselrolle zu (siehe oben: Machtverschiebung).

Wachsende Verletzbarkeit kritischer Infrastrukturen

Moderne Gesellschaften sind auf hochkomplexe, technische Infrastrukturen angewiesen, damit sie funktionieren. Diese Infrastrukturen – etwa Transportsysteme, Pipelines, Elektrizitätsinfrastrukturen und Alarmierungssysteme – sind abhängig von Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Abhängigkeit macht diese Infrastrukturen zu „kritischen“. Die bestehenden Infrastrukturen müssen in Stand gehalten werden, neue müssen gebaut werden. Beides erfordert hohe Investitionen. Durch ihre Komplexität sind sie verletzlich und können durch verschiedene Gefährdungen aus den Bereichen Natur, Technik und Gesellschaft beeinträchtigt werden. Sie können auch durch einen virtuellen Anschlag sehr real gefährdet werden. Innerhalb der vier Szenarien wird die Frage variiert, wer diese Infrastrukturen schützen soll.

Information wird schneller verbreitet und verfügbarer

Die Geschwindigkeit der Verbreitung von Information und der einfache Zugang zu ihr haben nie dagewesene Dimensionen angenommen. Bibliotheken sind Online. Internetplattformen wie Wikileaks veröffentlichen Staats- und Betriebsgeheimnisse. Der Begriff des Privaten und des Öffentlichen werden neu definiert – die Kontrolle der Öffentlichkeit durch staatliche Organe wird erschwert. Das Aufrechterhalten von Privatsphäre und Datenschutz wird zunehmend schwierig. Jeder kann Informationen – und insbesondere auch Gerüchte, gezielte Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über politische oder ökonomische Sachverhalte – in kurzer Zeit weltweit verbreiten und so Börsen oder politische Stimmungen manipulieren. Vieles wird transparent – und bleibt zugleich aufgrund der steigenden Komplexität und Informationsflut intransparent. Dies fördert ein neues Informationsverhalten und neue Partizipationsbedürfnisse der Menschen. Die Informationshoheit gewinnt, wer Informationen rasch analysiert, aufbereitet und breit zugänglich macht. Dank Social Media können sich Smartmobs sehr schnell formieren und politische Machtverhältnisse verändern, was die Ereignisse in der arabischen Welt anfangs 2011 gezeigt haben. Da elektronische Dokumente sehr schnell in unerwünschte Hände gelangen können und sowohl in Text- wie auch in Bildform zunehmend einfach gefälscht werden können, kommt es zu einer Aufwertung persönlicher Beziehungen, um die Glaubwürdigkeit der Absender und der Dokumente tatsächlich verifizieren zu können.

Cyberspace als neuer Tatort und neues Schlachtfeld

Die Internetkriminalität nimmt dramatisch zu – und sie entzieht sich aufgrund ihres virtuellen und extra-territorialen Charakters der nationalstaatlichen Gesetzgebungen. Raubzüge finden innerhalb virtueller Welten statt – durchgeführt von realen Tätern, die sich im virtuellen Raum verstecken. Gerade weil „nur“ der virtuelle Raum zum Schlachtfeld wird, entsteht gelegentlich ein falsches Sicherheitsgefühl. Die Wirtschaft wird virtuell angreifbar – und sie muss hohe Beträge tätigen, um die Sicherheit ihrer Produktion, ihrer Mitarbeitenden und ihrer Kunden zu gewährleisten. Insbesondere Kundeninformationen werden zu einer wertvollen Ressource. Die Vernetzung kann systemtheoretisch eine höhere Stabilität bedeuten, aber zugleich auch eine höhere Verletzlichkeit, da sich mehr Angriffspunkte ergeben. Durch hochpräzise und technologisch komplexe Waffensysteme und Wirkmittel, die über Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen untereinander und mit den Führungszentren vernetzt sind, können militärische Streitkräfte agiler und wirkungsvoller geplant werden. Trotzdem benötigt die Mediation von zukünftigen Konflikten immer noch grosse Mannschaftsbestände.