Blicken wir mal auf die nächsten zehn Jahre. Das klingt erstmal nach einem riesigen Zeitraum. Aber wie viel Veränderung ist in diesem im Weltmaßstab möglich?

Mit Blick aufs menschliche Leben dürfen wir heute von einer Lebenserwartung von rund achtzig Jahren ausgehen. Zehn Jahre sind rund ein Achtel eines Menschenlebens. Mitarbeitende mit Berufsbildung erwartet eine Erwerbszeit von fünfzig Jahren, also ein Fünftel der Erwerbsperiode. Wer heute ein Hochschulstudium anvisiert, muss von 18 Jahren Schul- und Studienzeit ausgehen, zehn Jahre sind also etwa mehr als die Hälfte. Bei der Pensionierung mit 65 Jahren dürfen wir noch von rund zwanzig Jahren Lebenserwartung ausgehen. In Prozenten eines Menschenlebens gerechnet sind zehn Jahre somit plötzlich eine Zeitspanne, die tatsächlich in die Verantwortlichkeit und Planung des menschlichen Vorstellungshorizontes einbezogen werden sollte. In Hinblick auf das Ideal der Nachhaltigkeit, bei dem wir die Lebensgrundlagen von nachfolgenden Generationen sicherstellen möchten, wäre es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass wir mindestens zehn Jahre weit denken.

Was ist gefährlicher — sich der Zukunft mit zu viel Respekt zu nähern oder mit zu wenig?

Noch immer gehen zu viele Leute davon aus, dass alles so bleibt wie es ist – und dann sind sie überrascht, dass es doch plötzlich anders kommt. Wer in einer Organisation eine Führungsverantwortung trägt – sei dies nun Politik, Wirtschaft, Verwaltung oder Kirche – sollte sich Gedanken über die Zukunft machen, denn schließlich will er diese Organisation in einer dynamischen Zeit in die Zukunft hinein führen. Die Realität zeigt aber, dass der größte Teil der Menschheit mit den Erlebnissen, Problemen und Herausforderungen der aktuellen Wochen und Monate ausgelastet ist und sich gar nicht mit den möglichen Entwicklungen der nächsten Jahre oder Jahrzehnte beschäftigen will.

Was ist mit Ereignissen, die man schlichtweg nicht vorhersehen kann?

Eine sehr wichtige Disziplin der Zukunftsforschung im Bereich der Krisenfrühwarnung und des Risikomanagements beschäftigt sich mit „Wild Cards“ oder „Black Swans“. So nennt die Forschung die „undenkbaren“ Ereignisse: Diese sind zwar sehr wenig wahrscheinlich, aber wenn sie tatsächlich passieren, werden sie eine große Auswirkung haben. Wo sind die Schwachstellen und Grenzen unseres wirtschaftlichen und kulturellen Systems und was würde passieren, wenn gerade diese betroffen wären? Was würde es nun kosten, sich auf diese extremen Fälle vorzubereiten? Wie müsste eine Krisenorganisation aussehen, die schnell und flexibel genug ist, um auch bei Überraschungen reagieren zu können? 1997 habe ich ein Szenario geschrieben für den Fall, dass die Schweiz das Bankkundengeheimnis abschaffen muss. Im Jahr 2002 war eines meiner Themen, was es bedeuten würde, wenn eine schweizerische Großbank aufgrund einer Finanzmarktkrise Konkurs gehen würde. Im Jahr 2004 entwickelte ich ein Szenario über den Ausbruch einer Schweinegrippe-Pandemie in Mitteleuropa. Die Methoden der langfristigen „Früherkennung“, die Frage nach Veränderungen, Krisen, Katastrophen und Umbrüche, die auf uns zukommen könnten, sind mittlerweile ziemlich ausgereift und die „Kataloge“ sind umfangreich. Wesentlich schwieriger wird die rechtzeitige „Frühwarnung“ – wann realisieren wir, dass es nun tatsächlich in den nächsten Monaten oder Wochen kommt? Und werden die Warner in Regierung, Verwaltung und Medien überhaupt ernst genommen oder werden sie als Panikmacher abgetan?

Trägt der Zukunftsforscher mit seiner Prognose eine Mitverantwortung für das, was letzten Endes tatsächlich passiert?

Im Gegensatz zu Wahrsagern oder Propheten stelle ich keine Prognosen auf – als Zukunftsforscher unterstütze ich meine Kunden dabei, Entwicklungen zu erkennen und zu beurteilen. Ich berate sie, welche Veränderungen relevant sind. Gemeinsam analysieren und diskutieren wir, welche verschiedenen Zukünfte aus diesen Entwicklungen resultieren könnten. Meine Kunden sollen erkennen, welche Zukunftsvarianten sie selbst insgeheim erwarten, welche sie erhoffen und welche sie befürchten. Entsprechen diese verschiedenen Zukunftsvarianten den eigenen ökonomischen und politischen Zielen? Liegen Sie im Rahmen der eigenen Ethik? Das Ziel besteht darin zu erkennen, was beeinflussbar ist, welchen Einsatz diese Beeinflussung kosten würde und welche anderen Möglichkeiten dadurch verbaut werden. So wird Zukunft nicht einfach passieren, sondern Zukunft wird bewusst angesteuert. Zukunft ist keine unerwartete Überraschung, Zukunft soll verantwortungsbewusst angegangen werden. Wer Verantwortung übernimmt, der will Entwicklungen beeinflussen. Wer Entwicklungen beeinflusst, soll auch Verantwortung dafür übernehmen.

Sind sich die Zukunftsforscher in der Analyse der Megatrends einig?

Zukunft passiert nicht einfach so – Zukunft ist immer das Resultat menschlicher Entscheidungen und Handlungen. Die Kunst besteht darin zu erkennen, wo die politische und die wirtschaftliche Macht sein wird, welche Hoffnungen und Ängste bestehen. Nicht zuletzt spielt dann noch eine entscheidende Rolle, ob genügend Ressourcen und Ausdauer da sind, Zukunftspläne auch tatsächlich umzusetzen. Die Beschäftigung mit Zukunft ist immer auch eine Willenskundgebung – welche Zukunft wollen wir? Sind wir bereit, unser Verhalten so auszurichten, dass wir tatsächlich in jener Zukunft ankommen oder ignorieren wir einfach die Entwicklungen bis es zu spät ist?

Welche großen Entwicklungen hat die Zukunftsforschung in den letzten Jahren vorhergesehen?

Megatrends wie Globalisierung und Mobilität, Individualisierung und Wertepluralismus, Langlebigkeit und demografische Schere, Verschärfung der Umweltsituation und der Ressourcenknappheit sind in der Fachwelt schon seit Jahrzehnten bekannt. Diese Trends überlagern sich nun massiv und werden in ihren Auswirkungen deutlich in der Bevölkerung spürbar.

Welche Motive lassen einen über die Zukunft nachdenken?

Meine Kunden sind normalerweise Firmen oder Behörden. Eine Firma muss sich immer wieder hinterfragen, wie sich die Bedürfnisse der Kunden, die Entwicklungen im Umfeld wie zum Beispiel Gesetze oder das Verhalten der Konkurrenten verändern könnte. Bei Investitionen in Millionenhöhe müssen Sie prüfen, ob neue Maschinen nur auf den heutigen Markt ausgerichtet sind oder ob diese Produkte auch noch in fünf Jahren gekauft werden. Behörden müssen sich mit Fragen der demografischen Bevölkerungsentwicklung, mit den kulturellen Folgen der Globalisierung, aber auch mit neuartigen Vorstellungen von Krisen oder Katastrophen beschäftigen. Der Bürger erwartet, dass der Staat ihn auch morgen noch schützen wird. Infrastrukturen wie Autobahnen oder Schulhäuser sollen für Jahrzehnte halten.

Wie schaut man als Zukunftsforscher in die Zukunft?

Als Zukunftsforscher verfügen wir über ein breites interdisziplinäres Repertoire an Methoden und Instrumenten, mit denen wir laufende Veränderungen in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft analysieren. Zukunftsforschung ist eine methodenorientierte Wissenschaft, die Veränderungen, Entwicklungen und Abhängigkeiten zwischen diesen Veränderungen sucht, analysiert und gemeinsam mit den jeweiligen Fachspezialisten und Entscheidungsträgern mögliche Bilder möglicher Zukünfte entwickelt. Dabei ist es wichtig zu erkennen, wo es kontinuierliche Entwicklungen gibt, wo Sprünge möglich sind und insbesondere wo ich verschiedene Veränderungen habe, die sich gegenseitig beeinflussen können. Ist dieses System nun stabil – oder agieren politische oder wirtschaftliche Entscheidungsträger, die willkürlich Entscheidungen fällen und Änderungen forcieren können? Kann plötzlich Dynamik auftreten? Sind Abhängigkeiten nicht erkannt worden? Bestehen überhaupt gemeinsame Ziele, wie die Zukunft aussehen soll oder wird aufgrund eines Machtkampfes dauernd die Entwicklungsrichtung geändert? Sind die Ressourcen dazu da, diese Pläne zu verwirklichen? Entscheidend ist, dass auch schwache Signale neuer Entwicklungen erkannt werden und dass sie aufzeigen, wo die Möglichkeiten bestehen, bewusst zu entscheiden.

Welches sind Ihre Hoffnungen für 2011?

Hoffnung oder Angst?

Hoffnung oder Angst? Angesehene amerikanische Akademiker und Sicherheitsanalysten glauben, dass die Globalisierung kollabieren werde – und mit ihr die Weltwirtschaft. In der Studie „The Age of Consequences“ („Das Zeitalter der Konsequenzen“) heisst es: „Soziale Unruhen werden ausbrechen, begleitet von heftigen religiösen und ideologischen Auseinandersetzungen, weil die Menschen nach irgendeiner Hoffnung suchen.“

Was kommt auf uns zu?

Wird 2011 endlich das Jahr des wirtschaftlichen Wiederaufschwungs oder werden ganz neue Probleme und Herausforderungen auftauchen? Neugierig fragen wir uns, was das nächste Jahr wohl bringen wird. Die Investmentbanken vermelden bereits wieder Spitzenboni und die USA befürchten einen double dipp. Ungarn und Polen werden die EU-Ratspräsidentenschaft übernehmen, Bulgarien und Rumänien werden in den Schengenraum aufgenommen und Estland wird den Euro einführen. Die weitere Entwicklung von Schweizer Franken, US-Dollars und Euro sind ungewiss. In der Schweiz wird der National- und Ständerat neu gewählt werden. Meteorologen spekulieren über einen Jahrhundertwinter, der so kalt werden soll wie schon lange nicht mehr und am 4. Januar wird eine Sonnenfinsternis eintreten.

Studie Hoffnung 2011 als Fortsetzung der Studie Hoffnung 2010

Nach dem Erfolg der Studie Hoffnung 2010 führen swissfuture, die Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung, und weiterdenken.ch, your partner for future, hope & responsibility, im November 2010 wieder eine grosse Internetumfrage durch, in der Sie nicht nach Ihren Zukunftsängsten, Kummer und Sorgen gefragt werden, sondern in der Fragen nach Ihren persönlichen Hoffnungen im Fokus liegen sollen.

In der letzten Umfrage führte der damals frisch gewählte Friedensnobelpreisträger Barack Obama die Rangliste der Hoffnungs-Ikonen an – welche Bedeutung wird ihm nun zukommen? Das letzte Resultat zeigte die grosse Diskrepanz zwischen konkreten Hoffnungen und Erwartungen in den wirtschaftlichen Aufschwung bei gleichzeitigem Misstrauen in die Führungskräfte der Wirtschaft auf. Hat sich dieses Missverhältnis gebessert? Wird 2011 ein Jahr der Hoffnungen, der Enttäuschungen oder des Ausharrens?

Neue Umfrage

Helfen Sie mit – nehmen Sie an der Internetumfrage www.hoffnung2011.ch teil. Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit, um unterschiedlichste Fragen zu Ihren Hoffnungen zu beantworten.

Direct Link zur Version Schweiz

Direct Link zur Version Deutschland

Helfen Sie uns mit – motivieren Sie Ihre Freunde und Bekannten, an dieser Umfrage teilzunehmen.

Zukünftige Entwicklungen und die Frage nach relevanten Lebensbereichen aus Sicht des persönlichen Privatlebens

Von Profi zu Profi

 

Publikationen und Studien der Zukunftsforschung und Früherkennung werden üblicherweise von Profis für Profis geschrieben. Die thematisierten Bereiche orientieren sich normalerweise an den Strukturen der Ministerien bzw. Departements und Direktorien im behördlichen Umfeld, an den Geschäftsbereichen einer Firma im wirtschaftlichen Umfeld, an den akademischen Disziplinen und Institute im wissenschaftlichen Umfeld oder an den Themen der öffentlichen Statistiken.

 

Und die Bevölkerung?

 

Doch sind dies auch die Lebensbereiche, die eine Privatperson für ihren persönlichen Umgang mit Zukunftshoffnungen und Zukunftsängsten interessiert? In welchen Kategorien denkt eine Privatperson – Kategorien die nicht abstrakt, akademisch und administrativ strukturiert sind, sondern die sich an den konkreten Lebensabläufen und Vorstellungen orientieren?

 

Verschiedene Modelle

 

Verschiedene Modelle bieten sich dazu an:

 

Maslow’sche Bedürfnispyramide:

1. Physiologische Bedürfnisse

2. Sicherheit

3. Soziale Bedürfnisse

4. Individualbedürfnisse

5. Selbstverwirklichung

6. Transzendenz

 

Lebensabschnitts-Zyklus, der häufig in der Finanzberatung verwendet wird:

1.      Kind bzw. Jugendlicher sein (geboren werden, Kind sein, Erziehung und Ausbildung)

2.      Erwachsener sein

3.      Familie gründen

4.      Alt werden

5.      Sterben und vererben

 

Stadtplan-Methode der logotherapeutisch-existenzanalytischen Gespräche[1]

  • Welches sind die „Hauptstrassen“ meines Lebens?
  • Was wird mein „Friedhof“ sein?
  • Welches ist meine „Kirche“?
  • Wo ist mein „Wirtshaus“?
  • Welches sind meine „Heldendenkmäler“?
  • Wo liegt mein „Marktplatz“?
  • Wo steht mein „Ratshaus“?
  • Was ist mein „Zuhause“?
  • Welches ist meine „Schule“?
  • Was ist mein „Arbeitsplatz“?
  • Welches ist die Bedeutung des „Theaters“?
  • Was ist die „Apotheke“?
  • Wo liegt die „Stadtmauer“?
  • Wie sieht mein ganzes Leben aus der „Vogelperspektive“ aus?

 

Nach meinem eigenen Gutdünken würde ich persönlich folgende Lebensbereiche definieren:

  • Privatleben, Identität und Intimsphäre
  • Beziehungsleben
  • Erwerbsleben, Verdienst und Vermögen
  • Arbeitsleben
  • Freizeitleben
  • Körperliches Leben
  • Öffentliches Leben
  • Glaubensleben und Spiritualität
  • Lebenssinn, Lebenswille und Lebensfreude

 

Ebenso könnte das Leben mit folgenden Verben geschildert werden

  • Geboren werden
  • Sich entwickeln und reifen, erzogen werden und sich bilden
  • Sich ernähren und sich pflegen
  • Leben und sein
  • Zusammen in Beziehung leben und kommunizieren
  • Arbeiten
  • Geld verdienen und besitzen
  • Sich erholen
  • Alt werden
  • Sterben

 

Doch welches ist nun das passende Modell, das einer Privatperson hilft, sich gezielt mit zukünftigem Leben zu beschäftigen?


[1] Dr. Boglarka Hadinger. Institut für Logotherapie und Existenzanalyse Tübingen