J wie Japan

Trotz Globalisierung im Konsum-, Urlaubs- und Geschäftsverhalten sind noch immer die wenigsten Europäer in der Lage, Japaner, Chinesen und Südkoreaner zu unterscheiden. Oder die verschiedenen asiatischen Kulturen und Religionen zu differenzieren. Oder die jeweiligen Volkswirtschaften. Wenngleich für uns der Unterschied zwischen der Schweiz, Deutschland und Österreich riesig und absolut wichtig ist. Oder jener zwischen der Schweiz und Schweden. Dabei zeigt sich in allen volkswirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Prognosen übereinstimmend: Die Bedeutung Asiens ist sehr stark am Wachsen. Ob diese Wachstumsenergie weiterhin in die Wirtschaft fliesst oder in einen binnenasiatischen Verteilkrieg um Ressourcen oder in einen Bürgerkrieg um die politische Vorherrschaft in den riesigen und in sich sehr heterogenen Staaten China und Indien, sind konträre Szenarien mit unterschiedlichsten Folgen für die Weltwirtschaft. Das Bild Japans ist dabei für viele sehr schablonenhaft. Liegt das kleine Japan nicht hinter dem grossen China? Vage erinnern wir uns an die Erfolgsgeschichte des Kaizen in den 80er-Jahren. Der Nikkei-Aktienindex ist seither auf ein Viertel des damaligen Werts gefallen. Getrieben durch unsere urbane Umwelt und unsere wirtschaftlich unersättlichen Ambitionen, suchen wir manchmal inneren Frieden und Erholung in den Übungen des Zen, weil wir die Geschichten der christlichen Wüstenväter und Mystik nicht kennen. Schliesslich wollen wir ja auch spirituell aufgeschlossen und auf keinen Fall religiös sein. Dabei übersehen wir leicht einen signifikanten Einfluss auf die Jugend- und Unterhaltungskultur – insbesondere auf Computerspiele und Manga. Denn hier findet eine grosse Veränderung des Menschenbilds statt, die uns im europäischen Kulturraum fremd ist. Wer sich in diesen virtuellen und fantastischen Welten bewegt, akzeptiert heute selbstverständlich Mischwesen, seien dies Mensch-Tier-, Mensch-Dämon- oder Mensch-Roboter-Wesen. Die Frage, was die menschliche Identität ausmacht und was den Menschen von anderen Kreaturen unterscheidet, beschäftigte die europäische Philosophie und Theologie über Jahrtausende. Hier treffen wir in selbstverständlicher Weise auf neuartige, neu geschaffene Identitäten. So erstaunt es auch nicht, wie offen und offensiv die japanische Gesellschaft mit Human Enhancement, Artificial Intelligence und Robotern als Hilfen und Gefährten für Alltag und Haushalt umgeht, sei dies der Roboter in der Automobilindustrie, in der Altenpflege oder gar als Sextoy in Menschengestalt. Aber vielleicht sollten wir uns wieder vermehrt für Japan interessieren, denn das Land sammelt seit Jahrzehnten Erfahrungen mit Urbanisierung, öffentlichem Verkehr – und einer Bevölkerung, in der immer weniger Kinder geboren werden und die Senioren immer länger leben.

 

I wie Insekten

K wie Kybernetik

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2 Gedanken zu „J wie Japan

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