Was ist ein Szenario?

Der Begriff „Szenario“ wird einerseits in der Zukunftsforschung als Methode der Früherkennung, der (politischen) Planung und (politischen) Diskussion und andererseits in der Sicherheitsbranche für Einsatz-, Krisen- und Katastrophenübungen verwendet. Dieser Blog beschäftigt sich mit den „Zukunfts-Szenarien“

Nachdem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das Weltbild der Planung auch im gesellschafts- und politikwissenschaftlichen Bereich noch stark von mechanistischen Vorstellungen aus den Naturwissenschaften und den Ingenieurtechniken geprägt waren, und die Prognose durch Experten das übliche Tool war, änderte sich dies in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend.

Die Gefahr von Fehleinschätzungen seitens der Prognostik vergrössert sich in einer Zeit zunehmender Dynamik und Komplexität seit der Mitte des 20. Jahrhunderts erheblich. So traten seit den späten 60er Jahren lineare Methoden wie Zeitreihenanalysen, Trendextrapolationen und Modelle, die ihre Aussagen hauptsächlich aus der Statistik ableiteten, immer mehr in den Hintergrund. Als Beispiel sei etwa an die Fehlaussagen der Bevölkerungshochrechnungen aus den 60er Jahren erinnert.

Seit den 80er Jahren gelten die wissenschaftlichen Bemühungen aber auch die Anwenderpraxis immer häufiger dem Einsatz der Szenario-Technik. Dabei haben sich verschiedene Schulen herausgebildet, wie Szenarien entwickelt und dargestellt werden. Insbesondere in politisch relevanten Bereichen, in denen keine Einheit in der Problemanalyse und der Zielformulierung besteht, wird häufig mit Szenarien gearbeitet.

Die Szenario-Technik wird für die Erarbeitung und Beschreibung künftiger wahrscheinlicher oder möglicher Entwicklungen bzw. zukünftiger Situationen verwendet. Mit dieser Technik der primär qualitativen Simulationen können insbesondere Faktoren einbezogen werden, die datenmässig noch wenig belegbar und quantitativ kaum messbar sind. Sie ist eine Prognosetechnik, die auf der Ebene der langfristigen, strategischen Planung angewendet wird. Entscheidend ist, daß keine Prognose für die  Entwicklung berechnet oder formuliert wird. An ihre Stelle tritt die Beschäftigung mit verschiedenen  alternativen Zukünften – diese sollen verschieden, aber alle aufgrund der aktuellen Erkenntnisse realistisch sein.

Dabei soll es sich beim Szenario nicht um ein Analysesystem handeln, das mögliche Entwicklungen und Einwirkungen auf einen einzigen Entwicklungs- bzw. Handlungsstrang einengt. Die Szenario-Technik wird vielmehr bewusst dafür eingesetzt, ein Denken in Alternativen zu fördern. Unsicherheit wird bewältigt oder unter Kontrolle gehalten, indem mögliche Verhaltens- und Strukturmuster erarbeitet und vorausdenkend simuliert werden. Statt von prognostizierten zukünftigen Zuständen gehen systemische Manager von wahrscheinlichen, überraschungsarmen und/oder überraschungsreichen Szenarien aus. Diese erlauben es, strategische Entscheidungen zu fällen und zu überprüfen. Sie erlauben auch, Eventualhandlungen zu durchdenken und zu planen.

Der Begriff des „Szenarios“ ist dabei aus der Dramaturgie entliehen: Möglichst konkret und vorstellbar soll vergleichbare Szenen verschiedener möglicher Zukünfte parallel beschrieben werden, damit Entscheidungsträger und Stakeholders gemeinsam darüber diskutieren können, ob diese Art von Zukunft gewollt ist  bzw. welche Massnahmen zur Förderung oder Eindämmung von Auswirkungen ergriffen werden müssen.

Beim Arbeiten mit Szenarien wird – im Gegensatz zur herkömmlichen Prognose – von vornherein darauf verzichtet, die Genauigkeit in der mathematischen Beschreibung zu suchen. Es handelt sich um ein argumentatives Verfahren zur Ermittlung künftig möglicher oder wahrscheinlicher Situationen und Entwicklungen. An die Stelle rechnerischer Genauigkeit tritt die grösstmögliche Differenziertheit der Zukunftsbeschreibung.

Die Szenario-Technik schliesst – wie allerdings auch die herkömmliche Prognose – subjektive oder vorwissenschaftliche Einflüsse nicht aus. Sie sind beim argumentativen Szenario aber leichter festzustellen und einzuschätzen als bei Modellrechnungen, die eine Scheingenauigkeit suggerieren, die für Aussenstehende, Medien und Bevölkerung ohne spezifische Fach- und Modellkenntnisse nicht nachvollziehbar sind.

Mit der Szenario-Methode wird die Hoffnung verbunden, dass im Planungs- und Entscheidungsprozess künftige Wirkungsverläufe samt ihrer Konsequenzen bildhafter dargestellt und damit vom Anwender oder Leser wesentlich besser verstanden und beurteilt werden können. Szenarien sollen deshalb künftige Situationen und Handlungsmöglichkeiten in einer Art beschreiben, die den Umgang mit Veränderungen schult und die Verhaltensänderungen ermöglicht

Szenarien haben daher die Aufgabe, Verständnis für Zusammenhänge, Prozesse und entscheidungsrelevante Momente zu schaffen und damit die Befähigung zu zukunftsgerechten Handlungen zu vermitteln und nicht primär die Richtigkeit im Sinne von Eintreffwahrscheinlichkeit anzustreben. Um das Denken in Alternativen und Varianten zu ermöglichen und zu fördern, sind Szenarien keine Aussagesysteme, die die künftige Wirklichkeit auf einen einzigen Handlungsstrang einengen. Szenarien sollen abzubildende Komplexität nicht reduzieren, sondern sich dieser möglichst weit annähern.

Szenarien vereinigen die tabellarische und grafische Darstellungen, um die Vergleichbarkeit zu ermöglichen, mit ausformulierten verbalen Situations- und Entwicklungsbeschreibungen, die einfach vorstellbar sein sollen.

Medienmitteilung – Resultate der Umfrage Hoffnung 2011

Trendstudie Hoffnung 2011: Umfrage zu Schweizer Hoffnungsträgern und Hoffnungen

Studie zeigt: Wirtschaftsführer sind keine Hoffnungsträger

Basel, 3. Januar 2011. – Die Schweiz ist ein hoffnungsvolles Volk, aber Wirtschaftsführer sind keine Hoffnungsträger. Obamas Stern ist auch in der Schweiz gefallen und meine Nächsten sind mir am nächsten: Vor allem Familie und Freunde stärken die Hoffnung und so richtig hoffnungsvoll sind wir nicht am Arbeitsplatz, sondern draussen in der Natur. Dies sind die Resultate der jüngsten Umfrage zur Trendstudie Hoffnung2011 von der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung swissfuture und weiterdenken.ch.

Was sind die konkreten Hoffnungen der Schweizer Bevölkerung? Und wer sind die Hoffnungsträger? Diesen Fragen ging swissfuture, die Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung, und der Think Tank weiterdenken.ch zum zweiten Mal in einer gross angelegten Internet-Umfrage nach. Im November 2010 beteiligten sich 6‘193 Personen an der Umfrage. Wie im Vorjahr wurde die Schweizer Bevölkerung nicht nach ihren Ängsten, Kummer und Sorgen für das nächste Jahr gefragt, sondern in der Umfrage standen die konkreten Hoffnungen, Hoffnungsträger und Grundlagen der Hoffnung im Zentrum.

Die Schweizerinnen und Schweizer sind in einem Dilemma: Zwar richten sich viele Hoffnungen auf die wirtschaftliche Situation – doch nur die Führungskräfte der Wirtschaft selbst sind für die nationale Wirtschaft für 2011 hoffnungsvoll. Zudem werden diese Wirtschaftsführer nicht als Hoffnungsträger betrachtet. Nach wie vor richten sich viele konkrete Hoffnungen auf die wirtschaftliche Situation (42%: „Erfolg am Arbeitsplatz“ – das zweitwichtigste Ziel für 2011 nach dem erstrangierten „Gesundheit“ mit 55%, 31%: „sicherer Arbeitsplatz“, und 23%: „Verbesserung der Wirtschaftslage“. Doch nur die Führungskräfte der Wirtschaft selbst sind für die nationale Wirtschaft für 2011 hoffnungsvoll – und auch dies nur mässig. Für die globale Wirtschaft sind aber nicht einmal sie hoffnungsvoll eingestimmt.

Schweizer Wirtschaftsführer keine Hoffnungsträger

Trotz ihrer Medienpräsenz und ihrem Gewicht in der politischen Diskussion werden die grossen Wirtschaftsführer der Schweizer Wirtschaft von der Bevölkerung nicht als Hoffnungsträger betrachtet – alle zur Auswahl gestellten Wirtschaftsgrössen erhielten nur marginale Anteile von weniger als 2% der Stimmen. Demgegenüber setzt immerhin ein knappes Viertel der Geschäftsleitungsmitglieder Hoffnungen in den neuen Bundesrat Johann Schneider-Ammann. An erster Stelle mit 46% steht die Hoffnung „in die eigene Person“.

Offenbar scheinen die Werte der protestantischen Wirtschaftsethik in der Schweiz immer noch zu zählen: So setzt knapp die Hälfte – sowohl bei den Angestellten wie auch bei den Geschäftsleitungsmitgliedern – auf das typisch schweizerische Prinzip der Eigenverantwortung. Knapp ein Fünftel sieht in der Vermittlung von Hoffnung eine der Führungsaufgaben – der Vorgesetzte bzw. Arbeitgeber soll Hoffnung vermitteln. Die typischen Funktionen aus der Geschäftswelt – Geschäftskollegen, Unternehmer und Manager – schneiden wiederum wie schon bei den einzelnen Hoffnungsträgern auf den hinteren Rängen ab.

Arbeitsplatz kein Ort der Hoffnung

Obwohl sich die Wirtschaft gerne als zukunftsgewandt, fortschrittlich und innovativ präsentiert, scheint ihr eigener Beitrag zur konkreten Hoffnungskompetenz nur sekundär zu sein. Hauptsächlich wird Hoffnung aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld und aus Erlebnissen in der Natur geschöpft. Nur ein Drittel definiert seine Hoffnungskompetenzen aus seiner Problemlösungskompetenz oder aus konkreten beruflichen Erfolgen. Erstaunlich ist, dass der Verdienst von viel Geld nur eine marginale Rolle im Zusammenhang mit Hoffnung hat – sogar bei den teilnehmenden Geschäftsleitungsmitgliedern schöpfen nur 8% ihre Hoffnung aus dem finanziellen Erfolg. Ebenso bemerkenswert ist, dass die typischen Räume und Örtlichkeiten der Wirtschaft und Arbeit keine Hoffnung zu vermitteln scheinen, obwohl doch gerade hier wirtschaftliche Probleme gelöst und Innovationen geleistet werden sollen. Primär wird das Gefühl der Hoffnung in der freien Natur und Zuhause empfunden. Nur ein Sechstel bezeichnet seinen Arbeitsplatz als einen Ort, an dem Hoffnung empfunden wird. Was läuft hier falsch?

Trend zurück zur Natur

Die aktuellen Ergebnisse der Studie „Hoffnung2011“ bestätigen den aktuellen Trend „Zurück zur Natur“ eindrücklich: Die Natur ist uns Schweizern unser Hort der Hoffnung. In der Natur suchen wir Trost nach Enttäuschungen. Erfahrungen in der Natur sind uns Voraussetzung, um voller Hoffnung und Lebenswille positiv in die Zukunft zu gehen: 67% der Teilnehmenden bezeichnen „die freie Natur“ als einen Ort, an dem sie ein Gefühl der Hoffnung empfinden. Dies ist mit deutlichem Vorsprung die häufigste Antwort auf die Frage nach Orten der Hoffnung. „Schöne Erlebnisse in der freien Natur“ ist für 46% der Teilnehmenden die Erfahrung, die sie in ihrer Hoffnung stärkt. 35% der Teilnehmenden gehen bewusst „in der freien Natur spazieren“, um die Enttäuschung über nicht erfüllte Hoffnungen zu verarbeiten.

Allein und einsam führt zu „Alleinsamkeit“

Der Megatrend der „Alleinsamkeit“ wird uns in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen – die Megatrends der Individualisierung und der Langlebigkeit führen dazu, dass immer mehr Personen in einem Single-Haushalt leben – nicht nur alleine sondern offensichtlich auch einsam. Die empirischen Resultate der Studie zeigen, dass das unmittelbare soziale Umfeld – Lebenspartner, Familie oder ein gutes Netzwerk an Freunden die entscheidende Basis für die Hoffnungskompetenz und somit für die Resilienz einer ganzen Bevölkerung in Krisenzeiten sind. 75% der Familien mit Kind aber nur 57% der Singles bezeichnen sich als glückliche und zufriedene Menschen. Im Leben von 71% der Familien mit Kind aber nur bei 58% der Singles überwiegen Hoffnungen die Ängste. 49% der Familien mit Kind aber nur 30% der Singles glauben, dass ihre Hoffnungen meistens in Erfüllung gehen. 38% der Familien mit Kind aber nur 22% der Singles waren noch nie verzweifelt und hoffnungslos. Die Hälfte der Singles hofft darauf, im kommenden 2011 endlich die grosse Liebe zu finden.

Welche Hoffnungen haben wir für 2011?

Vom 1. November 2010 bis 1. Dezember 2010 haben 6‘193 Personen an der Internet-Umfrage www.hoffnung2011.ch teilgenommen.

Die Umfrage bestand aus

  • 9 quantitativen Fragen zum Thema Hoffnung
  • 10 qualitativen Fragen zum Thema Hoffnung
  • 8 Fragen zur Demographie

In den kommenden Tagen publizieren wir die ersten Resultate und stellen diese hier zur Diskussion …

Pandemie und Börsenkrise haben eine Gemeinsamkeit gehabt – sie sind Indikatoren des Megatrends „Globalisierung“

Die Globalisierung ist Realität geworden: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität. Gehen wir der globalen Risikogesellschaft entgegen?

Das Phantom der Schweinegrippe geht um. Es gibt Ängste, Medienrummel, Klarstellungen. Wird in dieser Woche die Schweinegrippe zu einer globalen Pandemie anwachsen, die auch uns in der Schweiz bedrohen wird? In direkter Weise für unsere eigene Gesundheit und in nachhaltiger Weise für unser gesellschaftliches Leben?

Im Jahr 2009 leben wir 90 Jahre nach der Spanischen Grippe, die 1918 bis 1920 wütete – wird die «Mexikanische Grippe» 2009 ebenso als globale Tragödie in die Geschichte eingehen? Oder werden wir bereits im Juni lästern über den Planungs- und Schutzaufwand und ihn nachträglich als unverhältnismässig abqualifizieren?

Im Jahr 2009 leben wir 20 Jahre nach dem Berliner Mauerfall 1989. Damals wussten wir nicht, dass das Ende des Kalten Krieges der Anpfiff zum Siegeszug der Globalisierung und der grenzenlosen Mobilität werden sollte. Das jahrzehntelange Ausbalancieren zwischen Kapitalismus und Kommunismus fand ein Ende. Die neoliberale Marktwirtschaft trat ihren globalen Siegeszug an. Ungebremste Börsengewinne und andauerndes Wirtschaftswachstum waren die Paradigmen. Die Regeln der sozialen Verantwortung der wirtschaftlich Starken für die Schwachen, der Bildung von Reserven als Vorsorge für schlechte Zeiten oder der Schaffung von Redundanzen als Sicherheit für Zeiten der Belastung gerieten vergessen. Im Rausch der neuen Freiheit ahnten wir nicht, dass diese Vergesslichkeit ein neuer Megatrend werden könnte. Erstaunlich, denn 1989 war es erst drei Jahre her seit den Katastrophen von 1986: dem Absturz der US-Raumfähre «Challenger», der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, dem Grossbrand bei Sandoz in Schweizerhalle – die Risikogesellschaft war geboren.

Im Jahr 2009 leben wir zehn Jahre nach 1999, dem Höhepunkt der New Economy – die Regeln der alten Ökonomie waren zu vergessen! Wer damals als Unternehmer seinen Gewinn im Kerngeschäft und nicht an der Börse erzielen wollte, galt als dumm. No risk and a lot of fun war das neue Lebensgefühl. Damals wussten wir nicht, dass bereits im März 2000 die Dotcom-Bubble platzen sollte. Plötzlich zogen Schatten auf, die New Economy entpuppte sich als Irrglaube. 2001 wurden wir als Risikogesellschaft wieder aufgeschreckt: 9/11 in New York, Amoklauf im Parlamentssaal von Zug, Swissair-Grounding, der Grossunfall im Gotthard-Strassentunnel zeigten unsere Verwundbarkeit auch in der Schweiz. Und die Ängstlichkeit der Amerikaner bewirkte in einer Zeit der Globalisierung rigide Kontrollen an den Flughäfen.

Im Jahr 2009 leben wir fünf Jahre nach 2004 – die Wirtschaft erholte sich, die Börsen wurden wieder bullish, die Welle der Globalisierung gewann die Oberhand, nicht mehr Geiz, sondern Konsum war wieder geil.

 

Zwar merkten kritische Geister auf: 2004 der Tsunami im Indischen Ozean, 2005 der Hurrikan «Katrina», seit 2005/06 Meldungen über die asiatische Vogelgrippe, der Uno-Klimabericht 2006 und die explodierenden Ölpreise. Neue Krisen tauchten am Horizont auf, die nur global und gemeinsam gelöst werden konnten – Krisen, die konkrete Vorsorge und Verhaltensänderungen erforderten.

 

Als im Frühsommer 2007 die US-Immobilienkrise ausbrach und schliesslich weltweit die Börsen mitriss, gerieten die Ideale von Globalisierung und Wachstum ins Wanken.

Und spätestens Anfang 2009 wurde klar, dass die Globalisierung zur Falle der modernen Portfolio-Theorie geworden war, eine Diversifikation der finanziellen Risiken war nicht mehr möglich, da alle am selben globalen Markt partizipierten; der Glaube an die selbstheilenden Kräfte der Finanzmärkte entpuppte sich als Irrglaube. Und als überall Staaten einspringen mussten, um die Global Players der Finanzmärkte zu retten, wurde der Ruf nach dem Primat der nationalen Interessen vor dem Gespenst der Globalisierung laut.

 

Doch die Globalisierung ist Realität geworden – für Börsenkurse und für Viren. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus H1N1 durch den Flugverkehr ist ein Musterstück: Viren sind der Inbegriff des Megatrends Mobilität – sie lassen sich in einer freien Welt kaum stoppen.

Dass die WHO so schnell die Warnphasen auf 4 und auf 5 anhob und nun bereits die Deklaration von Phase 6 als Pandemie in wenigen Tagen plant, hat nichts mit der Situation in unseren Schweizer Wohnzimmern zu tun. Aber damit, dass die Globalisierung Realität geworden ist und dass eine Pandemie nur in gemeinsamer globaler Verantwortung bekämpft werden kann.

Unsere nationalen und kantonalen Pandemieplanungen mögen Detailfehler haben, die durch die reale Pandemie korrigiert werden. Doch: Hat unsere Wirtschaft wenigstens für diese Krise vorgesorgt? Oder wird sie übertölpelt wie durch die Börsenkrise? Werden wir nun in dieser Pandemie erleben, dass sich das Paradigma der Maximierung der Rendite durch Verzicht auf Reservebildung und Redundanzen für den Notfall als Irrglaube entpuppen wird? Haben wir etwa wieder etwas vergessen – die Eigenverantwortung für unsere eigene Krisenvorsorge? Ob wir wohl eines Tages nach dem Trend der Vergesslichkeit die Renaissance des Trends der Verantwortlichkeit noch erleben werden?

Gibt es sie nun, die Renaissance der Religion, oder nicht?

Die Zeit der Sechziger bis Neunziger Jahre war geprägt vom Glauben an die Moderne, an die Wissenschaft und an die Machbarkeit technischer Lösungen.

 

In unserer globalen und dynamischen Welt des 21. Jahrhunderts stoßen wir nun zunehmend auf neue Herausforderungen, die wir nicht einfach so bewältigen können. Eine Welt, die zunehmend schnell und komplex ist, überfordert viele von uns. Volkswirtschaftliche, politische und technische Entwicklungen erscheinen undurchsichtig und willkürlich. In unserem Alltagsleben fühlen wir uns häufig ohnmächtig, wenn wir die Medien oder das Verhalten unserer politischen und wirtschaftlichen Führungskräfte beobachten. Wem sollen wir heute vertrauen?

 

Deshalb suchen viele von uns möglichst einfache Erklärungen und einfache Weltbilder. Sie finden diese in der rechtspopulistischen Politik, in der Unterhaltungsindustrie oder in einfachen religiösen Systemen. Die Unterhaltungsindustrie hat zudem wieder die Tore zu Fantasy und Aberglaube geöffnet, die Ideale der Aufklärung sind vergessen.

 

Gleichzeitig ist das Misstrauen in traditionelle Institutionen, wie zum Beispiel den Führungsapparat der katholischen Kirche, groß. Europa hat im letzten Jahrtausend immer wieder unter Religionskriegen gelitten, aber ferne Kulturen wie der Buddhismus oder alte Stammesreligionen werden verherrlicht, ohne dass wir sie wirklich kennen. Viele glauben an transzendente Welten und Wesen – doch sind dies häufig abstruse und selbstgemachte Patchwork-Vorstellungen. Für welche dieser laufenden Entwicklungen erhoffen Sie sich nun eine Renaissance? Die relevante Frage an uns lautet doch, ob nun der christliche Glaube einfach eine Flucht in weltfremde Heilsvorstellungen ist, in denen wir glauben, dass Probleme einfach weggebetet werden können – oder ob das Christentum uns Mut und Hoffnung gibt, dass wir uns als mündige und freie Menschen den Herausforderungen stellen.

Welche besondere Verantwortung könnte auf die Kirchen zukommen?

Für die Kirchen und Gemeinden ist entscheidend, dass sie sich aktiv mit Fragen der Zukunft beschäftigen. Allzu viele religiöse Kreise schwanken irgendwo zwischen einer romantischen Verherrlichung von alten Zeiten, in denen die Kirche noch im Dorf war und Moral und Ethik angeblich noch in Ordnung gewesen seien, und einer Zukunft von apokalyptischem Ausmaß – seien dies nun konkrete biblizistische Endzeitfahrpläne oder ein unkritisches Einstimmen in Weltuntergangs- oder Weltverschwörungsszenarien. Beim Blick in die Bibel fällt aber auf, dass der Appell „Fürchtet Euch nicht!“ und „Habt keine Angst“ ein wichtiges Leitmotiv ist. Nicht etwa Angst, sondern Hoffnung und Ausdauer sind die christlichen Tugenden. Wie werden die Kirchen wieder zu Hoffnungsstifterinnen? Viele Aspekte unseres Lebens, die gerade in Veränderung stehen, sind zentrale christliche Anliegen. Werden wir mitdiskutieren? Werden wir gute Vorschläge unterbreiten? Oder werden wir erst nachher jammern, weil es anders gelaufen ist? Anstehende Aspekte, die uns interessieren sollten, sind beispielsweise: Wie soll zukünftig die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen aussehen? Was wird in einer virtuellen Welt die menschliche Identität ausmachen? Wo ist in einer globalisierten Welt unsere Heimat? Wie gehen wir in einer globalisierten Welt mit „Fremden“ und mit „Feinden“ um?

Mit Blick auf die nächsten zehn Jahre: Wird es ein Jahrzehnt gravierender Veränderungen – oder nur ein Übergangsjahrzehnt?

Sehr viele bereits laufende Veränderungen werden noch deutlicher zu Tage treten, als wir diese heute wahrhaben wollen. Langlebigkeit und demografische Schere werden immer präsenter werden. Die Virtualisierung wird neue Kommunikationsformen, Ersatzrealitäten und Suchtformen schaffen. Die anhaltende Globalisierung und Mobilität wird die Fragen immer schärfer aufwerfen – wo ist eigentlich meine Heimat? Wer ist eigentlich meine Familie? Die Vormachtstellung der USA seit dem zweiten Weltkrieg wird immer stärker in Frage gestellt werden und die BRIC Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) werden wirtschaftlich, politisch und militärisch um die Macht buhlen. Und trotzdem lebe ich lieber heute als vor 500 Jahren! Noch nie waren meine Freiheiten und Möglichkeiten so groß, Verantwortung zu übernehmen und mein Umfeld bewusst zu prägen. Veränderungen sind immer schwierige emotionale Herausforderungen und werden uns neue Verlierer bescheren. Doch es ist mein freier Entscheid: Lasse ich mich nun fatalistisch von Angst treiben oder hoffe ich darauf, mit Lösungen zu finden?

Verändert sich heute nicht viel mehr in einem Monat als vor 500 Jahren in einem Jahrzehnt?

Vor einem halben Jahrtausend fand die Reformation statt, Amerika wurde entdeckt, die Buchdruckerei wurde erfunden. Die Pest tobte immer wieder in Europa, es war selbstverständlich Juden zu verfolgen und Hexen zu verbrennen, Kriege und Söldnerbanden verwüsteten ganze Landstriche, ein Unwetter konnte Ihre Existenz als Bauer vernichten und die meisten Unfälle verliefen tödlich. Wenn Sie damals im falschen Jahr am falschen Ort lebten, konnte ihr ganzes Leben und ihr ganzes Weltbild plötzlich auf den Kopf gestellt werden, während wir heute sehr viel Sicherheit und Planbarkeit haben. Vor 500 Jahren hätte niemand ein Jahr im Voraus seinen Urlaub gebucht oder den Stellenwechsel geplant oder für die Finanzierung seines beruflichen Ruhestandes gespart.

Blicken wir mal auf die nächsten zehn Jahre. Das klingt erstmal nach einem riesigen Zeitraum. Aber wie viel Veränderung ist in diesem im Weltmaßstab möglich?

Mit Blick aufs menschliche Leben dürfen wir heute von einer Lebenserwartung von rund achtzig Jahren ausgehen. Zehn Jahre sind rund ein Achtel eines Menschenlebens. Mitarbeitende mit Berufsbildung erwartet eine Erwerbszeit von fünfzig Jahren, also ein Fünftel der Erwerbsperiode. Wer heute ein Hochschulstudium anvisiert, muss von 18 Jahren Schul- und Studienzeit ausgehen, zehn Jahre sind also etwa mehr als die Hälfte. Bei der Pensionierung mit 65 Jahren dürfen wir noch von rund zwanzig Jahren Lebenserwartung ausgehen. In Prozenten eines Menschenlebens gerechnet sind zehn Jahre somit plötzlich eine Zeitspanne, die tatsächlich in die Verantwortlichkeit und Planung des menschlichen Vorstellungshorizontes einbezogen werden sollte. In Hinblick auf das Ideal der Nachhaltigkeit, bei dem wir die Lebensgrundlagen von nachfolgenden Generationen sicherstellen möchten, wäre es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass wir mindestens zehn Jahre weit denken.

Was ist gefährlicher — sich der Zukunft mit zu viel Respekt zu nähern oder mit zu wenig?

Noch immer gehen zu viele Leute davon aus, dass alles so bleibt wie es ist – und dann sind sie überrascht, dass es doch plötzlich anders kommt. Wer in einer Organisation eine Führungsverantwortung trägt – sei dies nun Politik, Wirtschaft, Verwaltung oder Kirche – sollte sich Gedanken über die Zukunft machen, denn schließlich will er diese Organisation in einer dynamischen Zeit in die Zukunft hinein führen. Die Realität zeigt aber, dass der größte Teil der Menschheit mit den Erlebnissen, Problemen und Herausforderungen der aktuellen Wochen und Monate ausgelastet ist und sich gar nicht mit den möglichen Entwicklungen der nächsten Jahre oder Jahrzehnte beschäftigen will.