Eine sehr wichtige Disziplin der Zukunftsforschung im Bereich der Krisenfrühwarnung und des Risikomanagements beschäftigt sich mit „Wild Cards“ oder „Black Swans“. So nennt die Forschung die „undenkbaren“ Ereignisse: Diese sind zwar sehr wenig wahrscheinlich, aber wenn sie tatsächlich passieren, werden sie eine große Auswirkung haben. Wo sind die Schwachstellen und Grenzen unseres wirtschaftlichen und kulturellen Systems und was würde passieren, wenn gerade diese betroffen wären? Was würde es nun kosten, sich auf diese extremen Fälle vorzubereiten? Wie müsste eine Krisenorganisation aussehen, die schnell und flexibel genug ist, um auch bei Überraschungen reagieren zu können? 1997 habe ich ein Szenario geschrieben für den Fall, dass die Schweiz das Bankkundengeheimnis abschaffen muss. Im Jahr 2002 war eines meiner Themen, was es bedeuten würde, wenn eine schweizerische Großbank aufgrund einer Finanzmarktkrise Konkurs gehen würde. Im Jahr 2004 entwickelte ich ein Szenario über den Ausbruch einer Schweinegrippe-Pandemie in Mitteleuropa. Die Methoden der langfristigen „Früherkennung“, die Frage nach Veränderungen, Krisen, Katastrophen und Umbrüche, die auf uns zukommen könnten, sind mittlerweile ziemlich ausgereift und die „Kataloge“ sind umfangreich. Wesentlich schwieriger wird die rechtzeitige „Frühwarnung“ – wann realisieren wir, dass es nun tatsächlich in den nächsten Monaten oder Wochen kommt? Und werden die Warner in Regierung, Verwaltung und Medien überhaupt ernst genommen oder werden sie als Panikmacher abgetan?
Autor: der weiterdenker
Trägt der Zukunftsforscher mit seiner Prognose eine Mitverantwortung für das, was letzten Endes tatsächlich passiert?
Im Gegensatz zu Wahrsagern oder Propheten stelle ich keine Prognosen auf – als Zukunftsforscher unterstütze ich meine Kunden dabei, Entwicklungen zu erkennen und zu beurteilen. Ich berate sie, welche Veränderungen relevant sind. Gemeinsam analysieren und diskutieren wir, welche verschiedenen Zukünfte aus diesen Entwicklungen resultieren könnten. Meine Kunden sollen erkennen, welche Zukunftsvarianten sie selbst insgeheim erwarten, welche sie erhoffen und welche sie befürchten. Entsprechen diese verschiedenen Zukunftsvarianten den eigenen ökonomischen und politischen Zielen? Liegen Sie im Rahmen der eigenen Ethik? Das Ziel besteht darin zu erkennen, was beeinflussbar ist, welchen Einsatz diese Beeinflussung kosten würde und welche anderen Möglichkeiten dadurch verbaut werden. So wird Zukunft nicht einfach passieren, sondern Zukunft wird bewusst angesteuert. Zukunft ist keine unerwartete Überraschung, Zukunft soll verantwortungsbewusst angegangen werden. Wer Verantwortung übernimmt, der will Entwicklungen beeinflussen. Wer Entwicklungen beeinflusst, soll auch Verantwortung dafür übernehmen.
Sind sich die Zukunftsforscher in der Analyse der Megatrends einig?
Zukunft passiert nicht einfach so – Zukunft ist immer das Resultat menschlicher Entscheidungen und Handlungen. Die Kunst besteht darin zu erkennen, wo die politische und die wirtschaftliche Macht sein wird, welche Hoffnungen und Ängste bestehen. Nicht zuletzt spielt dann noch eine entscheidende Rolle, ob genügend Ressourcen und Ausdauer da sind, Zukunftspläne auch tatsächlich umzusetzen. Die Beschäftigung mit Zukunft ist immer auch eine Willenskundgebung – welche Zukunft wollen wir? Sind wir bereit, unser Verhalten so auszurichten, dass wir tatsächlich in jener Zukunft ankommen oder ignorieren wir einfach die Entwicklungen bis es zu spät ist?
Welche großen Entwicklungen hat die Zukunftsforschung in den letzten Jahren vorhergesehen?
Megatrends wie Globalisierung und Mobilität, Individualisierung und Wertepluralismus, Langlebigkeit und demografische Schere, Verschärfung der Umweltsituation und der Ressourcenknappheit sind in der Fachwelt schon seit Jahrzehnten bekannt. Diese Trends überlagern sich nun massiv und werden in ihren Auswirkungen deutlich in der Bevölkerung spürbar.
Welche Motive lassen einen über die Zukunft nachdenken?
Meine Kunden sind normalerweise Firmen oder Behörden. Eine Firma muss sich immer wieder hinterfragen, wie sich die Bedürfnisse der Kunden, die Entwicklungen im Umfeld wie zum Beispiel Gesetze oder das Verhalten der Konkurrenten verändern könnte. Bei Investitionen in Millionenhöhe müssen Sie prüfen, ob neue Maschinen nur auf den heutigen Markt ausgerichtet sind oder ob diese Produkte auch noch in fünf Jahren gekauft werden. Behörden müssen sich mit Fragen der demografischen Bevölkerungsentwicklung, mit den kulturellen Folgen der Globalisierung, aber auch mit neuartigen Vorstellungen von Krisen oder Katastrophen beschäftigen. Der Bürger erwartet, dass der Staat ihn auch morgen noch schützen wird. Infrastrukturen wie Autobahnen oder Schulhäuser sollen für Jahrzehnte halten.
Wie schaut man als Zukunftsforscher in die Zukunft?
Als Zukunftsforscher verfügen wir über ein breites interdisziplinäres Repertoire an Methoden und Instrumenten, mit denen wir laufende Veränderungen in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft analysieren. Zukunftsforschung ist eine methodenorientierte Wissenschaft, die Veränderungen, Entwicklungen und Abhängigkeiten zwischen diesen Veränderungen sucht, analysiert und gemeinsam mit den jeweiligen Fachspezialisten und Entscheidungsträgern mögliche Bilder möglicher Zukünfte entwickelt. Dabei ist es wichtig zu erkennen, wo es kontinuierliche Entwicklungen gibt, wo Sprünge möglich sind und insbesondere wo ich verschiedene Veränderungen habe, die sich gegenseitig beeinflussen können. Ist dieses System nun stabil – oder agieren politische oder wirtschaftliche Entscheidungsträger, die willkürlich Entscheidungen fällen und Änderungen forcieren können? Kann plötzlich Dynamik auftreten? Sind Abhängigkeiten nicht erkannt worden? Bestehen überhaupt gemeinsame Ziele, wie die Zukunft aussehen soll oder wird aufgrund eines Machtkampfes dauernd die Entwicklungsrichtung geändert? Sind die Ressourcen dazu da, diese Pläne zu verwirklichen? Entscheidend ist, dass auch schwache Signale neuer Entwicklungen erkannt werden und dass sie aufzeigen, wo die Möglichkeiten bestehen, bewusst zu entscheiden.
Welches sind Ihre Hoffnungen für 2011?
Hoffnung oder Angst?
Hoffnung oder Angst? Angesehene amerikanische Akademiker und Sicherheitsanalysten glauben, dass die Globalisierung kollabieren werde – und mit ihr die Weltwirtschaft. In der Studie „The Age of Consequences“ („Das Zeitalter der Konsequenzen“) heisst es: „Soziale Unruhen werden ausbrechen, begleitet von heftigen religiösen und ideologischen Auseinandersetzungen, weil die Menschen nach irgendeiner Hoffnung suchen.“
Was kommt auf uns zu?
Wird 2011 endlich das Jahr des wirtschaftlichen Wiederaufschwungs oder werden ganz neue Probleme und Herausforderungen auftauchen? Neugierig fragen wir uns, was das nächste Jahr wohl bringen wird. Die Investmentbanken vermelden bereits wieder Spitzenboni und die USA befürchten einen double dipp. Ungarn und Polen werden die EU-Ratspräsidentenschaft übernehmen, Bulgarien und Rumänien werden in den Schengenraum aufgenommen und Estland wird den Euro einführen. Die weitere Entwicklung von Schweizer Franken, US-Dollars und Euro sind ungewiss. In der Schweiz wird der National- und Ständerat neu gewählt werden. Meteorologen spekulieren über einen Jahrhundertwinter, der so kalt werden soll wie schon lange nicht mehr und am 4. Januar wird eine Sonnenfinsternis eintreten.
Studie Hoffnung 2011 als Fortsetzung der Studie Hoffnung 2010
Nach dem Erfolg der Studie Hoffnung 2010 führen swissfuture, die Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung, und weiterdenken.ch, your partner for future, hope & responsibility, im November 2010 wieder eine grosse Internetumfrage durch, in der Sie nicht nach Ihren Zukunftsängsten, Kummer und Sorgen gefragt werden, sondern in der Fragen nach Ihren persönlichen Hoffnungen im Fokus liegen sollen.
In der letzten Umfrage führte der damals frisch gewählte Friedensnobelpreisträger Barack Obama die Rangliste der Hoffnungs-Ikonen an – welche Bedeutung wird ihm nun zukommen? Das letzte Resultat zeigte die grosse Diskrepanz zwischen konkreten Hoffnungen und Erwartungen in den wirtschaftlichen Aufschwung bei gleichzeitigem Misstrauen in die Führungskräfte der Wirtschaft auf. Hat sich dieses Missverhältnis gebessert? Wird 2011 ein Jahr der Hoffnungen, der Enttäuschungen oder des Ausharrens?
Neue Umfrage
Helfen Sie mit – nehmen Sie an der Internetumfrage www.hoffnung2011.ch teil. Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit, um unterschiedlichste Fragen zu Ihren Hoffnungen zu beantworten.
Direct Link zur Version Schweiz
Direct Link zur Version Deutschland
Helfen Sie uns mit – motivieren Sie Ihre Freunde und Bekannten, an dieser Umfrage teilzunehmen.
Zukünftige Entwicklungen und die Frage nach relevanten Lebensbereichen aus Sicht des persönlichen Privatlebens
Von Profi zu Profi
Publikationen und Studien der Zukunftsforschung und Früherkennung werden üblicherweise von Profis für Profis geschrieben. Die thematisierten Bereiche orientieren sich normalerweise an den Strukturen der Ministerien bzw. Departements und Direktorien im behördlichen Umfeld, an den Geschäftsbereichen einer Firma im wirtschaftlichen Umfeld, an den akademischen Disziplinen und Institute im wissenschaftlichen Umfeld oder an den Themen der öffentlichen Statistiken.
Und die Bevölkerung?
Doch sind dies auch die Lebensbereiche, die eine Privatperson für ihren persönlichen Umgang mit Zukunftshoffnungen und Zukunftsängsten interessiert? In welchen Kategorien denkt eine Privatperson – Kategorien die nicht abstrakt, akademisch und administrativ strukturiert sind, sondern die sich an den konkreten Lebensabläufen und Vorstellungen orientieren?
Verschiedene Modelle
Verschiedene Modelle bieten sich dazu an:
Maslow’sche Bedürfnispyramide:
1. Physiologische Bedürfnisse
2. Sicherheit
3. Soziale Bedürfnisse
4. Individualbedürfnisse
5. Selbstverwirklichung
6. Transzendenz
Lebensabschnitts-Zyklus, der häufig in der Finanzberatung verwendet wird:
1. Kind bzw. Jugendlicher sein (geboren werden, Kind sein, Erziehung und Ausbildung)
2. Erwachsener sein
3. Familie gründen
4. Alt werden
5. Sterben und vererben
Stadtplan-Methode der logotherapeutisch-existenzanalytischen Gespräche[1]
- Welches sind die „Hauptstrassen“ meines Lebens?
- Was wird mein „Friedhof“ sein?
- Welches ist meine „Kirche“?
- Wo ist mein „Wirtshaus“?
- Welches sind meine „Heldendenkmäler“?
- Wo liegt mein „Marktplatz“?
- Wo steht mein „Ratshaus“?
- Was ist mein „Zuhause“?
- Welches ist meine „Schule“?
- Was ist mein „Arbeitsplatz“?
- Welches ist die Bedeutung des „Theaters“?
- Was ist die „Apotheke“?
- Wo liegt die „Stadtmauer“?
- Wie sieht mein ganzes Leben aus der „Vogelperspektive“ aus?
Nach meinem eigenen Gutdünken würde ich persönlich folgende Lebensbereiche definieren:
- Privatleben, Identität und Intimsphäre
- Beziehungsleben
- Erwerbsleben, Verdienst und Vermögen
- Arbeitsleben
- Freizeitleben
- Körperliches Leben
- Öffentliches Leben
- Glaubensleben und Spiritualität
- Lebenssinn, Lebenswille und Lebensfreude
Ebenso könnte das Leben mit folgenden Verben geschildert werden
- Geboren werden
- Sich entwickeln und reifen, erzogen werden und sich bilden
- Sich ernähren und sich pflegen
- Leben und sein
- Zusammen in Beziehung leben und kommunizieren
- Arbeiten
- Geld verdienen und besitzen
- Sich erholen
- Alt werden
- Sterben
Doch welches ist nun das passende Modell, das einer Privatperson hilft, sich gezielt mit zukünftigem Leben zu beschäftigen?
[1] Dr. Boglarka Hadinger. Institut für Logotherapie und Existenzanalyse Tübingen
Historische Wild Cards und Black Swans
Beim Blick zurück – sowohl in historische Vorzeiten wie auch in die letzten Jahre und Jahrzehnte fällt auf, dass manche Entwicklung und Wendung überraschend auftrat. Der Gewinn von Schlachten, Entdeckungen aber auch Erfindungen waren zwar häufig professionell geplant, verliefen aber immer wieder überraschend und führten zu weitreichenden unerwarteten Folgen.
Die Entdeckung Amerikas oder der Erfolg des deutschen Reformators Martin Luther waren für die Zeitzeugen nicht absehbar.
Verlorenes Wissen um Naturkatastrophen
Insbesondere Naturkatastrophen, wie Vulkanausbrüche und Erdbeben, und Epidemien, wie die Pest oder die Grippe, trafen bis vor wenigen Jahrzehnten die Bevölkerung unerwartet und unvorbereitet. Da die notwendigen naturwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnisse zum Verständnis dieser Phänomene fehlten, wurden diese Ereignisse immer wieder in vereinfachender Weise als Strafe Gottes gedeutet.
Bemerkenswerterweise finden sich in vielen Mythen und Legenden Hinweise auf ein naturwissenschaftliches Wissen im Volk: Die einheimische Bergbevölkerung in den Alpen wusste sehr wohl, welches Lawinenhänge waren und wo Bäche über die Ufer traten. Über die Gegend von New Orleans wird berichtet, dass Indianer sie traditionell gemieden haben, da sie aus ihren Überlieferungen über das Hurrican-Risiko wussten.
Erst seit den Fortschritten der Bauingenieurstechnik und Geologie und der Fokussierung auf naturwissenschaftliche Statistiken seit den 60er Jahren ging solch traditionelles Wissen verloren – denn häufig waren solche Naturkatastrophen eben Jahrhundertereignisse, die dann aber in der Vergangenheit 60er bis 90er Jahren umso dramatischere Folgen zeigten, da Menschen in historischen Risikogebieten bauten.
Überraschungen der letzten Generation
Seit den grossen naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritten des 19. und 20. Jahrhunderts, die als Grundlage der Paradigmen der Planbarkeit und Machbarkeit des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens dienen, und seit religiöse Modelle zur Erklärung von Natur und Schickals als altmodisch und überholt gelten, wirken Schicksalsschläge und Überraschungen sowohl unsere Gesellschaft wie auch unsere einzelnen Leben umso schwerwiegender.
Beim Blick zurück kommen mir dabei sehr unterschiedliche unerwartete Ereignisse in persönliche Erinnerung, die grosse Wirkung zeigten:
Die olympische Idee, dass gemeinsame Sportanlässe Kriege und Gewalt zwischen Völkern verhindern könnte, wurde mit dem Massaker von München während den Olympischen Spielen am 5. September 1972 massiv in Frage gestellt. Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ nahmen innerhalb des Olympischen Dorfes elf israelische Delegationsmitglieder als Geiseln. Alle israelische Geiseln, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist wurden schliesslich getötet. Dies löste diverse israelische Vergeltungsmassnahmen nach den Spielen aus, die sich über einen Zeitraum von 20 Jahren erstreckten.
Die Ölkrise im Herbst 1973, die im Zusammenhang mit dem Jom Kippur Krieg durch die OPEC provoziert wurde, als die OPEC bewusst die Erdölfördermenge drosselte, um die westlichen Länder politisch unter Druck zu setzen. Innerhalb eines Monates stieg der Erdölpreis um 70%, innerhalb eines Jahres sogar um 400%. Diese Ölkrise demonstrierte erstmals die Abhängigkeit der westlichen Industrie und Gesellschaft von fossilen Brennstoffen. Die Endlichkeit der Verfügbarkeit von Energieressourcen wurde erstmals ein Thema und ist nun seit 40 Jahren ein immer wiederkehrendes Thema.
Das Jahr 1986 kann als das Geburtsjahr der „Risikogesellschaft“ bezeichnet werden. Dieses vom deutschen Soziologieprofessor Ulrich Beck geprägte Schlagwort war der Titel eines seiner 1986 erschienenen Bücher[1], das auch auf dem allgemeinen Buchmarkt sehr erfolgreich war. Besondere Beachtung fand dieses Thema, weil es im Jahr 1986 zu einer Häufung technischer Unfälle kam, die auch mir noch in lebendiger Erinnerung sind. An einige Beispiele sei hier erinnert: Am 28. Januar brach die US-Raumfähre Challenger auf ihrer Mission kurz nach dem Start auseinander. Alle sieben Astronauten starben dabei. Am 31. März prallte eine Boeing 727 in der Nähe von Mexiko-Stadt gegen einen Berg. Alle 166 Passagiere starben. Am 26. April kam es zur Reaktorkatastrophe in Tschernoby, einer der bisher schwersten Nuklear- und Umweltkatastrophen der Geschichte. Die Wolken mit dem radioaktiven Fallout verteilten sich über weite Teile Europas und über die gesamte nördliche Erdhalbkugel. Das Bedürfnis nach Information in der Bevölkerung war riesig. Die naturwissenschaftlichen und technischen Experten der Universitäten und der Behörden schafften es in den meisten Fällen nicht, sich in der Krisenkommunikation für die Bevölkerung verständlich auszudrücken. Am 31. August kollidierte im Schwarzen Meer ein sowjetisches Kreuzfahrtschiff mit einem Frachter, mehrere Hundert Passagiere und Besatzungsmitglieder starben innert weniger Minuten. Und schliesslich kam es am 1. November in lokaler Nähe zu meinem Heimat- und Wohnort Basel in der Schweiz zum Grossbrand beim Chemiekonzern Sandoz in Schweizerhalle, bei dem verseuchtes Löschwasser in den Rhein gelangte und ein grosses Fischsterben verursachte.
Obwohl Jahrzehnte lang erhofft, kam es schliesslich im Jahr 1989 überraschend schnell und plötzlich zum Zusammenbruch des kommunistischen Ostblock-Regimes in Europa. Am 6. Februar kam es zum ersten Treffen am Runden Tisch in Warschau, infolgedessen die Kommunisten in Polen ihre Macht abgaben. Am 15. Februar schlossen die sowjetischen Truppen ihren Rückzug aus Afghanistan ab. Am 26. März durften die Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion erstmal ihre Vertretungen im Volksdeputiertenkongress frei wählen. Am 2. Mai begann Ungarn mit dem Abbau seiner Grenzsperren nach Österreich. Am 4. Juni wurde bei den ersten demokratischen Parlamentswahlen in Polen ein nicht-kommunistischer Ministerpräsident gewählt. Am 19. August wurde bei Sopron an der ungarischen Grenze zu Österreich kurzzeitig ein Grenztor geöffnet, so dass etwa 700 DDR-Bürger fliehen konnten. Am 11. September öffnete Ungarn schliesslich seine Grenzen zu Österreich. Ab dem 2. Oktober kam es in Leipzig zu den Montagsdemonstration, an denen zuerst Zehntausende und schliesslich Hunderttausende in Leipzig, Dresden und Berlin teilnahmen. Am 9. November kam es zur Öffnung der Berliner Mauer und zur Öffnung der innerdeutschen Grenze.
Der politische, militärische und wirtschaftliche Machtkampf zwischen Ost und West fand überraschend schnell ein Ende, das Zeitalter der neoliberalen Marktwirtschaft begann und die Megatrends „Globalisierung“ und „Mobilität“ konnten weltweit wirksam werden, da entscheidende Grenzen wegfielen.
In den späten 90er Jahre trat die „New Economy“ ihren Siegeszug an, eine Wirtschaftsform, die den Megatrend der Virtualisierung vorwegnahm. Hochangesehene Universitäten stellten die klassischen Wirtschaftstheorien in Frage und viele Jungunternehmer wurden an Technologie- und Nebenbörsen sehr schnell sehr reich. Infolgedessen versuchten auch viele Sparer und Kleinanleger mit spekulativen Geschäften an der Börse Geld zu verdienen. Dieser Traum des kapitalistischen Schlaraffenlandes platze aber sehr schnell und plötzlich, als im März 2000 diese unter dem Namen „dotcom-Blase“ bekannte Spekulationsblase unerwartet platzte – der Markt brach beinahe vollends in sich zusammen. Der zuvor noch grenzenlos boomende IT-Markt, der durch die Jahrtausendwende und die Angst vor dem „Milleniums-Bug“ noch zusätzlich angeheizt wurde, musste sich binnen eines Jahres mit Arbeitslosigkeit vertraut machen. Viele Jungunternehmer und Kleinanleger verloren ihr ganzes Vermögen.
Der damalige Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Grossbank UBS, Marcel Ospel, meinte zurückblickend am 24. Juni 2003 in einem Gespräch mit dem früheren Züricher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber in der schweizerischen Wirtschaftszeitung „Bilanz“ in lapidarer Weise: „So unangenehm es ist: Zyklen sind Teil des Geschäfts, Punkt.“
Umso mehr überrascht es, dass scheinbar kaum jemand Mitte 2007 auf ein Platzen der US-Real Estate Bubble vorbereitet war, die vor Augen führte, wie sehr der Megatrend „Globalisierung“ bereits Realität war, weil diese in den USA verursachte Krise die ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen konnte.
Welches sind die relevanten Wild Cards?
Spannend sind letztlich die Aufgaben, die Wild Cards zu bestimmen, die uns Informationen darüber liefern, welches die negierten Risiken und die verdrängten Tabus unserer Gesellschaft sind und welche Ereignisse die Werteordnung und das Verhalten unserer Gesellschaft wirklich verändert haben.
Eben nicht als allmähliche und schleichende Veränderung wie ein Megatrend, der sich über Jahre aufbaut und jahrzehntelang wirkt, sondern als überraschendes und zuvor unterschätztes Ereignis.
Welches waren „Black Swans“ und „Wild Cards“ unserer Generation, an die Du Dich noch erinnern kannst?
[1] BECK ULRICH (196) Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M., ISBN 3-518-13326-8
Wild Cards und Black Swans
Dieser Blog thematisiert zwei Begriffe, die in den letzten Jahren sehr populär geworden sind, dabei wissen nur wenige, woher diese Begriffe stammen, was sie bedeuten und ob sie etwas unterscheidet.
Jenseits des Pareto-Prinzips
Auf Grund der Ökonomisierung unseres ganzen Weltbildes und des Verständnisses von Wirtschaft und Gesellschaft in den letzten 20 Jahren wurde in vielen Lebensbereichen das Pareto-Prinzip als Paradigma des Denkens und Handelns eingeführt. Das „Pareto-Prinzip“, auch „80-20-Regel“ genannt, besagt, dass 80% des Ergebnisses bereits mit 20% des Aufwandes erreicht werden kann. Für die letzten 20% der Zielerreichung wären die restlichen 80% des Aufwandes nötig. Da das Prinzip der Gewinnmaximierung in unserer Gesellschaft mittlerweile als Grundsatz weit verbreitet ist, werden häufig nur noch wahrscheinliche und unmittelbare Bedrohungen und Entwicklungen in der Planung und Risikovorsorge bedacht.
Die Methode des Arbeitens mit den eingangs erwähnten Wild Cards und Black Swans will demgegenüber Ereignisse thematisieren, die aufgrund von Wahrscheinlichkeitsüberlegungen eigentlich erst in den letzten 5% der Planungsarbeit berücksichtigt würden. Da sie aber unverhältnismässig grosse, ja katastrophale Auswirkungen zeigen können, geniessen sie in der Risikoplanung und Zukunftsforschung eine ausserordentliche Bedeutung.
Wild Cards
Der Begriff „Wild Card“ stammt aus dem englischsprachigen Umfeld von Gesellschafts- und Glücksspielen. Er wird für den Joker in Kartenspielen verwendet, er entspricht im Tarot-Spiel, das im Bereich der Wahrsagerei eine grosse Bedeutung hat, dem „Narren“, und im Monopoly den „Ereigniskarten“, die als Zufallselemente angenehme und unangenehme Überraschungen bieten können.
In der Früherkennung, in der Risikovorsorge und in Krisen- und Katastrophenübungen wird der Begriff gebraucht, um überraschende und meist plötzliche Ereignisse zu bezeichnen.
Dabei hat diese Denk- und Planungsmethode einen mehrfachen Wert:
Da gerade auch Experten und Entscheidungsträger immer wieder in Denkgewohnheiten verfallen, soll mit dieser Methode provoziert werden, dass die Welt und die Menschheit keine Maschinen sind und dass die Entwicklung auch einen ganz anderen, überraschenden Weg nehmen könnte.
In Planspielen und Übungen soll mit Wild Cards zusätzlicher Stress durch überraschende Ereignisse geschaffen werden.
In der systemanalytischen Früherkennung wird bewusst untersucht, welche wenig beachteten und unterschätzen Schwächen und Verwundbarkeiten eine wirtschaftliche oder staatliche Einheit haben könnte. Wild Cards sind diejenigen Ereignisse, die einerseits möglich und plausibel sein sollen, andererseits aber sehr selten sind und im Allgemeinen unterschätzt werden. Diese Wild Cards sollen an den unterschätzten Verwundbarkeiten des Systems ansetzen und testen, ob das System ein derartiges Ereignis überlebt bzw. wie sich das System ändern würde.
Black Swans
Black Swans – Schwarze Schwäne – ist ein Begriff, der vom US-amerikanischen Professor Taleb 2007 eingeführt wurde.
Der schwarze Schwan, Cygnus atratus, ist das Wappentier Westaustraliens. In Europa und US-Amerika ist er nur vereinzelt anzutreffen. Selbsttragende Populationen sind in Europa nur in den Niederlanden und in Nordrheinwestfalen bekannt. Der „Schwarze Schwan“ ist somit ein Symbol für einen seltenen Vogel, der in der öffentlichen Wahrnehmung als Ausnahme oder sogar als Fehlentwicklung des weitverbreiteten weissen Schwans verstanden wird. Der weisse Schwan ist allgemein bekannt und wird auch in Mythen und Märchen seit alters her thematisiert.
Nassim Nicholas Taleb analysierte in seiner Schwarze-Schwäne-Theorie Ereignisse, die eine unverhältnismässig grosse Rolle spielen können. Sie sind schwer voraussagbar und derart selten, dass die Öffentlichkeit solche Ereignisse eigentlich als unwahrscheinlich oder sogar unmöglich einstuft. Mit technischen und naturwissenschaftlichen Methoden kann die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses nicht berechnet werden. Falls ein solches Ereignis eintritt, kann es sich zu einem unerwarteten Grossereignis entwickeln, dessen Folgen sehr weit reichen können.
Synonyme Verwendung
In der Praxis der Früherkennung und des Risk Managements werden die Begriffe „Wild Cards“ und „Black Swans“ meistens synonym verwenden. Unterschiede sind akademischer Art bzw. erklären sich aus der persönlichen Lektüre und dem Ausbildungshintergrund der jeweiligen Fachleute. Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass aufgrund der Popularität von Professor Taleb in den US-orientierten Medien und in der Finanzbranche in den letzten Jahren der Begriff des „Black Swans“ sehr populär geworden ist, Fachleute aus Früherkennung und Zukunftsforschung verwendeten aber bereits Jahre früher für ähnliche Ereignisse den Begriff „Wild Card“.
Entscheidend bei der Verwendung in der Früherkennung und Zukunftsforschung ist
– dass es sich um sehr seltene Ereignisse handelt, die auch Jahrhundert- oder Jahrtausendereignisse genannt werden, dabei kann es sich auch um erstmalige Ereignisse handeln,
– dass diese Ereignisse von der Öffentlichkeit, von Entscheidungsträgern und auch von Experten nicht rechtzeitig als relevantes Risiko erkannt werden und sie in Planung und Vorsorge unterschätzt worden sind,
– dass diese Ereignisse weitreichende Folgen provozieren können und insbesondere auch deshalb verheerend wirken können, weil diese Folgen unerwartet sind.
Welche Wild Cards und Black Swans in den letzten Jahren unerwartet Realität geworden sind und welche entsprechenden Phänomene in den nächsten Jahren auftreten könnten, soll uns in den nächsten Blogs beschäftigen.