Die Komplexitätsfalle der postmodernen Mobilität

Die Quadratur des Kreises

Die Anforderungen an die Zukunft der Mobilität sind vielseitig und widersprüchlich. Obwohl der Megatrend „Virtualität“ uns lehrt, dass wir bald unser gesamtes Leben vom heimischen Bildschirm aus erledigen könnten, steigt das Verkehrsvolumen jährlich. Wir sind durchschnittlich im Tag über 90 Minuten unterwegs, dabei aber nur ¼ dieser Zeit unmittelbar für unsere Arbeit.[1] Obwohl wir politisch entschieden haben, die Herausforderungen von Klimawandel und Energieverknappung in den Griff zu bekommen, erwarten wir gleichzeitig, dass Verkehrsmittel einfach, billig und individuell verfügbar sind, denn die mittlere Tagesdistanz von etwa 40 Kilometer bewältigen wir zu 60% mit unserem eigenen Auto[2].

Wie hiess das doch damals in der Schule? „Die Quadratur des Kreises“.

Zudem haben wir als Schweizer einen sehr hohen Grad an Qualität und Perfektionismus bei einem gleichzeitig exzessiven Sicherheitsbewusstein. Tugenden wie Improvisieren, Ausprobieren und aus Fehlern lernen sind uns eigentlich fremd.

Unsere Welt ist komplex geworden

Unsere Welt ist komplex geworden: Insbesondere seit uns der deutsche Professor Frederic Vester[3] überzeugt hat, dass alles mit allem ganzheitlich vernetzt ist. So lehrte Vester zumindest an der Hochschule St. Gallen in seinen Ansätzen der Kybernetik und des vernetzten Denkens, die direkt ins St. Galler Management Modell[4] eingeflossen sind. Zudem haben wir im populärwissenschaftlichen Teil der Chaostheorie den Schmetterlingseffekt kennengelernt: „Does the flap of a butterfly’s wings in Brazil set off a tornado in Texas?“[5] Und wir haben glauben gelernt, dass dies als Paradigma für alle Bereiche unseres komplexen Lebens gültig sei. So sind wir heute im Allgemeinen verwirrt, wie wir uns nun verhalten sollen, um unsere langfristigen Ziele wirklich erreichen zu können, und wie wir uns bei einer Angebotsvielfalt und im Dilemma entscheiden sollen. Beispielsweise um die Ziele der Verkehrs- und Umweltpolitik zu erreichen. Ohne dass wir unser Verhalten in fundamentalistischer Weise ändern müssen. Und da wir als Schweizerinnen und Schweizer nun im Allgemeinen in der selbst gegrabenen Perfektionismusfalle sitzen, unternehmen wir am liebsten gar nichts – um ja nichts falsch zu machen.

Doch wie sagte bereits John F. Kennedy? „Einen großen Vorsprung im Leben hat, wer da schon handelt, wo die anderen noch reden.“ Auch auf die Gefahr hin, dass es nur die zweitbeste Lösung ist und dass später noch nachkorrigiert werden muss. Aber wir wären einen Schritt weitergefahren – ich meine: gegangen.

Ein vielfältiges Portfolio

Als Schweizerinnen und Schweizer verabscheuen wir totalitäre Ansätze und lieben gemischte Portfolios.

  • Wir geben den Themen „Verkehrspolitik“ und „Umweltpolitik“ bzw. „Klimapolitik“ und „Nachhaltigkeit“ in den Medien, in der Politik und in der Ausbildung einen hohen Stellenwert.
  • Wir fördern seit Jahrzehnten den öffentlichen Verkehr auf der Schiene, so dass dieser bei uns einzigartig preiswert, zuverlässig und zeitlich und räumlich verfügbar ist und zudem ein hohes Sozialimage aufweist.
  • Wir verteuern per Steuern den Treibstoff künstlich in einem Masse, wie dies für US-Amerikaner undenkbar wäre.
  • Wir „lenken“ das Verkehrsverhalten, indem wir den Parkraum beinahe prohibitiv bewirtschaften.

Doch noch immer haben wir unsere Ziele nicht erreicht.

Die Qual der Wahl

Eine Massnahme der Fahrzeughersteller liegt bei der Entwicklung von alternativen Antrieben, die effizienter mit den Ressourcen umgehen und die Umwelt weniger mit Lärm und Luftschadstoffen belasten: seien dies grosse Fortschritte in der Umweltverträglichkeit der Dieselmotoren, seien dies neue Antriebsarten mit einem hohen Ökoimage wie Elektro-, Hybrid- oder Wasserstoffantriebe. Mittlerweile ist fast die Hälfte aller US-Kunden an umweltfreundlicheren Fahrzeugen interessiert. Doch obwohl wir eigentlich in einer neoliberalen, wertepluralistischen und postmodernen Gesellschaft den Wettbewerb und die Angebotsvielfalt über alles lieben, sind wir nun überfordert, wie wir aus dieser Vielfalt an Ökoautoalternativen auswählen sollen – und genau diese Vielfalt wird uns wieder zur Komplexitäts- und Perfektionsimusfalle[6].

Denn wir wollen schliesslich keinen Fehler machen und das „richtige“ Verkehrsmittel wählen. Doch nur welches?

2 Gedanken zu „Die Komplexitätsfalle der postmodernen Mobilität

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  2. Mark Bähler

    Der Mensch ist seit jeher ein Nomade. Während er früher meist zu Fuss unterwegs war, befindet sich die Menschheit heute geradezu in einen Mobilitätsrausch: zu Luft, zu Land und zu Wasser. Die täglichen 90 Minuten Wegzeit werden oftmals im Auto verbracht. Unsere Städte mit den engen, historischen Zentren werden von den Automobilen überrollt. Handwerker sind das nicht in den schwarzen Staatskarossen und in den Einkaufs-Geländewägelchen. Die Frage nach dem richtigen Mobilitäts-Verhalten sorgt bei vielen für Verwirrung, weil eine Vision oder ein festes Lebenskonzept fehlt. Eine zukünftige Verhaltensänderung muss nicht auf fundamentalistische (verblendete) Weise erfolgen, sondern zu einer fundamental anderen Lebenseinstellung (Paradigmawechsel) führen. Was der heutigen Generation fehlt, ist die Definition einer eigenen kulturellen Identität. Die Landi-Schweiz der 1960er Jahre taugt nicht mehr für die zeitgenössischen Herausforderungen. Die im Artikel erwähnte Beobachtung, dass die US-Bevölkerung an umweltfreundlichen Autos interessiert ist, wird noch keine Trendwende sein. Die liebsten Autos der Amis sind bislang noch 2 Tonnen schwere Hobby-Lastwagen. In der Schweiz zumindest haben wir es in der Hand, wie wir die nächsten 30 Jahre verbringen wollen. Im Asphalt-Dschungel, in der Blech-Lawine, im Lärm-Terror? Nebenbei sterben im weltweiten Strassenverkehr jährlich 1.2 Millionen Menschen. Eine Tatsache, die einem eigentlich die Augen öffnen müsste. Doch dies ist seltsamerweise noch nicht der Fall.

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